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Fragte er nach
mir?"
hin,
Der-
drei
Schrittleitung: Dr. TrieSr. Wilh. Lange. — Sruct und Verlag der BrLhl'schen Ailiv-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Dietzen,
für sie beide. Aber immer wieder horchte sie nach Rita die sich unruhig bewegte.
„$>ora,“ rief eine verschleierte Stimme herüber, »ist er heiratet, Dora?"
„Jean Paul? Natürlich, du weiht es ja, Bon feinen Kindern hat er uns erzählt, der älteste heißt Max."
.Fragte er? Ja, weiht du, das habe ich vergessen Müde macht so ein Dichter, müde! Man muh so gespannt hinhören." Sie reckte sich behaglich und steckte ihr Haar linkisch unter die Schlafhaube. „Aber eine Vorlesung hat er mir versprochen, in Tannenfeld auf der Freitreppe. Denke, Painfch iht er nicht. Wir wollen kalte Obstsuppe in der Tasse geben, Mama hat mir's versprochen. Was. du schon fertig? Ich bring's nicht zuwege ohne die Zofe. Nun hat sich das Band wieder verknotet."
„Wart, ich helfe dir."
„Bleib, es geht schon. Also den Steinberg nimmst du nicht? Schade, ich hatte mich schon auf die Hochzeit gefreut. Aber verstehen kann ich dich, er ist so klapperdürr." Sie hatte sich auf Ritas Bett gesetzt und streichelte ihre roten Locken. „Nicht wahr, ,du läufst nicht mehr fort?"
„Nein, Dora, jetzt ist's nicht mehr nötig. Gr ist da, meinet» wegen ist er gekommen."
„Ach was, das glaubst du selbst nicht."
„Ich weih es bestimmt. Gute Nacht, Dora."
„Hast du schon gebetet?"
„Nein, Herz, heute nicht, heute steht jemand zwischen Gott und mir. Erschrick nicht, Gott selbst hat ihn geschickt. Küsse mich, Dora."
„Rita, Nita, du erstickst mich!"
„So, jetzt lösche das Licht." Nun war es dunkel. Dora betete
„Mer Baron..Offenbar unangenehm berührt von dem Eindruck, den ihr Schützling machen muhte, schnitt ihm Wilhelmine das Wort ab. „Erzählen sollen Sie nachher, jetzt wollen wir auch essen. Anrichten, geschwind!" Die Gesellschaft hatte sich zwanglos an kleine Tische verteilt, jetzt flogen die Damen auf Jean Paul zu: Bitte hier, bitte Schokolade, Limonade! Eine Tasse Tee gefällig?
„Halt, halt," wehrte Wilhelmine ab. „Herr Richter soll erfahren, das; er in einem kurischen Hause iht. Zuerst Likör. Kurischer Kümmel, was meinen Sie?"
„Ein Glas Geraeer Doppelbier wär' mir lieber."
„Dairn wenigstens einen Kümmelkuchen dazu, nach altem Mitauer Rezept. Auch nicht? Nun dann wenigstens Pansch. Das müssen Sie probieren."
„Pansch, was ist das?" Erstaunt sah er. wie an allen Tischen zierliche Frauenhände rührten und mischten. Er kennt nicht P ansch! Schelmische, verwunderte Augen lachten ihn an.
„Kinder, ihr quält unfern Gast und hungrig bleibt er noch immer," mahnte die Herzogin.
„Dein, Durchlaucht-Mama, das muß jeder durchmachen. Löbichau hat seine Gesetze wie jeder andere Staat. Hat sich Herr Richter an unseren breiten Akzent gewöhnt. Pansch folgt gleich hinterher. Sehen Sie. das macht man so. Zuerst Kartoffeln und Butter hübsch geknetet. Dora, den Senf! Bitte, Baron, reichen Sie mir ein weiches Ei. Langsam, langsam, Sie zerbrechen es! So. nun ist der Pansch fertig." Mit allerliebster Geschäftigkeit hatte sie die Spitzenmanschetten aufgestreist. eine Serviette vorgesteckt und den Teller gefüllt. Anmutig schob sie ihn Jean Paul zu. Aller Augen sahen gespannt hin. „Nun. wie schmeckt eS?“ — „Schauderhaft," sagte er aufrichtig. Wilhelmine schüttelte sich vor Lachen und Dora belehrte altklug: „Kein Wim der. Pansch schmeckt nur, wenn man ihn selbst bereitet."
