Gießener zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger
Zahrgang 1925 Samstag, den 2\. März Nummer 2-
„Trinkt, o Augen, was die Wimper hält.
Der späte, kaum mehr erwartete Einzug des Winters in diesem Jahre spendet mit verschwenderischen Minden unS den lang entbehrten Zauber der leuchtenden Schneelandschaft gewährend. 2ns Unendliche dehnt sich die weih« Fläche. . . Daum und Strauch breiten schützend ihre weihen Zelte über Acker und Waldboden. „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem silbern' Ueberfluh der Welt", lösen sich die bewundernden Worte von den Lippen der Erdenkinder. Der weite Ausblick von schneebedeckter Höhe, der einsame Dana oder märchenhafte Ritt durch den beschneiten Tann, das schweigende Wandern durch die schneeverwehten, von den Strahlen der Sonn« kaum erreichbaren Täler lassen Saiten int Herzen des Dichters erklingen, deren Ton zu jubelnder Bewunderung der göttlichen Allmacht anschwellen. Die Äatur sammelt sich Kraft zu neuer Schönheit, neuem Werden, wie es Eichendorff vom Daum mit den Worten ausgedrückt hat:
„Er träumt von künftiger Frühlingszeit,
Von ®rün und Quellenrauschen, Wo er im neuen Blütenkleid Zu Gottes Lob will rauschen."
Wtnterlandschaft — Feldeinsamkeit. Zwei Begriffe, die aufS engste miteinander verbunden, an die Vergänglichkeit alles Schönen mahnen. Zn dem weihen, weiten Schneefelde sehen wir das Sinnbild des Todes, der mit seinem Bahrtuchs die tote Ratur bedeckt hat. -Und doch schlummert unter dem weihen Linnen noch Leben, das dem Frühling und seiner Auferstehung entgegenträumt. Von einem Gange durch die Winternacht erhofft sich Lenau, „es möge der Frost ihm ins Herz frieren, datz einmal wieder Ruhe drinnen sei". Und von den vom Mond beschienenen Fichten sagt er:
„Wie feierlich die Gegend schweigt! Der Mond bescheint die alten Fichten, Die, sehnsuchtsvoll, zum Tod geneigt, Den Zweig zurück zur Erde richten."
Menschenleerer Hochwald, sich ins Unendliche dehnende Hochflächen, verlassene Heide, einsam wie Märchenzuckerhäuschen auf der Landschaft auftauchende Hütten, schneeverwehte Hänge sind das Echo der poetischen Phantasie, das im Herzen des Lyrikers wtderhallt:
„Unendlich dehnt sie sich die weite Fläche, Bis auf den letzten Hauch von Leben leer" zeichnet Hebbel feine Winterlandschaft. Einsame Jäger und Heger, heimkehrende Holzfäller, am Weidenstumpf hockende Häschen, hungrig kreischende Krähen, ein sicherndes Reh sind die einzigen Lebewesen, die das weihe Bild beleben. Besonders die „sich um einen toten Maulwurf" zankenden Krähen, wie sie Scheffel in seinem „Trompeter" den einsamen Reiter schauen läßt, sind die immer wiederkehrenden Sinnbilder der winterlichen Äbgestorbenheit.
„Die Krähen schreien
Und ziehen wirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schneien —
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat," klingt es im Herzen Friedrich Aiehfches. Und Heinrich Heine träumte es von seiner weiten Heide, unter derem weihen Schnee er begraben lag und den einsamen kalten Todesschlaf schlief. Ueberhaupt die Heidel Sie dankt dem Raturfreund im Erikablühen nicht schöner, denn im Weih des Winters.
„Die Sonne leiht dem Schnee das Prachtgeschmeide, Doch achl wie kurz ist Schein und Licht.
Ein Rebel tropft, und traurig zieht Die Landschaft ihren Schleier dicht."
So erscheint die winterliche Heide dem „Heideprinz der Poesie", unserem deutschen Liliencron. Andere Dichter sehen andere Bilder. Ein Mörike erkennt den int Winterboden schlafenden Schmetterling, der „einst um Dusch und Hügel in Früh- lingsnächten den samtnen Flügel wiegt"; Wildenbruch singt:
„Die Welt wird kalt, die Welt wird stumm, Der Winter-Tod geht schweigend um; Er zieht das Leilach weiß und dicht Der Erde übers Angesicht —“
8nd Hermann Linag bezeichnet die Krähen als „vom Tob inausgesandt den stillen Höfen der Heide drohendes Unheil
zu verkünden". Weh aber tut der Schnee und bas Gis keinem, meint Max Dauthendeh:
„Die Felder schimmern friedlich weih, Als denkt der Schnee im <5onnenglimmern Wie er einst als Wolke im Himmel lag. Die Glocken läuten ins Dlaue hinein Und bei dem zärtlichen Himmelfchein Fällt selbst der Schnee nicht dem Winter.
