Ausgabe 
21.7.1925
 
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R,H«idelberga Meta, das zerstörte Heidelberg. Mar- Sorge hatte sich wieder den erfahrenen Mordbrenner schrieben und gemeinsam mit diesem, das, was vom H bewohnbar war, in Ascher gelegt. Ludwig XIV. hatte uch ein »aetion d'äclat" befohlen. Schade, daß damals cm noch nicht lebte oder besser gesagt, daß der gelehrte 1 Einzelheiten, die er doch Wohl wußte, vergaß, als es t handelte.

1720 zog der Kurfürst Karl Philipp, verärgert, weil seine aegenreformatorischen Bestrebungen auf starken Widerstand ge- - fotzen waren, nach Mannheim, und Heidelberg hörte nach fünf Jahrhunderten auf, Residenz zu sein. Das war derselbe, welcher ich nach der faden Sitte der Zeit, bei der Tafel an den Spaßen eines Hofzwergen Perkeo aus Tirol erfreute.

Ein anderes Bild: 1807, nach der Schlacht bei Jena. 3m Faulpelz, einer ehrbaren, aber obskuren Kneipe am Schloßberg, hausten in einem großen luftigen Saal, dessen sechs Fenster mit der Aussicht über Stabt und Land die herrlichsten Wandgemälde, das herüberfunkelnde Zifferblatt des Kirchturms ihre Steckuhr darstellte: Achim von Arnim und Clemens Brentano, oft be­sucht von Joseph Görres, der an der frischgegründeten Heidel­berger Universität als Privatdozent faß und dem jungen Eichen­dorfs, der damals unter dem Namen Florens seine ersten Lieder veröffentlicht hatte. Dann saß man abends zusammen, Brentano spielte meisterhaft Gitarre und man lebte Romantik; hier im .Faulpelz" war das große Hauptquartier der Romantik, -tote beim alten Johann Heinrich Botz, damals auch in Heidelberg, die Fäden der alten, guten Aufklärungszeit zusammenliefen. Da Simmerten die Witzfunken Brentanos, da flammte der herrliche Tännerzorn des großen Görres aus, immer wieder entzündet an dem schlimmsten Denkmal französischer Zerstörungswut, dem Hei­delberger Schloß; da wurden manche der Eichenoorffschen Lieder und Lanöschaftsstimmungen geboren, Paläste im Mondenschein, wo die Brunnen verschlafen rauschen und verworrene Gärten in die prächtige Sommernacht lauschen, alles Geschenke des Hei­delberger Schlosses und seines verwilderten Parks. Und daraus erwuchs letzten Endes der rheinische Merkur, der alsfünfte Großmacht" Joseph Görres, der schriftgewandte Gegner Äapo- leons, leitete.

Und Jahre vergehen. Seit 1847 erscheint in Heidelberg die Deutsche Zeitung", von Gervinus herausgegeben. Am 5. März 1848 findet sich in Heidelberg eine Versammlung zusammen, von rechts und links beschickt. Hecker und Struve verlangten die deutsche Republik, von (Sagern sprach für ein neues deutsches Kaisertum. Und diese Versammlung beschloß, ein Parlament einzuberufen, das sich denn auch, fünfhundert Abgeordnete stark, schon am 31. März zu Frankfurt in der Paulskirche einfand.

Im Rovember desselben Jahres 1848 trat als Rechts- Praktikant ins Kriminalbureau des Heidelberger Oberamts Herr Viktor Scheffel aus Karlsruhe ein. Zugleich bei denEngeren" imWaldhorn", dertrinkfesten Mittwochsgesellschaft", deren Leiter der Historiker Ludwig Häußer war, im Dowlemnischen eine Vorahnung Munkepünkes, dazu die Sangeskehle, Herr Pfarrer Schmelzer von Ziegelhausen, dazu die besten Köpfe von der Uni­versität und aus der Stadt. Da erklangen Viktor Scheffels Lieder zum ersten Male, da fand all das fröhlichen Widerhall, was später ScheffelsGaudeamus" als den scharfen Ausdruck einer Zeit erscheinen und genießen läßt.

