Gietzener jamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger
Jahrgang 1925 Dienstag, -en 2\. Juli Nummer 58
Heidelberg.
Don Heinrich Viervrdt
Es rauscht im Schloßhof der Bronnen in tiefer Vollmondnacht;
zwei Ritter, vom Grün umsponnen, sie halten am Vurgtor die Wacht.
Es hängt an hölzerner Pforte ein schwerer, eiserner Ring: doch wehrt kein Pförtner den Eintritt auch ohne des Klopfers Gekling.
Hoch ragt in verwilderten Trümmern des Pfalzgrafenschlosses Dau, ins Ängeheure sich dehnend, verdämmernd im nächtigen Blau.
In bläulichem Geisterreigen schwebt, was hier geträumt und geschwäriyt, den Grüften nächtlich entstiegen, was hier einst gezecht und gelärmt.
Das Licht, das zitternde, blasse, gespenstisch alles umfängt, es glänzt die quadrige Masse des geborstenen Turms, der gesprengt.
Die mantelfaltenumwallten Pfalzgrafengestalten bei Rhein, sie reckten sich riesig, als rege sich Leben im rötlichen Stein.
Das Mondlicht flimmert im Fluss«, fern steigen die Höhen hinan — Die Stadt mit blitzenden Lichtern blinkt grüßend zum Schloßoltan.
Am Rachthimmel wallt eine Wolke wie ein wilder, Weiher Schwan — spät gleitet noch leise flußabwärts ein kranzumgürteter Kahn.
Tiefunten dort fährt meine Jugend auf dem Schifflein zur Ewigkeit — Hochoben rauschen die Wälder von alter, romantischer Zeit.
Heidelberg.
Zum 700jährigen Jubiläum der Stadt Heidelberg, die 1225 zum erstenmal amtlich erwähnt wurde.
Von Dr. F. E r n st.
Wem schlägt nicht das Herz, wenn er den Namen Heidelberg hört, wer möchte nicht, wenn ihn des Lebens Dornen stechen, wie einst den Heidelberger Alemannen Viktor Scheffel, seinem Rotz die Sporen geben und ins Neckartal reiten? Ins Tal fröhlicher Studentenzeit, ins Tal köstliche deutscher Landschaft, ins Tal heiliger aufrichtender Arbeit, in dieses Tal, wo sich Geschichte, Sage, Romantik und Wissenschaft ein Stelldichein gegeben haben. Wir schließen die Augen und lassen alte und neue Zeit, Landschaft und Historie an uns vorübergleiten.
Da steht 1838 der große Kliniker Adolf Kußmaul, damals noch ein Heidelberger Lhzeumschüler, an der Schloßruine, und läßt seinen Blick in die Gegend gleiten. „Die Vegetation bestimmt", schrieb er später in seinem Lebensbuche „Erinnerungen eines alten Arztes", „die landschastliche Eigenart einer Gegend. Neben der frühen und üppigen Obstblüte sind es die Kastanienwälder und Höhen um Heidelberg, die der Landschaft ihren südlichen Charakter verleihen. Aus den trockenen Abhängen der roten Scmdsteinhügel gedeiht der zahme Kastanienbaum besser als Buche und Eiche. Zwar feine Frucht, di« Kasta, wie sie der Pfälzer nennt, ist kleiner als die Maron«, aber schmackhaft ist auch sie und der Baum wird groß, stark und schön. Reizend ist die wechselnde Färbung des Kastanienwaldes im Lauf« der Jahreszeiten. Im Frühling prangt die Bergwand in frischem Grün, im Juni mischt es sich mit dem blassen Gelb der Kasta- nienblüte, auf der grünen Wand treten die gelben Kuppen der
•) Der hier schon angezeigten Sammlung „Tausend Jahre Rheinischer Dichtung" des Verlages Kurt Opitz in Leipzig entnommen.
