Gießener Hamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang (925 Dienstag, den 22. Dezember Nummer O2
Weihe-Nacht.
Don Sophie 9ebeter*@6en.
Stirn brennen meine Weihnachtsterzen -Unbeweglich —
Wie stille, feierliche Ssslem
Die gen Himmel steigen.
Draußen flockt ein Reigen
Taumelnder Sterne, und Wolken flieht — Und Stunden...
Del mir ist Wärme,
Äst Ruh für dich in der Zeit!
Und — wie in einem Schrei«, von Sandel duftend, Stell' ich mit tantg zärtlicher Gebärde, In meinem Herzen still deckt Bildnis auf, Du stille — feierliche —
Du zärtliche — o du erles'»» Seele —
Und meine Hände find so blaß und schlank,
Als bergen sie Zerbrechlichkeit — unendlich kostbar — Sind hingegebsn an ein Allerletztes, Das schlicht tote Einklang ist. — Christrosen, die geheimnisvoll erblüht
3 m Schnee der Einsamkeit,
Im Glanz und Zauber dieser heil'gen Aach!
Häuf ich zu Fußen dir, wie Märchemvildnis:
Mit leis erschloss'nen schmerzlich schönem Wunden Duften sie dir.
Und ihre Miste steht wie Opferhauch
-Utz feierlicher Lust,
Sind rot und tief .tote Herzens munde»
Und bluten, dir zu Füßen, sich in Frieden.
AliiS nieine Kerzen brennen
Wie Traumesstmlen...
Sie überbremven Seele, deckt Gesicht
Und meins, — und rücken dich und mich
Dem Sterne zu — der über Bethlshem
Verheißung strahlt, — und hoch ins Leben weist!
Weihnachten.
Bon Walther Rithack-Stahu.
Da hist du wieder, Fest der Feste, holdester Tag des Jahres! Das wäre kein Mensch, der sich deiner stillen Gewalt entzöge. Auch die dich umgehen, ja, dich bespötteln — wenn es solche gibt — tun es nur, um eine Sehnsucht nach dir zu betäuben.
Es liegt etwas unendlich Rührendes in dem Bilde der heiligen Rächt, was alle Kuirst begnadeter Maler und Dichter nimmer ausschöpft. Richt, daß dort eine arme Mutter in dürf» tiger Herberge ein Kind zur Welt bringt und sich dessen in reiner Liebe freut; sondern daß gerade dieses Kind so ins Leben tritt, heimlich in der Nacht, versteckt vor aller West, in einem elendem Lande, in entlegenem Dorfe; daß die obdachlose Mutter keinen Raum in der Herberge ftndet, daß sie ihr Neugeborenes in den Futtertrog der Tiere betten muh. Welch ein ungeheuerlicher Gegensatz zwischen der äußeren Tatsache und ihrer geisttgen Bedeutung! Wahrlich, hier triumphiert das alte Gesetz, daß kleine Ursachen große Wirkungen haben, vielmehr das Gesetz des Geisteslebens, daß die edelsten Blüten am Baume der Menschheit sich füll und anspruchslos entfalten. Lieber Nacht, ungeahnt springen sie auf und überraschen die Welt, die sie oft erst damr würdigt, wenn ihre Erdenzeit längst vorüber ist. Wie not tut es uns Heutigen, im Zeitalter der breiten und flachen Oeffentlichteit, der geräuschvollen Selbstempsehlung, daß wir Schein und Wesen unterscheiden, und die blaue Blume der Wahrheit nicht an den Allertoeltsstratzen suchen, sondern int fernsten, tiefsten Tal! Und mögen die Neunmalklugen einer mißver- standeinen „wissenschaftlichen Weltanschauung" über das alte Evangelium wie über Ammenmärchen urteilen — es bleibt doch ewig wahr; das Höchste, Beste, was wir in unseres Hedems Tiefe erleben, kommt als ein Wunder zu uns.
Aber nicht nur auf Gegensatz zwischen Schein und Wirtlichkeit ergreift uns vor dem geheimnisvollst Bilde von Bethlehem.
Der Gesang der himmlischen Boten bedeutet, daß in dieser Geburt eine Weltenstunde schlägt. Sie ist die Erfüllung uralter Hoffnungen. Endlich! Endlich! So hallt es durch alle Himmel! Unsägliche Freude in allen Sphären der Schöpftmg. Das ist keine überstiegene Schwärmerei, das ist einfach Glaube. ®ewn
dieses Menschenkindes Geburt ist wie jede Geburt das Ergebnis einer unendlichem Entwicklung. Ist doch auch unseres Wesens Ursprung nicht Vater und Mutter allein, die Ewigkeit hat ums geboren. Alles, was ist, hat Teil an uns und wir an ihm. Lind hinter diesem unermeßlichen Ganzen, aus dem wir hervor- tauchen, wenn unsere Zeit erfüllt ist. steht der große Wille, der auch uns gewollt hat. Im Kink» der Weihnacht aber leuchtet es auf: dieser ewige Schöpferwille ist Liebe! Darum freuen sich Himmel und Erde der Geburt dieses Knäbleins.
