Ausgabe 
23.5.1925
 
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;icr't. Erfahrungen, die einem Goethe das Wesenhafte des Da- ei S bereutem, haben für sie keinen 'üSeri: so lernen sie nichts an ihren Leiden als verstärktes Gefühl und gehen als Schwar­me, als heilig Fremde sich selber verloren., Goethe aber rst der ständig Lerrrende, das Wich des Lebens für ihn eine unab- lässig aufgeschlagene Aufgabe, die gewissenhaft, Zeile um Zeile, mit Fleiß und Ausdauer bewältigt werden will, ewig fühlt er sich schülerhaft und spät erst wagt er das geheimnisvolle Wort.

Leben hab ich gelernt, fristet mir, Götter, die Zeit."

Sie aber finden das Leben weder erlernbar noch lebenswert: ihre Ahnung höheren Seins ist ihnen mehr als alle Appm- zeption und sinnliche Erfahrung. Was ihnen der ®emUä nicht schenkt, ist ihnen nicht gegeben. Aur von seiner strahlenden Fülle nehmen sie ihr Teil, nur von innen, von dem aufge- hitzten Gefühl lassen sie sich steigern und spannen So tote Feuer ihr Element, Flammen ihr Tun, und dies Feurige, das sie erhebt, zehrt ihnen das ganze Leben weg. Kleist, Hölderlin, Nietzsche sind verlassener, erdfvemder, einsamer am Ende ihres Daseins als am Anbeginn, indes bei Goethe zu jeder Stunde der letzte Augenblick der reichste ist. Aur der Dämon in ihnen wird stärker, nur das Anendliche durchwaltet sie mehr: es ist Armut an Leben in ihrer Schönheit und Schön­heit in ihrer Armut an Glück.

2lus dieser durchaus polaren Einstellung ins Leben ergibt sich bei innerster Verwandtschaft im Genius ihr verschiedenes Weltverhältnis zur Wirklichkeit. Jede dämonische Natur ver­achtet die Realität als eine Unzulänglichkeit, sie bleiben Hölderlin. Kleist und Nietzsche, jeder in einer anderen Weise Rebellen. Aufruhrer und Empörer gegen die bestehende Ordnung. Lieber zerbrechen sie, als daß sie nachgeben: bis ins Tödliche, bis in die Vernichtung treiben sie ihre unbeirr­bare Intransigenz. Dadurch werden sie (prachtvolle) tragische Charakters, ihr Leben eine Tragödie. Goethe dagegen wie deutlich war er über sich selbst I vertraut Zelter an, er fühle sich nicht zum Tragiker geboren,weil seine Natur kon­ziliant sei". Er will nicht wie jene den ewigen Krieg, er will alserhaltende und verträgliche Kraft", die er ist Aus­gleich und Harmonie. Er unterordnet sich mit einem Gefühl, das man nicht anders als Frommheit nennen kann, dem Leben als der höheren, der höchsten Macht, die er in allen , Formen und Phasen verehrt (wie es auch sei, das Leben, es ist gut). Nichts nun ist diesen Gequälten. Gejagten, Getriebenen, den vom Dämon durch die Welt Gerissenen fremder, als der Wirk­lichkeit solch hoheii Wert oder überhaupt irgendeinen zu geben: sie kennen nur die Anendlichkeit und als einzigen Weg, sie zu erreichen, die Kimst. Darum stellen sie die Kunst über das Leben, die Dichtung über die Realität, sie hämmern sich wie Michelangelo durch die tausend Steinblöcke blindwütig, finster- glühend, in immer fanatischerer Leidenschaft durch den dunklen Stellen ihres Daseiits dem funkelnden Gestein entgegen, das sie tief unten in ihren Träumen fühlen, indes Goethe (wie Leonardo) die Kunst nur als einen Teil, als eine der tausend schönen Formen des Lebens fühlt, die ihm teuer ist wie die W'ssenschast, wie die Philosophie, aber doch nur ein Teil, ein Heiner wirkender Teil seines Lebens. Dann werden die Formen der Dämonischen immer intensiver, jene Goethes immer exensiver. Sie verwandeln ihr Wesen immer mehr in eine großartige Einseitigkeit, eine radikale Anbedingtheit, Goethe das seine in eine immer umfassendere Universalität.

