Ausgabe 
23.6.1925
 
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ich mich belogen, jetzt weiß ich die Wahrheit, auch diese letzte, daß ich ein schlechter Kerl bin. Ich fliehe mit einer schlechten Frau, so ist es, so bleibt es, ich will es nicht anders. Daß sie noch nicht kam, das hat sie gut gemacht. Jetzt mag sie kommen!

Er ging zu der Haltestelle der Dahn. Sie sah dann also in dem Frühzug, er sollte gleich einsteigen zu ihr, und fort, aus der Nacht des Erkennens und der Abschiede geradewegs hinein in das Leben, wie es ist. Dur kein Dichtsehen mchr, kerne be­trügerische Wohlanständigkeit! Mit der Abenteuerin verbündet, ein großer Mann werden, ein Lump oder ein Tropfnur wissen um mich! Die einfachste Menschenivürde verlangt die Be­freiung meines Gewissens. Ölkan soll mir in das Gesicht schlagen, nur ich selbst will es nicht tun müssen." '

Der Zug, - da bin ich! Aufgerissen die Türen, sre saß hinter keiner. Er trat zurück, betäubt, ganz ratlos. Es war doch hart, sie hätte kommen sollen. Sie verlieh ihn genau zu der Stunde, da alles ihn verlieh. Jetzt heißt es, ganz allein mit deinem aufgeklärtem Gewissen hinausfahren in das Leben, das, noch soeben Deiz und Zauber gehabt hatte durch sie. Auf einmal war es fahl und leer, wie hinter dem wegfahrenden Zug die morgendliche Meeresfläche. Ziehe deinen Kahn vom Strand, steuere hinaus, kehre nie wieder! Du wirst vom Leben nur den Tod gekannt haben, aber vielleicht hat Mangvlf recht, und er ist der bessere Teil... Auch von der anderen Seite kam ein Zug, Terra stieg ein, ohne zu überlegen, Flüchtling, auch wenn er heimkehrte.

Londoner Bilder.

W. v. K. London, den 15. Juni 1925.

Ein italienischer Himmel, eine tropische Hitze, wie sie fett Jahren nicht in London erlebt wurde, hat das Bild dieser trüb­sinnigsten aller Weltstädte von Grtmd auf verwandelt. Die Bäume z-eigen ein effcrtanteS Grün, bet Basen fängt hier uno da an, gelblich zu werden, und die Londoner Menschheit weiß nicht recht, ob sie sich freuen, oder jammern soll. Besonders das männ­liche'Geschlecht. dessen Garderobe auf so sommerliche Hitze nicht zugeschnitten ist. ächzt und transpiriert zum Gotterbarmen. Im Hydeparksee badet zahlloses Volk, auf den Bänken sitzen japsende, erschöpfte Insulaner und haben tropische Erinnerungen, soweit sie in den Tropen gewesen sind. Die Eisfabriken arbeiten mit Dolldampf, in den Restaurationen werden nur noch kalte Sachen gegessen und der Besuch Wembleys nimmt fortgesetzt ab.

Dur die flügge und frivole Damenwelt freut sich Endlich ein Sommer! Obwohl Kälte, wie uns die Phhsikftunde lehrte, eine zusammenziehende tmd Wärme eine ausdehnende Wirkung haben soll, zeigt die Beachtung der britischen Mädchen- und Damenwelt eine Schrumpfung der Bekleidung, die schon fast paradiesische Züge trägt. O Tempora, o Mores! Von dem kürzesten Derlinerinnenröckchen kannst du immerhin noch einige Zoll streichen tmd dann hast du Londoner Bilder.

Dur ab und zu gewahrst du eine sittenstrenge Puritanerin, die mit böswilligem Gesichte, schwarz marmoriert und schleppend durch die Straßen wandert, die meisten Matronen haben sich, kleibmäßig gesehen, fast ebenso verkürzt wie die Jugend und das Mittelalter.

