— 60 —
tza- Ticken der Turmuhr, da- Rauschen des Röhrenbrumrens und das Weinen eines Kindleins hinter einem Fenster. Die Mühle klapperte immerfort, das Klappern war viel vernehmlicher als am lauten Lage. 1 -
Bastian, der Fährmann von Oberhausen, wohnte am linken Ufer rmd betrieb dort eine kleine Wirtschaft, in der namentlich die Fuhrleute -einkehrten. Diesmal schien er zu schlafen. Michel hatte schon wiederholt „Hol über" gerufen, und Wenzel hatte unwillig gesagt: „Der Kerl will nichts hören". Endlich hörte man, wie in dem Hause gegenüber die Tür geöffnet wurde, und eins tiefe Stimme fragte: „Wer ist dort?"
„Der Peter Wenzel von Niederhausen mit seinem Knecht, sagte der Bauer. „Bastian, man meint, du hättest zu viel Neuei» getrunken, wir warten hier -schon lange und erfrieren uns die Fütze,"
„Gleich, gleich, Peter," antwortete der Fährmann, „nicht-. für ungut, ich war gerade im ersten Schlaf."
Man hörte das Aufstohen der Stange und der Nachen kam herüber.
„Heini Nacht wird es kalt," sagte der das Fahrzeug lenkende Wann, „die Sterns glitzern so. Ihr Männer, ich glaube, es kommt wieder Unheil über die Welt. Bor einer halben Stunde ist ein Schwarm Naben, so grob, wie ich ihn rn meinem ganzen Leben noch nicht gesehen ha^, über di« Nahe geflogen. Er kam vom Nhein, und einen Spektakel haben die Raben gemacht, dab man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Das bedeutet nichts Gutes, das bedeutet Krieg und Pestilenz."
„Krieg und Pestilenz haben wir schon," sagte Michel halblaut.
„Und dann," fuhr Bastian fort, „ich bin jetzt schon ein paarmal nachts wach geworden und hörte ein Getrappel auf der Strafte, als ob dort ein Regiment vorüberziehe, eins-zwei, so traten die Leute auf, sie redeten eine Sprache, wie ich sie nie gehört habe. Ich kann etwas Französisch sprechen, Weib von den Spaniern, die in Frankreich gefangen waren, wie das Spanisch klingt, habe voriges Jahr auf dem Kreuznacher Markt auch Italiener singen hören, das aber klang ganz anders, als ob es Leute aus einer anderen Welt wären. Wenn ich dann durch den Ausschnitt im Fensterladen hindurchsah, so war niemand aus der Strabo und alles war stille."
Der Rachen stieb am Ufer auf. Peter Wenzel gab dem Fährrnann seinen Lohn, dann setzten Herr und Knecht, die der Tag müde gemacht hatte, schweigend ihren Weg- fort.
III,
Kurz nach Neujahr wurde das Nahetal von einer gewaltigen Bewegung erfüllt, in breiten Kolonnen zogen preubische Soldaten am Rotenfels und mn Lemberg vorüber. Blücher hatte, nachdem er bei Caub den Rhein überschritten hatte, mehrere Tage zu Kreuznach im Hause des Kaufmanns Herff am Kornmarkt in Quartier gelegen. Unter den Preuhen war viel Landwehr, ältere Männer mit Bärten, lauter Familienväter, die auf die Leute in der Pfalz den besten Eindruck machten. In Niederhausen wurden Quartiere nicht begehrt, unaufhaltsam, in strenger Ordnung, zogen die Truppen durch. Andere Kolonnen marschierten durch den Hunsrück.
Mitte Januar war leichter Schnee gefallen. Als Peter Wenzel mit seinem Knechte am ersten Tage, da der Schnee auf dem Lande lag. Wingertspfähle in Sobbernheim geholt hatte und nun zurückfuhr, kamen sie zwischen Staudernheim und Boos ganz unvermutet in eine gewaltige Heeresgruppe hinein. Es waren Soldaten mit breiten Gesichtern, hervorstehenden Backenknochen. lang herabhängenden Haaren und stmtppigen Bärten. Sie nahmen beinahe die ganze Strahenbreite ein. so daß das Fuhrwerk nur mit Mühe vorwärts kommen konnte. Mele traten an den Wagen heran und sagten: „Wodka?"
