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was der weihe vchnauzbart im Bavariapark nie für möglich gehalten hätte: die Parkivege wurden von den unternehmungslustigsten Jungenfüßen strikte eingehaltsn und keine Papierfetzen umhergestveut. Man hatte feinen Frieden mit dem Mann von Gravelotte geschlossen und ging mit dem abenteuerlichen Plane um, den Schnauzbärtigen zum heimlichen Kaiser des neuen Weltreiches zu bestellen.
Freilich lag bei so diel Jungenbravheit die Gefahr des Rostens nahe. Schon war der und jener von der alten Garde vor der Zeit in die öden Büffelherden eingeschwenkt, di« ihren ganzen Ehrgeiz in blödsinnig guten Zensuren erschöpfen zu müssen glaubten. ,. „
Um diesen Alterserscheinungen zu begegnen, wurden alle Mittwoch und Samstag Expeditionen an die Reichsgrenzen unternommen, um in Uebungskämpfen mit den dortigen Barbarenstämmen das ruhmreiche Schwert der Landsbergerstrahler scharf und blank zu halten. Allzu blutig wurden diese Kämpfe nicht. Denn int Ernst und auf die Dauer konnte kein noch so wilder Stamm den Landsbergerstrahlern widerstehen. Richt einmal die halbwilden Daiserstrahler, die ihren Gegner ein für allemal in die Dauchgegend zu boxen pflegten.
.Und endlich kam die große Zeit heran, wo es für die Lanos- bergerstrahler nichts mehr zu unterwerfen gab. Wo sie nur mehr Uebungskämpse unter sich selber abhalten konnten, um mit &er Zeit ihrer Väter noch in Fühlung zu bleiben. Ich habe duvch die Beziehungen meines Söhnchens als neutraler Militärattache einem solchen Kampfabschnitt von einer Alleebank aus beigewohnt.
DaS Kampfgetöse war nur mäßig, der Kanrpfausgang der gewohnte: Die Landsbergerstrahler siegten. Man ging ans Ein- sammeln der Leichen. Zu dem Zwecke fuhr man einen richtigen großen Dienstmannskarren herum, den der Leininger Emil stiften konnte, weil ihn sein Vater, der Dienstmann Leininger, nicht gut in den Kampf nach Polen hatte mitnehmen können.
Run aber hatte es sich herausgestellt, daß die Leichenfahl in gar keinem Verhältnis zu der Schwere des vorhergegangenen Kampfes stand. So daß man auf den begründeten Verdacht geriet, es stellten sich viele tot, nur um in dem geräumigen Karren bequem herumgefahren zu werden.
Eben war di« Sanität mit ihrem Dienstmannskarren bei einem Regungslosen am Wiesenrand.
„Ha", rief der Leininger Emil, „i glaub allaweil, der stellt si' bloß tot, damit daß 'n mir in meim Karr'n spazter nfahrir
„Des wer'n ma gtei Ham, ob der tot is oder net", sagte der Werner Franz und kitzelte den Verdächtigen in der Achselhöhle. Da dieser aber nicht kitzlig war, hielt er die Probe aus und wurde in Ehren verladen. Da der vielbegehrte Danitätskarren fast voll war, wurde die Totenprobe bei dem Rächsten erheblich schärfer genommen. Man kitzelte ihn mit einem Strohhalm unter die Rate. Der Tote hatte zwar beschlossen, nicht zu niesen, und machte zu diesem Zwecke ein blödsinnig krampfhaftes Gesicht, aber der Werner Franz schrie dem, der kitzelte, zu:
„Weiter nauf mußt eahm fahr'n in der Ras'n!"
Das ging über des Toten Kräfte.
„Ha — ha — 5a — zii!" nieste er, daß alles krachte.
„Schwindler, ölöndiger!" hieß es empört. „Gell, dös könnt dir so pass'n, tot im Wag'n drinz'liegen — wart, mir wern dir's Totsein scho vertreib'n!" Lind unbarmherzig wurde er vom Wagen wieder abgeladen und den Gefangenen zugetrieben.