Dach den Badeorten pilgern ungezählte Völkerscharen. In Brighton Eastbourne, Margate, herrscht Menschenüberschwem­mung. Trotzdem ist London nicht verwaist. Hier herrscht Saisvn- betrieb. In dieser Woche steigt das klassische Rennen von Ascot. Die große Welt amüsiert sich, sie tanzt, trotz aller Hitze, weil es das Gesetz der Gesellschaft für diese Zeit des Jahres so vor­schreibt. Aber die Theater beklagen sich, denn mit Ausnahme einiger begünstigter Stätten der Halbkunst, wo frivole Stücke leichtbekleidet gegeben werden, ist die Dachfrage nach dramatischer Kost nur gering. Wer es sich leisten kann, geht so lange, so aus­giebig wie nur möglich ins Grüne, ins Freie. Er schläft besi offenen Fenstern auf dein Balkon, im Garten. Eine wackere Pensionsdame, die mit ihren Schutzbefohlenen im Garten ruhte, um Mitternacht, fand plötzlich ein männliches Individuum in gefahrdrohender Dähe, er roch nach Schnaps und konnte auf Anfrage keine befriedigende Auskunft über seine Absichten geben. Er entwich, wurde jedoch gefangen und verknackt. Ja, ja, die Hitze!

Das Unterhaus hält Dachtsitzungen ab. Die politische Be- redtsamkeit entfaltet sich bei diesen Temperaturen offensichtlich erst um die Geisterstunde. Obwohl es den Sitzungen offensichtlich an Geist mangelt. Auch leidet die Parteidisziplin. Deulich haben die Liberalen eine Gelegenheit zur Opposition glatt verpaßt, und die Arbeiterpartei hat vorgestern in wüstem Durcheinander ge­stimmt, so daß heute noch niemand weih, ob sie eigentlich Re- gierungs- oder Oppositionspartei ist. Dabei sagt man, daß Rot eine sonnenstichverhindernde Farbe sei! Sollten die englischen Arbeiter nicht ganz lichtecht in parteipolitischer Wolle ge­färbt sein?

Diemand wird erwarten, daß unter sotanen .Umständen die hohe Politik gar zu üppig ins Kraut schießt. Wer das Geld und einen Landsitz sein eigen nennt, geht am Freitag aufs Land,

kommt höchstens Montag wieder, And wenn er ein guter Geschäfts­mann ist, erst am Dienstag. Es soll Menschen geben, bei denen beginnt die Wochenarbeit am Mittwoch und das Wochenende ebenfalls am Mittwoch Da man in London nicht vor 11 Uhr vormittags tätig ist, und der Abend um 3 Uhr nachmittags be­ginnt, dürsten diese Eingeborenen einschließlich eines Lunches von 11 bis 3 Uhr allmittwöchlich arbeiten.

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Die Herren Abgeordneten haben es nicht so gut. Der Ein­peitscher der Konservativen kennt seine Pappenheimer. Er hat feine Schäflein in Rotten eingeteilt, oder in Stimmkompagnien. Die Partei zählt 400 Abgeordnete, nach Abzug der normalen Abwesenheitsziffer. Diese 400 Mann sind in zehn Kompagnien eingeteilt. Zu 40 Mann. Sieben Kompagnien haben immer Stalldienst, zum Abstimmen, drei Kompagnien haben Urlaub. Kein Wunder, daß die Opposition den Mut verliert, sie be­findet sich stets vor ausgeruhten Truppen. Wie groß müßte nicht das Ansehen einer deutschen Regierung sein, die sich auf eine so bombensichere Mehrheit stützen könnte! Aber wir haben den gesegneten Proporz. Er hat keine Aussichten aus Einführung in England.

