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liegen nicht ft> weihevoll abgeschlossen wie tn Girgentt. Sie find auch viel zu viel überlaufen, als daß ihnen ein feierliches Gnt- rücktsein verbleiben könnte.
WS wir zum griechischen Theater fuhren, war es heißer Mittag. Der Staub der Straße hing sich uns an die schwitzenden Stirnen. Die Lust brütete regungslos und sog am Grün der Erde. Männer zogen mit großen Hellen Sonnenschirme ihres Wegs, der ohne diesen. Schutz unpassierbar wäre. Das Theater, welches wahrscheinlich von Hieron I. in der Mitte des S. vorchristlichen Jahrhunderts erbaut wurde, steht ganz im leisen Echo der Tragödie, im Echo einer Szene, eines unsterblichen Worts. Die Schlichtheit der Form gibt dem Schauplatz Würde und Große. Durch die neunmalige 'Zerlegung des Zuschauerteils ist ein bezwingender Ausdruck erreicht, den selbst Roms zivillsatorrsches Trachten nur abschwächen, aber nie verstärken konnte. Unten, wo einst der Chor Szene mit Szene verband, steht die Hitze wie ein silberhauchender kleiner See. Unter den steinernen Banken der Zuschauer wuchern fremde grüne Pflanzen hervor. Ei^chsen kommen aus verwitterten Spalten und jagen wie zarte Schatten die Reihen entlang. Sie sind wie wartende Zuschauer, doch Chöre und Schauspieler sind längst abgetreten.
Das römische Amphitheater ist eine zivilisatorische Angelegenheit und hat nichts mit der Geistigkeit griechischen Theaterbaus zu tun. Unten in der Arena sind zwei Löcher, aus denen .die ausgehungerten Löwen einst blutwitternd hervorbrachen. Auf der Gegenfeite ist das Gingangstor für die Gladiatoren, auf die das Los des Kampfes gefallen war. Sa, es gibt noch mehr zu sehen hier, und manchem Besucher wird dieses Theater vielleicht besser gefallen als das griechische. Da ist z. B. ein großes Bassin neben dem Theater, das durch eine Wasserleitung mit der Arena verbunden war. Wenn auf dem Kampfplatz Tier- und Menschenblut zu einem schwarzen Schlamm zusammenrann und widerlich stank, wenn die fetten Römer droben mit gierigem Atem eben das letzte Zucken eines besiegten Sklaven wahrgenommen hatten, öffnete man die Wasserleitung und schickte das reinigende Element in die Arena, das dann alles Blut in sich auflöste und abgeschlagene Glieder sanft zum Meere trug. — Mich ekelte, als ich noch einmal in diese Frevelgrube der Römer hinabblickte, vor diesem Volk, bei dem das Recht so dicht neben dem Unrecht lag. Mich ekelte vor allen Dingen vor diesem Weltreich, das mit der Geste des Parvenüs die griechische Kultur erschachern wollte.
Durch die Latomia del Paradiso gelangt man zu dem berühmten Ohr des Dionys, das bekanntlich als Gefängnisraum gedient haben soll. Die in den Stein eingehauene Halle ist so gebaut, daß sie den schwächsten Laut in gleicher Stärks im ganzen Raum verteilt. Oben befindet sich eine kleine Oeff- mtng, durch die man jedes Wort, das unten von den Gefangenen gesprochen oder geflüstert wurde, bequem belauschen konnte. Die Latomien sind ehemalige Steinbrüche, die früher als Kerker benutzt wurden und in denen die versklavten Kriegsgefangenen furchtbare Arbeiten verrichten mußten. Hier war es auch, wo die 7000 athenischen Krieger wie ein einziger Klagelaut vergingen. Heute bilden die Latomien die lebendigen Glanzpunkte der Stadt. Reichster Pflanzenfchmuck steht von blütenberankten Felsen eingeschlossen, denn auf dem Grunde der Steinbrüche sammelte sich die ganze Feuchtigkeit der Umgebung und trieb von Jahr zu Jahr reicheres grünes Leben empor.
