Ausgabe 
21.3.1925
 
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hatten nicht

eine eiserne Größe einer das Jahres

Er fand Gejatlen an .

Rat lernte ich. obgleich ich beinahe dreißig Jahre alt war, das Wagnergeschäft, und die braven Leute nahmen mich schließlich an Kindesstatt an. So bin ich zu dem Aamen Seipp flammen. Zuerst starb die Pflegemutter, dann der Pflegevater, ich hab« das Haus bekommen, schließlich wurde ich als Gießener Bürg« angenoinmen. Manches Bürgermädchen hat nach ""r gesehen, wenn ich nach Feierabend durch die Straßen ging, aber ichKvottte nicht heiraten. Christine, ich mußte immer an dich denken.

Dem Manne liefen die Tränen über das Gesicht, als er bas sagte. Gr hielt einen Augenblick inne und wischte sich mit einem reinlichen bunt gemusterten Taschentuch das Gesicht.

»Fünfundzwanzig Jahr," fuhr er fort, ^habe ich in der Fremde gelebt. Ich habe dort viele brave Menschen tennew gelernt und habe mir manchen guten Freund erworbenAis> tch aber fünfzig Jahre alt geworden war, hat mich das Herwweh gepackt. Ich war ein sehr armer Bub. aber an meinen Geburtsort Duchroth, wie er oben auf der Höhe liegt, mußte ich immer denken. Die Rahe schien mir viel schöner zu sein als die Lahn, es tat mir leid, daß ich so lange keinen Wingert mehr gesehen und keine Traubenlese mehr mitgemacht hatte. Und, Christine, ich wollte auch wissen, ob du noch lebtest und wie es dir ginge. So habe ich eines Tages HauS und Geschäft verkauft, habe einem Fuhrmann, der nach Mainz fuhr, meine Möbel und mein Handwerksgerät übergeben und bin nach Kreuznach gekommen. Der Salineneinnehmer in Münster am Stein hat mich als Ar­beiter angenommen, und so war ich wieder in beiner Rahe, vinen Dauer aus Aiederhausen, der Trauben nach Kreuznach fuhr, hatte ich nach deinem Wanne und nach dir gefragt und alles erfahren, was ich wissen wollte. An einem Sonntagnachmittag bin ich nach Riederhausen gegangen, habe mich so gestellt, als ob ich Trauben kaufen wolle, und bin auch an eurem Hause voruber- gekommen. Da sah ich dich am offenen Fenster hinter Blumen fitzen, nicht mehr schwarz von Haar wie damals un vierzehner Jahr, sondern grau. Ach. Christine. Altwerden ist ein Los, dem keiner entgeht. Aber es hat mir doch leid getan, als ich sah, daß deine Jugend vorüber war."

Michel," sagte die Frau, und Tränen trübten ihre Augen, »unser Pfarrer hat vor ein paar Wochen in der Predigt einart Vers genannt, den ich nicht vergessen kann. Er heißt. Mit iwem Regengüsse ändert sich dein holdeS Tal, ach, und in demselben, Flusse schwimmst du nicht zum zweitenmal. Der Pfarrer hat den Vers so erklärt, daß Vergangenes nicht wiederkehrt und daß der Mensch den Augenblick benützen, im Augenblick sich seine-

mlt einer Angelrute an die Lahn gegangen, Wenn ich an das Wasser kam, stand dort meist schon ein alter Wann, der gleich- falls fischte. Lange Zeit hat er nichts mit mir gesprochen, bi» er an einem Sommerabend mich fragte, woher ich sei und was ich in Gießen mache. Als er hörte, daß ich fremd sei und ftetna Eltern mehr habe, lud er mich ein, ihn in seinem Hause zu be­suchen. Er war ein Wagner, hieß Seipp und wohnte in der Wolkengasse. Run, ich will eS kurz machen. Der Mann hatte nur noch seine kranke Frau, alle seine Kinder waren gestorben.