DaS ist Zugendart und frischer Wagemut, die die Jung« hinaustreiben in die winterliche Ratur. Die Gisfreuden, bti Rodelsport und besonders der Schneeschuhlauf bringen die Zügen» in engste Fühlung mit der Schöpfung, regen geheime Kräfte une wecken schlummernde Tugenden. „Frau Sonne sitzt im goldene« Sattel" und
„Plötzlich durch den Wald herunter;
Zugend jubelnd, fackelkreisend,
Rascher Dursch und Mädchen munter, Schwarm im Sturm zu Tals gleisend." (Morgenstern.)
Mn Gefühl von Luft und Stärke empfindet auch Mörih, wie er in einem Briefe an seine Braut schreibt. Gr fühlt es fe recht, „welch ein reines Aaturwesen doch der sonst so verpönt« Winter an sich hat, wie er es auch verstehe, einem das Herz weil zu machen". Und das Herz weitmachen ist ja wohl auch der köstlichste Gewinn, den wir von einer Wanderung durch die winterliche Stille in das Getriebe des Alltags tragen dürfen.
Rudolf Ableiter.
Südfranzösische Reise.
Von Fritz Diettrich.
Lyon.
I.
Als ich am frühen Morgen in diese schöne Stadt kam, belagerte starker Rauhreif die Hügel der Umgebung. Es schien, als wären Daum und Strauch und Wiese mit endlosen Zmmor- tellenkränzen geschmückt. Ueberall Grausilber und Weih. Die sonst so vergnügliche Landschaft lag da wie gelähmt.
Plötzlich fuhren die Strahlen wie Zauberstäbe nieder, und die Landschaft regte sich. Die Sonne, die anfangs hilflos wie eine Aiesenorange in Rebeln hing, hatte kaum ihr erstes große- Wort gesprochen, und schon rückte die Landschaft, die sich zu beiden Seiten des Rhoneflutztales emporstaffelt, freundlich näher. Zwar sind auch hier in den winterlichen Monaten die grünen Lichter der Landschaft erloschen. Doch hie und da verrät ein immergrüner Strauch, dah der Süden bis hierher seine begnadeten Arme ausstreckt.
Zch schlenderte am Quai de la Guillotisre entlang. Es war gerade Markttag. Und wer den Süden ausgewandert hat, der weiß genau, daß hier die Bühne ist, auf der immer neue reizende Szenen gespielt werden.
Den ersten Stand hatte eine Dlumenverkänferin inne, die wie ein respektabler Festungsturm hinter Rizzas duftenden Kindern stand. Sie schwenkte als herrlichen Kontrast zu ihrer seltenen Fülle einen Mimofenzweig und fühlte sich durchaus nicht unsicher in ihrer komischen Rolle. Sie pries mit einer rhetorischen Leidenschaftlichkeit, die eines Mirabeau würdig gewesen wäre, ihre Blumen an und streichelte hin und toicbec mit verliebter Geste bald diesen, bald jenen Blütenkelch. Jede Marktfrau ist nun einmal eine Art Kupplerin, gleichviel, ob sie Käufer für Artischocken, Fische oder Käse wirbt.
Jeder Markt hat seine Gassenbuben. Hier sind eS Hundert« von Möven, die ihre Stelle ausfüllen. Sie segeln um jeden Dtaich und zerren sich ohne Scheu das Begehrenswerte aus den stinkenden Abfallhaufen. Sie üben scheinbar damit ein Jahrhunderte altes, unverbrieftes RecA aus. Trotz alledem bleiben sie Gassenbuben. Oft treiben sie bis auf Zentimeterhöhe an einen heran, schneiden erst kurz vor der menschlichen Rase eine Ecke in dtß Luft und lachen wie schadenfrohe alte Weiber auf, wenn man zusammenfährt wie vor den Worten eines indiskreten Eon- fsrenciers.
II.
Am Nachmittag desselben TageS stieg ich nach der Wald- fahrtskirche Rotre Dame de la Fourvitzre hinauf, dte wie eh* Dchutzherrin über der Geometrie bet Häuserviertel Mn LtzeU


