Gießener Kmilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang (925 Samstag, -en 21. November Nummer 95
Requiem.
Bon Friedrich Hebbel.
Seele, vergiß sie nicht, Seele, vergiß nicht die TotenI
Sieh, sie umschweben dich, Schauernd, verlassen, Lind in den heiligen Gluten, Die den Armen die Liebe schürt, Atmen sie auf und erwärmen, Und genießen zum letztenmal Ihr verglimmendes Leben.
Seele, vergiß sie nicht, Seele, vergiß nicht die Toten!
Sieh, sie umschweben dich, Schauernd verlassen. Und wenn du dich erkaltend Ihnen verschließest, erstarren st« Ms hinein in das Tiefste.
Dann ergreift sie der Sturm der Nacht, Dem sie, zusammengekrampft in stch, Trotzten im Schoße der Liebe, Und es jagt sie mit Ungestüm Durch die unendliche Wüste hin. Wo nicht Leben mehr ist, nur Kamps Losgelassener Kräfte Um erneuertes Sein!
Seele, vergiß sie nicht, Seele, vergiß nicht die Toten!
Kutturtod.
Ms zum Weltkrieg lebte die abendländische Menschheit in einem optimistischen Kultur- und Fortschrittsglauben. Das Grundgefühl des modernen Lebensbewußtseins bestand in der Ueber- zeugung, daß wir es herrlich weit gebracht hätten und es noch viel weiter bringen würden. Der „Entwicklung" schrieb man eine geradezu magische Gewalt zu. Sie würde ganz von selbst die höchstgespannten Ideale, Uebermensch oder Zukunstsstaat, verwirklichen. Ein Jenseits brauchte man nicht mehr, da schon das Diesseits die Gewähr der Erfüllmig in sich trug.
Dies ist nach dem Krieg anders geworden. Der rosenrote Glaube an den ununterbrochenen Lebensaufstieg ist in Mißtrauen. ja in unmittelbaren Unglauben umgeschlagen. Man sah es mit eigenen Augen, daß die vielgepriesene Kultur zu wahnsinniger Selbstzerstörung geführt hatte, und daß das Ergebnis des sogenannten Fortschritts ein Trümmerfeld war. Man dachte über die Ursachen dieses heillosen Ausgangs nach und fand, daß zwar alles Aeußerlich-Mechanische, alles Naturwissenschaftliche und Technische sich wunderbar entwickelt hatte, daß aber der Geist nicht mitgekommen war. Es zeigte sich ein ungeheueres Mißverhältnis zwischen den Kräften der Seele und der äußeren Sach- grstaltung. Die Welt des Mechanischen war inS Riesenhafte gewachsen, die innerliche Welt des Geistes war veiMmmert. Die Menschheit hatte mächtige Aaturgewalten entfesselt und ward «nun nicht mehr Herr über sie. Dieses Versagen der Möpferischen Ueberlegenheit über die selbstherrlich gewordene Materie begann schon vor dem Krieg. Der Krieg selbst bildete den Triumpf aller mechanischen Mächte, die sich mit ungeheurer Wut ausrasten und nicht zum Stillstand gebracht werden konnten. Niemand vermochte di« einmal ins Laufen geratene Kriegsmaschinerie abzustellen, bis endlich — in Deutschland — eine Explosion erfolgte und der Mechanismus an dieser Stells zer» hrgch. Nach dem Krieg hat sich die grauenhafte Uebermacht des Mechanischen auf allen Gebieten weiterhin gesteigert. Wir haben überall Sach-Probleme vor uns, mit denen wir nicht mehr fertig werden. Man braucht nur an die Wohnungsnot zu «innevn: menschlicher Geist steht machtlos vor diesem rein äußerlichen und doch so tief ins Geistige einschneidenden materiellen Notstand. Die Großstädte wachsen, die Massen ballen sich immer dichter zusammen und entseelen immer mehr. Das Leben des Volkes gerät in immer stärkere Abhängigkeit von mechanischen Wirtschaftsverpsiechtungen. Der geistlose Kapitalismus — dieser kälteste aller Götzen — brutalisiert die Welt. Wie soll man mit diesen rohen mechanischen Riefengewalten fertig werden?
Das praktische Verhältnis von Geist und Materie ist das Hauptproblem unserer Kultur. Der Fortschrittsglaube hatte daS
Gefahrvolle der Lage verhüllt. Heute sieht man die entsetzliche Bedrängnis des Geistes durch den Stoff. Was sollen wir tun? Wie werden wir es erreichen, daß die sich breit machenden, immer furchtbarer anschwebenden Ausgeburten der Materie wieder in den Dienst des Menschen gestellt werden, daß Geist den Stoff durchdringt, daß ein sinnvoller Zweck sich gegenüber der seelenlosen Anhäufung toter, einengender, verfälschender Sachwerte durchsetzt?
