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Unter dem Lannenbaum.
Bo» Lh«»d»r Storm.
Stu« DLmmerftunbe.
GH was bo£ Arbeitszimmer eines Beamten. Der Sigentümer, M, IBdtsi V den Vterzige«, mit scharf ausgeprägten Gesichw- Azeeft, ober milden, lichtblauen Augen unter dem schlichten, hell> h^Mtsn Haar, sich an einem mit Büchern und Papieren be°> hecktss Schreibtisch; damit beschäftigt, «imzeLne Schriftstücke zu Gnterzeichrmn, welche der danebenstehende alte AmtSbot« ihm tbo^ie. Di« Aachmittagssonne des Dezembers beleuci^ete t6en mtt ihrem letzten Strahl das große schwaiA« Tintenfaß, de das « dann und wamr die Feder tauchte. Endlich war alles
„Haben Herr Amtsrichter sanft noch etwas?" fragte der Botze, indem er die Papiere zusammenlegte.
.Mein, ich danke Ihnen."
,„6o habe ich di« Ehre, vergnügte Weihnachten zu wünschen.
»Auch Ihnen, lieber Grdmaim."
Der Bote sprach einen der mitteldeutschen Dialekte; in dem £tme deS Amtsrichters war etwas von der Härte jenes nörd- stchstem deutschen Dollsstammes, der vor wenigen Jahren, und diesmal verglich, in einem seiner alten Kämpfe mit dem keuchen Rachbarvolke geblutet hatte. — Als sein Untergebener LH entfernte, nahm er unter den Papieren einen angefangenen Brief hervor und schrieb langsam daran weiter.
Die Schatten im Zimmer fielen immer tiefer. Er sah nicht bte schlanke Frauengestalt, di« hinter ihm mit leisen Schritten durch die Tür getreten war; er bemerkte es erst, als sie den Arm um seine Schulter legte. — Auch ihr Antlitz war nicht »ehr jung; aber in ihren Augen war noch jener Ausdruck von Mädchenhaftigkeit, den man bei Frauen, die sich geliebt wissen, auch noch wach der ersten Jugend findet. .Schreibst du an meinen Bruder?" fragte sie, und in ihrer Stimme, nur etwas mehr gemildert, war dieselbe Klangfarbe wie in der ihres Mannes.
Gr nickte. „Lies nur selbst!" sagte er, indem er die Feder fortlegte und zu ihr empor scch.
Sie beugte sich über ihn herab; berat es war schon dämmerig Geworden. So las sie, langsam wie er geschrieben hatte:
»Ich bin wieder gesund und arbeitsfähig, — glücklicherweise; berat das ist die Rot der Fremde, Satz man den Boden, worauf man steht, stch in jeder Stunde neu erschaffen mutz. So schlecht es immer sein mag, darin habt ihr es doch gut daheim; unb wer wäre nicht gern gebReben, wenn er nur ein Estück Brot und jenes unentbehrliche »sanfte Ruhekissen" des alten Sprichworts sich hätte erhalten können."
Sie fegte schweiget die Hand auf seine Stirn, während er. der ihren Augen gefolgt war, das Blatt umnxrrtbie. Dann las fle weiter:
» Der gutem und Lugen Frau, die du vorige Weihnachten bei un8 hast tarnen lernen, bin ich so glücklich gewesen, durch 6te Vermittlung eines Vergleichs mit ihrem Sutsnachbarn einen wirklichen Dienst zu feisten; der schöne, so sehr von ihr begehrte Wald ist seit Ltrzem endlich in ihren Besitz gelangt. Hätten tote morgen für deinen Freund Harro nur eine Tanne aus diesem Walde! Denn hier ist viele Meilen in die Runde lein Nadelholz zu finden WaS aber ist ein Weihnachtsabend ohne jenen Baum mit seinem Duft voll Wunder und Geheimnis?
.Aber du", sagte der Amtsrichter, als seine Frau gelesen hatte, .du bringst ht deinen Kleidern den Duft des echten Weihnachtsabends!"
Hi« langte lächelnd im den Schlitz ihres Kleides und legte ebt großes Stück braunen Weihnachtskuchsn von ihm auf den Tisch. »Sie sind «den vom Bäcker gÄomrnen", sagte sie, »prob nur; deine Mutter backt sie dir nicht besser!"
