Ausgabe 
21.2.1925
 
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gewurzelte confuzianifchePietät" gegen die Stiern macht die Kinder zu deren Sklaven. Die größeren Städte Japans besitzen meistens besondere Straßen mit glänzend eingerichteten Häusern, die Vvshiwara, in deren Parterre die Halbwelt, mit bunten Kleidern angetan, hinter Holzgittern den männlichen Besuchern als Ware ausgestellt ist. Da diese Mädchen ein wenig Erziehung genießen, finden sie in der Regel einen Gatten, wenn auch ge­ringeren Standes, und gelten nach der Verheiratung als ehr­bare Frauen.

und mit zierlichem Stimmchen zu plaudern begann, La glaubte ich wirklich, ein kleines verzaubertes Rixchen vor mir zu sehen. Schwarze melancholische Sternaugen, die aus den knopflochartigen Lidsalten sanft hervorguckten, ein feines Adlernäschen, einMund wie eine kleine Kirsche, Händchen und Füßchen puppig wre dre eines Kindes und biegsam wie Kautschuk, mit unschuldsvvllem Benehmen! . , .

Auf der ganzen Welt gibt es nichts Zierlicheres und Ried- licheres als solche jungen Geishas, und man begreift die Vor­liebe der Japaner für die Teehäuser, sowie ihre Ausdauer tm Anschauen dieses Spielzeugs. Die Langmut der Ehefrauen, welche ihren Männern den Besuch dieser Häuser wohl oder übel gestatten, wird denn auch oft genug auf eine harte Probe gestellt. Doch geht es in den besseren Techäusern meistens ganz ordent­lich zu.

Der mimische Tanz von feinsinniger Grazie, der nun folgte, erinnerte lebhaft an die Pygmalion-Sage. Eine schlanke, blaß- gesichtige Tänzerin des vornehmeren Typus in dunkler Kleidung umtanzt mit ausdrucksvollen Gebärden eine zweite kleinere in bunter Gewandung, die regungslos im Hintergrund steht. Es ist, erklären unsere japanischen Freunde, ein berühmter Künstler, der in Liebe für eine von ihm geschaffene Holzsigur entbrannt war und diese zum Leben erweckte. Immer dringender, flehender wird das ausdrucksvolle Gebärdenspiel der Tanzenden: Bald scheint Verzweiflung sie zu peinigen, bald sehnsüchtige Hoff­nungen sie zu begeistern, das stumme Spiel der zierlichen Hände und die geschmeidigen Bewegungen, die doch geschickt den männ­lichen Charakter der Rolle markieren, erzählen deutlich das Gefühl des Künstlers. Da beginnt die bunte Puppe im Hinter­grund sich leise zu regen. Das Köpfchen neigt sich zierlich seit­wärts langsam; und mit steifen Schritten tritt sie vor und folgt nun den Spuren ihres Schöpfers, unbeweglichen Gesichts, mit lieblicher Ungelenkigkeit jede seiner Bewegungen nachahmend. Denn, das von einem männlichen Geist geschaffene und von männlicher Seele belebte Geschöpf kann doch selbstverständlich nur männlichen Empfinden kennen; so raisonniert die filigran­artig ausgearbeitete Logik des japanischen Genius. Der Tanz des Künstlers drückt nun nacheinander Erstaunen, Entsetzen und Kummer über die unerwartete Wendung aus. Was soll er mit dem geistigen Leben seiner selbst in weiblicher Hülle anfangen! Plötzlich mit rascher Gebärde zieht er einen Spiegel aus seinem Gewand und hält ihn dem hinter ihm trippelnden Figürchen vor die Rase. Hineinschauen und die Weiblichkeit in sich erwachen fühlen, ist für diese nur das Werk eines Augenblickes. Den Spiegel in der Hand, mit reizend koketter Grazie, tanzt iie nun als liebenssehnendes Weib vor ihrem beglückte Ver­ehrer her; in neckischem Spiel wiederholt sich mehrmals durch Fortnehmen und Wiedergaben des Spiegels der Austausch von männlicher und weiblicher Seele, eigentlich nur durch das Ge­bärdenspiel ausgedrückt, denn die lieblichen Züge in ihrem kindlich unbewußten, halb apathischen Ausdruck blieben säst unverändert.

