Ausgabe 
21.3.1925
 
Einzelbild herunterladen

Hront. lag Me interetfante Stadt restlos vor mir auf- aervllt. @8 liegt entschieden ein heroischer Zug in diesem Stadt­bild, zumal die architektonischen Fehlgeburten des ausklingenden IS. Jahrhunderts hier keine Plagiatoren sanden.

Das architektonische Stilgesühl des Südländers unterscheidet sich von dem des Nordländers dadurch, daß jener ohne Roman­tik baut, lediglich vom Zweck der Dache erfüllt, dieser aber nach einem Ausdruck, nach einem gewachsenen Symbol für seine Bau­werke ringt. Wenn allerdings eine starke Kulturepvche fehlt, die das Ringen nach architektonischem Ausdruck erfolgreich stützt, so arten alle baulichen Unternehmungen in lächerliche Stil- vanscherei aus. Lind ein simpler Maurermeister, der mit feinen dürftigen Kenntnissen ein kleines Haus zusammenschustert, kann In Zeiten kultureller Armut stolzer auf seine architektonische Schwergeburt sein, als ein namhafter Baumeister, der an der Fassade eines Postgebäudes ein pompöses Stilpanorama ausrollt.

Reben mir stand an der Brüstung eine Schar Waisenkinder. 8s waren Mädchen im Alter von 9 bis 15 Jahren. Em ältliches Mädchen in Ronnentracht hielt wie ein Wachhund diese ge­drückten schweigsamen Gesichter eng beisammen. Wie viele Blicke waren hoch mit Fragen beladen! Wie viele Hande hoben sich schüchtern aus ihrem Einerlei und wollten Gesten geben! Doch trotz des blautrunkenen Himmels, trotz all der breiten Schwaden goldenen Lichts, das ihr Waisentum mitleidsvoll verkMrte, Haderte in jedem einzelnen Mädchengesicht eine Aengstlichkeit,

6 Als dne^öer Kleinsten, das die trostlose Ginheitstracht viel­leicht erst seit kurzem trug, ein paar zaghafte Plapperwutq hervorstieß, zerschnitt ein kaltes Pst! die neugierige Frage, schlug damit die vielen Herzenstüren, die gerade jetzt einen schmalen Spalt offengestanden hatten, erbarmungslos wieder zu, und zwang die Gesichter in dieselbe Traurigkeit und Verlorenheit zurück, wie wir sie von gefangenen oder gequälten Tieren kennen. Was galt mir nach diesem tragischen Zwischenspiel noch die musizierende Landschaft? Was konnten noch die Arize 6e8 Reuen in mir aufwirbeln? Dieses Pst! hatte die Landschaft vor meinen Augen wieder mit unendlichen Jmmortellenkränzen von Rauhreis bedeckt. Roch einmal blickte ich den armen Kleinen nach, deren Schritte dicht bei dicht den Hügel hinabirrten. Sch hatte aus einmal so viel Angst in mir, so viel Machtlosigkeit. Denn ich sah einen Menschen, der seine eigenen Verbitterungen an eine Schar von Kindern weitergab.

Marseille.

Hier ist Frühling Trumpf. Aber Schmutz auch Sn weitem Halbkreis drängen sich die hohen Häuserkolonnen um den be­triebsamen Hafen. Rach den Borstädten zu lassen sich die Häuser wieder los, und die Landschaft bekommt dann dasselbe Gepräge

Sm allgemeinen ist der Franzose ein schlechter Geschäfts­mann. Das beweist er schon durch daS zähe Festhalten am Ver­sailler Vertrag, der ihn deshalb in eine finanziell trostlose Lage gebracht hat, weil er sich absolut auf ihn verfietz. Seder Staat, der in finanzielle oder innerpolitifche Schwierigkeiten gerät, muh sich aus ihnen, um sich zu retten, ohne fremde Hilfe herausorganisieren. (Wenn er nicht imstande ist, durch fremde Kredite seine PrvduktionsfShigkeit zu vervielfälttgen, bringen Ihn diese Kredite nur dem Bankrott näher!)