Gr brach einen Brocken ab und prüfte ihn genau; aber er fand altes, was ihn als Knaben daran eirtzückt hatte; die Waffe war glashart, die eingerollten Stückchen Zucker wohl vergangen und kandiert. »Was für gute Geister aus diesem Kuchen steigen", sagte er, stch in seinen Arbeitsstuhl zurücklehnend; »ich sehe plötzlich, tote es daheim in dem alten, steinernen Hause Weihnacht wird. — Die Messingtürklinken sind womögstch noch blanker als sonst; di« große gläserne Flurlampe leuchtet heute noch heller auf die Stückfchnörkel an den sauber geweißten Wänden; ein Kinderstrvm um den anbem, singend, und bettelnd, drängt durch die Haustür; vom Keller heraus auS der geräumigen Küche zieht der Duft der Gebäckes in ihre Rasen, das dort in dem großen kupfernen Kessel über dem Feuer prasselt. — Ich sehe alles, ich sehe Vater und Mutter — Gott fei gedankt, ste leben beide! — aber die Zeit, in die ich hinabblicke, liegt in so tiefer Ferne der Vergangenheit! - Ich bin ein Knabe noch! — Sie Zimmer zu beiden Seiten des FlurS sind erleuchtet; rechts ist bte Weihnachts stube. Während ich vor der Tür stehe, horchend, tote es drinnen in dem Knittergold und in den Dannenzweigem rauscht, kommt von der Hostveppe herauf der Kutscher, eine Stange mit einem Wachslichtchen in der Hand. — .Schon an» B Thoms?" Gr schüttelt schnnnrzelnd den Kopf und Der» et in der Weihnachtsstube. — Wer wo bleibt denn Onkel — Da kommt es taauhen die Treppe 6inauf; bte Haustür wird «mfgerissen. Rein, «S ist im feht Lehrling, der bte
fange Pfeife des »Herrn Raisverwandters" bringt; chm noch quillt ein neuer ©trom von Kindern; zehn Beine Kehlen auf einmal stimmen an .Born Himmel hoch, da komm ich her!" ■Hnb schon ist meine Großmutter mitten zwischen ihnen, die alte, geschäftige Frau, den Speisekammerschküffel am kleinen Finger, einen Teller voll Gebäckes in der Hand. Wie blitzschnell das verschwindet! Auch ich erwische mein Teil davon, und eben kommt auch meine Schwester mit dem Kindermädchen, festlich gekleidet, bte langen Zöpfe frisch geflochten. Ich aber halte mich nicht auf; ich^vinge drei Stufen auf einmal die Treppe nach dem Hofe
Gs war allmähsich dunkel geworden; di« Frau des Amtsrichters hatte leise einen Aktenstoß von einem Stuhl entfernt unb stch an di« Veite ihres Mannes gesetzt.
»Drüben in dem Seitengebäude ist das Arbeitszimmer meines Vaters. Auf die Vordiele dort fällt heute kein Lichtschein aus dem Türfenster der Schreiberstube; der alte Tausendkünstler ist von meiner Mutter drinnen bei den Weihnachtsgeheimnissen! angestellt. Aber ich tappe mich im Dunkeln vorwärts: denn gegenüber in feinem Zimmer höre ich die Schritte meines Vaters. Gr arbeitet schon nicht mehr. Ich öffne leise die Tür; wie deutlich sehe ich ihn vor mir, ihn selbst und das große, verräucherte Gemach, in dem der hart« Schlag der alten Wanduhr Pickt! Mft einer feierlichen Unruhe geht er zwischen den mit Papieren bedeckten Tischen umher, in der einen Hand den Messingleuchter mit der brennenden Kerze, bte andere vorgestreckt, als solle jetzt alles Störende fern gehalten werden. Gr öffnet die Schublade seines Keinen Stuhpults und nimmt die große goldene Sabotiere aus der Fischhautkapsel, einst ein Geschenk der Urgroßmutter an ihren Bräutigam, dann nach des Urgroßvaters Tode eine Ghren- und Vertrauensgabe an ihn. Aber er ist noch nicht fertig; aus dem Geldkörbchen werden blanke Silbermünzen für die Dtenste boten hervorgesucht, eine Goldmünze für den Schreiber. »Ist Onkel Erich schon da?" fragt er, ohne sich nach mir