- - - mir und nahm mich bei sich auf. Auf seinen ich ich beinahe dreißig Jahre alt war, das

Ja, Christine, ein Tal ändert sich schnell. Wie schon war das Rahetal immer im Sommer, wenn der Wald grün war, das Wasser leuchtete dann am Abend, wenn die Sonne am Untergeben war, wie flüssiges Gold. Und nun gestern am Himmel die fliehenden Wolken und die breite, wild dahiw rauschende Flut! Jung werden wir nicht mehr, Christine, und das Glück, das deine Eltern uns nicht gönnen konnten, komntt nicht zu uns, aber ich bin froh, daß man mich einmal da begrabt, wo der Lemberg liegt und die Rahe fließt. Als ich gehört hatte, daß der alte Fährmann nach Rorheim zu seiner Tochter gezogen sei und daß der Fährmanns dienst nicht recht ausgeübt wurde, habe ich mich gemeldet. ES ist ein geringes Amt, das ich habe, aber die Rahe hat es mir angetan, seitdem ich beim Rckela SachS am Ufer gesessen und von seinem Aachen aus mit der Stange auf den Fluß gestoßen habe. Ich habe hier seither zufrieden gelebt, konnte ich dich doch fast jeden Tag sehen. Kein Mensch hätte mir mein Geheimnis entlockt, aber als ich gestern meinte, ich wäre verloren, da wollte ich dir doch einen Gruß zurufen.

Christine trocknete ihre Tränen und stcmd auf. Dann packte sie ihren Korb aus und stellte ihre Gaben auf den Tisch. Me hatte schöne Aepfel, Wurst und Wein für den Fährmann mit- aebracht.

»Es war Gottes Rat," sagte sie, »daß wir nicht zusammen- kommen sollten, aber so lange wir leben, Michel, wollen wir einander beistehen."

Sie reichte dem Fährmann die Hand und ging weg.

Hannes Wild lebte noch drei Tage, dann nahm das schwer« Röcheln ein Ende, und der Mann, über den trotz seiner Bieder­keit viele gelacht hatten, schlief ein. Er, der im Leben so wenig geredet hatte, war nun ganz schweigsam geworden.

Zwischen den beiden, die nach langer Trennung einander wiedergefunden hatten, blieb es wie seither. Michel Klee fuhr fort in seinem Fährmannsdienst, und Christine verbrachte ihr - Leben in der Fürsorge für Kinder und Enkelkinder.

Hand hinaus gekommen.

Der Rachbar, der den Fährmann aufgenommen hatte, hatte nach dein Arzte geschickt. Der kam in der Mittagsstunde, ver­ordnete Lindenblütentee und Bettruhe, dann ging er zu dem kranken Hannes Wild. Gr fand keine Veränderung an dem Kranken und gab der Frau einige Verhaltungsmaßregeln. Dann sagte er ihr:Ich habe Euch etwas auszurichten. Der Fährmann verlangt nach Euch, Ihr möchtet heute noch zu ihm kommen."

Christine packte einige Lebensmittel und eine Flasche Wein in einen Korb und ging mit Herzklopfen aus ihrem Hause. Die Leute, bei denen der Fährmann Aufnahme gefunden hatte, waren damit beschästtgt, das eingedrungene Wasser aus dem Keller zu schaffen. Die Magd, die gerade mit einem gefüllten Eimer in den Stall gehen wollte, wies die Frau nach dem Zimmer, das dem Wohnzimmer gegenüber links vom Haus- cingang tag und dessen einziges Fenster nach dem Hofe ging.

Der Fährmann tag in einem reinlichen Bette, Kissen und Ueberzug waren rot gestreift, Im Ofen knisterte ein Holzfeuer. Als Christine eintrat, flog ein Schein von Freude über da« Gesicht des Mannes.

Christine, ich bin es wirklich, der Duchrother Michel," sagte er,im vierzehner Jahr bin ich arm und zerlumpt zu euch gekommen. Setze dich neben mein Bett, damit ich dir erzählen kann, wie alles gekommen ist."

Die Frau nahm auf einem schweren Eichenstuht, 6er neben dem Bette stand, Platz.

