Ausgabe 
21.11.1925
 
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mitgegeben, das war ihr heute »um Erlebnis geworden:Einer Mutter Herz findet ihr Kind überall, und 'seine Wünsche er­füllt es aus ihre Weise"

Vas war in 2tußümb gewesen, im Kriegslazarett, an einem Zage, der wie der heutige war, schwermütig, lautlos und wie gestorben, Jahre waren darüber hingegangen.

Ms Schwester Anna durch die kleinen und engen Straßen wanderte, sangen traurige Totensonntagsglocken über dem Städt­chen, und Menschen mit Blumen und Kränzen gingen zum Fried­hof hinaus, die Gräber ihrer Lieben zu schmücken.

Das also war ihres Pfleglings Heimat. Das Schicksal hatte sie erst h^ite den Weg hierher finden lassen, nun bangte sie. ob die alte Frau noch am Leben fein mochte.

Bor einem kleinen, ängstlich in sich verkrochenen Häuschen, mit einem spitzen Giebel, der wie eine Zipfelmütze ein wenig schief darüber hing, blieb Schwester Anna stehen. Hier muhte es sein, so hatte ihr junger Freund das Häuschen beschrieben, und die Myrte im Fenster war auch da. Sie schellte. Gin dünnes, zitteriges Glöckchen schlug an und lief erregt durch das Haus. Wenig später quietschte daS wackelige Türchen, und eine jüngere Frau trat heraus. .

Wohnt Frau Martini hier und kann ich fte sprechen l fragte die Schwester.

Frau Martini ist auf den Kirchhof gegangen, war die Antwort, und die Frau machte eine einladende Handbewegung, vielleicht, wenn die Schwester warten wolle...?"

Schwester Anna dachte nach Sie hatte nicht mehr lange Zeit, wollte den Mittagszug zur Weiterfahrt benutzen.

Ich würde Frau Martini gern entgegengehen," sagt« sie, ich bin die Schwester, die ihren Sohn in Rußland gepflegt hat und habe ihr seine letzten Grütze zu bringen."

Ach!" Die junge Frau streckte ihr warm die Hand ent­gegen.Gas ist gut, Schwester, wie wird Mutter Martim sich freuen." And nun war sie ganz in Bewegung. -Meine Trude will ich Ihnen mitgeben, die weih den Weg.' And sie lief, das Kind zu holen. .

Tagelang waren Sturm und Aegen über den Friedhof gegangen, die Sommerblumen auf den Gräbern waren gestorben, die Kränze tagen verwelkt und verweht, und alles war tote von einem stummen, schwarzen Tod erfüllt gewesen. Heute aber hatte sich der Friedhof in einen blühenden Garten verwandelt, liebende Hände waren am Werk, schmückten die Graber, harkten die Wege und weckten die schlummernde Trostlosigkeit zu einer stillen Grinnerungsfeier. , , .

Schwester Anna und die kleine, achtjährige -i-rube gingen furch die Gräberreihett. Da wies das Kind auf die ^bückte Gestalt eines alten Mütterchens in der Ferne.Da... das ist sie." Die Schwester dankte uiid schickte die Kleine nach Haufe, He wollte mit der alten Frau allein fein.

Mtrtter Martini stand an einem Hügel, der wie fremd zwischen den anderen Gräbern lag. Zu Häupten ttmg er «n einfaches Holzkreuz und schwarze Lackbuchstaben erzählten schlicht. Hier ruht ein russischer Kriegsgefangener. Die Hande der alten Fratl pflanzten mit liebevoller Sorgfalt zwei Asterntopf« in die feuchte Erde und sammelten di« welken Blatter auf, die der Aovemberwind von den Bäumen geweht und darüber hm- gestreut hatte. Behutsam trat Schwester Anna naher und grüßte mit einem freundlichenGuten Tag". Das Mütterchen schaut« auf und nickte einen Gegengrutz.

Kannten Sie den Toten, der Hier liegt?" fragte dieScgwchter Mutter Martini verneinte, zögert« ein wenig, und ihr Buck tastete stch langsam hinauf, bis er an den ruhigen und teil­nehmenden Augen der Fragenden hasten blieb. Da erzählte sre, leise und stockend:Ich hatte einen Sohn, ben nahm mir der Krieg. Nun liegt er in Rußland begraben. Als ich Rachrtcht bekam . Schwester.... Sie werden es verstehen, tot« weh «in Mutterherz tut, wenn es sein einzigstes Kind verliert... da habe ich bitter geklagt, daß mir nicht einmal der Trost geblieben war, sein Grab zu Pflegen. And... sehen Sie... da bin ich auf den Friedhof gegangen... fand dieses Grab... Pflegte es, als wäre es meines Jungen Ruheplätzchen... und... ich denke mir, was ich diesem armen Fremden tue, das tue ich auch meinem

«

Schwester Anna konnte es nicht wehren, daß ihre Augen sich mit Tränen füllten, und auf die alte Frau zugehend, sie weich umschlingend, sagte sie:Ich komme von Ihrem Sohn, Frau Marttni. Ich war seine Pflegerin und schrieb Ihnen kurz llach seinem Tode. Run bin ich selbst gekommen und bringe seine Grütze."

Weber das welke Antlitz der alten Frau huschte ein Heller Schein.

