Ausgabe 
22.8.1925
 
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Gießener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, -en 22. August Nummer 67

Abend.

Don Nikolaus Lenau.

Zu seinem 75. Todestage am 22 August.

Der Nacht wind hat in den Bäumen Sein Rauschen eingestellt: Die Dögel sitzen und träumen Am Aste traut gesellt.

Die ferne schmächtige Quelle, Weil alles andere ruht.

Läßt hörbar nun Welle auf Welle Hinflüstern ihre Flut.

Lind wenn die Nähe verklungen, Dann kommen an die Reih Die leisen Erinnerungen.

Lind weinen fern vorbei.

Daß alles vorüberstrebe, Ist alt und allbekannt. Doch diese Wehmut, die herbe. Hat niemand noch gebannt.

Friedrich Stoltze.

Eine literarische Skizze von Dr. Karl Neurath.

War di« Lyrik der vierziger Jahre, von dem einen vielfach unterschätzten Grafen von Strachwitz abgesehen im wesentlichen liberal oder gar revolutionär gewesen, so galt jetzt Emanuel Geibel, derHofdichter" als der größte deutsche Dichter, min­destens aber als einziger, wirklich eigenartiger Lyriker, und die christlich-klerikalen Poeten, meist nur kleine Begabungen, fangen stillvergnügt und gottselig ihre Reime in die Welt/ Besonders bezeichnend für diese Zeit sind aber Scheffels Kneiplieder, denn sie sind nicht, wie meist wohl angenommen wird, ein Zeichen seiner überströmenden Burschenlust, seines seligen Studententums, son­dern eines verzweifelten Llmnutes, zähneknirschender Selbsibe- täubung, aber man muß doch Theobald Ziegler beipflichten, wenn er in seinem großen Werk Die geistigen und sozialen Strömungen im 19. und 20. Jahrhundert (S. 255 ff.) meint, daß an diesem Ersaufen einer ideallosen Skepsis in Wein damals doch recht viele auch ihre Freude hatten. Doch haben diese Lieder trotzdem noch einen viel größeren poetischen Wert, als die einstmals hochgefeierte Amaranth mit ihrer süßlichen, ver­waschenen Spätromantik, der auch Otto Roquettes Waldmeister und Scheffels Trompeter von Säkkingen zu einem Teil noch an­gehören. Gerade Scheffels Trompeter ist in seinem unkünstlerischen, konventionellen Schluß ein unverkennbares Zeichen für diekon­trarevolutionäre Tendenz" der Zeit, di« wir noch zwanzig Jahre später in WebersDreizehnlinden" Wiedererstehen sehen.

Mitten im Getriebe dieser armen, weltfcheuen Zeit aber stand ein Mann, der zu den gefeiertsten Dichtern des rheinfränkischen Gebietes gehört, stand Friedrich Stoltze, der große Demokrat und Freiheitsmann, der in feinen Dichtungen wie kein anderer das Wesen und Wollen seiner Mitbürger getroffen hat. In allem, was dieser rastlos tätige Dichter im Laufe eines langen Lebens geschrieben hat, schlägt das unermüdliche, warm« Herz eines wahrhaft guten Menschen, der sich durch Leid und Rot zu einer Humanität. emporgeläutert hatte und von dieser hohen Warte aus alles mit seinem köstlichen, unverfieglichen Humor verklärte. Wie Hans Sachsen hatte auch ihn die Muse berufen,fein Sach schwankhaft dem Volk vorzutragen."

Friedrich Stolze war am 21. November 1816 zu Frankfurt a. M. als Sohn eines zugewanderten Gastwirtes geboren. Er erhielt eine vorzügliche, für seine damaligen Verhältnisse un­gewöhnliche Erziehung, die eine Zeitlang auch, von Dr. Textvr, dem als Verfasser des Prorektor bekannten Neffen Goethes ge­leitet wurde. Der sonderliche Mann führte ihn auch, ernsthaft in das Studium der Franffurter Mundart ein, indem er ihm. wie Prölß in seinem bedeutsamen BucheFriedrich Stoltze und Frankfurt a. M." erzählt, eine kleine Grammatik und ein Wörter­buch anlegte. Sogar bei seinen ersten poetischen Versuchen unter­stützte ihn der vorbildliche Lehrer, der ihn auch, zu mundartlichen Dichtungen anregte. So entstand bereits 1831 das erste Dialekt­gedicht StolhesDer verliebte junge Altegässer".

Nach dem Willen seines Vaters sollte Stoltze Kaufmann werden, wozu er aber wenig Lust bezeigte. Seine Verse hatten schon die Aufmerksamkeit von Marianne von Willemer erregt, in deren Haus« das Geschäft seines Lehrherrn war, und sie gab

