Gießener Zamilienblatter
UnterhattungsbeUage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925 Diemtag, den 2\. April Nummer 52
Oft.
Bon Theodor Däu.bl-er.
Warum erscheint mir immer wieder Ein Abendtal, sein Dach und Tannen? Es blickt ein Stern verständlich nieder -Und sagt mir: Wandle still von dannen Dann zieh ich fort von guten Leuten Was konnte mich nur so verbittern? Die Glocken fangen an zu lauten. Und der Stern beginnt zu zittern.
Aus dem literarischen Berlin vor fünfzig Jahren.
Bon Ernst von W o l z o g r n.
Ernst von Wolzozen feiert am 23. April feinen 70. Geburtstag. Wolzogen kennt jeder, der einmal etwas von „Äeberbrettl" hörte. Er ist der eigentliche Schöpfer des deutschen „Lieberbrettls", der' ein französisches Tingel-Tangel feines leichten Charakters entkleidete und zu einem künstlerischen Kabarett umgestaltete. Ein liebenswürdiger, vornehmer und doch herzerfrischender Humor kam ihm dabei zu Hilfe. Er ist jedoch grundverkehrt, wenn man Wolzogens literarischen Ruhm lediglich im Zusammenhang mit dem „Üeberbrettt" sieht und den Rom andichter darüber vergißt. Denn gerade der echte Wolzogen in seinem vielseitigen reichen Künstlertum zeigt sich in seinen großen erzählenden Werken. Will man eine Vorstellung von dem Romanschriftsteller von Wolzvgen bekommen, so vertiefe man sich einmal in seinen „Kraft-Mahr", der 1881 herauskam und das nachklassische Weimar Richard Wagners und Franz Liszts porträtierte. Dein vielseitiges Talent zeigt» Wolzogen ferner in Romanen mehr satirischen Charakters; genannt seien „Das dritte Geschlecht", „Die Gloria- Höfe" und die entzückende Geschichte von den „lieben, süßen Mädeln". Ein wertvoller Beitrag zur Geistes- geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist der kürzlich (bei Georg Westermann, Braunschweigs neuerschie- nene Roman „Der Erzieher". Seine Lebenserinnerun- gen legte der Dichter in dem Werke „Wie ich mich ums Leben" brachte" (Westermann, Braunschweig) nieder, dem wir den folgenden interessanten Abschnitt entnehmen.
Ich hatte dainals noch gar keinen festen politischen Standpunkt, und auch die großen Weltanschauungsfragen machten mir noch keine Kopfschmerzen. Ich war unreif und oberflächlich und nahm die rein ästhetischen Streitfragen wichtiger als Staat, Gesellschaft und Religion zusammengenomuren. Meine noch unsicheren Instinkte waren aristokrattsch von Bluts wegen, aber mein lebhafter Wissensdurst — oder war es mir Beugierde? — reizte mich, über die gesellschaftlichen Scheidewände mit langgestrecktem Hals hinüberzuspähen in die mir unbekannte Welt hinter dem Bretterzaun meiner ererbten Vorstellungen. Cs war mein Ehrgeiz, mich von allen Borurtellen zu befreien, alle menschlichen Dinge ohne Brille sehen zu lernen und Mitkämpfer für jeden als notwendig erachteten Fortschritt zu werden. Aus diesem Bestreben nahm ich auch Bvlsches Anerbieten, mich in den Friedrichshagener Kreis der politischen und literarischen Umstürzler einzuführen, mit Freuden an.
Es waren wohl weniger die dürftigen landschaftlichen Reize des Müggelsees mit dem berauschenden Hintergründe der Dü- dersdorfer Kalkberge als die Möglichkeit, für billiges Geld leidlich zu hausen und zu speisen, was die ersten Vertreter der literarischen und künstlerischen Revolution >rrach jenem sonst nur von Proletariern und Ackerbürgern, Fischern und Spreeschiffern bewohnten Berliner Vorort gelockt hatte. Einer zog den andern nach sich, und so fand sich schließlich eine kleine Gemeinde von Gesinnungsgenossen zusammen, die dem Ramen Friedeichs- hagen den Ton einer Fanfare verlieh, wie ihn einst für die Ämstürzler der französischen Rlalerei Barbizon gehabt hatte, und wie ihn später Worpswede und Schwabing noch ausgeprägter erreichte. Man stellte sich unter den Frirdr-ichsbrgenern
allgemein eine Gesellschaft von genialisch veranlagten armen Teufeln vor, die, weit sie selbst zu den Enterbten gehörten, politisch dis Sache des Proletariats zu der ihrigen machten, als schärfste Gesellfchaftskrttiker Mustraten, weil sie selbst zur guten DefÄl«. schäft keinen Zugang sanden und auch die bisherigen Gesetze der Kunst nicht mehr gelten lasten wollten, weil es ihnen bequemer war, zügellos ihrem Temperament zu folgen und ihre Ginbildungskraft wirken zu lassen, statt sich dem strengen Zwangs eherner Regeln zu unterwerfen.
