Eichener jamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925 Dienstag, -en 22. September Nummer 76
lieber die Heide.
Don Theodor Storm.
Heber die Heide hallet mein Schritt; dumpf aus der Erde wandert es mit.
Herb-st ist gekommen Frühling ist weit — gab es denn einmal selige Zeit?
Brauende Nebel geisten umher, schwarz ist das Kraut, und der Himmel so leer.
Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai!
Leben und Liebe — wie flog es vorbei!
Mein MeisterstüÄr.
Don Munkepunke.
Ich habe es niemals geschrieben, älnd ich werde es . auch jetzt nicht schreiben können, da mich die Erinnerung mit einem Erlebnis bedrängt, dessen Gestaltung doch einmal mein journalistisches Meisterstück hätte werden können. Wer aus der Erkenntnis heraus, daß über dem besten Feuilletonismus immer der größere, geheimnisvollere Reichtum des Lebens steht, aus dem man sich allenfalls ein paar Rosinen herauspicken darf, dem Leser zur Vergnügung oder gar Belehrung, gibt sich der ganz große Ehrgeiz bald und man tröstet sich schon mit der Genugtuung, wenn einem letzten. Endes noch so etwas wie eine halbwegs schmackhafte Himbeerfoße zu dem Rosinenkuchen gelingt, älnd so kann man höchstens von einem Erlebnis erzählen, das mit dem ersten journalistischen Auftrag zusammenhängt und dessen man mit einem wehmütigen und einem heiteren Auge gedenkt.
Da ich zu der traurigen Einsicht gekommen war, daß die Fabrikation von grotesken Geschichten auf die Dauer zu einer Pleite führen muß, insofern nämlich die Rachfrage nicht ganz dem Angebot zu entsprechen pflegt, hielt ich es für angebracht, meinem Dasein einen gefestigteren Grund zu geben, indem ich beschloß, mein so üppig aufschietzendes Taleyt in die sanfte Kandare des Feuilletonismus $u spannen. Leider erhielt ich auf verschiedenen Redaktionen den melancholisch stimmenden Bescheid, daß Jungdeutschland just auf diesem Gebiet so überreichlich mit hoffnungsvollem Rachwuchs gesegnet sein, daß man mir nur jede andere Betätigung meines gewiß sehr regen Geistes wohlwollend ans Herz legen könne; wenn ich es vorläufig einmal mit de» Berichterstattung im lokalen Teile versuchen wolle, so stände solcher Absicht nichts im Wege. Und somit saß ich an einem großen Tisch, von dessen anderer Seite mir zwei, ganz entschieden ebenfalls rein lyrische Augen entgegenblickten, diejenigen des nunmehr schon verstorbenen Dichters Victor Hadwiger nämlich, der gleich mir hinsichtlich seiner weiteren Lebensführung auf einen sogenannten toten Punkt gekommen war.. Die Derhaftung eines Schwerverbrechers beförderte ihn bald in eine finstere Kneipe von Berlin N, allwo er sich aus dem Wann, Wie und Wieso den Stoff für sein allererstes journalistisches Meisterstück zusammenklauben sollte. Mir dagegen ward der nicht wenige» wichtige Fall einer großen Unterschlagung zur Erforschung zugeteilt, alldieweil nämlich der Rendant einer Reichsbehörde mit ganzen vierzigtausend Mark über Nacht verschwunden war.
„Die Sache ist für Sie ganz einfach und wahrhaftig ein fetter Dissen, mit dem Sie sich beim Publikum aus den ersten! Schlag einen Rainen machen können," sagte zu mir der Chef der Reportage, wie so etwas in meiner frühen Äugend noch hieß. „Sie gehen zu her Familie hin, stellen sich vor, sagen, daß Sie im Auftrag unserer bekannten und beliebten Zeitung kämen — hier ist für alle Fälle Ähr Ausweis — und fragen dann frisch von der Leber weg, wieso denn der gute Gatte auf diese schiefe Dahn des Lebens gekommen, ob er vielleicht Sklave einer Spielleidenschaft sei, ob er und seit wann etwa Beziehungen zur Halbwelt unterhalten, oder was ihn sonst veranlaßt hätte, ausgerechnet diesen schweren Kummer seiner gewiß sehr achtbaren Familie zu bereiten. Sie werden es schon machen! Die Sache ist sehr einfach, eine richtige Anfänger-Aufgabe, mit der Sie Ihre Fähigkeit oder Unfähigkeit im Journalismus beweisen werden."
Indessen ich das Adreßbuch nach dem unglücklichen Ramen hastig und nervös durchblätterte, stand es für mich bereits fest, daß nur der Beweis gänzlicher Unfähigkeit dabei herauskommen w:rde. Wie konnte man so zudringlich, so indiskret, so brutal ' stenwollend in eine fremde Familie eindringen, die, vom C r.-rz über diesen harten Schicksalsschlag niedergebeugt, von
Scham und Tränen hingestreckt, gewiß jeden Besuch ablehnen würde! Wie — wenn man die Hintertreppe leise hinauffchleichen und die Köchin vorsichtig ausfragen würde! Rein, dann gestaltete sich der Bericht ganz von selbst noch hintertreppenhafter, als er sowieso vielleicht schon ausfallen mußte. Jede heroische Geste, vom psychologischen Standpunkt begreiflich gemacht, fehlte hier; die schnödeste Prosa des Alltags grinste mich schon jetzt an. War es nicht feige, ihr aus dem Weg gehen zu wollen? Halt — hier war ja die Adresse: Albert Krull, Rendant, Brüder- straße 2341. Wie einen militärischen Befehl empfand ich plötzlich meinen Auftrag. Ich würde alle Delikatesse in mir zusammen- nehmen die Sonde der Berichterstattung in die frische Wunde zu stoßen und dabei von mir aus irgendein geheimes Betäubungsmittel, über dessen Art ich mir freilich noch nicht klar war, mitleidigst anzuwenden.