ihm den Rat, einfach aus der Lehre wegzulaufen. Da starb sein Vater, dessen GasthausZum Rebstock" jahrelang ein Sammel- platz derDemagogen" gewesen war, im November 1833, und Stoltze ging nun zunächst auf Reisen. Im Jahre 1841 gab er ein Bändchen hochdeutscher Gedichte heraus, das einen reichen, hochgebildeten Frankfurter Handelsherrn auf ihn aufmerksam machte. Dieser übertrug ihm zunächst ein« Hauslehrerstelle und schichte ihn dann zu Fröbel nach Thüringen, damit er dort das System der Kindergärten studiere. Aber alles das sagte ihm nicht zu, und nach mehrfachen Versuchen, ein eigenes Blatt in Frankfurt zu gründen, wurde er Mitarbeiter an dem Hader- mannschen Dolksfreund. Von 1852 an gab er, angeregt durch feine Frau,Die Krebbelzeitung" heraus, die in Frankfurter Mundart di« Tagesereignisse besprach und die Zustände Frank­furts und der Nachbarstaaten kritisch beleuchtete, wie es vorher nur von denBütten" der Karnevalveveine aus üblich war. Im Jahre 1860 begründete er zusammen mit dein Maler Schalck die dem Kladderadatsch nachgebildete Frankfurter Catern. Hier tote dort waren stehende, aus Lokalstücken entlehnte Figuren die Hauptanziehungspunkte. Rach dem Einzug der Preußen mußte die Frankfurter Latern ihr Erscheinen einstellen; alles, was in Schriftleitung .und Druckerei vorhanden war, wurde eingezogen, darunter sämtliche älteren Jahrgänge, ©eine Sprach« war den Herren aus dem Norden gar zu frei gewesen. Erst 1872 erschien das Blatt wieder und brachte bis zu Stoltzes Tod zahlreiche treffliche Beiträge aus seiner Feder. Heute noch, sind sie nicht alle gesammelt erschienen.

Als Friedrich Stoltze am 28. März 1891 nach langem Leiden verschied, starb trotz Goethe Frankfurts volkstümlichster Dichter.

Stolhes Bedeutung liegt zunächst in feinen hochdeutschen Ge- ' dichten, die mit den Poesien Freiligraths, Hoffmanns von Fal­lersleben, Herweghs auf einer Stufe stehen. Auch der Einfluß Berangers, der er in Paris kennengelernt hatte, und Victor Hu­gos ist unverkennbar, namentlich in der Landschaftsschilderung. Große Schöpfungen gelangen ihm nicht, wie fein RomanPolen und Studenten" beweist, und auch in seinen Erzählungen ist er oft recht weitschweifig und zerfahren. Dagegen ist er ein Meister in der Kleinarbeit, der sorgsälttgen Detailmalerei, in der scharfen Charakteristik und in der Feinheit der psychologischen Begrün­dung. Dies« Vorzüge zeigen sich vor allem in seinen humoristischen und feinen mundartlichen Schöpfungen. Auf diesen beruht seine eigentliche Bedeutung. Wie feine zahlreichen Briefkastenantworten in der Catern beweisen, war er ein genauer Kenner des Frank­furter Dialektes, und die merkwüMge Tatsache, daß er ihn nicht immer richttg verwandte, läßt sich nur daraus erklären, daß er ihm nichts anderes, war, als ein Stilmittel. Das hat man nicht stets erkannt, denn in den Nekrologen und Gedenkblättern ist feine Bedeutung für die Frankfurter Mmckart meist völlig überschätzt. Neben den lyrischen Stimmungen nehmen die humoristischen und komischen Gedichte, deren Stoffe ihm meist der Tag znbrachte, einen viel breiteren Raum ein. Er griff mit scharfem Blick für das Wirksame vielfach auf die alten volkstümlichen Formen der Schauerballade und der Monologe des Kasperltheaters zurück, deren Wesen er völlig erfaßt hatte. Daneben schöpft er aus dem reichen Dorn der mundartlichen Redewendungen und Floskeln, die der Stammeseigenart zufolge alle mehr oder weniger witzig, schlagferttg und treffend sind. Daher kommt es denn auch, daß wir bet den verschiedensten Mundartdichtern des rheinfränkischen Gebietes immer wieder di« gleichen Bilder, Wendungen, For­meln und Vergleiche finden, und daß ihr bester und reinster Humor der Humor der Straße ist. Die kleinen Szenen von Cangenschwarz find oft nichts anderes als eine gescheite An­einanderreihung solcher Formeln, und die Fastnachtsdichter ziehen ebenfalls ihre beste Kraft daraus.

Die Heimat trägt und nährt sie alle; darum finden wir auch die große Anhänglichkeit zur heimatlichen Scholle, die sich oft recht amnaßlich äußert.

Die Hauptursache seiner Erfolge liegt bei Stoltze, wie bei Reuter, in den polittschen Zeitumständen. Im Jahre 1848 folgte als Rückschlag auf das Streben inS Allgemeine nun eine Ein­wendung zum Besvndern, womit ein Aufblühen der mundart­lichen Dichtungen notwendigerweise verknüpft war. Im Gegensatz zu der rhetorischen Lyrik, die von polittschen Idealen fang, ge­langte in der Literatur der Sinn für die besondere Wirklichkeit, für das Volkstümliche zur Herrschaft. Auerbach, Gutzkow, Freh- tag, Scheffel. Keller, Otto Ludwig, Schücking, Storm, Spielhagen errangen ihre ersten Erfolge mit landschaftlich bestimmten, stän­disch begrenzten Werken. Hebel, Grübel. Bitzius, Kobell, Waltz, Sauerwein und andere Dialektdichter wurden wieder an» Licht