Ausgabe 
23.5.1925
 
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Geselligkeitsgefühl der Affen sorgte schon dafür, daß sie bald zu ihresgleichen in den Käfig zurückkehrten.

Es ist zu begrüßen, daß Dr. Lutz Heck feinen treuen Ge­fährten auf der Afrikafahrt, dem Löwenwärter Olesen, so treue Kameradschaft auch in der Heimat bewahrt. Wenn man monate­lang nebeneinander im Zelt ausgehalten in Freud und Leid, Strapazen und Gefahren geteilt hat, so ist die Kameradschaft verständlich. And der Praktiker Olesen mit seiner Bärenkraft war für Dr. Heck jedenfalls eine große Stütze. Wenn er auch mit einem blauen Auge und einigen angebrochenen Rippen nach Deutschland zurückgekehrt ist als Folge eines Schiffsunfalls im Roten Meere, bei dem er nur durch seine Körperkraft das Aus­brechen der wilden Gefangenen verhindern konnte. And tote Dr. Heck selbst sagte, gelingt es selbst einer Hyäne, die Olesen einmal im Genick gefaßt hat, nicht mehr, sich aus seiner Pranke zu befreien. ~

Was hat nun Dr. Heck von seiner Expedition mitgebracht? Die Somalistrauße und die seltenen Hochgebirgsaffen, die Dscheb ladas, sind schon erwähnt. Aber ein sonderbares Gefühl erweckt es doch, wenn Olesen den zahmen Gepard, ein Mittelding zwischen Hund und Panther, zwischeii uns hineinführte und als Zeichen dessen, daß er ganz vertraut sei, ihn in seine Arme nahm. And der junge Leopard spielte mit seinem anders gearteten Detter so drollig, daß man glaubte, Hauskatzen vor sich zu haben. Rur eins: Der kleine Räuber darf kein frisches Fleisch bekommen, dann bricht eben seine wilde Ratur durch, und es dürfte für Hände und Beine derer, die ihm nahekommen, nicht gerade an­genehme Folgen haben. Dann brachte Dr. Heck eine ausgewachsene Leopardin mit, die natürlich nichts von ihrer afrikanischen Wild­heit verloren hat, weiter den kleinen Wüstenluchs. Tibetkatzen, Ginsterkatzen, Ichneumons und andere Keine Raubtiere. Auch Lösfelhunde, ein Kleinfuchs, der an sich weniger als Raubtier, sondern als Heuschreckenfresser gilt, sind vielleicht zum ersten Male mitgebracht worden. And hochinteressant sind die afrika­nischen Ameisenfresser, die Erdferkel, die mit ihren starken Dorder- schaufeln fich blitzschnell in die Erde bohren und so dem Beschauer in der Wildnis kaum je zu Gesicht kommen. Die Vögelabteilung zeigt wiederuni reichlich Zuwachs. So die Schmarotzermilane, die als kleinere Aasvögel für Sauberkeit in den Straßen und im freien Gefilde sorgen. Glanzstare und Pfefferfresser waren ja früher schon vertreten, doch ist eine ganze Reihe neu hinzuge- kominen. Aber ein prachtvolles Bild bieten vor allem die schim­mernden Geier-Perlhühner und die mit einer Federbürste ver­sehenen Pinsel-Perlhühner, Perlhühner find an sich die Haupt­nahrung da unten im afrikanischen Steppengebiet. And man kann es schließlich auf dem Schiffe ausgebrochenen Raubtieren nicht verdenken, wenn sie nach altgewohnter Manier sich einige Perlhühner als Beute zu Gemüte zogen. And der alte Sekretär, ein Kranichgeier, hat eine Gefährtin erhalten. Man muh es wenigstens daraus schließen, daß der alte Herr, der seit über 16 Jahren dem Zoo angehört, den neuen recht ruppig aussehenden Zuwachs überaus liebevoll begrüßt hat.