Der Provenzale aber ist ein Unikum von Geschäftsmann. Wäre ich ein amerikanischer Milliardär und käme Frankreich zu mir, um Kredite zu haben, so würde ich ihm wegen des Pro­venzalen welche geben. Wir kennen den Provenzalen in allen öchattterungen. Die französischen Schriftsteller kommen immer wieder auf ihn zurück. Ünb jeden Tag sieht er anders aus. Jeden Tag kann man eine neue Entdeckungsfahrt in das Wuchselbunte seines Wesens machen. Da er mit einer wahren Leidenschaft seine fabelhaften kaufmännische-n Anlagen heraus­zukristallisieren versteht, tut er des Guten oft zuviel und multi­pliziert die Tagespreise mit 3, 4, 5... solange, bis man's end­lich merkt. Gr ist kein guter Menschenkenner. Er sieht im anderen immer nur sich selbst, er sieht nur, wie weit sich seine eigenen Anlagen mit denen des anderen decken. Zum Menschenkenner fehlt ihm die Kühle und Objektivität, die wir am Engländer bewundern können.

Hier gibt es viel weniger Juden als in Roröfrankreich. Der geschäftstüchtige Intellekt des Provenzalen ist ein besseres Austreibemittel als alle judenfeindlichen Bewegungen. Der Pro­venzale kennt keine Rassenprobkeme. Seine Geschäftstüchtigkeit P seine einzige Klinge, die er hat. Er will nur handeln und überläßt dafür dem Norden die Probleme. Der Jude, der an derartig seltener Geschästsintelligenz zurückvrallt, sucht sich natür­lich lieber Länder auf, die schwerer, intensiver und eindeuttger in ihrer Gesinnung sind.

Ich sitze in einem kleinen Restaurant am Quai, trinke einen bejahrten Bordeaux und drehe mir einige Zigeratten. Die Sonne erfüllt die Luft mit Lenzlichkeit. Eine warme Brise kommt vom Meere her. Oben auf der Höhe steht in Lichtmusik ein­gesponnen die berühmte Kirche Rotre Dame de la Garde. Draußen das Meer glänzt wie eine große Verheißung. Wie Scharen junger Katzen spielen dis Wellen aus und nieder.

Gin liebes Mädel setzt ein« große Langustenhälfte vor mich hin. O Muscheln, Austern, Langusten und drei, vier Sm» §rovisattonen auf dem Instrument der Phantafie, das ist ein lusruhen an der warmen Brust des Südens. Gin Ruhen und Warten auf Fülle und Werk.

Fischmarkt. Es stinkt scheußlich in der wetten, niedrigen Halle. Fette Weiber reißen mit geübtem Griff die Körbe auf und schichten die groteskesten .Fischvisagen auf ihren Ständen aneinander. Lieber die Abfallhaufen machen sich wilde Hunde und alte Bettelmänner her. Dabei treffen oft ein paar dürre, zittrige Finger mit einer Hundeschnauze zusammen, und dann, wenn keiner von beiden der Klügere sein will, gibt 8 Tritte und Bisse und zerfetzte Hosenböden.

Ich verlasse schnell wieder diese Baracke voll Gestank und Geschrei, und gehe, mir ein Motorboot suchen, um eine kleine Rundfahrt durch den Golfe du Lion zu machen. Sn langen Ketten warten hier am Quai die toettergebräunten provenza- lischen Motorbootbesitzer auf ihre - Opfer. Ich trete unter sie, und schon erhebt sich ein wahres Vokalkonzert von leides schastlichen Anpreisungen. Einer hängt sich bei mir ein und will mich nach seinem Doot entführen. Doch diesem schlauen Jupiter tue ich nicht das Vergnügen, und springe dafür m em kleines flinkes Boot, das ungeduldig und graziös am Afer hin- und herhüpft. Der Motor schlägt an und in gerader Lime jagt das Boot aus dem Hafen, fährt unter der riesigen Trans­portbrücke hinweg (ein frecher Provenzale übt von oben sein Geschick im ZielspuckenI), saust am Fort Et. Ricolas, dem Sammel­punkt der Fremdenlegionäre, vorüber, läßt das Schloß der ebenso geist- wie verhängnisvollen Kaiserin Eugenie im Rucken, und steuert nach Chateau d'Jf, das einst den größten Mann Frankreichs als Gefangenen in seinen Mauern sah: Mlrabeau.

