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Es verstrich einige Zeit, ohne baß Bianchon, so befreundet er mit Desplein mar, Gelegenheit fand, mit ihm über diese munderbare Sache zu sprechen, die von seinem sonstigen Leben sich so scharf abhob. Wenn sie einander bei einem Krankenbette oder in der Gesellschaft trafen, Ivar es schwer, die passende Gelegenheit zu einer vertrauten Aussprache unter vier Augen zu finden. Es ist viel leichter für zwei Männer, einander ihre Geheimnisse anzuvertrauen, wenn sie in ruhiger Stunde, die Füße auf dem Eifengitter vor dem Kamine, den Kopf auf die Hände gestützt, oder auf einen Lehnstuhl sanft gebettet, gemächlich miteinander reden können. Endlich, sieben Jahre nachher, nach der Revolution von 1830, als sich der Pöbel gegen den Erzbischof stürzte, und als der Sinn der Republikaner einzig dahin ging, alle vergoldeten Kreuze niederzureißen, die als helle Strahlenfeuer über dem Ozean der Häuser auftauchen, als der Anglauben, treu dem Aufruhr verbündet, sich durch die Straßen wälzte, da überraschte Bianchon seinen Meister noch einmal beim Eintritt in das Gotteshaus Saint-Sulpice. Der junge Doktor folgte ihm dahin, warf sich neben ihm nieder, ohne daß fein Freund ihm das leiseste Zeichen machte oder sonst seine Aeberraschung bezeugte. So hörten beide die Stiftungsmesse,
„Mein teurer Meister, wollen Sie mir doch", sagte Bianchon beinr Verlassen der Kirche, „den Grund dieser Frömmigkeitskomödie sagen? Ich habe Sie schon dreimal bei der Messe überrascht, einen Mann tote Sie! Geben Sie mir doch die Er° llärung dieses Rätsels, machen Sie mir den schreienden Wider- svruch zwischen Ihren Lehrmeinungen und Ihrem persönlichen Vorgehen verständlich An Gott glauben Sie nicht, und Sie gehen zur Messe? Mein lieber Meister, daraus dürfen Sie mir die Antwort nicht verweigern."
„Ich mag vielen Frommen ähnlich sehen, Menschen, die nach außen riesig fromm tun, aber die im Herzensgründe doch Atheisten sind, wie Sie und ich."
And nun folgte eine Sturmflut boshafter Bemerkungen Über gewisse politische Persönlichkeiten, deren bekannteste (jeder weiß, wen ich meine) unserer Zeit eine neue Wiedergeburt der Gestalt des Tartüff von Molisre gegeben hat.
„Olein, nach all dem frage ich nicht," sagte Bianchon, „ich wollte bloß das eine wissen, was haben Sie hier getan, und aus welchem Grunde haben Sie diese Messe gestiftet?"
„Auf Ehre, mein lieber Freund, ich stehe mit einem Fuße im Grabe, weshalb sollte ich Ihnen die Anfänge meines Lebens verheimlichen?“
In diesem Augenblick befanden sich Bianchon und der große ORann in der Rue des Quatre vents, in einer der übelsten Gassen von Paris. Desplein stieg die sechs Treppen eines Gebäudes empor, bas einem spitzen Obelisken glich.
Das kleine Haustor ging auf einen langen, dunklen Flur, an dessen Ende eine Wendeltreppe begann. Sie war notdürftig durch Fenster erhellt, die auf den Lichthof gingen. Es war ein schimmliges Gebäude. Im Erdgeschoß hauste ein Möbeltrödler und in jedem Stockwerke schien eine andere Art Misere ihr Quartier aufgeschlagen zu haben, Desplein hob seine Arme mit einer Gebärde ungeheurer Wucht: „Zwei Jahre habe ich hier gewohnt."
„Ich weiß es, d'Arthez hat hier gewohnt, und ich selbst bin tvährend meiner frühen Jugend fast täglich hergekommen, wir nannten das Kabinett unter uns die „Bude der großen Männer", sagte Bianchon.