Zwar, ist solche Geburt immer ein Anlaß zur Freude? Ach, wenn man vorausfehen könnte, was dermaleinst entern Kinde bevorsteht, das in natürlichem Lebensdrange sich zum Lichte streckt! Gin Frommer Altisraels verfluchte in schwerer Stunde den Tag seiner Geburt, und unter den Griechen, die als lebensfroh galten, ging das Wort um: „Gut ist's, zu leben, aber besser, nicht geboren zu sein." lind das Kind der Weihnacht? Schwebt nicht um feine zarte Stirn ein Dornenkranz, sind diese Heitwnl Hände nicht schon mit Wundenmalen gezeichnet? Und doch: et hat es gewagt zu glauben und darauf zu sterben: Liebe regiert die Welt; Darum ist Weihnachten das hohe Fest der Liebe. Das fühlten auch die Weihnachtslosen, die sich mit einer gewissen Anstrengung um Festfreude bemühen, viel Geld dafür aus geben, schenken und sich beschenken lassen. Denn der Mensch ist einmal so geschaffen, dah er Liebs braucht und ohne sie erstarrt und verknöchert. Woher aber stammt diese heiligste Regung unseres Herzens? Schon die Wissenschaft lehrt uns. daß dieselben Kräfte und Gesetze, die auf unserer Erde wirken, Äs hinein in den Organismus unseres Körpers, auch im übrigen Weltall gelten. Sollte unsere Seine Erde eine Oase in einer grenzenlosen Wüste der Lieblosigkeit fein? Sollten die tiefsten, hetligsten Empfin» Bungen unseres Herzens aus einer Zufallmischung der Atome i hervorgegcmgsn fein? älnd wenn nur ein einzigeSmal in dieser Well das Wunder der Liebe mt8geboren ward, die altes trägt und alles hofft und alles duldet — wahrlich von diesem Punkte aus muh sich die Welt äus den Angeln heben lassen! Hier muß der Schlüssel zu dem großen Rätsel fein, was die Welt im Innersten zusammenhält. Gott ist Liebe — diesen größten 'Gedanken der Religion stellt unS das Bild von Bethlehem in tiefsinnigem Gleichnis dar.
Gewiß, es ist kein leichter Glaube für einen Menschen, der die Kinderschuhe aus gezogen Hat. Wer einmal die Grausamkeit des Schicksals gefühlt, das scheiitbar blinde Spiel des GlückÄk erlebt und auf scheiterndem Schiss seiner Ideale gestanden hat, dem klingt der Liebesglaube vielleicht wie Ironie. Und doch gerade er ist in Nacht und Todesgrauen geboren worden. Zwischen Krippe und Kreuz verläuft das GrdenwallM des SohiteS der Maria — ein Leben der Niedrigkeit und Schmach und eben dadurch voll welterschütternder Gröhe. Seine Lebenslinie ist eine gewaltige Kurve, aus der Ewigkeit komntt sie, vom HimmÄ steigt sie herab, senkt sich in der heiligen Rächt auf die Erde und durch Jammer und Rot bis hinunter ins Grab. Dann aber steigt sie von neuem himmelan tmd verläuft in der Ewigkeit. „Richt ein enger Ring begrenzt sein Leben", sondern ein unendlicher.
Wir anderen Erdsnkinder aber, die wir uns von diesem größten unserer Brüder emporziehen taffen, finden im Bilde der Weihnacht das Geheimnis unseres eigenen Lebens wieder, das menschliche Abbild imfereS Ursprunges und Zieles. So ist uns diese Rächt geweiht zu heiliger, welttunfassender Freude!
Dis ältesten Weihnachtsdilder.
Bon Walter Appelt.
Die alte Kunst war mehr auf das Bildhafte als auf Verinnerlichung angelegt. Der Künstler wollte nicht so sehr ein Motiv packetch erfassen und künstlerisch d. h von innen her leuchtend, gestalten, — als vielmehr erzähle,t, was er selbst oder ein Auftraggeber als Thema gestellt hatte. So entstand«, jene Werke, auf denen im unmöglichsten Nebeneinander der ganze Ablauf eines Gvamgelteickapitets geschildert wird. Darin tmd in äußerem Ursachen — der Auftrag ging oft dahin, einen Sarkophag mit bildlichen Darstellungen zu schmücke« — mag eS begründet fein, daß in der frühchristlichen Kunst neben der Malerei das Relief übertotegt. Die ausgesprochen figürliche Plastik leistete zuviel Widerstand gegenüber dem, waS jene Epochen für eine Bereicherung halten mochten, was jedoch wir als verwirrende Zusammenziehung von zeitlich auseimmder- liegendem Evisoden empfinden.


