Gießener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925 Samstag, Öen 23. Mai Hummer U
Schwermut.
Von Bertha Rohfahl-Manker.
Schwermut, zarte Blume, blühst nur im Mondenschein, in einem dunklen Tale wiegst du dein Krönelein.
Dein Krönlein glänzet silbern, besprüht von nächtlichem Tau, die Weißen Blätter schimmern im Nachtwind lind und lau.
Ich steh' am Band des Tales, Nachtnebel wogt um mich her, mein Fuß geht zögernd hinunter, ich seh' die Blume nicht mehr.
Ich hör nur ein feines Klingen, wie Singen in der Luft...
der Nachtwind wehet herüber nur einen zarten Duft.
Ein Vogel schicket leise, angstvoll seinen Auf in die Nacht, — ich fröstele und lausche — niemand hat auf ihn acht...
Die deutsche Kunst und das deutsche Leben.
Bon Nein hold Braun.
Die Hände wollen wir breiten auf dich, deutsch Leben und Gut und deine Heiligkeiten umhüten mit Seele und Blut.
Wir wollen gerne vergehen, nur daß du gerettet seist, dein herrlich segnendes Wehen, der heilige deutsche Geist!
Mehr denn je haben wir zur Erhebung aus grauem Alltag, zur Weckung seelischer Kräfte der Kunst nötig.
Deutsch sein wollen und Straßen ziehen, die fernab den heiligen Quellen deutscher Kunst liegen, ist ein Widerspruch. Denn Kunst will zum Lebensmittelpunkte führen und die deutsche Kunst dementsprechend zum Mittelpunkte deutschen Lehens. In diesem Mittelpunkte bewußt zu ruhen, heißt, das Leben meistern, auf höherer Warte stehen, und was das Wichtigste ist: Da nach Fichte der Mittelpunkt des Lebens allemal die Liebe ist, so vertieft die Kunst unsere Liebe, und wir leben und erleben diese Liebe aus unerschöpflichen Quellen. So sind wir trotz der Härten des Alltags, trotz vieler Enttäuschungen, die uns die Menschen bereiten, immer die Liebereichen und wandeln in der uneirdlichen Kraft der Liebe!
„Was du liebst, das lebst du!"
Da wahre, deutsche Kunst Erhebung ist, Glanz der höheren I Welt, Tröstlichkeit und Freude, Sieg ins Licht, das heilige ! Erleiden der höheren Ebene unseres Lebens, da sie Sehnsucht j ist. Weite, Klarheit, höchste Lebendigkeit der Seele, Deutsch- | und Weltinnigkeit sondergleichen, da sie Sammlung ist und - Festlichkeit, so leben wir das alles, weil wir es in ihren j Gebilden lieben lernen!
So wird die Königin Kunst seelenvolle, göttliche Dienerin i am Leben, an unserm Leben, so wird sie Gottesdienst int höchsten Sinne und offenbart ihre hohe Geschwisterlichkeit mit der Religion. „In der Religion besteht das Ewige als Ahnung, Traum, _ Hoffnung, die Kunst schenkt ihm Wesenheit und Gestalt. Sie ist die große Ermöglicherin und Erlöserin des Lebens!"
Die deutsche Kunst muß uns innigste Wegbegleiterin auf den harten Straßen deutschen Lebens sein. Ohne ihr Kraftspenden, ihre feine, wunderbare Verinnigungsarbeit an uns ist ein Emporkommen gar nicht möglich. Sie muß uns Helferin zum Gipfel sein.
Wenn unser Volk wieder erfaßt werden soll von einem starken, großen Gefühl ins Licht, so kann es die Gefühlswelt deutscher Kunst, darin alles kristallen und edel sich uns schenkt, einfach nicht entbehren. Mit Paragraphen und Verordnungen wird allein keine Volkserneuerung geschaffen. Von innen her! das mutz immer wieder gesagt werden, And dieses Von-innen-
her schenkt eben die deutsche Kunst, die große, herrlich sichtbar gewordene deutsche Inbrunst!
Kunstliebe eines Volkes ist der Maßstab für feine innerste Kraft und seinen innersten Wert. Freude an seinem Genius ist der beste Ausdruck seines Lebens und der beste Beweis für seine Lebensfähigkeit. Kunst und Leben! Strom zu Strom! Wille zu beiden ist der Wille des wahren, unbesieglichen Empor!
Goethe und die Dichter des Dämons.
Von Stefan Zweig.