Ws wir die Katakomben von San Giovanni besuchten, öffnete uns ein Deutscher die Tür, der im Kloster der Franziskaner als Gärtner angestellt war. Es war einer von jenen Menschen, die vor lauter Sehnsucht nie zum Ziele kommen, die den Ekel vor der Materie in sich tragen und keine Lust haben, sie für sich gefügig zu machen. Solche Menschen „kommen nie zu etwas". Sie sind die Stillen, denen die Grundlinien der Erkenntnis genügen, um ihr Leben aus- und hinüberzudauern. Dieser Deutsche führte uns hinab in die Katakomben von San Giovanni, welche die größten christlichen Begräbnisstätten sind, bevor die neue Religion zur Staatsreligion erhoben wurde. Dies ich sehr wohl verständlich, zumal Paulus auf seiner Reise nach Rom drei Tage in Syrakus weilte und durch die Straft seines Wortes erfolgreich unter den Syrakusanern warb. Die Gräber, die alle in Stein gehauen worden sind, wurden durch die Araber aufgebrochen und zerstört. Und so stehen die langen Gänge im Schmuck einer Zufallsarchitektur. Kindergräber wechseln mit Gräbern Erwachsener, manchmal noch einige Stücke Mosaik am Rande zeigend. Jeder kleine Platz ist ausgenützt, um die ganze Wand zu einem Wall des Todes zu machen. Manchmal münden zwei Gänge in einer rotundenförmigen Kapelle, die durch eine kleine Oeffnung in der Mitte der Wölbung spärliches Oberlicht empfängt. Hier versammelten sich die Christen des Anfangs, deren Glaube sich siegreich über einem Martyrium von Verfolgungen wiegte. Hier war der Magmaherd neuer ethischer Triebkräfte, unter deren zwingender Gewalt das Römerreich auseinanderbröckelte. Am Ende eines Katakombenschachtes lag ein Hausen alter Gebeine, die sich in den Felsgräbern gut konserviert hatten. Rachdenklich hob ich einige Schädel auf und bewunderte an ihnen die schöne Wölbung, die Religiosität und starke ethische Kraft verriet. Wie brüchiges Pergament lagen einige Kinderschädel dazwischen. Ich konnte diese zarten Gebilde nur tiefbewegt tn Händen halten.
Die Krypta des heisigen Märcian liegt neben den Katakomben. Hier steht auf dem Mar ein breites hölzernes Kreuz,
Die Messe des Gottlosen,
Von
Dianchon wollte
Honvre de Balzac.
(Fortsetzung.)
auch nur den Schein vermeiden, als des ersten Chirurgen des Hotel-Dieu aus,
auf das die Gestalt Christi gemalt, ist. Dies Drechen des Gesichts war 16. Jahrhundert, war Renaissance und Mittel- alter zugleich. Ich ahnte auf einmal Meister Grünewald, den großen Anonymen, den Deter in den frömmsten deutschen Farben.
diesen Tag Desplein zu einem Diner im Restaurant eingelade» hatte. Zwischen Dessert und Käse kam Dianchon nach sehr geschickten Vorbereitungen auf die Messe zu sprechen, die er als eitlen Mummenschanz hinstellte.
„Ein kleiner Scherz, ja" sagte Desplein, „der aber mehr Mut der Christenwelt gekostet hat, als alle mörderischen Schlachten Napoleons und alle blutgierigen Blutegel des famosen Droussais. Die Messe ist eine Erfindung der Päpste, die bestenfalls ins sechste Jahrhundert zurückgeht, und die man auf dem alten Spruch „Hoc est corpus" aufgebaut hat. Mit welchen unermeßlichen Strömen Blut hat man das Fronleichnamsfest bezahlt, nur damit die Kirche mit dieser Einrichtung ihren Sieg dokumentieren konnte, den sie in den Fragen des Dogmas von der Allgegenwart Gottes errungen hat. Und dabei hat dieser Glaubenssatz^nicht weniger als drei Jahrhunderte lang den Frieden der Kirche gestört. Alle Kämpfe zwischen den Grafen von Toulouse und den Albigensern sind die natürliche Folge dieses Schismas. Die Waldenser und die Albigenser hatten sich dagegen gewehrt, die Reuerung anzuerkennen, und mit Recht."