„Die Messe," antwortete Desplein, „die ich eben gehört habe, hängt sehr eng mit Ereignissen zusammen, die sich hier vollzogen haben. Das war zur Zeit, da ich hier wohnte, und zwar im selben Raum, wo auch d'Arthez gewohnt haben wird, und den Sie jetzt daran erkennen, daß vor seinem Fenster Wäsche an einer Leine flattert, und daß im Fensterrahmen-ein Blumentopf steht. Ich habe so wahnsinnig schwer im Anfang zu kämpfen gehabt, daß ich die Konkurrenz um die Palme des tiefsten Elends in Paris aufnehmen kann. Glauben Sie mir, lieber Bianchon, nichts ist mir erspart geblieben. Hunger, Durst, Geldmangel, keine Schuhe an den Füßen, keine Wäsche, am Leibe. Ich habe das Elend mit allen Härten mitgemacht, ich habe in der Bude der großen Männer, die ich jetzt mit Ihnen Wiedersehen will, ost genug auf meine erfrorenen Finger geblasen, ich habe da einen Winter lang geschuftet, daß mir der Schädel rauchte, aber im Ernst, ich sah den Atem vor meinem Munde erstarren, tote Sie es an Frosttagen bei Pferden sehen. Weiß ich es heute, woher ich die Kraft nahm, das alles zu überstehen? Ich war allein. Hilfe hatte ich von keiner Menschenseele zu erwarten, keinen Groschen, um Bücher anzuschaffen, noch auch um die Kosten meiner medizinischen Ausbildung zu decken. Ich hatte feiner. Freund, denn meine Wesensart, düster, zu Zornesaus- l>röchen nur zu sehr geneigt, unruhig und innerlich zerrissen, hielt jeden Freund von mir fern. Kein Mensch wollte durch den Schleier meiner schlechten Launen und trüben Stimmungen meine übermenschliche Anspannung erkennen, deren ich bedurfte, um mich aus der Tiefe der Gesellschaft auf ihre Höhe emporzu- robotien. And so hatte ich. Ihnen kann ich's sagen, vor dem ich kein Mäntelchen umzuhängen brauche, ich hatte doch in meiner
Seele den guten Antergrund warmer menschlicher Empfindungen, die zu einem Mann gehören, stark genug, einen Gipfel zu ersteigen, nachdem er. lange genug in den Riederungen der Misere umhergetappt ist. Ich hatte keine Stütze in meiner Familie, noch auch in meiner Heimat, es sei denn das minimale Monats« geld, das man mir sandte. Zu dieser Zeit hatte ich morgewS nichts als ein kleines Brot, das der Bäcker an der Ecke mir billiger abließ, da es altbacken war, und ich versüßte es mir mit einem Tropfen Milch So kostete mich mein Mittagessen nur zehn Centimes. Abendbrot gab's für mich nur jeden zweiten Tag in einer Pension, wo man sechzehn Sous zahlte. Ich gab also im ganzen nur neun Sous täglich aus. Sie können sich wohl selbst denken, welche Sorgfalt ich auf Kleider und Schuhe verwenden konnte.
Ich weiß nicht, ob im späteren Leben die Riederfracht eine- lieben Kollegen uns so zu Herzen geht, wie damals, wenn unS, Ihnen wie mit, die Schuhe wie ein grinsender Mund auSeiw andergingen, ober wenn man das ominöse Krachen hörte, daS ein Aeberrock von sich gibt, sobald die Aermelnähte platzen. Ich trank nur Wasser, den Cafes wich ich in weitern Boden aus. Zoppi erschien wie das gelobte Land, das nur die Lukullusse der Stubententoelt erreichen.
