Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925 Dienstag, -en 25. Juni . , Nummer so
Der Vater.
Von Max Brod.
Ich bin zu meinem Vater ins Bureau gekommen, Ich sah ihn arbeiten, den alternden Mann, Sein grüner Lampenschirm blickte mich an: „Nun, wann wird ihm die Last genommen?"
Lieber Papa, ich kenne dich nur Vom düstern Morgenkaffee, Bei Mahlzeiten thronend, die du seit je Ans lächelnd gewährst wie die gute 31atue. Daß aber hinter so selbstverständlichen Dingen, Hinter so täglichen, dunkel gefühlten, Täglich so brennende Lampen hingen, Ihr Licht in Kolonnen von Ziffern wühlten, Daß, wie ich jetzt dies Zimmer sehe, Tausend Anblicke, mir unbekannt, And deine tausendmal rührige Hand, Das Inselchen schufen, auf dem ich stehe, Daß jeder Bissen, den ich schlucke, Aus Telephonklingeln in dein armes Ohr. Aus Befehl und Gehorchen ging hervor And aus manchem schreckensbleichen Rucke, Datz zu Vorgesetzten Stiegen führen, Die du auf und ab rennst, und daß mit Schrein Untergebene listig dein Knie berühren, Das fällt mir heute zum erstenmal ein.
And es tut mir Weh. — Denn du solltest schon lang, Alter Mann, einen Garten haben, Gesunde Beschäftigung, Pflücken und Graben, Obstbänme, jubelnder Enkel Dank.
Sind dir aber weite Reisen genehmer, Sollten dich schöne Schnelldampfer entführen - Du dürftest kein bißchen Seekrankheit spüren Oder ein Eilzug, ein ganz bequemer, Mühte mit dir zu den blauen Seen. Wie du willst, nach so mühevollen Jahren, zu interessanten Museen Oder zu Indiens Schätzen rollen.
Enttäuschung.
Don Heinrich Mann-
Aus dem neuesten Roman Heinrich Manns „D e r Kopf", erschienen bei dem Verlag Paul Zsolnah, Berlin-Leipzig, entnehmen wir mit Erlaubnis des Dichters den nachfolgenden Abschnitt, der die ganze Gestaltungskraft und die Wucht der Sprache des Meisters zeigt.
Terra ging nach Haus: alle schienen schon zu schlafen: nahm bas Rotwenbigste mit und stieg hinunter in den Garten. Er sah sich nicht mehr um, das Vaterhaus sollte vergessen sein. Durch die Pforte entkam er auf die Wiese, dann an das Fluh- ufer, bestieg das Boot und fuhr zu. Er rechnete auf zwei Stunden Ruderns im sternenlosen Dunkel, barhäuptig und den Wind vom Meer auf der Stirn. Statt dessen wäre er, nahe der Flußmündung, beinahe in einen Zug von Lastkähnen hineinge- fahren. Die Stimme, die ihn anrief, klang bekannt. Dann wird eine Laterne erhoben. „Schlüter?"
„Der junge Herri Soll ich vielleicht doch noch umkehren?" „Wohin fahren Sie denn?"
„And Sie?" fragte der Lagerverwalter mißtrauisch.
„Ich komme zu Ihnen hinauf." — Als er oben war: „Mein Vater schickt Sie fort? Wegen des Konsuls Ermelin? Rur heraus damit!" Er sah die Kähne entlang: „Getreide?"
„Wegen des Getreides fahre ich," gestand der Verwalter. „Auch wegen des Herrn Konsuls, damit er in den Reichstag gewählt wird. Aber bei dieser Gelegenheit schaffen wir gleich das Getreide fort, es ist zu billig."
„Zu teuer meinen Sie?"
„Der junge Herr kennt das Geschäft noch nicht. Das Getreide ist noch vor dem hohen Schutzzoll hereingekommen, und viel billiger als das hiesige, es verdirbt den Preis. Es mutz aus dem Land, ich fahre es hinüber."
Der Sohn schwieg hierauf lange im Dunkeln. Als er dies ganz erfaßt hatte: „Sie helfen das Brot zu verteuern, Sie, ein Sozialdemokrat?"
„Gerade darum. Ihr Vater £amt zu so etwas nur einen brauchen, der noch mehr auf dem Kerbholz hat. Man will doch wieder zurück dürfen. Ich rede nicht. Sie können beruhigt fein, junger Herr!"
„Ich bin es. Aber Sie müssen allein hinausfahren. Ich gehe in mein Boot zurück und lege an."
Don unten fragte Terra noch: „Was machen Sie, wenn die Zollwache Sie anhält?"
Der Beauftragte seines Vaters rief herab: „Dann kehre ich um und versenke alles."
