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bchriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Langs. — Druck und Verlag der Brühl'schsn Llniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Dießen.
Fremdwörter im Dolksmund
Von Otto Schröder, Gießen.
blickt er nur die strafende Gerechtigkeit Gottes für die Sünden eines entarteten Zeitalters.
Das ist die typische Einstellung des mittelalterlichen deutschen Menschen zu aller Schönheit der Natur! Die Naturfreude und Naturseligkeit, in der sich einst der heilige Franz von Assisi selbst dem Daum und der Pflanze brüderlich verbunden fühlte, ist ihm fremd. Die Erde ist ihm ein Jammertal, ein notwendiges Hebel, die Vorbereitung auf das Jenseits. Dieser Weltanschau- ung entsprechend, findet er keine rein ästhetische Freude an der Natur, kein Gefühl unmittelbaren, innigen Verbundenseins mit ihr; er sieht sie nur durch die Drille religiöser Vorstellungen. And feine himmelstrebende Kunst, die Gotik mit ihren Spitz- X bögen und Türmen, ist keine Nachahmung irgendwelcher Natur- formen, ist der unmittelbare Ausdruck seiner religiösen Empftu-
Inniger fühlten sich die deutschen Mystiker des Mittelalters mit der Natur verbunden. Der „cherubinische Wandersmann des Angelus Silesius mahnte die asketischen Natur- und Schon- heitsverächter seiner Zeit:
Ihr Menschen, lernet doch vom Wiesenblümelein, Wie ihr könnt Gott gefall'n und gleichwohl schöne sein!
Ganz besonders ungeeignet zum Nährboden des Naturgefühls war die Weltanschauung des Nationalismus. Nüchternheit und Pedanterie saßen auf dem Thron der Zeit. Selbst Lessing bekamtte Friedrich Jakobi gegenüber, daß ihm der Sinn für landschaftliche Schönheit im engeren Sinne völlig abgehe.
Auch bei Schiller vermissen wir den innigen Herzenskontakt zur Natur und ihrer Schönheit. Dagegen atmen einzelne Oden Klopstocks schon ein gesteigertes Naturgefühl. Dei Goethe finden wir den innigsten Zusammenklang zwischen Natur- und Seelenstimmung. I. D. Meyer sagt einmal von ihm: „Goethe ist der Dichter, der nicht mehr Natur nur sucht, der sie hat und der selbst Natur ist." _ , ,, „
Die Romantik hat das unvergängliche Verdienst, die De- lebung des Natur- und Heimatsgefühls im 19. Jahrhundert hervorgerufen, die ästhetische Freude, die Degeisterung an der deutschen Natur, an Derg und Wald und Strom und Feld in den Herzen aller Schichten des deutschen Volkes geweckt zu haben. Eichendorffs Lieder klangen von den Lippen froher Wanderburschen durch den deutschen Wald: Ludwig Richter und Moritz von Schwind malten ihre innigen Bilder.
Freilich ist das landschaftliche Schönheitsideal der Romantiker nicht mehr das unsere. Sie liebten die Landschaft mit Waldwildnis, Felsschroffen, Burgruinen, knorrigen Eichen, Gießbächen, sturmgestürzten Fichten; ihre Gartenarchitektur bevorzugte die Barockparks, die „englischen Gärten". Unser heutiges Natur- gesühl kann in den unruhigen Linien dieser Landschaft nur eine oberflächliche Befriedigung des Auges finden. Es ersehnt aber mehr, es strebt nach einer vertieften Auffassung der landschaftlichen Schönheit: es sucht die Seele der Landschaft. Darum bevorzugt der Mensch der Gegenwart die Landschaft von ruhigerem, einheitlicherem Gepräge. Er liebt es, still im weißen Strandsand zu liegen und sich dem Rauschen des blauen Meeres und dem Flimmern der warmen Sommerluft hinzugeben oder in der Traumeinsamkeit und der schlichten Größe der Heide zu versinken.
