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Wisterung für ihr Schassen und Sympathie für ihre liebenswürdigen Persönlichkeiten mir doch immer wieder sagen muhte: Sure Kritik stimmt nicht, und euer Idealismus ist zu billig, denn ihr seid weltfremde Kinder in vieler Beziehung und scheint nicht zu ahnen, dah die Menschheit, von der ihr Gemeingefühle und Laten erwartet, ein wesenloser, Begriff ist, der wie eine Anhäufung von Bullen erst Wert erhält durch die zählenden Einzelnen, die sie führen. And wenn ihr erst einmal anfangt, vom Balke im Sinne der ungebildeten, besitzlosen Masse gegenüber der Herrenkaste zu reden, und dieses Volk zu Trägern, eurer Ideale zu machen, so seid ihr vollends verraten und betrogen, denn jene Masse der führungsbednrftigen Herdenmenschen um» , saht ja auch neben den zahlreichen Seelen voller Sehnsucht und Entwicklungsinöglichkeiten den rohen Pöbel mit der ungebändigten Kraft seiner niederen Triebe; wenn der erst einmal eure idealen Forderungen zum Feldgeschrei der Gasse macht, so ist eure gute Sache in den Schmutz getreten und das lenksame gutwillige Volk eurer Liebe an die Wand gedrückt. Das ist eine) Behauptung, die die Weltgeschichte allerorten schon unzählige Male bewiesen hatte, bevor noch unsere trostlose Gegenwart sie abermals bekräftigte.
Bun, allzu lange haben sich ja die Brüder Hart nicht mit den sozialen Problemen befaßt. Durch ihre scharfsinnigen, glänzend stilisierten kritischen Aufsätze verschafften sie sich einen Ruf, der den klugen Zeitungskönig August Scherl veranlaßte, , sie für seinen großen Betrieb einzufangen. Sie wurden so zu tonangebenden Theater- und Literaturkritikern und kamen dadurch in die Lage, ihr notiges Zigeunerleben gegen ein behagliches, wohlanständiges, gutbürgerliches Dasein zu vertauschen, ohne daß sie nötig gehabt hätten, dafür ihre Aeberzeugung zu opfern. Doch war es nur natürlich, daß in der steten Anspannung ihrer Kräfte durch die Berufsarbeit des Tages ihre zärtlichen Bemühungen; um die „Menschheit" zu kurz kamen und auch ihre dichterische Ader verkalken mußte. Julius Harts goldbesaitete Leier verstimmte, und Heinrich Harts übermütig verkündetes Aiesenepos von 25 Bänden „Das Lied der Menschheit" kam nicht über seinen vierten Gesang hinaus. Die Brüder machten auch einmal mit anderen Gesinnungsgenossen den Versuch, eine kommunistische Siedlung in der Berliner Kiefernheide zu begründen. Sie fand ein tragikomisches Ende, weil von all den hochgemuten Schwärmern niemand etwas von der Landwirtschaft verstand, und weil das dem Anternehmen angegliederte zahlreiche Weibervolk lieber in durchsichtigen Gewändern der göttlichen Frau Sonne zu Ehren anmutige Reigen schlingen als Ankraut jäten und genießbare Mahlzeiten kochen mochte.
Bruno Wille war in seinem Wegen weit beherrschter als die Harts. Er hatte eine adlige Mutter gehabt und war als Erzieher in vornehmen Häusern gewesen. Seine guten Manieren und sein reputierliches Auftreten verlor er auch nicht in den Röten seines Ringens um die wirtschaftliche Existenz. Gr glaubte wirklich an die Möglichkeit, Menschen allein durch die Kraft idealer Forderungen aus der dumpfen Enge des Trieblebens zur Freiheit und zum Licht hinaufzuführen" weil er selbst ein «einer Mensch war und seine Ideale nicht nur im Munde führte.
(Schluß folgt.)
Taraseon.
Von Otto Schröder.
Die in Rr. 26 der Gießener Familienblätter veröffentlichten „Südfranzösischen Reisebriefe" von Fritz Diettrich Haben in mir die Erinnerung wachgerufen an ein wohl kaum noch bekanntes altes Reisewerk.