Nachdem das Sanitätsgeschäft erledigt war, wurden die Gefangenen sortiert. Es galt, die verschiedsnen Rationen einwandfrei festzuflellen.
„Dös is a Ruß!" behauptete der Leininger Emtl.
„Woher willst'n dös wiss'n?" protestierte der Werner Franz.
„Dös is do net schwer, wo sei Vatter in Schwabing wohnt." Der Beweisgrund schlug durch.
„Und dem sei Vatter wohnt in der Orleanstraß n, also is er a Franzos." Auch dieser Entscheid war zureichend.
Aber bei dem nächsten standen keine Wohnungsmerkmale zur Verfügung. Die Gefangenenuntersuchungskommission kratzte sich hinter den Jungenohren. „Wie hoaht?" wurde der Gefangene angefahren. „Salzmann."
„Hm, Salzmann" — sagte der Leininger Emil, mit dem Finger an der Rase — „Salzmann — Salzgurken — zu den Wild'n ghört der, zu die Gurkha."
Als ich das hörte, kam ich auf meiner Alleebank in ein solches Prusten, daß die Gefangenensortiererei erheblich gestört wurde. Man setzte mich als Militärattache einer neutralen Macht kurzerhand ab. Was mit vereinfachtem diplomatischem Verfahren so geschah, daß der Leininger Emil sagte:
„^ommt's, geht's weg von dem faden Deppn!"
tinb am Abend erklärte ffitr mein Söhnchen, daß ich ihn Hei de« Landsbergerstraßlern blamiert hätte, und daß ich nie mehr zugezogen würde.
Aber einmal bin ich doch noch zugezogen worden.
Das war, als ich an einem Sonntagnachmittag über die Theresienwiese nach Hause ging. Es fing schon an, dunkel zu Werden. Fast zart schwebte der Kranz in der Luft, den di« Bavaria nun seit einem halben Hundert Jahren zweifelnd in der Hand hält: „Wem geb' ich ihn? Wem könnt' ich ihn wohl geben?"
Gedämpftes Schlachtgeschrei kam von dort herüber. Ich ging hin. Wahrhaftig, sie kämpften wieder einmal bis in den Abend hinein, Und mein Söhnchen war auch dabei, uni> der Leininger Emil, und der Werner Franz, und —
„Entschuldigen Sie", sagte eine Frauenstimme hinter mir, „möchten Sie mir nicht meinen Buben herausholen?"
Ich sah in ein mütterliches Gesicht, in dem es sonderbar zuckt. „Sind Sie nicht Frau Leininger, die über uns im vierten Stock wohnt?" fragte ich.
„Ja, die bin ich," sagte sie einfach, und jetzt- zuckte auch der Brief in ihrer Hand, „und ich muh jetzt meinen Buben haben — meinen Buben haben, jetzt, wo sein Vater tot ist — in Polen ist er gefallen, Herr — da drin steht's." „
Der Brief flackerte nicht mehr so arg in ihrer Hand. Es tat der Dienstmannsfrau Leininger wohl, sich ein weniges auszusprechen, dachte ich. Aber sie sprach sich nicht aus, sondern schwieg und wartete, daß ich ihren Buben aus dem kämpfenden Jungenhaufen holen würde. _ r,
Mitten hinein ging ich in den Kampf. Wie ein Schicksal kant ich mir vor. das gradlinig einem Ziele zugeht. Um mich herum kämpften die Landsbergerstraßler wütend weiter. Rur den Werner Franzl hörte ich rufen: r
„Schaug, Leininger, da ist er ja wieder, der Mensch, der wo Neulings auf der Alleebank —“
Aber da hatte ich den Leininger Emil schon an der Hand. Er schien empört, daß ich ihm beim Kampf in die Arme fiel, er machte gar Anstalten, auch gegen mich zu kämpfen —
„Leininger Emil", sagte ich ernst, „du mutzt jetzt, aufhorer zu kämpfen" — ich wunderte mich was Plötzlich für eme Stille unter den Lhmgen eintrat, wie' sie alle an meinem Munde hingen —, „aufhören zu käntpfen — dein Vater hat auch aufgehört draußen zu kämpfen — komm zu deiner Mutter ft« wartet dort."