Es ist für uns Berliner eine Freude, das Wachsen unseres Zoo zu verfolgen. Herz und Gemüt geht dem auf, der aus den Steinmauern hinauswandelt und unter dem schattigen Grün der alten Kastanien im Zoo so etwas aufwachsen sieht, wie ein Stück Ratur. Rach Stellinger Muster - übrigens ist der zweite Sohn des Geheimrats Heck als Praktiker bei Hagenbeck in Stellingen tätig. And wenn so hervorragende Fachleute an der Spitze des Zoologischen Gartens stehen, tote es dieDynastie Heck' ist, so ist ein Erfolg nicht nur für den Berliner Zoologischen Garten verbürgt, vor allem aber auch,' wie Professor Baumgart betonte, für die deutsche Wissenschaft. Forschungsmöglichkeiten sind nicht jedem deutschen Zoologen im Auslande gegeben, dafür muß der Zoologische Garten herhalten. And was heute im Berliner Zoo unter verständnisvoller Leitung geschehen ist, ist sowohl im wissenschaftlichen Jnterefse zu begriißen, als auch im Interesse der Gesamtbevölkerung, die draußen im grimm Gelände im Zoo Erholung und Erfrischung sucht.

Das kalte Herz.

Von Wilhelm Hauff.

(Schluß.)

Es war schon Abend, als einige Männer, die vorbeigingen, den reichen Peter Munk an der Erde liegen sahen. Sie wandten ihn hin und her suchten, ob noch Atem in ihm sei; aber lange war ihr Suchen vergebens. Endlich ging einer ins Haus und brachte Wasser herbei und besprengte ihn. Da holte Peter tief Atem, stöhnte und schlug die Augen auf, schaute lange um sich her und fragte dann nach Frau Lisbeth; aber keiner hatte sie gesehen. Er dankte den Männern für ihre Hilfe, schlich sich in sein Haus und suchte überall; aber Frau Lisbeth war weder im Keller noch aus dem Boden, und das, was er für einen schrecklichen Traum gehalten, war bittere Wahrheit. Wie er nun so ganz allein war, da kamen ihm sonderbare Gedanken; er fürchtete sich vor nichts, denn sein Herz war ja kalt; aber wenn er an den Tod seiner Frau dachte, kam ihm sein eigenes Hinscheiden in den Sinn, und wie belastet er dahinfahren werde, schwer belastet mit Tränen der Armen, mit tausend ihrer Flüche, die sein Herz nicht er­weichen konnten, mit dem Jammer der Elenden, auf die er

seine Hunde gehetzt, belastet mit der stillen Verzweiflung seiner Mutter, mit dem Blute der schönen, guten Lisbeth; und konnte er doch nicht einmal dem alten Manne, ihrem Vater, Rechen­schaft geben, wenn er käme und fragte:Wo ist meine Tochter, dein Weib?" Wie wollte er einem andern Frage stehen, dem alle Wälder, alle Seen, alle Berge gehören und die Leben der Menschen?

Es quälte ihn auch nachts im Traume, und alle Augenblicke wachte er auf an einer süßen Stimme, die ihm zurief:Peter, schaff dir ein wärmeres Herz!" And wenn "er erwacht war, schloß er doch schnell wieder die Augen; denn der Stimme nach mutzte es Frau Liesbeth sein, die ihm dtefe Warnung zurief. Den andern Tag ging er ins Wirtshaus, um seine Gedanken zu zerstreuen, und dort traf er den dicken Ezechiel. Er setzte sich zu ihm, sie sprachen dies und jenes, vom schönen Wetter, vom Krieg, von den Steuern und endlich auch vom Tod, untz wie da und dort einer so schnell gestorben sei. Da fragte Peter den Dicken, was er denn vom Tod halte und wie es nachher sein werde. Ezechiel antwortete ihm, daß man den Leib be­grabe, die Seele aber fahre entweder auf zum Himmel oder hinab in die Hölle.

Also begräbt man das Herz auch?" fragte der Peter gespannt.

Ei freilich, das wird auch begraben."