Und wieder Jahre hin. Heidelberg gegenüber, an der Neuen- heimer Landstraße 2, im Neckarhotel, wohnte im Vorfrühling 1886 ein kranker, lustloser Mann. Und doch schob er sich, wenn er abends nach dem erhellten Heidelberg hinüberlauschte, die goldene Brille lächelnd zurecht, der kranke, totkranke Joseph Viktor von Scheffel und horchte wehmütig auf seinen Jugendsang, der, von frischen Studentenkehlen gesungen, über den Neckar tönte:

Alt Heidelberg, du feine, Du Stadt an Ehren reich, Am Neckar und am Rheine, Kein' andre kommt dir gleich!

Der Schutz von der Kanze!.

Von Conrad Ferdinand Meher.

Gr st es Kapitel.

Zween geistliche Männer stiegen in der zweiten Abendstunde eines Ottobertages von dem hochgelegenen Uetikon nach dem Landungsplätze Obermeilen hinunter. Der kürzeste Weg vom Psarrhause, das bequem neben der Kirche auf der ersten mit Wiesen und Fruchtbäumen bedeckten Stufe des Höhenzuges lag, nach der durch ein langes Gemäuer, einen sogenannten Hacken, geschützten Seebucht, führte sie durchs leere Weinberge. Die Lese war beendigt. Zur Rechten und Linken zeigte der Weinstock nur gelbe oder zerrissene Blätter, und auf den das Rebgelände durch­ziehenden dunkelgrünen Rasenstreifen blühte die Zeitlose. Nur aus der Ferne, wo vielleicht ein erfahrener Wann seinen Wein außergewöhnlich lange hatte ausreifen lassen, damit der Tropfen um so kräftiger werde, scholl zuweilen ein vereinzeltes Winzer­jauchzen herüber.

Die beiden schritten, wie von einem Herbstgefühle gedrückt, ohne Worte einer hinter dem andern. Auch bot ihnen der mit ungleichen Steinplatten und Blöcken belegte steile Absteig eine

unbequeme Treppe und wurden sie vom Winde, der aus Westen her in rauhen Stößen über den See fuhr, zuweilen hart gezaust.

Die ersten Tage der Lese waren die schönsten des Jahres gewesen. Eine warme Föhnlust hatte die SHneeberge und den Schweizersee auf ihre Weife idealisiert, die Reihe der einen zu einem einzigen stiften, großen Leuchten verbunden, den andern mit dem tiefen und kräftigen Farbenglanze einer südlichen Meer­bucht übergossen, als gelüste sie eine bacchffche Landschaft, ein» Stück Italien, über die Alpen zu versetzen.

Heute aber blies ein heftiger Querwind und die durch grelle Achter und harte Schatten entstellten Hochgebirge traten in schroffer, fast barocker Erscheinung dem Auge viel zu nahe.

Pfannenstiel, dein Vorhaben entbehrt der Vernunft!" sagte nun plötzlich der Vorangehende, ein kurzer, stämmiger, trotz seiner Jugend fast etwas beleibter Mann, stand still und kehrte sein blühendes Gesicht rasch nach dein schmalen und Hagern Ge­führten um.

Dieser stolperte zur Antwort über einen Stein; denn er hafte den Blick bis jetzt unverwandt auf die Turmspitze von! Mhthikon geheftet, die am jenseitigen Ufer über einer dunkel- bewaldeten Halbinsel als schlanke Nadel in den Himmel aufstach. Nachdem er seine langen Beine wieder in richtigen Gang ge­bracht hatte, erwiderte er in angenehmem Brusttöne:

Ich bilde mir eine, Rosenstock, der General werde mich nicht wie ein Lästrhgone empfangen Er ist mein Verwandter, wenn auch in entferntem Grade, und gestern noch habe ich ihm meine Dissertation über die Symbolik der Odyssee mit einer artigen Widmung zugesendet."