Meerbäder und Strandleben waren in Deutschlands vergangenen Jahrhunderten etwas Unbekanntes. Erst nach den Freiheitskriegen entstanden bei uns Seebadeorte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts griff die Sitte, im Sommer ein Seebad aufzusuchen, allmählich in immer weiteren Kreisen um sich. Auf die Schönheiten der Heide, der einst Jo verachteten armseligen Landschaft, wurde man erst durchs die Dichtungen von Annette von Droste-Hülshoff, Theodor Storm, Detlev von Liliencron, Hermann Löns und anderen und durch die Bilder der Worpsweder Maler aufmerksam.
Heute bieten Wald, See, Gebirge, Meer und Heide Millionen von Volksgenossen in jedem Sommer Erholung von dem Staub und nervenzerrüttenden Lärm der Grohstadtsteinmeers sowie ästhetischen Genuß. Der moderne Mensch kann über einen Sonnenuntergang, über ein blau und rot gesprenkeltes, gelbes Kornfeld im Sommerwind, über eine grüne Weide mit friedlich grafendem Vieh, über einen munter plätschernden Silberbach und tausend andere alltägliche Erscheinungen in der Natur in, Helles Entzücken geraten. Beim Anblick des ewigen Meeres oder riesiger _ Alpengletscher fühlt er in kosmischem Naturempfinden mit religiös« Ehrfurcht vor der unerforfchlichen Urkraft sich selbst als winziges Atom im unendlichen All; er neigt sich andererseits mit Bewunderung zu dem Ackerblümchen und zur Ameise nieder; er erkennt in ihnen eine wohlorganisierte Welt im kleinen und weih mit Hermann Löns:
„Es gibt nichts Totes auf der Welt, Hat alles sein' Verstand;
Es lebt das öde Felsenriff, Es lebt der dürre Sand."
Meer, Heide, Wald, Gebirge sind im Zeitalter der Relativität der gleichen Art wie vor Jahrhunderten, und doch haben die Menschen der verschiedenen Epochen sie mit durchaus verschiedenen Augen angesehen und sind bei ihrem Anblick von durchaus verschiedenen Empfindungen und Gefühlen beseelt gewesen.Vielleicht
Man hat dem Deutschen nicht selten den Vorwurf gemacht, äffe gern Fremdes nach Ich halte ein solches Urteil für allzu streng. Kriege, Besetzung von Landesteilen durch feindliche Truppen, Fremdenverkehr machen ihren Einfluß auf di« Sprache geltend, weniger auf die Sprache des Gebildeten al- auf die des einfachen Mannes aus dem Volke. Was das Volk an Fremdem in seinen Sprachschatz aufnimmt, ist nicht von Dauer, wenn es sich auch über einige Generationen erhalten kann. So habe ich vor nunmehr 25 Jahren bei der rheinhessischem Landbevölkerung noch manches Pleberbleibsel aus der Franzvsen- zeit entdeckt. Alte Grauköpfe begrüßten sich mit „buschur“ (bon jour). Nicht der Neffe, sondern der „neveu“ (die erste Silbe betont) kam zu Besuch Der Tabaksbeutel hieß „ridicule“, daö Schaufenster „montre“. Am Gericht erwirkte man gegen den säumiger Gegner nicht ein Versäumnisurteil, sondern ein „d£faut“. Die Verwendung von Fremdwörtern geschieht mehr spielerisch So hörte ich oft von einem alter Winzer den Ausdruck „finez (oder fini) a präsent“, womit er etwas dasselbe sagen wollte, was andere mit „basta" aus drücken. Gin anderer bediente sich zum gleichen Zwecke des Wortes „contra“!!
hat der englische Dichter Oskar Wilde nicht so ganz unrecht, wenn er behauptet, der Gesamteindruck der Landschaft werd« unmittelbar vor der menschlichen Kunstanschauung beeinflußt, unterstehe also gewissermaßen der malerischen Mode. Die Romantiker hätten die Natur in den verschlungenen, wild gewachsenem Linien der Sage und des Märchens geschaut, die Klassiker in der ersten Einfalt und stillen Größe griechischer Kunst. Heute müßte die Landschaft also die Züge der herben, wirklichkeitserri- rückten Gegenwartskunst tragen, während sie vor kurzem noch die Farbenrnbrunst der Freilichtmalerei, des Impressionismus geatmet hätte.