Grütze von meinem Jungen?"... Sie fand keine Worte mehr, drückte nur immer wieder die Hand der Schwester, und diese sprach zu ihr, erzählte alles, was sie wußte, und tat es so liebevoll, daß es dem Mutterherzen nicht Weh tun konnte. Mit stillen, beruhigten Augen lauschte sie, und als nun die Schwester davon sprach, wie sehnlichst der Sohn es sich gewünscht hatte, auf dem heimatlichen Friedhof begraben zu liegen, damit sein Mütterchen zu ihm kommen könne, da nickte die alte Frau, und ihre zitterige Hand strich zärtlich über die Blumen auf dem Hügel.Ich bin zu ihm gekommen... er wird es wissen."

Als Schwester Anna um die Mittagszeit zum Bahnhof ging, hatte sie helle Augen und fühlte sich reich beschenkt. Was sie vor Jahren gesprochen und bem Sterbenden als letzten Trost

Frage nicht.

Bon Johannes Heinrich Braach. Frage nicht toi«.

Irgendwie bei großer Tat hat ihn des Todes schneidend« Mahd zu Boden gezwungen.

Ob er litt, ob er lange gerungen?

Sei rußig, sei stille. Sein ganzer Wille, ist mit ihm gewesen. Frage nicht wo. Irgendwo ruht er aus vom Schrecken der grausen Geschosse, vom Stampfen der Rosse, vom wütenden Kampsgebraus.

Mage nicht mehr. Bon irgendwoher führen durch alle Räume seine ewigen Träume zu dir.

Die Landsbergerstrahler.

Don Fxitz Müller- Partenkirchen.

Die Landsbergerstraßler sind natürlich in München. Denn nur dort erblühen solche unbetümmerte Wortgebilde. And ebenso natürlich sind die Landsbergerstratzler trotz ihres Dclksschul- alters blutig ernst zu nehmen. Denn sie haben di« ganze Gegend dort unterjocht.

Zuerst hatten sie sich die Westendstratzler untertan gemacht. Dann die Schietzstättstraßler. Worauf ein fürchterliches Ringen mit den vereinigten Theresienwieslern erfolgte, das am Samstag knapp nach dem Mittagessen anhub, sich über das Davaria- denkmal hinzog und am Hellen Tage den bärtigen Parkwächter überrannte, einen alten, weitzschnauzigen Bet er an aus dem Sieb- zigerkrieg.

Ausg'schaamte Bande, ölöndige, miserablige!" drohte er der Staubwolke mit geschwungener Krücke nach und fügte schmun­zelnd hinzu, indem er die Fortsetzung seiner Rede an einen leichtverwundeten Soldaten richtete, der sich auf einer Parkbank sonnte:Die treib'n's ja stärker als bei Grahtoilott wiss'n S', i hab Grahtoilott mitg'macht und Sie?"

Rußland," sagte der Soldat mit einer weitausholendsn Devxgung seines gesunden Arms. In das Riesenwort rann die Schlacht von Gravelotte wie ein Tropfen ein und respektvoll setzt« sich der Weiße Schnauzbart von Gravelotte neben den Flaumbärtigen, um von einst und jetzt zu planschen.

.Unterdessen raste der Kampf der LandSbergerflraßler über die historisch« Theresienwies«. So erbittert und so achtungslos gegenüber aller Friedenslockung wurde gekämpft, daß zuhause Mutters ebenso historische Bieriihrbrote an diesem Tage vergeb- llch auf die Streiter warteten. Erst dicht vor dem Abendessen und vor Vaters Steckendrohung kehrten die Landsbergerstratzler, vom Sieg« dampfend, zu den heimatlichen Fluren zurück. Was verschlug es ihrem Hochgefühl, daß die Willlommenkränze fehl­ten?" War doch ihr Machtbereich der größte in der ganzen Stadt geworden. Wenigstens versicherte ein alter, ausgedienter Landsturm, der in di« Richts-als-Lern-Gefild« der Lateinschule eingerückt war, daß zu ihrer Kampfzeit solche Riesenreiche nicht vorhanden waren. t m c,

Verbindungen mit dem angrenzenden Grotzherzogtum per Dahernstraßler wurden angeknüpft, Frühstückssemmeln wurden auSgetauscht, und freundnachbarliche Verträge wurden ernst be- rebrt Ja, von diplomatischen Gesandtschaften in die fernsten Stadtviertel habe ich reden hören. Ein Dückversicherungsvertrag mit dem Reich jenseits der großen Eisenbahnlini« wurde vorbe- reitet, und eine hochpolitische Interessensphäre in dem unwirt­lichen Dorstadt-Erdteil Giesing wurde begründet.

Groß« Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Zu der­selben Zeit, als die braven Väter der Landsbergerstraßler erst dabei waren, sich von Berlin biS Bagdad zu träumen, hatten ihre Söhne das Riesenreich Hirschgarten-Theresienwiese mit der Landsbergerstratz« als Wirbelsäule schon errichtet. So festgefugt war dieses Reiches Herrlichkeit, daß sie nach den errungenen Siegen musterhafte Ordnung auf den Handels- und Derkehrs- toegen hielten, die ihr Gebiet durchquerten. Keine leerert Fässer wurden mehr von den Dierwagen geschmissen, kein« Brems« an den schnellen Däckerwagen von hinten heimtückisch angedreht, leine Milchkarren mehr umgeworfen, auf keine vorübergehenden hohen Personen von noch höherem vierten Stock herab gespuckt, kein« Hund« mehr in den Schwanz gezwickt, um unter den Fenstern unbeliebter Persönlichkeiten Aufmerksamkeit zu erregen, und kein Schulmädel, es mochte noch so kichern, am Zopf gezogen. Ja,