Stefan Zweig, der feine Dichter und nachfühlends Ergründer der Dichterseele, gestaltet in seinem soeben im Insel-Verlag erscheinenden Werk „D e r Kampf mit dem Dämon" den Typus des vom Dämon überwältigten Künstlers in den drei Bildnissen von Hölderlin, Kleist und Nietzsche. In der Einleitung stellt er Goethes Natur als Gegenpol dieser dichterischen Wesenart auf und schafft so einen eindrucksvollen Gegensatz der beiden Gefühlswelten, in denen das Genie sich entfaltet.
Was, zunächst an Hölderlin, Kleist und Nietzsche sinnfällig wird, ist ihre Anverbundenheit mit der Welt. Wen der Dämon in der Faust hat, den reißt er vom Wirklichen los. Keiner der drei hat Weib und Kind (ebensowenig wie ihre Blutsbrüder Beethoven und Michelangelo), keiner Haus und Habe, keiner dauernden Beruf, gesichertes Amt. Sie find nomadische Naturen, Vaganten in der Welt, Außenseiter, Sonderbare, Mißachtete, und leben eine vollkommen anonyme Existenz. Sie besitzen nichts im Irdischen: weder Kleist, noch Hölderlin, noch Nietzsche haben jemals ein eigenes Bett gehabt, nichts ist ihnen zu eigen, sie sitzen auf gemieteten Sesseln tmd schreiben an gemietetem Tisch un6 wandern von einem fremden Zimmer in ein anderes. Nirgends sind sie verwurzelt, selbst Eros vermag nicht dauernd zu binden, die sich dem eifersüchtigen Dämon vergaltet haben. Ihre Freundschaften werden brüchig, ihre Stellungen zerstieben, ihr Werk bleibt ohne Ertrag: immer stehen sie im Leeren und schaffen ins Leere. So hat ihre Existenz etwas Meteorisches, etwas von unruhig kreisenden, stürzenden Sternen, indes jener Goethes eine klare, geschlossene Dahn zieht. Goethe wurzelt fest und immer tiefer, immer breiter greifen seine Wurzeln aus. Er hat Weib und Kind und Enkel, Frauen umblühen fein Leben, eine kleine, aber sichere Zahl von Freunden umsteht jede seiner Stunden. Er wohnt im weiten, wohlhabenden Haus, das sich mit Sammlungen und Seltenheiten füllt, er wohnt im warmen, schützenden Ruhm, der mehr als ein halbes Jahrhundert seinen Namen umfängt. Er hat Amt und Würde, ist Geheimrat und Exzellenz, alle Orden der Erde blitzen von seiner breiten Brust. Bei ihm wächst die irdische Schwerkraft im Maße tote bei jenen die geistige Flugkraft, und so wird fein Wesen immer seßhafter, sicherer mit den Jahren (indes jene immer flüchtiger, immer unsteter werden und wie gejagte Tiere über die Erde rennen). Wo er steht, ist das Zentrum seines Ich und zugleich der geistige Mittelpunkt der Nation: von festem Punkte, ruhendtätig umfaßt er die Welt, und seine Verbundenheit reicht weit hinweg über die Menschen, sie greift hinab zu Pflanze, Tier und Stein und vermählt sich schöpferisch dem Element.
So steht der Herr des Dämons am Ende seines Lebens mächtig im Sein (indes jene zerrissen werden wie Dionysos von der eigenen Meute). Goethes Existenz ist eine einzige strategische Weltgewinnung, während jene in heldischen, aber niemals Planhasten Kämpfen abgedrängt werden von der Erde und ins Anendliche flüchten. Sie müssen sich gewaltsam über das Irdische hinausreißen, um dem Aeberweltlichen , vereint zu sein — Goethe braucht nicht mit einem Schritt die Erde zu verlassen, um die Anendlichkeit zu erreichen: langsam, geduldig zieht er sie an sich. Seine Methode ist derart eine durchaus kapitalistische: er legt jedes Jahr ein gemessenes Teil Erfahrung als geistigen Gewinn sparend zurück, den er am Jahresende als sorgfältiger Kaufmann dann ordnend in seinen „Tagebüchern" und „Annalen" registriert, sein Leben trägt Zins wie der Acker die Frucht. Jene aber wirtschaften wie Spieler, immer werfen sie, in einer herrlichen Gleichgültigkeit gegen die Welt, ihr ganzes Sein, ihre ganze Existenz auf eine Karte, Anendliches gewinnend, Anendliches verlierend — das Langsame, das Sparbüchsenhafte des Gewinns ist dem Dämon ver-