Durch diese Liebe zum Dasein zielt alles beim antidämo­nischen Goethe auf Sicherheit, auf weise Selbsterhaltung. Durch diese Verachtung des realen Daseins drängt alles bei den Dämonischen zu Spiel, zu Gefahr, zu gewaltsamer Selbsterwei­terung und endet in Selbstvernichtung. Wie bei Goethe alle Kräfte zentripetal, also vom Aeuhern zum Mittelpunkt hin sich sammeln, so wirkt bei jenen der Machtdrang zentrifugal, aus dem innern Kreis des Lebens herausdrängend und ihn unvermeidlich zerrretßend. And dies Ausfließen, dies Aeber- fließenwollen ins Gestaltlose, in den Weltraum, sublimiert sich am sichtlichsten in ihrer Neigung zur Musik. Dort vermögen sie ganz uferlos, ganz formlos sich auszuströmen in ihr Ele­ment gerade im Untergang geraten Hölderlin und Nietzsche, ja sogar der harte Kleist in ihre Magie. Verstand löst sich vollkommen in Ekstase, die Sprache in den Rhythmus: immer (auch bei Genau) umbrandet Musik den Einsturz des dämo­nischen Geistes. Goethe dagegen hat einevorsichtige Haltung" zur Musik: er fürchtet ihre verlockende Kraft, den Willen ins Wesenlose abzuziehen, und dämmt sie in seinen starken Stunden (selbst Beethoven) gewaltsam zurück: nur in der Stunde der Schwachheit, der Krankheit, der Liebe ist er ihr offen. Sein wahres Element aber ist Zeichnung, ist Plastik, alles, was feste Formen bietet, was Schranken stellt gegen das Vage, das Gehaltlose, alles, was das Zerfließen, Zergehen, Entströmen der Materie hemmt. Lieben jene das, was entbindet, in eine Freiheit führt, ins Chaos des Gestühls zurück, so greift sein wissender Selbstbewahrungstrieb nach allem, was die Stabi­lität des Individuums fördert, nach Ordnung, Norm, Form und Gesetz.

Aus Abessinien zurück . . .

Wir lesen in einer Berliner Zeitung einen Bericht über die Rückkehr von Dr. Lutz Heck, des SohnÄ des langjährigen Leiters des Berliner Zoologischen Gartens:

Ein Maientag im Zoo ist ohnehin ein Genuß. And wenn gar noch Neuerwerbungen da sind und diese eine so sachgemäße Erläuterung durch denjenigen finden, der die neu hinzugekom- menen Tiere selbst gefangen hat, nämlich Dr. Lutz Heck, dann ist der Genuß um so größer. Am Stadtbahneingang des Zoo­logischen Gartens sammeln sich die Herren und Damen, die geladen sind. And bewundern die Somalstranße, die in ur­wüchsiger Kraft hinter dem Gitter herumturnen und immer und immer wieder Kieselsteine aufnehmen. Man kann sich eigent­lich wundern, was die langhalsigen Kerle mit dem unverdau­lichen Zeug anstellen. Aber es scheint ihnen ein Lebensbedürfnis zu sein. And eins von unseren neuen 10-Pf.-Stücken, das doch so etwas wie blinkenden Glanz hat, verschwindet sofort int Schnabel der gierigen Fresser.

And dann kommt Lutz Heck in schilfgrüner Kleidung mit hohen gelben Reitgamaschen, tropengebräunt, aber frisch und kräftig wie immer. Der alte Herr, Geheimrat Heck, der Leite« des Zoologischen Gartens, kann stolz auf seinen Sohn fern, dem es vergönnt war, das in Wirklichkeit durchzUführen, was der Wissenschaftler Heck in Wort und Schrift schon immer vertreten hat. And hinter Lutz Heck die beiden braunen Somali, sein Ge­wehrträger mit der 8,4-Büchse und den Halbmantel-Patronen int Gürtel um den Rücken, und fein treuer Diener, die sich nicht ge­scheut haben, das Sonnenland mit dem kalten nordischen Klima zu vertauschen. Dr. Heck hat im allgemeinen, wie er erzählt, trübe Erfahrungen mit den braunen Jungen gemacht. Abdullah, der früher im Berliner Zoo emLiebling der Damen" war, wurde von ihm bei fernem Scheiden mit einem Messer beschenkt. And im Bergland von Habesch befiel den braunen Jungen die Tob­sucht; als Amokläufer stach er fünf Personen nieder und wurde von den abbessinischen Polizisten kurzerhand niedergeknallt.