Baumkronen in schärferen Umrissen hervor. Nach der Blüte kehrt ein satteres Grün zurück, bis im Herbst das Laub mehr und mehr in ein bräunliches Gelb und Rot taucht. Mein erster Spaziergang galt der Schloßruine und dem Schlohgarten, einem Park von mäßigem Umfang; aber kein Park der Welt gewährt auf so beschränktem Raume eine gleiche Fülle der mannigfaltigsten herrlichen Bilder. Von da stieg ich zur Höh«, die daS alte Schloß hieß, weil hier oben die letzten Trümmer der ältesten Bergfeste Heidelbergs standen; jetzt heißt der Platz die Molkenkur. Er bietet eine Aussicht auf die Schloßruine unter ihm, auf die Stadt, auf die Mündung des Neckartals und einen prächtigen Rundblick auf den Rhein. Durch die fruchtbare Ebene windet sich anmutig in silbernen Schlangenlinien der Neckar dem Rhein entgegen, der aus der Tiefe des Tals in leuchtenden Streifen aufblitzt. Der Blick reicht südwärts hinauf zu den Bergen des Schwarzwaldes und über den Rheinstrom westwärts zu der rebengesegneten Hügelkette des Hardtgebirges und dem DonnerS- berg, der sie mit ernsten: Haupt geheimnisvoll überragt." DaS ist die Stätte, von der wir träumen wollen.
Im Jahre des Heils 1386 gründete Kurfürst Ruprecht I. die Universität. Ein Zeichen, wie international die Wissenschaft damals war, zwei Franzosen und ein Prager wirkten als Lehrer an der hohen Schule, die ihre Einrichtungen, ihre Lehrart und ihre Haltung nach dem Pariser Muster einrichtete. In Parrs aber hielten hinwieder Kölner, Flamländer, Italiener und Engländer Vorlesungen. , s.
1462 an einem glühendheißen Junmn-tag orannten tue Dörfer in der Rheinebene an der Neckarmündung. Da zogen an tausend Dewafsuete unter Karl von Baden, Ulrich von Württemberg und Dieter von Isenburg gen Heidelberg,, um es zu besetzen. Die Verbündeten glaubten, ihr Gegner Friedrich von der Pfalz sei in Bayern. Da fuhr er bei Seckenheim aus dem Schwatzinger Walde hervor, rief seinen Schlachtruf: „Hert Pfalzgraf oder nimmermehr!" und lodert« in den Semd, die Schwerter hämmerten auf den Harnischen der überraschten Ritter tote Glockenschläge, das ganze Heer muhte dre Waffen strecken. Ul- rich und der von Baden wurden gefangen abends auf das Heidelberger Schloß geführt, dessen älteste Bauten schon vorhanden waren. Da soll nach einer Sage der Kurfürst seinen Gefangenen die brennenden Dörfer gezeigt haben. Gegen Ende des Jahres sollen sie sogar „in den Stock geschlossen . worden sem. Das ist derselbe, der mit einer Augsburger Patriztertochter, Klara-ottz der schönen Töttin, verheiratet war, der Stammutter der Fürsten Mn Daim^kamen die Zeiten des Humanismus da Reuchlin, Johannes Wessel, Sebastian Münster und andere Großen hier lebrten Zeiten der Religionskampf«, die einmal in Luthers Dis putation 1518 und schließlich in der Aufstellung des Hetdel- ^^And^Uüeder ein öderes Bild: Tilly nstümnt "ach scharf«: Belagerung und tapferer Verteidigung Heidelberg im Jahre 1622. .Und Rom, das schon die verschiedensten Versuche gemacht hatte, sich der berühmten, besonders von den Jesuiten als sehr wertvoll bezeichneten Bibliothek ach gütlichem Weg« zu be>nachttgea laßt sie sich, offenbar auf den Moment lauernd, von Tilly als vreges beute ausliefern, sie wird nach Rom geschafft, unendlich wert- volle, für Deutschland und deutsch« Entwicklung «ntschmdende Handschriften und Inkunabeln, wo sie noch heute als Dwlto- theka Palatina im Vatikan steht. Die besten Haichschriften stahl dann wieder Napoleon und schleppte ft« nach, Parts, die M tensten 38 davon kamen 1815 wieder nach Deutschland. Der Paps gab gutwillig 852 deutsche Handschriften zurück, der Rest aber blieb ^in Dom stehen. Wobei doch ein Hauptsatz bet W ist. b«ß man gestohlenes Gut wiederzugeben habe, ehe das Sakra ^^Rach^dM^ westfälischen Frieden im Jahre ^^S^als Ludwig XIV. und fein famoser Kriegsmimster Louvois Leitsatz „Drüler le Palatinal", die Pfalz verbrenEausgestellthtt- erledigte diese Ausgabe für Heidelberg rn!bekannte Mmster <Mfl General Melac, nach dem man jetzt in der Malz die scheupna) Fleischerkötw neu ntz Am 2. März wurde das ^idelberger Schloß, Bä
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