Und jetzt machte sich Desplein mit feiner ganzen Freud« und seinem ganzen Temperament des Gottesleugners daran, eine Mlle von Voltaireschem Spott und Hohn über die Dogmen auszuschütten, oder, um es deutlicher zu sagen, er reihte eine Parodie der heiligen Worte an die andere.
„Ist es möglich" dachte Dianchon, „wo bleibt der fromme Deter von heute morgen?"
Er'schwieg, er zweifelte jetzt daran, ob er wirkliche Desplein in dem Gotteshaus gesehen hatte. Denn 'Desplein hätte sich gar nicht die Mühe nehmen müssen, DiaMon gegenüber zu lügen, dazu kannten sie einander zu gut, hatten auch über ebenso schwerwiegende Materien oft ihre Ansichten ausgetauscht, ganze Systeme des Weltaufbaus durchdacht und durchgesprochen, hatten an alles die Sonde ihrer Vermmft gelegt oder das Seziermesser ihres: „Ich glaube nicht!"
Drei Monate vergingen so. Dianchon gab der Sache fein besonderes Gewicht, obwohl die Erinnerung eingeprägt blieb. Run kam eines Tages in diesem Jahr ein Professor der Universität zu Desplein, nahm, in Gegenwart von Dianchon, Despleins Arm und fragte: . ,
Was hatten Sie denn in Saint-Sulpice vor, mein lieber Meister?" , <
Ich habe dort einen Priester zu' behandeln, der an Knochen- fraß des Knies leidet, und den mir die Frau Prinzessin von Angouleme sehr empfohlen hat" sagte Desplein.
Der Professor gab sich mit dieser Degründung zufrieden, nicht aber Manchon. „ . „ .
„Er will kranke Knie im Gotteshause sehen? Rein. Er war dort, um die Mesie zu hören," sagte der Assistent zu sich.
Manchon faßte nun den Plan, Desplein genau zu beobachten. Run erinnerte er sich deutliche des Tages und der Stunde, da er ihn über die Schwelle des Doms hatte treten sehen, und er nahm sich vor, im nächsten Jahre zur selben Stunde desselben Monats und Tages dort einzutreten, um ihn vielleicht mich einmal zu überraschen. In solchem Falle würde die regelmäßige Wiederkehr religiöser Anwandlungen eine wissenschaftliche Untersuchung lohnen, denn bei einem Wanne wie Desplein tonnte es keinen Widerspruch zwischen Gesinnung und Handlung geben.
Im Jahre danach,-zur selben Stunde desselben Tages, sah nun Dianchon, der zu jener Zeit nicht mehr Assistent bei Desplein war den Wagen des Chirurgen an der Ecke der Rue de Tournon und der Rue du Petit Lion halten, während sein Freund mit Den vorsichtigen Schritten einen Jesuiten die Mauern des Gotteshauses entlangfchlich m u
Dann hörte er die Messe wieder am Altäre der Mutter Gottes. Und es war Desplein! Chefchirurg, Gottesleugner in betto und frommer Beter durch Zufall. Die Mden t^rwirrten sich. Der Wiederholungsfall machte die ganze Verwicklung un- durchsichttg. Als Desplein sich erhoben hatte, nährte sich Manchon dem Sakristan, der die heiligen Geräte der Kapelle in Ordnung hielt und fragte ihn, ob der Herr ,der eben gegangen, oft
^Jch bin zwanzig Jahve hier," sagte der Kü^r, „und seit dieser Zett sehe ich viermal im Jahre Herrn Desptein zur Mesie erscheinen. Er hat sie gestiftet."
Er hat sie gestiftet! dachte Manchon voll Staunen, als er sich entfernte. Das ist ein Mysterium, ebensogut wie die unbefleckte Empfängnis, eine Angelegenheit, die, an sich betrachtet, jedem Mediziner als Wunder erscheinen muh.
spioniere er das Tun ,
deshalb ging er feiner Wege. Es traf sich zufällig, daß ihn für