Lutz Heck erzählt: Die Hinfahrt war kurz und ruhig, nur im Roten Meer wirkt sich denn doch die Hitze stark aus. And in der Höhenluft von Direh Dana an machen sich denn doch Herzbe­klemmungen bemerkbar. Das Volk in Abessinien, übrigens ein Volk, das feit Jahrtausenden eine eigene Kulturstufe erreicht hat, ist absolut deutschfreundlich und Ras Safari, der Herrscher Aethiopiens, ein feingebildeter Mann mit edlen,. beinahe zu feinen Gesichtszügen, war der Ankunft der Expedition in Adis Abeba überaus freundlich gesinnt. Es war vielleicht ein guter Gedanke Dr. Hecks, dem exotischen Herrscher nicht ein Gastgeschenk zu Bieten. Der Herrscher Aethiopiens konnte vermuten, baß hinter dem Geschenk gewisse Wünsche verborgen waren. Das war nicht der Fall. So konnte Ras Safari, übrigens einer der reichsten Herrscher unserer Zeit, unabhängig von irgendwelchen Wünschen der deutschen Expedition ein Entgegenkommen zeigen, das von uns Deutschen nur dankbar begrüßt werden kann. And die An­erkennung war für Dr. Lutz Heck die Einladung zur Regententafel und die Aeberreichung einer jungen prachtvollen Löwin, die heute hinter den Gitterstäbeir im Zoologischen Garten voll Sehn­sucht nach den äthiopischen Dergwäldern mit langen Schritten umherwandelt.

So mancher stellt sich unter afrikanischen Gefilden Oedland und wüste Steppe vor. Die Landschaft um Adis Abeba ist ein Kulturgebiet ersten Ranges. Tausende von Hektar sind hoch­kultiviert und die Hauptstadt Adis Abeba dürfte dem Amfange Groß-Berlins kaum etwas nachgeben. And in den Steppenge­bieten Abessiniens weiden Zehntausende von Rindern. Die Zahl ist leicht genannt. Sich eine Vorstellung davon zu machen, was zehntausend Rinder bedeuten, wird für einen Deutschen, der höchstens Herden von 30 bis 40 Stück zusammen gesehen hat, sehr schwer sein.

Wenn jemand vermutet hat, daß Lutz Heck auf Abenteuer ausging, so ist er schwer im Irrtum. Das war nicht feine Sache, und Abenteuer hat er auch nicht erlebt. Aber Arbeit und Sorge waren mit seiner Expedition verknüpft. Es galt vor allem den Gebirgsaffen, den Dschelladas, eine Art von Mantelaffen, die in großer Anzahl mit nach Berlin gebracht worden sind. Die Dschelladas sind in ihrer Heimat überaus vertraut. Sie kennen den Menschen und seine Arbeit und wissen, daß keine Feindschaft zwischen ihnen besteht. And doch kann das alte Männchen ein gefährlicher Gegner werden, die starken Eckzähne des Dschellada übertreffen bas Leoparbengebiß an Kraft, und der ganze Körper­bau mit dem blutroten Brustfleck läßt auf eine Kraft schließen, die nicht zu unterschätzen ist. Wenn das starke Dschellada-Männ- chen die ganze Oberlippe nach oben umklappt und fein starkes Gebiß zeigt, so ist das gewiß ein Schreckmittel, das einen nicht leicht zu vergessenden Anblick bietet. Nur eins: Die Dschelladas als Hochgebirgsaffen verhalten sich in ihrer Geselligkeit eine derartig gesellige Schau ist in Europa zum ersten Wale gezeigt überaus ruhig im Gegensatz zu den Mantelpavianen, oder Hamadrhas, bei denen immer so etwas wie Zank und Streit los ist. Der Vorfall am Freitag abend, als einige Dschelladas es .vorzogen, auf den Dächern ihres Pavillons und auf den benach­barte» Bäumen herumzuturnen, war nicht so sehr erregend. Das