Aus dem Rachlasse meines Großvaters, eines sehr belesenen Schullehrers, besitze ich einen Band der „malerischen Fußreise durch das südliche Frankreichs und Oberitalien", die im Jahre 1818 im Selbstverläge des Verfassers, des Pfarrers Christ. Friedr. Mhlius in Karlsruhe erschienen ist. Das' Werk bietet eine reiche volkskundliche Ausbeute.
Es dürfte für den Leser der Familienblätter von Interesse sein, die von Fritz Diettrich in Rr. 26 erzählte reizende Legende über den Arsprung der Stadt Taraseon in der Gestalt kennen zu lernen wie sie Pfarrer Mhlius vor mehr als ICO Jahren ge« hvrt hat. Mhlius leitet den Namen Taraseon von dem griechischen Wort tarassein == schrecken ab.
Hier die Legende;
„QSn L-arascon hauste ein Drache, der Tarasque Hieß und in der Gegend zwischen Taraseon und Arles sein Anwesen trieb, Er überfiel die Menschen, die den Fluß hinabfahren wollten und schleppte sie in seine Höhle am Alfer, wo er sie fraß. Zur Zeit der Romer, unter Neros Regierung, zogen ganze Kohorten gegen ihn aus; aber der Anhold fraß Mann und Speer, Schwert und Schild. Schon waren die Einwohner der Stadt im Begriffe aufzupacken und vor dem Drachen zu fliehen, als ein Kahn den Strom herauskam und zwei Fremdlinge darin ans Land stiegen, ein Mädchen, schön wie ein Engel, an der Hand eines würdigen Mannes mit ernstem Blick. Als sie das Glend der Stadt erfahren Hatten, ging das Mädchen hin zu der Höhle des Angeheuers und befahl ihm, hervorzutreten; zitternd kroch das «ngtifim zu den Füßen der Gebieterin, ließ sich geduldig ein Band (oder einen Schleier) um den schuppigen Hals binden unb
folgte gehorsam, wohin sie es leitete. Aus dem Markte zu Tä- rascvn stand die fremde Wundertäterin mit dem Drachen stille und befahl den furchtsam herbeischleichenden Bürgern, das An- geheuer ohne Almstände totzuschlagen, was sogleich geschah. Auf diese Tat mutzte die Predigt des Fremdlings eine außerordentliche Wirkung tun; man glaubte und ließ sich taufen. Martha, so hieß die schöne Fremde, und Lazarus, ihr Bruder, wurden schon bei ihrem Leben als Heilige verehrt. Lazarus war der erste christliche Bischof dieser Gegend.
In Erinnerung an dieses Wunder trägt man am 2. Pfingst- feiertag ein groteskes hölzernes Bild des Drachens (oder der Tarasque) durch die Stadt; es sieht einer Schildkröte ähnlich; es ist ein hölzernes Gerippe, mit Wachsleinwand überzogen, apfelgrün bemalt, mit vergoldeten Haken und Dornen auf dem Rücken. Acht gewandte junge. Laute, die auf besondere Art gekleidet sind, tragen das Monstrum, unter dem sie. versteckt sind. Bald laufen sie schnell, bald stehen sie still, bald drehen sie sich schnell um; wo ein dichter Pöbelhaufe steht, da fährt das Tier in denselben hinein und wirst ein paar Dutzend auf die Nase. Am den Schrecken zu vermehren, schleudert man aus dem Rachen und aus den Augen desselben Schwärmer unter den Pöbel.
Dagegen läßt man am jährlichen Festtage der heiligen Martha den Drachen an der Prozession einen ganz friedlichen Anteil nehmen. Ein junges weißgekleidetes Mädchen führt das Angeheuer an einem langen Bande, das die Farbe des Schleiers hat. mit dem einst die heilige Martha den lebendigen Drachen nach Taraseon brachte. Ist die Prozession in die Kirche eingetreten, so bringt man den Drachen zur Türe des Chores; hier besprengt ihn ein Priester mit Weihwasser, der Drache macht mehrere konvulsivische Bewegungen und fällt zur Seite."