„Das sind Russen, die wollen Branntwein," sagte Michel.
„Das sind die Soldaten, die der Bastian von Oberhausen in der Nacht gesehen hat"' meinte Wenzel.
Niederhausen war von den fremden Truppen ganz überschwemmt. Es waren Reiter, die auf auffallend kleinen Pferden sahen. Die Reiter waren noch struppiger als die Infanteristen, die vorausmarschiert waren. Eine eigentliche .Uniform hatten sie nicht, sie trugen Röcke und Mäntel von verschiedener' Form und Farbe und waren mit Lanzen bewaffnet. Aber sie hatten auch Gewehre, Säbel, Dolche und Pistolen.
„O weh, das sind Kosaken," erklärte Michel seinem Herrn, „das ist eine schlimme Gesellschaft, sie haben uns auf dem Rückzüge von Leipzig viel zu schaffen gemacht."
Alle Hof reiten, auch die des Peter Wenzel, waren voll von den Lanzenreitern. Als die beiden Männer ankamen, eilte ihnen Christine händeringend entgegen.
„Gott sei Dank, Vater, dab Ihr da selb," rief sie, „diese schrecklichen Menschen toben seit einer Stunde im Hofe herum, niemand kann verstehen, was sie wollen. Die Mutter sitzt in der Küche und weint."
Es sah wild genug im Hofe aus. Wjo sie eine Handhabe fanden, um einen Lederriemen daran zu befestigen, da hatten -die Kosaken ihre Pferde angekoppelt, an der Pumpe, an den Riegeln, die die Ställe verschlossen, sogar an der Klinke der
Haustür. Aus der Scheuer hatten sie Stroh geschleppt und den Pferden untergewvrsen. Im Hofe selbst hatten einige ein Feuer angezündet, um sich zu wärmen, die Scheuer, die mit Stroh und Getreide gefüllt war, war kaum fünf Schritte von diesem Feuer entfernt. Wieder andere hatten Hühner und Gänse geraubt, die sie am Feuer brieten.
Michel als erfahrener Soldat gab den Rat, den Eindringlingen nach Möglichkeit ihre Wünsche zu erfüllen.
„Gebt ihnen Brot und Zwiebeln, dann sind sie schon zu- srieden." meinte et.
Es war ein Glück, dab man gerade einige Tage vorher gebacken hatte. Christine und ihre Mutter trugen Brot und Zwiebeln herbei, und die struppigen, ungewaschenen Krieger nahmen beides mit Vergnügen in Empfang.
Peter Wenzel, der in borau8gegangenen Kriegsjahren immer gefunden hatte, dab die Soldaten aus allen Volksstämmen den Wein, der in Niederhausen wächst, gern tranken, war in den Keller gegangen und brachte ein Stück Zwölfer herauf. Er schenkte das Schoppenglas voll und bot es mit den Worten: „Heda, Landsmann, trink einmal!", dem ersten besten Kosaken an. Der trank das Glas mit einem Zuge Teer, seine Kameraden machten es ebenso. Aber schon der erste, dem das Glas Wein gereicht worden war, sagte beim Zurückgsben: „Nix Wein Kosak, Wodka!"
And immer mehr und immer lauter ertönte im Dorfe der Ruf: „Wodka!". Soviel Deutsch hatten die Kosaken auch schon gelernt, dab sie sagten: „Kosak Schnaps!" Es gibt jedoch im Dorfe nicht viel Schnaps, die beiden Gastwirte verzapften nur Wein, zwei oder drei Bauern stellten aus Kartoffeln und Zwet- schen Branntwein her, aber ihre Vorräte waren aufgebraucht.