Die Ereignisse des letzten Jahrzehnts haben es sicherlich mit sich gebracht, daß dieser „Schatz" an Fremdwörtern um ein Erkleckliches bereichert worden ist.
Aber nicht nur bei der rheinischen Bevölkerung finden wir diese fremdsprachlichen Brocken. Den Ausdruck „duschur“ (tou- jours) finden wir auch in Oberhessen und Starkenburg. Irr einem oberhessischen Dorf verwendet man, wie ich vor langen Jahren einmal hörte, ein ganz originelles Wort für „Zeitvertreib“, nämlich „zum Passelebanz" oder „zur Passeledande" oder gar „zur Patscheledande"! (pour passer le temps!!). Den gleichen Ausdruck hörte man auch im Odenwald (Michelstadt).
Für unsere Jugend hat natürlich etwas Fremdartiges einen besonderen Reiz. Im Jahre 1920 hätte jeder Franzose aufgehorcht, wenn er beim Durchwandern von Michelstadt im Odenwald die Kinder Bas geradezu klassische Lied vom bon fromage hätte fingen hören:
Vive la, vive la le bonne (statt bon) fromage, juchhe!
Vive la, vive la qui l'a fait,
Qui l’a fait le bonne fromage,
Vive la, vive la qui l’a fait.!
Wie mir gesagt wurde, ist das Liedchen von einem Kind« aufgebracht worden, dessen Eltern in Paris gelebt haben. Der Reiz des Liedes, dessen Inhalt sie nicht verstanden, muh de» Kindern sehr bald wieder entschwunden sein. Ich habe es seitdem nicht mehr singen hören.
Zum Tröste will ich noch verraten, daß auch andere Völk« fremde Brocken in ihren Sprachschatz aufnehmen. Vor ein paar Jahren las ich eine englische Novelle „Laddie". Die Verfasserin Gene Stratton-Porter, eine vielgelesene nordamerikanische Schriftstellerin, schildert darin die Reize des Landlebens und die glücklichen Tage ihrer Mädchenzeit, die sie im elterlichen Farmhause verlebte. Immer spricht sie mit Stolz von ihrer englischen Ankunft. Aber das Lieblingslied ihrer Kindheit ist ein — deutsches Kinderlied, ihr Dutch song, das ihr bte Mutter (offenbar deutscher Abstammung) sang, und das sie in folgender Weise niederschreibt:
„Trus, trus, drill;
Der power rid der kill, Fill sphring aveck, Plodschlieter power in der dreck.“
Aus ihren Wunsch versuchte eS die Mutter einst, englisch zu fingen; aber es ging nicht an, da Reim und Rhythmus zerstört waren. Sie übersetzte es: „Trot, trot, trot, a boy rode a eoltz The coli sprang aside; down went the boy in the dirt. (Trus, trus, drill ein Junge ritt ein Fohlen; das Fohlen sprang weg, hin fiel der Junge in den Druck.) — (Mitgetetli in Hess. Dl. f. Volkskunde, Band XX.) - Vielleicht fingen jetzt die Kinder der amerikanischen Schriftstellerin ihren [leben Dutch song, Der allerdings in dieser Form viel an Wohlklang ein» gebüßt hat. Die Schönheii unserer Muttersprache übt also ih« Macht auch tn fremdem Lande aus, und sei es nur vermittelst des lieben alten Kinderliedchens.
Es soll an deutschem Wesen noch einmal die Welt genesen!