Ich muh von vorn anfangen, sprach der Mann, »sonst mache ich Durcheinander und du bist so klug wie vorher. Sieh, Christine, als ich damals im Zorn und in Traurigkeit von euch ging, da kam ich zum alten Fährmann Rikela Sachs. Gr hat es gut mit mir gemeint, aber er hätte mich nicht nach dem Mont­forter Hof führen sollen, wo ich an die Wilddieberei geraten bin. Beinahe wäre es mir dort an den Kragen gegangen, öa habe ich mich auf und davon gemacht. Zuerst habe ich in Bingen bei den Maurern als Handlanger geschafft, bann eine Zeitlang im Frankfurter Hafen beim Gin- und Ausladen der Schiffe. Qtber ich wollte nach Hamburg, um von dort über das Meer zu fahren. Cs ging schon auf den Herbst, als ich nach Aorden wanderte. Eines Tages sah ich zu meinen Füßen eine Stadt liegen, deren Kirchturm hoch hinausragte, links von der Straße, auf der ich ging, sah ich einen Berg mit einer alten Burg, so wie die Mont­forter Burg, nur größer und besser erhalten. Unten im breiten Tale floß ein Fluß wie die Rahe. Da fragte ich einen feinen Herrn, der auf der Straße ging: Mit Verlaub, was ist das für eine Stadt? Gr sagte: Das ist Gießen, und ging weiter. Run, mir gefiel die Gegend mit den schönen Wäldern und den alten Burgen, und ich beschloß, ein paar Wochen dort zu bleiben. AuS den paar Wochen sind fünfundzwanzig Jahre geworden. Als ich in den ersten Jahren dort war, bauten sie eine Kirche. Die alte Kirche hatten sie abgerissen, nur der Turm war stehen geblieben. Da habe ich an dem Kirchenbau geschafft und schönes Geld ver­dient. Die Jagd habe ich ganz gelassen, denn ich hatte kein Geld, um eine Jagd zu pachten, und ein Wilddieb wollte ich nicht mehr werden. Dort in Hessen wäre das auch nicht möglich ge­wesen, denn die hessischen Gendarmen passen scharf auf, und Förster gibt es dort, die es mit dem Leibhaftigen aufnehmen. Dafür habe ich mich an das Fischen gemacht und bin oft abendS

treibenden Fährmannes »Leb wohl, Christine, ich bin der Michel Klee aus Duchroth!" Michel Klee! Ach, der mutzte doch schon lange tot fein, seit dreißig Jahren hatte sie nichts von ihm gehört. Hatte sich der Mann einen Scherz mit ihr erlaubt? Wie konnte er der Michel Klee fein, er hieß doch Seipp und war gar nicht aus der Gegend gebürtig. Aber als Christine nachsann, da tarn ihr auf einmal, daß der alte Mann mit dem langen grauen Bart und dem kahlen Schädel doch in vieler Beziehung an den Verschollenen erinnerte. So hatte auch Michel drein- gesehen, offen und ehrlich den Mensen in das Auge blickend, so hatte seine Stimme geklungen Die Gestalt, die Gröhe, die Wesichtsform, der Gang, alles stimmte.

Kein Auge schloß die Frau in dieser Rächt. Sie saß, selber schwach und matt, am Bette des Ehemannes, der schwer atmete und ohne Bewußtsein war, sie legte ihm nasse Tücher auf die Stirn und pflegte ihn sorgsam, aber immerfort tönten ihr die Meldung kam auf Meldung am nächsten Morgen von der ver- Worte be8 Fährmanns in das Ohr.

Heerenden Wirkung der Ueberfchwemmung. Die Bäche, die in die Rahe einftrÄnen, hatten ungeheure Wassermassen mit sich geführt. So schnell war das Hochwasser gekommen, datz man es nach den flußabwärts gelegenen Orten gar nicht melden konnte. An verschiedenen Stellen des Rahetales waren Gebäude ein- gestürzt, andere waren dem Umsinken nahe und mußten gestützt werden. Menschen waren mit fortgerissen worden. Haustiere hatten nicht gerettet werden können Zu Kreuznach waren die Kuranlagen zerstört worden An einem der Pfeiler der alten Kreuznacher Brücke ragt noch heute in sehr beträchtlicher Höhe Hand hervor, die den Aachlebendem die furchtbare früheren Ueberfchwemmung angeben soll, die Flut 1844 war beinahe einen Meter über die eiserne

Vchrifileitung: Dr. Friede. Wiih. Lange. Druck und Berlaa der Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.