Damit erreichte die Ausgelassenheit ihren Höhepunkt und der große Dichter muhte immer wieder verwundert Amschau halten. Rings sah das lustige Völkchen und ah seinen Pansch den man aber selbst bereiten muhte.
in.
Lieber eine neue Bekanntschaft Nachdenken mutz der Mensch in horizontaler Lage. Das taten auch die Löbichauer in ihren Betten/ nachdem sie ihren Dichter mit einer Art Fackeltanz hinaufgeleitet und er ihnen gewünscht, dah jeder schöne Engel einen holden Traum auf sie herunterfallen lasse. Datz er doch eiae t"ch wie ein anderer Mensch gegessen, geredet und gelacht hatte, fiel keinem ein. Jean Paul war etwas Apartes, worüber man Nachdenken mutzte und noch lange nicht das Licht auslöschen durste
„Zufrieden bin ich nur, dah er da ist, sagte Dorothea zu ihrer Äeltesten. — „And warum?"
„Dun, ich meine, aus dem Gesicht läßt sich etwas heraus- buchstabieven, nicht wie zum Beispiel bei Baron Otto, den man gleich beim ersten Blick auswendig kennt."
Im Toilettenzimmer der Herzogin sahen sie unter dem Bilde Herzog Peters, die Mutter auf dem Kanapee, auf einem niedrigen Taburett die Tochter, beide in weihe faltige Schlafmäntel gehüllt.
Wie an jedem Abend blätterte Dorothea im Gesai^buch und wollte eben mit einem Lutherliede beginnen, als Wilhelmine leicht die Hand darauf legte: „Doch nicht, Durchlaucht-Mama, heute geht eS nicht, ich werde zerstreut sein. Was halten Sie von Rita?".
„Aeberschlaf'S, Kind, und frag' morgen an.“
„Dein, es mutz ein Ende nehmen. Das Mädchen wird mir unheimlich mit diesem stillen, märchenhaften Blick. Mein Gott, wozu anders ist denn ein Mädchen da, als um verheiratet zu werden. Da ist ein Freier, vom Adel, jung, reich, er spielt auf Heute abend an. Ich spiele weiter an — verschwunden ist sie. Jean Paul kommt, der Sänger ihrer Seele, wie man mit sechzehn Jahren zu sagen beliebt. Dun, denke ich, toirb sie wieder einmal lustig sein. Sie hat Kopfschmerzen. Wozu ein junges Mädchen Kopfschmerzen haben mutz, begreif's, wer's kann. Ich habe nie Kopfschmerzen gehabt, daher soll sie morgen Braut sein.
„And wird sie glücklich werden, Helmy?"
„Glücklich!" Sie zuckte leichtfertig mit den weihen Schultern, neigte den prachtvollen Kopf seitwärts und zog langsam einen Elfenbeinkamm aus ihrem Haar. In langen weichen Ringen wallte es herab. „Wer kann's wissen? Man mutz Courage zum Hasardspiel mitbringen. Ich weih, was Sie sägen wollen. Dah ich schon zweimal hasardiert und zweimal verspielt habe, Din ich darum unglücklich? Die Ehe ist kein Zuchthaus mit Gittern vor dem Fenster. And dah Ehen lm Himmel geschlossen werden, für Kurland mag'8 gelten, für Deutschland wohl nur damals, als der Grotzvater die Grohmutter nahm. Hat man eine Dummheit gemacht, so habe man auch den Mut, sie zu bekennen. Sie sollen sehen, ich versuche es noch zum drittenmal trotz alledem." Die Herzogin rückte unangenehm berührt an ihrem Mullhäubchen, das ihr so gut zu Gesicht stand: „And so spricht meine älteste, meine kluge Tochter?"