Mit einem unangenehmen Gefühl im Magen — ja, richtig, das Frühstück hatte ich wegen fehlenden Mammons ausfallen lassen, der mir, nach glücklich abgeliefertem Bericht, erst abends die siegerhafte Wiederherstellung meines inneren Menschen erlauben sollte — stieg ich eine dunkle Treppe empor. Verruchte Schatten griffen höhnisch nach! mir und ließen mich« stolpern. Mein rechtes Hosenbein wies just am Knie einen nicht zu kleinen Riß auf. Ich würde umkehren, zu einem Schneider gehen — wenn ich Geld gehabt hätte. Ich mußte also meine Zudringlichkeit gleich mit einer unangenehm verdoppelten Entschuldigung beginnen.' Meine Verlegenheit war von dem Gipfel einer Schnee- koppe zu dem eines Montblanc emporgewachsen. Fiebernd zählte ich an den Knöpfen meines Mantels ab, ob ich- den Mut aufbringen solle, überhaupt zu klingeln. Das Schicksal entschied feixend: Ja! Hnb so gab ich meinem hämmernden Herz einem verzweifelt gewaltigen Stoß und zog die Glocke. Die war wie das Wimmern verhallenen Schluchzens. Fassung, daß sich jetzt meine Augen nicht nähten! Für aufrichtige Anteilnahme würde noch immer die Zeit kommen...
„Laß nur, Anna — ich gehe schon selbst öffnen!" tönte mir eine fröhliche, jetzt gar singende Stimme entgegen. Eine ältere, will sagen mit jüngerem Anhauch versehene, in schwarzer Seide rauschende Dame bat lächelnd, doch näherzutreten, und half mir freundlich über meine erste Stotterei hinweg. „So, so — von der Zeitung sind Sie? Sehr liebenswürdig, uns mit Ihrem Besuche zu beehren! Sie haben also auch! bereits von dem fabelhaften Glück gehört, das uns widerfahren ist? Ditte, treten! Sie näher! Ein Glas Wein und ein Stückchen Kuchen wird für Sie auch noch übrig fein. Solchen Tag muß man doch feiern!"
Gar manches war mir schon von Herzensroheiten der Frauen! berichtet worden. Hier schien sich vor mir die letzte Gemeinheit im frechsten Frevel übertrumpfen zu wollen. Der Gatte, nach Unterschlagung von sage und schreibe vierzigtausend Mark über alle Berge, von der Polizei gesucht — hier die Gattin bei Wein und Kuchen, int Festtagsgewand, lachend und feiernd — und da redete ich noch etwas von zerrissener Hose daher, anstatt ihr meine Verachtung in das gepuderte Antlitz zu schleudern — jaja, ich sah es wohl, daß es gepudert war, vielleicht um die Weinröte der sinnlichen Nasenflügel zu verheimlichen. Ein Nomankapitel war mir da vom Schicksal aufgeschlagen, eine seelische Benommenheit, aus der ich! über den bloßen Tatsachenbericht hinaus eine Derbrecherstudie schöpfen konnte, deren geistiges Niveau weit über den Rahmen eines Zeitungsfeuilletons greifen würde. Wahrhaftig nicht meines Wagens wegen, de» bei den Worten Wein und Kuchen knurrend aufgehorcht hatte, sondern aus reinem schriftstellerischen Ehrgeiz heraus konnte, mußte ich diese verruchte Einladung annehmen, selbst auf die Gefahr hin, daß die Kosten für diesen üppigen Aufwand gewiß von den gestohlenen Geldern bestritten würden. Was ging mich da noch meine zerrissene Hose an, die mir eben so überaus wichtig vorgekommen war!
älnd doch war diese Angelegenheit nun einmal so sehr mit meiner Person verknüpft, daß die Mutter, indes sie mich in den Salon geleitete, sogleich nach Faden und Nadel und nach ihrer Tochter Marie rief, die sich! — ach, zu denken, daß dieses entzückende blonde Etwas von achtzehn Jahren Sprößlrng eines Verbrechers sein konnte! — nach lachender Dorstellerei sogleich niederkniend daran machte, meinen kleinen Schaden zu bei tert, um bald darauf mit mir anzustoßen, daß auch mir einmal noch solch Glück zuteil werden möge, und loszuplaudern: „Ja, wenn wir das vorgestern geahnt hätten! Schreiben Sie nur recht nett über uns in Ihrer Zeitung! So etwas passiert einem ja nicht alle Tage, daß man in die Zeitung kommt! Auch Papa wird sich sicherlich sehr freuen!“