In den nun folgenden Tänzen wurden die Tätigkeit einer Wäscherin, ein Sonnenschirmspiel, ein Fächerspiel usw. mit ent­sprechenden Pantomimen von einer oder mehreren Geishas unter Musik und Gesang dargestellt.

Rach und nach hatte sich eine ganze Reihe von jungen Tanzmädchen, welche die Rachricht von der Anwesenheit fremder Menschen herbeigelockt, «ingefunden. Anfangs ging es noch ruhig zu; es wechselten Tänzchen ab mit musikalischen Produktionen, bei denen die kleine Pauke, zwei Handtrommeln und der Samisen sich hören liehen, bis mein Führer ein Gesellschaftsspiel vor­schlug: Mutter und Wolf. Hurtig hoben sich die Geishas auf die Füße, und nun tollten wir alle zum Hasch-Hasch auf dem Mattenboden herum! Es war wirklich reizend, wie die nied­lichen Menschenschmetterlinge in gewandten und graziösen Be­wegungen umherhuschten und jedesmal in Jubel ausbrachen, wenn sie uns ertappten.

Erfreut über die lieblichen Eindrücke, beschenkten wir die munteren Kinder, brachen endlich auf und vielstimmig klang uns einSahonara", Ade, nach.

Wenn man den Tanz der Geishas Wanner finden es unter ihrer Würde, zu tanzen auch als durchaus dezent bezeichnen muh, so halten es die Geishas doch nicht allzustrenge mit der Moral. Meist niederer Herkunft, verdingen sie sich ihren Lehrern, den Tanzmeistern, um, in die Teehäuser gerufen. Bekanntschaften mit dem männlichen Geschlechte zu machen und mit Zustimmung ihres Herrn, sich an Einheimische oder Fremde durch Vertrag auf einen Monat oder längere Zeit zu vermieten. Darin liegt nach den in den Kreisen herrschenden Begriffen nichts Anstößiges, und die Geishas finden über kurz oder lang einen Mann, der sie los kauft und heiratet. Sie haben ja seines Benehmen, sind hübsch artig, können tanzen und singen.

Die Häßlichkeiten, welche in etlichen Teehäufern der Hafen­städte gangbar geworden, sind keineswegs national-japanisch und wurzeln nur in der Gewinnsucht einiger geldgieriger .Unter­nehmer. Dagegen ist die Schar der professionierien Halbwelt­damen in den Städten eine ständige Kaste, sanktioniert durch alte 'Sitte und Gewohnheit, indem unbemittelte Eltern ihre Töchter an Häuser bedenklichen Rufes verkaufen. Ohne Murren fügen sich die armen Mädchen in ihr Geschick, denn die tief­

Der Fährmann von Niederhausen.

Von Heinrich Bechtolsheim er.

(Fortsetzung.)

Der junge Mann, dessen Schiehferligkeit so geschildert wurde, war der Hannes Wild aus Obermoschel. Er war entfernt mit Peter Wenzel verwandt. So weit ging die Verwandtschaft schon auseinander, dah niemand sie mehr klarlegen konnte. Die Urgroßväter sollten Schwäger gewesen sein. Hannes Link war sechsunddreihig Jahre alt, aber noch ledig. Er war ein rechtschaffener Mensch, aber man nannte ihn einenStoffel" und sagte, dah kein Mädchen ihn haben wolle, obwohl er wohlhabend war; denn, so hieß es, er sei zu überzwerchj, Hannes war von großer Gestalt, ging aber gebückt und knickte bei jedem Schritte in die Knie. Gr sprach wie ein alter Mann, langsam und sehr bedächtig. Die Eltern hielten ihn immer noch in großer Unselbständigkeit. Daß er Jäger ge­worden war, lag nur daran, dah ein Spahvogel zu seinem Vater gesagt hatte, der Hannes als reicher Männ müsse auch einmal zeigen, dah er Geld habe, dann werbe er auch eins Frau bekommen. Daraufhin kaufte der alte Wild seinem Sohne die Jagdausrüstung, bezahlte für ihn den Jagdwaffenpah und gab ihm auch das Geld für die Jagdpacht.