umzusehen. »Roch nicht, Vater! Darf ich ihn holen?" — »Das könntest du ja tun." Und fort renne ich durch das Wohnhaus auf die Straße, um die Ecke am Hafen entlang, und während ich drunten aus der Dämmerung das Pfeifen des Windes in den Tauen der Schift« höre, habe ich das alle Giebelhaus mit dem Vorbau erreicht. Die Tür wird aufgerissen, daß die Klingel weithin durch Flur und Pesel schallt. — Vor dem Ladentisch steht der alte Kommis, der das Detailgeschäft leitet Er sieht mich etwas grämlich an. .Der Herr ist in seinem Kontor", sagt er trocken; er liebt dl« wilde naseweise Range nicht. Aber, was geht's mich an. — Fort mach ich hinten zur Hoftür hinaus, über zwei kleine finstere Höf«, bann in ein uraltes seltsames Rebengebäude, in welchem sich das Allerheiligste des Onkels befindet. Ohne Anfall komm« ich durch den engen dunkeln Gang und stopfe an eine Tür . .Herein!" Da sitzt der Heine Herr m dem seinen braunen Tucyrock an feinem mächtigen Arbeitspult; der Schein der Kontorlampe fällt auf seine freundlichen kleinen Augen und auf die mächtige Familiennase, die über den frischgestärkten Vatermördern hinausragt. — »Onkel, ob du nicht kommen wolltest!" sage ich, nachdem ich Atem geschöpft habe. — „Wollen wir uns noch «inen Augenblick setzen!" erwidert er, indem seine Feder summierend über das Folium des auf geschlagenen! Hauptbuches hinabgleitet. — Mir wird ganz behaglich zu Sinne, ich werde nicht ein bißchen ungeduldig; aber ich setze mich auch nicht; ich bleibe stehen und besehe mir die Englands-- und West« inbtenfafjrer des Onkels, deren Bilder an der Wand hängen. Es dauert auch nicht lange, so wird das Hauptbuch herzhaft zugeklappt, das Schlüftelbrmd rasselt und: »Sieh so", sagt der Orckel,, „fertig wären wir!" Während er sein spanisches Rohr aus der Ecke langt will ich schon wieder aus der Tür; aber er halt mich zurück. »Ah, wart doch mal em wenig! Wir hätten hier wohl noch so etwas mitzunehmen." Und aus einer dunkeln Ecke des Zimmers holl er zwei wohlversiegelte, geheimnisvolle Päckchen. — Ich wußte es wohl, in solchen Päckchen steckte ein Stück leibhaftigen Weihnachtens; denn der Onkel hatte einen Bruder in Hamburg, unb er trat nicht mit leeren Händen an den Tannenbaum. So nie gesehenes, märchenhaftes Zuckerzeug, wie er mitten in der Bescherung noch mir und meiner Schwester auf unsere Weihnachtsteller zu legen pflegte, ist mir später niemals wieder vorgekvmmen.
»Bald darauf steige ich an der Hand des Onkels die breite Steintreppe zu unferm Hanse hinauf. Gin paar „ Augenblicks verschwindet er mit seinen Päckchen in bte Weihnachtsstube; es ist noch nicht angezündet aber durch die halbgeöffnete und rasch wieder geschloffene Tür glitzert es mir entgegen aus der noch drinnen herrschenden ahnungsvollen Dämmerung. Ich schließe bte Augen, berat ich will nichts sehen, und trete in das gegenüberliegende, festlich erleuchtete Zimmer, das ganz von dem Dust der braunen Kuchen und des heute besonders sein gemischten Tees erfüllt ist Die Hände auf dem Rücken mit langsamen Schritten geht mein Vater auf unb nieder. »Run, seid ihr da?" fragt er stchenbleibend. — Und schon ist auch Onkel Erich bei unS; mir scheint die Stube wird noch einmal so hell, da er eintritt. Gr grützt bte Großmutter, den Vater; er nimmt meiner Schwester bte Tasse ab, bte ste ihm auf dem gelblackierten Brettchen präsentiert. »Was meinst du", sagt er, indem er seinen Augen einen bedenklichen Ausdruck zu geben sucht, »es wird wohl heute nicht viel für uns abfalten!“ Aber er lacht habet