Wenn aber einer sein Herz nicht mehr hat?" fuhr Peter fort. ,

Ezechiel sah ihn bei diesen Worten schrecklich an.Was willst du damit saget,? Willst du mich foppen? Metnst du, ich habe kein Herz?"

Oh. Herz genug, so fest wie Stein", erwiderte Peter.

Ezechiel sah ihn verwundert an, schaute sich um, ob es nie­mand gehört habe, und sprach dann:Woher weiht du es? Oder pocht vielleicht das deinige auch ntcht mehr?"

Pocht nicht mehr, wenigstens nicht hier in meiner Brust! antwortete Peter Munk.Aber sag mir, da du jetzt weißt, was ich meine: wie wird es gehen mit unfern Herzen?"

Was kümmert dich dies, Gesell?" fragte Ezechiel lachend. Hast ja auf Erden vollauf zu leben, und damit genug. Das ist ja gerade das Bequeme in unfern kalten Herzen, daß uns keine Furcht befällt vor solchen Gedanken."

Wohl wahr; aber man denkt doch daran, und wenn ich auch jetzt keine Furcht mehr kenne, so weih ich doch wohl noch, wie sehr ich mich vor der Hölle gefürchtet, als ich noch ein kleiner, unschuldiger Knabe war."

Run gut wird es uns gerade nicht gehen", sagte, Ezechiel.Hab mal einen Schulmeister darüber gefragt; der sagte mir, daß nach dem Tode die Herzen gewogen werden, tote schwer sie sich versündigt hätten. Die leichten steigen auf, die schweren sinken hinab, und ich denke, unsre Steine werden ein gutes Gewicht haben."

Ach freilich," erwiderte Peter,und es ist mir oft selbst unbequem, daß mein Herz so teilnahmlos und ganz gleichgültig ist, wenn ich an solche Dinge denke."

So sprachen sie; aber in der nächsten Rächt hörte er fünf- oder sechsmal die bekannte Stimme in sein Ohr lispeln:Peter, schaff dir ein wärmeres Herz!" Er empfand keine Reue, daß er sie getötet, aber wenn er dem Gesinde sagte, seine Frau sei verreist, so dachte er immer dabei:Wohin mag sie wohl gereist sein?" Sechs Tage hatte er es so getrieben, und immer hörte er nachts diese Stimme, und immer dachte er an den Waldgeist und seine schreckliche Drohung; aber am siebenten! Morgen sprang er auf von seinem Lager und rief:Run ja, will sehen, ob ich mir ein wärmeres schaffen kann; denn der gleichgültige Stein in meiner Brust macht mir das Leben nur langweilig und öde." Er zog schnell seinen Sonntagsstaat an, setzt« sich auf fein Pferd und ritt dem Tannenbühl zu.

Im Tannenbühl, wo die Bäume dichter standen, saß er ab, band fein Pferd an und ging schnellen Schrittes dem GipfÄ des Hügels zu, und als er vor der dicken Tanne stand, Hub er seinen Spruch an:

Schatzhauser im grünen Tannenwald, Bist viele hundert Jahre alt, Dein ist all Land, wo Tannen stehn. Läßt dich nur Sonntagskindern sehn."

Da kam das Glasmämllein hervor, aber nicht freundlich und traulich wie sonst, sondern düster und traurig; es hatte ein Röcklein an von schwarzem Glas, und ein langer Trauer­flor flatterte herab vom Hut, und Peter wußte wohl, um wen es trauere.

Was willst du von mir, Peter Munk?" fragte es mit dumpfer Stimme.

Ich hab noch einen Wunsch. Herr Schatzhauser", antwortete Peter mit niedergeschlagenen Augen.

Können Steinherzen noch wünschen?" sagte jener.Du hast alles, was du für deinen schlechten Sinn bedarfst, und ich werde schwerlich deinen Wunsch erfüllen."

Aber Ihr habt mir doch drei Wünsche zugesagt; einen hab ich immer noch übrig."

Doch kann ich ihn versagen, wenn er töricht ist", führ der Waldgeist fort;aber wohlan, ich will Horen, was du willst.