Der Antworten gibt es viele. Die einen verfolgen mit glühendem Haß die Maschine, die all das älnheil heraufbeschworen hat und möchten sie am liebsten wieder ausmerzen. Die anderen wollen unsere gesamte Gesellschaftsordnung gewaltsam zerschlagen und mit Hilfe einer proletarischen Diktatur eine neue Wirtschaftsform errichten. Andere resignieren. Zu ihnen gehört — grundsätzlich wenigstens — O. Spengler. Seiner geschichtsphilosophischen Theorie nach befindet sich unsere Kultur vor dem Prozeß der Vergreisung. Jede Anstrengung, das seelenlos Gewordene neu zu beleben, ist vergeblich Wir gehen dem Kulturtod entgegen. Europa wird alt und stirbt. Untergang des Abendlandes...
Erst uferloser Fortschrittsglaube, und heute weitverbreitete Äntergangsstimmung. Wie sich die Zeiten ändern! Es fröstelt uns. Wir fühlen die Schauer der Vergänglichkeit und ahnen die Schatten der kommenden Nacht. Ist Europa nicht mehr zu helfen? Wird der stolze Geist, der einst zu tttanischrr Höhe sich aufreckte, auf sein Schöpfertum endgültig verzichten und unter der Bürde seiner eigenen Werke in den Staub sinken? Werden wir einem geistlosen Chinesentum entgegengehen, wo die äußere Form und tote Ordnung alles ist? Wird das Leben, eingepfercht in die Zwangsanstalt eines nüchternen Staates, einer bloßen Wirtschafts-Kultur und Massen-Soziologie immer dürftiger werden? Wird sich die Kultur unter dem Druck losgelassener und mechanisch aufeinander prallender Elementargewalten in ein Chaos auflösen? Oder wird wie im Mittelalter und noch zur Zeit Goethes der Geist wieder Herrscher und König sein, der jedem Ding Maß und Grenze gibt, es an seinen Ort stellt und eine wahrhaft menschliche Ordnung stiftet? Wird die Idee wieder als Gesetzgeberin walten? Wir wissen es nichts Aber es ist ein furchtbares Wort, das an unser Ohr geschlagen ist: „Kulturtod".
Sicher ist, daß wir im Entscheidenden nichts machen können. Denn mit „Organisieren" — dem beliebten Schlagwort der Diel- geschäfttgten — ist nichts getan. Alles Reglementieren, mag es von oben oder von unten kommen, kann hier nichts helfen. Denn es schafft keinen Geist. Eine wirkliche Besserung der Lage, eine wahrhafte Erneuerung kann nur eintreten, wenn schöpferische Kräfte aus der metaphysischen älrtiefe alles Lebens durchbrechen, wenn Gott selber redet und eine neue Sinnform all- bezwingend in die Wirklichkeit eingreift. Solche Einbrüche des schöpferischen Geistes aus einer Welt, die jenseits unserer irdischen Ebene liegen, hat es gegeben. Wir brauchen nur zwei Worte zu nennen: Urchristentum und Reformation. Aber wir können diesen Geist nicht herbeizwingen. Wir können nur glauben und hoffen und zins selbst verinnerlichen und zurüsten, daß er uns als feilte Organe gebrauchen kann, wenn er kommt. Ad.
Einer Mutter Herz.
Von Else Arnhem.
„Wenn Sie der Zufall einmal durch mein Heimatstädtchen führen sollte, so bitte ich Sie, Schwester Anna, suchen Sie meine Mutter auf. und wenn sie noch lebt, sagen Sie ihr..." hiev war die junge Stimme erloschen, zwei Tränen rannen still über die schmalen Wangen des Schwerverwundeten, und Schwester Anna hatte sich über ihn gebeugt und gefragt: „Was, Martini... was soll ich ihr sagen?" Er hatte nur traurig den Kopf;$ur Seite gewendet. „Nichts sagen... nur grüßen." Aber später sprach er noch einmal, und Schwester Anna hatte verstanden, was er sagen wollte: daß es bitter war, im fremden Land zu sterben, und daß er sich nach der Mutter sehnte, die nicht bei ihm sein konnte, sein Grab nimmer finden würde.
„Wäre ich daheim auf unserem kleinen Friedhof, dann käme mein Mütterchen zu mir... mit Blumen...." so hatte er still weinend geklagt, und in dieses Weinen hatte Schwester Anna weich und tröstend gesprochen, bis der Kranke beruhigt und dankbar nach ihrer Hand getastet hatte.
„Mutterliebe sindet ihr Kind überall... wie schön Sie das sagten, Schwester... und... ich glaube daran." — Am Morgen war er dann hinübergegangen in die andere Welt, mit einem glücklichen kindhaften Lächeln.