In der großen Gaststube setzten sich die Jäger zum Essen nieder. In der Küche herrschte beim Rüböllichte eine lebhafte Tätigkeit. Die Wirtsfrau hantierte mit ihren beiden Töchtern und einer Magd am Herde, und der Duft der Speisen dr.angj hinaus auf die Straße, wo noch einige Treiber umhergingen, die sich zu Hause mit Quellkartoffeln uird sauerer Milch be­gnügen muhten. Für das Essen der Jäger touren schon einig« Tage vorher mehrere Hasen geschossen toorßen. Der Wirt holte Elfer aus dem Keller, zum Rachtische gab es Dannenfelser Kastanien.

Von allem Möglichen sprachen die schmausenden Jäger, hauptsächlich von Güterkäufen und Versteigerungen; denn die meisten waren ja Landwirte. Man sprach vom Rückzug der Armee Rapoleons, vom Rervenfieber, das sich hier und da auch in den Dörfern zeigte, man äußerte die Ansicht, dah den Kaiser bald wieder ein großes Heer auf die Deine bringen werde, aber es war keiner darunter, der Besorgnis vor den kommenden Zeiten zum Ausdruck gebracht hatte. War man doch seit einundzwanzig Jahren an den Krieg und an un-- ruhige Zeitläufte gewöhnt.

Hannes Wild faß in der Ecke am Ofen. Sein Schicksal war es, daß er überall, wohin er nur kam, gefoppt wurde. Er ließ die Spöttereien gutmütig über sich ergehen.

Jetzt hat er ein Gewehr", rief einer der Jäger,jetzt muh er auch bald heiraten. Hannes, hat dir noch niemals ein Mädchen gefallen?"

Hannes lieh die Mundwinkel herunterhängen, als ob er lachen wolle, gab aber keine Antwort.

Cs wird nichts helfen," rief einer von einem anderen Tische her.als dah wir Jäger mit ihm auf die Freierei gehen. Dann muh er aber uns alle auf die Hochzeit einladen."

Wenn er tanzen könnte," sagte der dicke Duchrother För­ster,so hätte er schon längst eine Frau. Wär- müssen den Kreuznacher Tanzmeister bestellen, daß der ihm den Galopp und den Walzer beibringt."

Und einen neuen Hut muß ihm seine Mutter kaufen," sagte der Wirt, der gerade neue Flaschen auf den Tisch stellte/ wenn er mit seinem alten Rebelspalter in ein Haus kommt, meinen die Leute, er wäre ein Zeiskamer Samenhändler und fragen: Was kostet der Zwiebelsamen?"

Michel Klee faß neben feinem Herrn am Tisch. Eine solche Ehre war ihm noch nicht widerfahren. Keiner der Jäger fand auch etwas dabei, dah der Dienstknecht mit ihnen am Jagd- effen teilnahm, der Umstand, daß er Kriegsdienst geleistet und eine militärische Charge bekleidet hatte, gab ihin ein beson­deres Ansehen. Der Wirt, bei dem Michel als Knabe Kegel aufgesetzt hatte, sagte im Vorbeigehen:'Wenn das dein Vater und deine Mutter erlebt hätten, daß du bei den Jägern! sitzen darfst." , i

Die meisten der Jäger hatten einen weiten Heimweg. So brach man um zehn Uhr auf. Hannes Wild wurde von ver­schiedenen noch ermahnt, bald zu heiraten. Jedem sagte er treuherzigAdjes", dem Peter'Wenzel sagte erAdjes, Vetter."

Der Vollmond war über dem Lemberg aufgegangen, als Herr und Knecht hinunter nach dem Rahetal schritten. Schwarz und dunkel ragte der Berg auf, fein Luftzug regte sich. In Oberhausen schien alles zu schlafen, die beiden Männer hörten