Nizza. , , ,

Der Expreß rollte die französische Riviera entlang. Hauser und Gärten hatten ihren französischen Charatter auf gegeben. Es war Italiens wiegeweiche Luft, die näher kam und Blick und Herz mit Erwartungen beschlug. Die Wiesen schmolzen hm in ihrem ersten zarten Grün, Rosen schaukelten auf langen Sten­geln wie Berauschte. Blühende Pfirsichbäume, die mutwilligen Fäuste des Frühlings, langten zwischen dem Astwerk noch schlafender Bäume empor.

Hinter la Siotat stürmte der Expreß am Meere entlang, das behutsam wie die Brust eines Schlafenden auf und nieder ging. Wie entzückende Improvisationen hingen Segelboote in der Ferne. Man wußte nicht, ob sie dem Meere oder dem Himmel gehörten.

Vor Toulon sah ich die ersten Agaven in den Garten. Graugrün sprangen sie auf, zackig und scharf tote Schwerter. Sie sind genügsam tote Einsiedler und haben etwas tron der Monu­mentalität sagenhafter Ritter. In der Rühe von Cannes saust« der Expreß wieder vorm Antlitz des Meeres hin. Die Sonne lag magisch in dem braunroten Gestein, das hier vom Meer« zu tausend Inseln und Inselchen wundersam zersägt wird.

Unerträglich heiß war's im Abteil. Ich ritz das Fenster herunter und ließ die Düfte der Riviera hereinwirbeln. Draußen, die Küste entlang, promenierte internationale Eleganz. Aus end- losen Rasenplätzen spielten die unvermeidlichen Engländer Golf. Bald rechts, bald links vom Bahndamm tänzelte in graziösen Windungen die Autostraße. Schneller als der Exfweh (wir fuhren ungefähr mit 90 bis 100 Kilometer in der Stunde) flogen die Autos die Cöte d'azur entlang.

Endlich kamen die ersten Palmen, die für uns im Rorden das exvttschste Instrument in der Musik des Südens bedeuten. Denn Pinien gab es schon um Marseille genug. Sie, die wie Orgelpfeifen beisammen stehen, sind die sakralen Stützen dieser Landschaft, sind Finger, die eindeutig zum Himmel weisen.

Endlich nach ganzen Ketten von Wundergärten, in denen Mimosen gelbe Schleier schwangen und mit ihren Zweigen liebe- brünstig nacheinander langten, rollte unser Zug in Nizza ein. Nizza, Nizza! Langsam und andachtsvoll sprach ich wieder und wieder diesen schönen Namen für mich hin und genoß ihn jedesmal tote einen Schluck köstlichen Weins.

ch

Nizza ist eine fleißige Stadt für Genüsse und in Ge­nüssen. Seit 14 Tagen bereitet man sich auf den weltberühmten Karneval vor. Seit 14 Tagen klettern tagtäglich Dutzende von Arbeitern auf hohen Gerüsten herum und spannen zierlich- kitschige Bögen über die Straßen, und schrauben Tausende wn elektrischen Birnen ein. Erst in drei Wochen beginnt das »eit, das von einem Festausschuß bis in die kleinsten Knalleffekte ausgearbeitet worden ist. ,

Ich quirle bei diesem Gedanken traurig in meinem Absinty- glafe herum. Ich möchte die drei Wochen mit einem tob1? Ruck zusammenziehen. Doch wir Feuilletonisten sind wie Lauv, das der Wind von einer Ecke in die andere fegt. Wir stehen auf der Bühne des Augenblicks, um für viele zu spielem Des­halb dürfen wir nie unsere tausend Wünsche springen laifim.

Meine Hände spielen mit einer Rose. Zwischen Wolken von Parfüm, unverständlicher Wogensprache und Autokouzerien z 9 ich diePromenade der Vereinigten Staaten" entlang. Drauß