„Weißt du, waS ich möchte, Dors? Aber sag'S nicht weiter." Eine Pause folgte, dann klang es gepreßt mit verhaltener Leidenschaft: „Mutter eines feiner Kinder möchte ich sein. Wie wollte ich's herzen und pflegen."
„Pfui, das ist garstig! Gr schwitzte so stark." Ein dmichfer Seufzer antwortete. Dora fielen die Augen zu...
(Fortsetzung folgt.)
„Die auch schon eine große Tochter hat", parierte Wilhelmine mutwillig. „Was will ich denn anders als ihr Glück? Das Mädchen hat Temperament wie ich. Sie glauben nicht, wie leidenschaftlich Rita fühlen kann — wie ich. Dur leider ist sie immer abstrakt, ich immer konkret."
„Meinst du? Solch eine sechzehnjährige Phantasie schafft sich schnell ein lebendes Ideal, sie nimmt das Bild für den Künstler, identifiziert den Dichter mit seinen Werken."
„Rita? Anmöglich im Ernst, ich bitte Sie, Durchlaucht- Mama ..."
„Wer weiß, wer weiß. Mädchenträume in diesen Jahren sind sehr eigensinnig. Darum habe ich dorgesorgt, darum unter! andern ist Jean Paul hier." Wilhelmine legte ihre runden Arme auf der Mutter Schoß und den Kopf lachend darauf:
„Als Vogelscheuche, haha, das ist drollig!"
„Kind, mach' deine Mutter nicht schlechter, als sie ist Rita soll nur vergleichen, soll den Anterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit erkennen."
»Hoffentlich gründlich Es ist wahr, Jean Paul blendet, reizt, aber für ihn schwärmen, für Augen hinter Brillengläsern, hu! Dun, wir wollen sehen, ob Ihre Theorie weiter kommt als meine Praxis. Ich werde mein möglichstes tun."
„Nur keine Aebereilung, Helmy. Vergiß nicht, bah du mit dem verarmten Mädchen Pflichten übernahmst"
„Seien Sie unbesorgt. Fürs erste nur ein unschuldiges Spiel. Ein Theaterfpiel, er der Held, sie die Heldtn unter meiner Regie. Da mögen sie Proben nach Herzenslust And Jean Paul muß mitspielen, so lösche ich den Präriebrand durch ein Gegenfeuer. Dun, Mama, wollen wir lesen."
Ob Rita ahnte, datz man eben etwas summarisch ihre Zukunft besprach! Neben dem fletnen Kabinett, das sie mit Dora teilen sollte, waren zwei Komtessen, drei Freifräuletn und eine „Bon" einquartiert, deren Kichern und Trippeln nicht enden wollte. Eben flog ein Stiefelchen an ihre Tür. Aber das störte sie nicht. Sie kniete in leichter Nachttoilette am Bett, die heiße Stirn ins Kissen gedrückt, und lauschte den schweren Männertritten unter ihr. Dort hatte Er fein Logis. Jetzt wird Er den Zettel am Kranz finden, ihn lesen und sie verachten. Nein, nur das nicht! Leidenschaftlich bitz sie die Zähne zusammen.
Dora trat leise ein, indem sie den achbarinnen noch einen Scherz hinausrief. Strahlend richtete Rita sich auf: „Dora, Er ist da?"
„Wer? Am Gott, wie du erschrecken kannst."
Rita flog stürmisch an ihren Hals: „Kein Gespenst, liebes Herz. Er dort unten."
„Ja so." Dora knöpfte gähnend ihr Kleid vor dem Spiegel auf. „Schade, daß du uns nicht tanzen sahst Er ist recht unterhaltend."