Die berufsmäßigen Laubfrösche sagen weitere Dauer dieses unerhört angenehmen Wetters voraus. Bisher haben sie recht behalten. Auch die politischen Laubfrösche sind hierzulande guter Dinge. Sie quaken fröhlich über Entwaffnung, Sicherheitspakt und Kölner Räumung. Auf alle Fälle ist man im Augenblicke die Verantwortung los. Briand wird seine Dote bald abgeschickt haben und an der Entwaffnung kaut die deutsche Regierung. Wie angenehm ist das. Diese ungewohnte Sommersonne, diese seltene, so ganz unenglische blankgeputzte, wirklich warme Himmelzentral­heizung überglänzt alle gegenwärtigen Sorgen. Sie sind so zahllos wie die Sterne, die nachts auch hier sichtbar sind, wenn die Sonne nicht scheint. Aber wie gesagt, die Sonne hat das Wort. Dachts schläft man. Ganz England handelt nach dem schönen deutschen Gassenhauer:And so woll'n wir denn noch mal. lustig sein, fröhlich fein, juchhe!"Solange der Vorrat reicht", fügt die vorsichtige Berichterstattung hinzu. Denn das englische Klima ist leider so unzuverlässig.

Pariser Eindrücke.

Don C. Fries.

Der Deoutsche geht jetzt nicht gern nach Paris, wenn ihn nicht die Pflicht der Berichterstattung zur Ausstellung ruft, obgleich man sagen muß, daß ihm nirgends mehr unfreundlich begegnet wird. Geht man in ein Kabarett oder Theater, in dem Kouplets gesungen werden, so sindet man häufig Wendungen, in denen sich eine tiefe Skepsis gegen den Siegesjubel und Kriegsgewinn ausspricht, und niemand denkt daran, gegen der­gleichen zu protestieren. Man ist im Publikum weit weniger nationalistisch gesinnt, als wir denken, und hält die Deutschen für weit chauvinistischer.

Was dem Berliner besonders in Paris auffällt, ist das Dichtvorhandensein von eleganten Deubauten. Man sieht sehr wenige, und diese unterscheiden sich im Sttl kaum von den alten. Sie scheinen alle aus der Zeit um 1860 zu stammen, als Dapo­leon III. und Haußmann in ihrer Blüte standen. Aeberall auf den Boulevards findet man die hohen Bauten mit den durch­gehenden Balkons und dem gebogenen Dach. Es hat keine Ent­wicklung stattgefundem. Der Krieg 1870 hat sie gänzlich unter­brochen. Einzelne Ansätze bewirkten keinen wesentlichen Am- schwung. So staunt man über di« rückständige Architektur in der großen Stadt. Man will nicht nachahmen und glaubt sich etwas zu vergeben, wenn man stemde Entwicklung behorcht und auf sich wirken läßt. So entsteht die Stagnation.

-Um so imposanter wirst das Historische. Die altfranzösische Renaissance des Louvre übt allzeit herrliche Wirkungen aus. Die im Garten angebrachten Anlagen mit Bosketts, Statuen und Ruheplätzen erfreuen jedes Auge. Wundersam eindringlich spricht das Paris der Scholasttk. Ich traf hier mit dem Kaplan Fahsel zusammen, und er schwärmte nicht nur vom katholischen Stand­punkt von den innerlichen Rhythmen dieser Kathedralen und Dome. Di« Silhouette von Dotre Dame, die über die Seine und das ganze Quartier Saint Michel ragt, ist zu oft gemalt und beschrieben worden, als daß wir länger dabei verweilten. Di« Lage der Kirche ist einzig schön. Sie ist der Triumph der Gotik. Ganz aus dem Rahmen fällt die Madeleine mit ihrem griechischen Profil, ein interessantes Experiment wie die gräzisierenden Ver­suche unserer klassischen Dichter und Schinkels, aber ohne orga­nisches Leben, wie es die wirklich kirchlichen Bauten haben.

Das Straßenbild von Paris unterscheidet sich wesentlich vom deutschen. Der amerikanische Einfluß in der Derkehrsregu- lierung ist ersichtlich. Wenn der Agent de Ville mit der weihen Holzkeule winst, hält die unabsehbare Phalanx der Autobusse und Automobile plötzlich an und ein breiter Aebergang für Fußgänger ist vorhanden. Die Chauffeure fahren sehr geschickt, und man hört wenig von Anfällen. Der die ganze Stadt unter­wühlende Metro mit feinen vielen Stockwerken und Jrrgängen ist eine mühsame Angelegenheit, die gründliche Ortskenntnis oder vieles Fragen erfordert. Aber er ist auch das schnellste