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Diese Volksbräuche schildert Diettrich in feinen Reisebriefen nicht; sicherlich sind sie längst in Vergessenheit geraten. Der letztgeschilderte Brauch am Festtage der heiligen Martha dürfte wohl die ,wirkliche Darstellung der Legende sein, während der obm beschriebene Mummenschanz am 2. Pfingstfeiertage an Pfingst- brauche in Deutschland erinnert, die sicher aus heidnischer Zeit herrühren. So ist mir bekannt, daß — wenigstens vor Jahren noch — zu Meder-Weisel (bei Butzbach) in der Gewann „Die Pfaffeneichstücke" (nach dem Grundbuchs „zwischen dem Speck und Guckacksweg" und nach der Karte „Pfaffenweihe") am letzten Pfingstfeiertage „Pfingsten geritten" wurde; es war dies ein Wettrennen, das die jüngeren Burschen der Gemeinde veranstalteten. — Anderwärts wird der sog. „Pfingstlümmel", ein in grüne Zweige eingehüllter Bursche, mit viel Halloh an einen Bach geführt und dort untergetaucht.
Bret Harte in Kalifornien.
Von Dr. Friedrich A. Whneken.
Oestlich von San Franzisko, dicht vor den Fußhügeln der Sierra Nevada, liegt der Flecken Columbia, der heute kaum hundert Einwohner zählt und doch auf eine größere Vergangenheit zurückblickt. Vor mehr als sechzig Jahren wohnten dort wenigstens 20000 Menschen und man sprach davon, den Ort zur Hauptstadt Kaliforniens zu machen. Noch befindet sich daselbst ein großes eisernes Gewölbe, das gegenwärtig der einzige Apotheker des Dorfes zur Aufbewahrung von leeren Flaschen benutzt. Einst freilich beherbergte es Goldstaub im Werte von sechzig Millionen Dollars.
Auf der anderen Seite der Straße betrieb ein junger Mann, der als Multimillionär starb, eine Kneipe, in der jedes Getränk mit einer Prise Goldstaub bezahlt wurde, und man behauptet, daß der Wirt deshalb nur solche Schankwärter anstelle, die möglichst Breite Daumen und lange (Zeige-) Finger besaßen.
In jener längst vergangenen Zeit schwang Jim Gillis, der Grubenmann, in der Amgegend der erwähnten Stadt am Stanislaus-River seine Hacke, um dem harten Erdreich goldene Schätze abzuringen, als ein junger Mann bei ihm erschien.
Er war Wander müde, hungrig, mittellos. Sicherlich gehörte der Fremde seinem Aeutzeren nach nicht in die Gegend, in der E nur muskelkräftige Menschen mit großen Fäusten, Breiter Brust und sonnenverbranntem Antlitz gab. Dagegen war das seine Bleich und fein. Kleine Hände hatte der junge Mensch, und auch die Stirn, Nase und Augen gehörten einem Individuum an, das die Natur zu etwas anderem als zum Bergwerksarbeiter bestimmt hatten. — Es war Francis Bret Harte.
1839 im Staat Neuyork geboren, verlor Bret Harte schon als Knabe seinen hochgebildeten Vater und kam noch während der ersten Zeit des kalifornischen Goldfiebers mit der Mutter nach der Stadt am Goldenen Tor. Dort geriet er in echt amerikanischer Weise anfangs von einem Beruf in den anderen. Als Botenjunge fuhr Francis auf dem Wagen einer Transportgesellschaft durch das Sakramentotal, mit dem Bewußtsein, daß fein Vorgänger Bon Banditen beraubt und niedergeschossen worden war. Dann war er Dorfschullehrer, Avothekergehilfe und Goldgräber, biS den jungen Abenteurer endlich das Schicksal nach San Franzisko zurückführte. Es heißt, da Mm der vorerwähnte gutmütige Jim Gillis das Reisegeld dazu gab.
Hier arbeitete Bret Harte zuerst als Schriftsetzer und kam, von Anten auf dienend, so in feine wahre Profession Hinein, in