Michel Klee fütterte im Stalle die beiden Pferde, da hörte er vom Hofe her groben Tumult. Er eilte Hinaus und sah, wie eine dichte Horde der fremden Reiter auf Peter Wenzel, der am Kellereingang neben der Haustür stand, eindrang. In einem- fort riefen die Russen: „Wodka, Wodka!" Sie zerrten den erschrockenen Mann an den Kleidern, einer hatte ihn am Barte gefaxt. Die Frau des Hauses und die Tochter, die den Tumult in der Küche gehört hatten und herbeigeeilt waren, schrien laut um Hilfe. Der Kosak, der Wenzel am Barte gefafjt hatte, schlug gleichzeitig mit einer Lanzenstange auf den wehrlosen Mann ein, in der Hand eines anderen blitzte ein Dolch. Dies sehen und die Peitsche, die er an die Stalltür gelehnt hatte, ergreifen, war eins. Im spanischen Kriege hatte er erfahren, dah einige kräftige deutsche Schimpfwörter auf wilde Menschen einer anderen Rasse immer erfolgreich wirkten. So sprang er herbei, schrie einige pfälzische Kernworte in die Gesellschaft hinein, hieb mit dem Peitschenstiel dem, der den Dolch gezogen hatte, und dem, der den Mann mit der Lanzenstange schlug, kräftig auf die Hände. Dann lieb er Schlag für Schlag die Peitsche auf die Köpfe der wilden Menschen nieberfaufen, schlug hin. wohin er gerade traf, und die Folge war, dab die Bande von Wenzel ablieb. Keiner wagte gegen Michel, der mit der Peitsche vor ihnen stand, auszutreten, der Schwarm lief auseinander, die meisten traten aus der Hvfreite hinaus auf die Gasse.
Peter Wenzel war seinem Knechte in das Wohnzimmer geführt worden, dort sank er kreidebleich auf den Sessel. Man flöhte ihm Wein ein, da wurde es ihm wieder besser.
„Michel, du hast mir das Leben gerettet,“ sagte er mit tonloser Stimme, „das werde ich nicht vergessen.“
„Ja, Michel, wenn du nicht wärst,“ setzte die Frau hinzu, so hätten wir unseren Vater nicht mehr."
Der Tochter strömten die Tränen über das Antlitz, ein freundlicher Blick aus ihren Augen flog hinüber zu dem Knechte.
Gerade läutete die Feierabendglocke, da schmetterte Troin- petensignal durch das Dors. Die Kosaken machten in aller Eile ihre Pferde los, griffen zu ihren Lanzen und eilten zu ihrem Sammelplatz, dem Zimmerplatze, wo das Fährmannshaus lag. Rasch waren sie aufgesessen, Offiziere eilten herzu und ordneten die Schar, und ehe man es sich versah, trabten die Reiter naheaufwärts. Schneegeriesel, das sich während des Feierabend- läutens eingestellt hatte, hüllte rasch die Kolonne ein.
Der Durchmarsch der Truppen der Verbündeten war damit noch nicht zu Ende. Es kamen preuhische und sächsische Freiwillige, Jünglinge von feiner Lebensart und guten Sitten, es kamen auch noch Russen, aber sie wurden in strenger Zucht gehalten. Als der Winter Mitte Januar mit aller Schärfe einsetzte, hörten die Heereszüge auf.
Seit 22 Jahren hatten die Bewohner des Nahetals so viel vom Krieg gesehen, dah sie sich für die neuen Kriegszüge nicht viel interessierten. Kamen einmal Einwohner aus Niederhausen nach Kreuznach, so hörten sie, dab die Heere der Verbündeten tief im Innern Frankreichs standen. In diesen Wintertagen kamen junge Männer aus dem Nahetale, die im- französischen Heere gekämpft hatten, aus dem Innern Deutschlands in die Heimat zurück, zerlumpt, krank, voll von Ungeziefer. Die meisten derer, die ausgewogen waren, sahen den heimischen Fluh nicht wieder.
(Fortsetzung folgt.)
©c&riftleifung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Bruhl'fchen Llniv.-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gissten.