Heilige Einfalt!" brummte Rosenstock, der sein kräftiges Kolorit dem Gewerbe feiner Väter verdankte, die seit Menschen- gedenken eine in Zürich namhafte Fleischer- und Wursterfamilie gewesen,du kennst ihn schlecht, den da drüben!" und er deutete mit einer kurzen Bewegung seines runden Kinns über den See nach einem Landhause von italienischer Bauart, das an der nördlichen Einbuchtung der eichenbestandenen Halbinsel lag.Gr ist für seine Verwandten nicht zärtliche, und deine schwärmerische Dissertation, die übrigens alle Verständigen befremdet hat, spottet er dir zur Schanden." Der Pfarrer von Uetikon blies in die Luft, als formte er eine schillernde Seifenblase, dann fuhr er nach einer Weile fort:

Glaube mir, Pfannenstielchen, du Hast besser mit den beiden Narren dort drüben, den Wertmüftern, nichts zu schaffen. Der General ist eine Brennessel, die keiner ungestochen berührt, und fein Vetter, der Pfarrer von Mhthikon, das alte Kind, bringt unfern Stand in Verruf mit seiner Meute, seinem Gewehrkasten und seinem unaufhörlichen Puffen und Knallen. Du hast ja selbst im Frühjahre als Vikar genug darunter zu leiden ge­habt. Freilich die Rahel mit ihrem feingebogenen Näschen und ihrem roten Kirschmunde! Aber sie liebt dich nicht! Die Junkerin wird schließlich bei einem Junker anlangen. Es heißt, sie sei mit dem Lev Kilchsperger verlobt. Doch, laß dich's, hörst du, nicht anfechten. Ein Korb ist noch, lange kein consilium abeundi. Um dich zu trösten: Auch ich habe deren einige erhalten, und, siehe, ich lebe und gedeihe, bin auch vor kurzem in der Stand de« Ehe getreten.

Der lange Kandidat warf unter seinen blonden, vom Winde verwehten Haaren hervor einen Blick der Verzweiflung auf den Kollegen und seufzte erbärmlich Ihm mangelte die dessen Herz­muskel bekleidende Fettschicht.

Weg! fort von hier!" rief er dann schmerzvoll aufgeregt Ich gehe hier zugrunde! Der General wird mir die erledigt« Feldkaplanei seiner venezianischen Kompagnie nicht verweigern."

Pfannenstiel, ich wiederhole dir. dein Vorhaben entbehrt der Vernunft! Bleibe im Lande und nähre dich redlich."

Du nimmst mir allen Lebensatem", klagte der Blonde. Ich soll nicht fort, und kann nicht bleiben. Wohin soll ich denn? Ins Grab?"

Schäme dich! Deine Knabenschuhe vertreten sollst du! Der Gedanke mit der venezianischen Feldkaplanei wäre an sich so übel nicht. Das heißt, wenn du ein resoluter Mensch wärest und nicht so blaue unschuldige Kinberaugen hättest. Der General hat sie neulich mir angetragen. Gin so geräumig entwickelter Brust­kasten würde seinen Leuten imponieren, meinte er. Natürlich Affenpossen! Denn er weiß, daß ich ein befestigter Mensch bin und meinen Weinberg nicht verlasse."

Warst du drüben?"

Vorgestern." Dem Uetikoner stieg ein Zorn in den Kopf. Seit er wieder hier ist nicht länger als eine Woche hat der alte Störefried richtig Stadt und See in Aufruhr ge­bracht. Gr komme, vor dem nächsten Feldzuge sein Haus zu bestellen, schrieb er von Wien. Nun er kam, und es begann ein Rollen von Karossen am linken Seeufer nach der Au zu. Die Landenberge, die Schmidte, die Reinharte, alle seine Verwandten, die den ergrauten Freigeist und Spötter sonst mieden wie einen Verpesteten, alle kamen und wollten ihn beerben. Er aber ist nie zu Hause, sondern fährt wie ein Satan auf dem See herum, blitzschnell in einer zwölfrudrigen Galeere, die er mit seinen Leuten bemannt. Meine Pfarrkinder reißen die Augen auf, werden unruhig und munkeln von Hexerei. Nicht genug! Dom Eindunkeln an bis gegen Morgen steigen feurige Drachen und Scheine aus den Schlöten des Auhauses auf. Der General, statt