Gänzlich grundlos war solche Verdächtigung eines jugendlichen Idealismus nicht, aber wie immer in solchen Fällen entsprang die Mißdeutung daraus, daß die Reuen von den Alten nicht verstanden wurden, weil die Alten einer gänzlich andersgearteten -Umwelt entstammten und folglich ihr Geist sich unter andern Bedingungen entwickelt hatte. Ich für meine Person empfand als den schlagendsten .Unterschied zwischen dem Friedrichshagener Kreis und dem älteren Voetengeschlecht, dem ich mich wesensverwandt fühlte, den. daß bei den Friedrichshagon-rrn der Einfluß der Damen, des Salons der guten Gesellschaft gänzlich ausgeschaltet war. Alle diese jungen Leute, die nicht ausgeschlossen, die sich -einer besseren Herkunft erfreuten, waren beweibte Junggesellen. Einige wenige von ihnen waren sogar richtig verheiratet, sofern man darunter „standesamtlich -anerkannt" verstehe'n will. Aber ihre Lebenstameradivimn waren durch die Bank Mädchen aus den>. Volke, blöde Fremdlinge in ihrer geistigen Welt. Soviel mir bekannt, haben die meisten, vielleicht sogar alle von ihnen eines schönen Tages doch den Weg zum Standesamt angetreten und sich aus wilden zu' zahmen. Ehemännern gewandelt, und aus den kecken Liebchen sind brave Hausfrauen und Mütter geworden. Wenn man Gerhart Haupt- man n, der in dem nahen Erkner wohnte und mit den Fried- richshagenern -enge Beziehungen unterhielt, diesem Kreise zu- rechnen will, so bildete er die einzige Ausnahme, indem er damals schon der jugendliche Gatte einer gleich jugendliche Dame war. Es gehört sehr viel moralischer Mut und die ganze Schwungkraft eines reinen Idealismus dazu, um als jünger Mensch von dunkler Herkunft, blutarm und ohne irgendwelche einflußreichen Verbindungen seine Person und fein Werk inj Getriebe der von der konventionellen Lüge regierten großen Welt durchzusehen. Diesen moralischen Mut und diesen schönen Idealismus hatten aber die Friedrichshagener, zum mindestem deren Führer. Freilich zwang sie die bittere Rot bisweilen zst recht seltsamett Mitteln, sich das nie vorhandene Geld zu verschaffen, doch ihre Lleberzeugung war ihnen niemals feil.
Die Aermsten der Armen waren wohl die Brüder Hart, die als Söhne eines mittellosen kleinen Subalternbeamten nut mit äußerster Schwierigkeit ihr Studium durchgesetzt und sich jahrelang als elend bezahlte Redakteure kleiner Provinzblätter durchgehungert hatten. Sie waren einmal, um zu Gelds zu kommen, auf den Einfall geraten, jeder für sich eine Flut von Briefen an gutgestellte Zunftgenossen und bekannte Literaturfreunde ergehen zu lassen, in denen sie zu einer Geldsammlung für einen unverschuldet ins Unglück geratenen hochbegabte» jungen Dichter aufsorderten. Sie erwähnten nur nicht, daß jeder von ihnen für seinen lieben Bruder sammelte. Der. Streich wurde im Kreise der Eingeweihten herzlich belacht. Es hätte sich auch keiner darüber sittlich entrüsten können, der diese siamesischen Zwillinge in ihrer großen Herzensgüte kamlle. als welche der eignen Dürftigkeit zum Trotz für notleidende Mitstrebende immer u.vch eine offene Hand und sogar freien Tisch und Behausung gewährten Hatten sie nicht schließlich auch recht, diese Freiheitsschwärmer, wenn sie die Sippenbande als Ausgangspunkt aller Llnsrerhett betrachteten? , .
Ich faßte eine beinah zärtliche Liebe zu diesen Brudern Hart, ick fühlte mich von der milden Apostelart des Cdol- anarchisten Bruno Wille stark ergriffen, ich hätte mit Bopche gern Freundschaft fürs Leben geschlossen — und dennoch gelang es mir nicht, das Gefühl des Fremdseins in diesem Kreise zu überwinden. Ich begriff nicht, wie Menschen mit solch feen«! Köpfen und selbst edelrassigen Gliedmaßen wie die Har.s s» entsetzliche Manieren leiden konnten, mir wurde übel zumute w#ta dem lauten Gejohl ihrer harmlosen Zigeunergelage, und vo allen Dingen ging mir die Weiblichkeit, die in diesem Krege ver kehrte, auf die Nerven. Meine Freunde waren scharfsinnig genug mir mein Unbehagen anzumerken und ließen es an PitmutiM Spöttereien nicht fehlen, während ich bei autr ehrlichen BL