Bring ich's wohl jemals dazu, dachte ich bisweilen, hier ein Glas Milchkaffee zu trinken, eine Partie Domino zu fbieten? Aber in meiner Mühe und Arbeit setzte ich meine ganze Wut als Wertzeug ein, den ganzen Groll, den mir mein Glend verursachte. Ich wollte alles Wissen erwerben, bas einer gewinnen kann, um alle Macht in ungeheurer Konzentratton in meiner Hand zu sammeln. Ich mußte den Platz oben verdienen. Erreichen würde ich ihn, bas wußte ich sobald ich nur erst einmal aus dem namenlosen Dunkel aufgetaucht. Mich kostete das Oel meiner Lampe mehr als mein Brot. Der Kampf war lang, zäh, ohne Milderung und Pause. Sympathie habe ich mir zu erwerben nie verstanden. Wer Freunde haben will, muß sich mit jungen Menschen gemein machen, man muß auch ein paar Groschen im Sack haben, um mit ihnen einmal einen Tropfen zechen zu können und mit ihnen sich dort zu treffen, wo es Studenten gibt. Ich hatte nichts. Weiß man das noch in Paris, baß nichts eben nichts ist? Sollte ich gelegentlich meine Misere enthüllen, da spürte ich im Halse ein krampfhaftes Würgen, meine Kehle zog sich zusammen mit einem unbeschreiblichen Gefühl, das unsere Kranken kennen, wenn sie glauben, daß eine Kugel aus der Speiseröhre sich erstickend ihnen über den Kehlkopf legt.
Ich bin später Menschen begegnet, die nicht einen Heller ihr eigen nannten und doch alles hatten, und für die die alt» berühmte Regel nicht gilt: „Ein junger Mensch verhält sich zum Verbrechen, so tote ein Fünffrankstück sich verhält zu T". Die dummen Glückshänse sagten zu mir: „Ach, warum machen Sie Schulden? Warum gehen Sie schwerwiegende Verpflichtungen ein?“ Sie kommen mir gerade so vor, tote die bekannte Prinzessin, die wußte, baß das Volk vor Hunger krepierte. Da tat sie die Frage: Aber weshalb kaufen Sie sich denn keinen Zwieback? Ich sage Ihnen, ich möchte zu gerne einen von den Reichen, die sich über die hohen Honorare für Operationen aufregen, ich möchte einen solchen Menschen allein in Paris sehen, ohne Geld noch Gut, ohne Freunde, ohne Kredit, und gezwungen, mit feinen fünf Fingern sich das Brot zum täglichen Geben verdien em Was wird er beginnen? Wie wird er feinen Hunger stillen? Bianchon, Sie haben mich sicherlich manchesmal hart und verbittert gesehen, aber das war nur der bittere Nachgeschmack meiner alten Leiden. Ich habe die eiskalte Gleichgültigkeit der Welt, den brutalen Egoismus der Menschen, besonders in der hohen Gesellschaft, zu sehr aus der Rähe gesehen. Kann ich plötzlich alle die Hindernisse vergessen, die mir der Haß, bet Reid, die Eifersucht und die Verleumdung in den Weg gelegt haben, um sich zwischen mich und meinen Erfolg zu stellen? In Paris ist es nicht anders: Sehen die Leute, daß ich einen Fuß im Steigbügel habe, bann wollen mich die einen an den Aufschlägen des Aermels herabzerren, die andern lösen dem Pferde tückisch die Schnalle am Bauchgurt, damit ich stürzen und das Genick brechen soll. Der eine will die Hufeisen ab reißen, der andere mir die Peitsche stehlen. And der aufrichtigste ist noch der, der seine Pistole auf mich abschießt wie auf ein gutes „bewegtes Ziel". Sie haben so viel Talent, mein liebes Kind, nur zu bald werden Sie mitten in dem furchtbaren Kampfe stehen, er endet nie, denn immer ist die Mittelmäßigkeit der Feind des Genies. Verlieren Sie einmal fünfundzwanzig Goldstücke. schon am nächsten Tage schreit man Sie als Spieler aus und Ihre besten Freunde erzählen, Sie hätten Fünfundzwanzig« taufenb im Hasard verloren. Klagen Sie über Kopfschmerzen, und man sagt, Sie leiden an Gehirnerweichung. Gestatten Sie sich ein schnelles Wort, und man sagt, Sie seien der ärgste Störenfried und Rörgler. Wenn Sie' gegen dies Heer von Zwergen Ihre Kräfte sammeln, dann schreien Ihre liebsten Freunde: Seht nur, wie er alles verschlingen will, er hat den Größenwahn, zu herrschen und alles unter feine Ferse zu treten. Was an Ihnen gut ist, wird Ihnen als Fehler angerechnet,
(Schluß- folgt.)
edjnftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Aniv.-Buch- und Steinbruderei, R. Lange, Gießen.