Totenstill«. Di« Schwerter sanken. Sie hatten es alle verstanden, daß der Dienstmcmn Leininger, dem Leininger Emtl sein Vater, gefallen war. Auch die Bavaria drüben hatte es verstanden. In tiefer Trauer stand sie da. Auch ihr zitterte etwas in der Hand, der Kranz: 'Wem geb' ich ihn? Wem geb ich jetzt den Kranz?
Willenlos war der Anführer Emil Leininger an meiner Hand über di« Wiese zu seiner Mutter gegangen. Er weinte nicht. Auch seine Mutter weinte nicht, Sie nickte mir eineni stummen Dank' zu. Dann gingen sie fort. Hand in Hand und aufrecht. Im Abenddämmer schien der Jung« zu wachsen. War das nicht ein richtiger Mann?
Auch mein Söhnchen hatte mich bei der Hand genommen. Hinter uns kam ein leise flüsternder Heerhaufen, die Lands- bergerstratzler. Sie all« sahen jetzt im Dunkeln aus wie Männer, wie ernste Männer. ,
Im weiten Abstand gingen wir hinter Mutter und Sohn her, ein zweites Trauergefolge für den gefallenen Dienstmann in Polen.
Pansch.
Eilte Geschichte aus der Biedermeierzeit.
Bon Carl Worms.
l Fortsetzung.»
„Wir auch wir auch" versicherten ihre Paladine.
„Zu liebenswürdig, meine Herren. Aber jetzt bin ich leider müde und mutz der Baronin Steinberg, die das Zimmer hütet, eine gute Nacht' wünschen. Wer hat doch noch Migräne? Richtig, Fräulein Rita. Das war es, worüber ich lachen wollte. Ste leidend und Baron Steinberg mondsüchtig, haha. — Also das Gegengewicht, meine Herren, Felice notte!“
Aus dem Speisesaal drang lautes Gelächter, das aber nicht der boshaften Gräfin galt, sondern dem Baron Otto von Steinberg, den Jean Paul schon auf der Treppe feiner Länge wegen angestaunt hatte. Am Büfett zwischen zwei Säulen stand er ahnungslos, als ihn die Gesellschaft überraschte. Eben war eine Aalpastete an der Reihe, er kaute mit vollen Backen. Wilhelmine zog die Stirn kraus: „Aber, Baron, wollen Sie der letzte fein, der unseren seltenen Gast begrüßt?"
Baron Otto wischte sich phlegmatisch die Lippen mit der Serviette an seinem Halse: „Hatte schon die vorübergehende Ehre," würgte er heraus und glättete an seinem goldbordierten Frack herum. „
„Und so allein?" Wo ist Ihr Pylades, Graf Peter?"
„Wohl noch auf dem Pferde, falls ihn die Bestie nicht ab- gewopsen. Solopiece, Parsorceritt, was weiß ich Hat zu heitzes Blut, der Graf. Ich nicht, ich war nur hungrig und blieb.
„Auch hungrig?" scherzte Jean Paul, vergnügt sich die Hände reibend, „so findet man sich Baron. Ich setz« mich zu Ihnen und Sie entschädigen mich für das bislang entbehrte Vergnügen Ihrer Bekanntschaft, indem Sie mir recht viel von Studenten erzählen. Heidelberg, nicht Wahi-?"
„Liegt nämlich am Neckar," begann der Blonde seinen interessanten Bericht und langte behäbig nach kurischen Speckkuchem „Im übrigen müssen Sie meine Mutter fragen. Die kennt das Studentenleben besser als ich begleitet mich aus alle Universitäten."