Daraus griff der Sohn noch schneller aus. Er fuhr auf den Meeresstrand auf, und durch das wehende Gras ging er den wohlbekannten Weg in das Dorf, nach dem Wirtshaus, das ihn zu jeder Zeit des Lebens schon ausgenommen hatte, als lachendes Kind mit den freundlichen Eltern, als übermütiger Schüler unter vielen, nicht weniger graben Herzen, als Heran- gewachsenen mit Seinesgleichen, denen es nicht fehlen konnte. Mißverständnisse, dies alles. Riemals war so das Leben gewesen. So war nur die Unwissenheit, die besonnte Oberfläche. Eines Tages erfuhr man eine Wahrheit, sie war ungeahnt und so furchtbar, daß dir für immer Spiel und Lachen verging. Andere Wahrheiten gliedern sich an, die Kette wird schwerer und schwerer. Du trägst sie durch das freieste Leben als Sträfling.
In dem schlechten Zimmer unter der niederen Decke stand der Sohn und durchdachte die Miene seines Vaters, seine Miene in großen Augenblicken, seinen Ausdruck, wenn er mit sich allein war, sein Gesicht bei Richtigkeiten, die, wer weih warum, ewig unvergeßlich sind. Die Decke war geschwärzt von der rauchenden Lampe, jetzt prasselte Regen an das Fenster. Das Meer dort hinten Hub Schläge zu rollen an. Das Haus in Wetter und Weite bebte wie ein Schiff. Der Sohn suchte, atemlos und verzerrten Gesichtes, nach dem Gesicht eines schlechten Menschen, der sollte sein Vater sein. Er fand es nicht. Dafür vernahm er in seinem Herzen jenen Tonfall von heute mittag, der wohlwollend, kundig und sogar schüchtern klang. Das war der Freund des Verbrechers Ermelin? Dann wissen wir um unsere eigenen Taten nicht, und eben dies ist das Hoffnungslose.
Was weiß wohl die Mutter, vonrehm und kindlich sicher. Aber jener junge Leutnant, den der Sohn, noch halbwüchsig, einst durch alle Räume jagte, bis er ihn im Musikzimmer der Mutter aus einem Vorhang zog? „Ach, ich glaubte, dein Vater sei es," sagte der Leutnant und lachte erleichtert.
Das Haus erbebte, den Sohn kam ein Schauder an. Er selbst hatte mit heiterem Mund seine Eltern bestohlen, um zu Weibern zu gehen oder auch um ein Vergnügen, von dem man hätte sprechen können. Er hatte Freunde verleugnet. Feige Handlungen und unreine Beweggründe waren sein menschlicher Gewinn, noch bevor er einundzwanzig Jahre alt war.
Auf einem Strohstuhl über sich selbst gebeugt, lieh er die Gesichter heraufsteigen. Anheil und kein Ende, auch die Schwester erschien: in verdächtiger Gasse am Arm seines eigenen Freundes, heimlich fort getrieben unter fallendem Regen. Das Lachen der Frau von drüben! Er weigerte sich nicht länger, es zu verstehen.. Keine der kindlich verehrten Gestalten stand noch fest — und keiner der alten Glaubenssätze! Mit eben dem Freunde, der ihn jetzt verriet, hatte er an stolzen Tagen und in erhitzten Rächten bezweifelt, was irgend Gesetz war. Entfesselter Geist, erhaben über Sitte, Bekenntnis, Menschenfurcht, hingeflogen, wo nicht mehr Welt und auch nicht Gott war, — um jählings niederzustürzen vor die Führ einer Frau.
Er fuhr auf, ihm brannte das Gesicht. Die Frau, die er liebte, um deretwillen er floh, alles ab brach, alles wagte! Kommt sie schon? Die verabredete Stunde! Aber daß sie nur jetzt mich nicht ertappt! Jetzt, da ich die Beute meiner Zweifel bin. Erhabenheit des unbequemen Geistes, Empörung, noch unerbittlicher Moral — sollten sie nichts Wetter gewesen fern als Fallstricke der Sinne? Flucht! Aufruhr! — aber wann tn welchen: Zeitpunkt? Als mein Vater mir den abenteuerlichen Verkehr verbot... So ist mein Aufruhr Vermessenheit und Lüge 2m Grunde bin ich wie jedermann. Ich würde zu allem geschwiegen, alles leicht genommen haben, ließ man nur nur die Begehrte. Sie soll nicht kommen, ich schäme mich.
Wie aber? Es wird Tag? Er riß das Fenster auf. Rauhe Stille; erstes Grauen ohne Hoffnung auf Sonne, QBoUenbante tief auf glanzlosem Meer. Atmen — wir atmen doch. And hab


