Ausgabe 
21.2.1925
 
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1813 April. Fichte an Nicvlovius.

Wie ich es bei' Fassungen aller bedeutenden Entschließungen zu halten pflege, daß ich mit der Feder in der Hand die Gntscher- dungsgründe aus der Liefe alles Wissens heraushebe, so habe ich es seit der mit Ihnen gepflogenen Unterredung und dem schriftlichen Beitrage dazu, für welche beide mein ganzer sittlicher Mensch Ihnen für Zeit und Ewigkeit verbunden bleibt, in Ab­sicht des Ihnen Bewußten gehalten: diesen Morgen erst bin ich zu einem festen Aesultate gelangt. Ihre Teilnahme giebt mir das Recht, Sie für jeden Erfolg zum Zeugen meiner Gesinnungen zu machen. , , r

Mein Plan ist, einen Versuch zu machen, die rn letzter x>n= stanz Beschließenden und Handelnden durch Beredtsamkeit rn die geistige Stimmung und Ansicht zu heben, von dem uns vor­liegenden Vehikel der geistigen Ansicht heraus, dem Chrrften- thume. Ich thue dadurch freilich nur, was jeder Prediger auch thun soll; ich glaube es nur anders.thun zu können, als die gewöhnlichen Prediger, weil ich eine höhere, und geradezu prak­tischere Ansicht von Christenthum habe. Da mir diese Aufgabe ge­rade sich nicht erst seit jetzt gestellt hat, der jetzige Zeitpunkt aber die schrecklichste Gelegenheit ist, sie zu lösen, und ich nach allseitig gepflogenenUePertegungen jetzt nichts Besseres thun kann; so halte ich es für ein ausdrücklich an mich gestelltes Pflicht- gebvt. Gelingt mir der Versuch, so ist der Gewinn unabsehlrch. MWtngt er mir, so ist er denn doch deutlich ausgesprochen, und er wird irgend einem andern nach mir gelingen. Das Zurück­ziehen auf den Punkt, wo ich jetzt bin, in die Welt des reinenBe- griffes, steht mir immer offen. Nachtheiliger kann meine Ansicht von der Gegenwart, und vollständiger meine Verzichtleistung auf das unmittelbare Handeln in ihr nicht werden, als sie es jetzt schon ist. Auch befürchte ich kaum eine 'Verschlimmerung! meiner äußern Verhältnisse. .

Tie Verabredungen für einen, solchen Versuch waren nun

$1. Ich von meiner Seite mache mich anheischig, wirklich Christenthum und Bibel vorzutragen, nicht etwa, was so häufig geschehen ist, eine Bibelstelle nur zum Motto einer moralisch- philosophischen Abhandlung zu machen. Dies liegt in meinem Zwecke. Ich Will in die geistige Welt heben: wo ich dies nicht durch Speeülation soll, da muß ich es durch das Christenthum thun. Daß aber die Stellen dabei oft einen liefern Sinn be­kommen dürften, als der ihnen gewöhnlich Bei gelegt wird, muh man mir voraus zugeben.

2. Die Ordination kann füglich unterbleiben. Um so mehr rechne ich auf freiwillige Zuhörer. Bei der Brigade, wo ich stehe, kann neben mir der gewöhnliche Feldprediger predigen, und die Sakramente verwalten. Ich wünsche nur gebildete Zu­hörer. Mein Plan wäre darum das Königliche Hauptquartier: bei demselben sind unmittelbar die Garden, und die Freiwilligen der Garde, unter denen die meisten Studenten sind.

3. Ich erbitte mir, unter niemand stehen zu dürfen, als unter dem Könige oder dessen Stellvertreter im Hauptquartiere. Wie es sich versteht, dah man mich sogleich in mein altes Verhältnis zurücktreten lassen kann, falls man meine Anwesenheit nicht zu­lässig findet, so erbitte ich mir die Erlaubnis zu gehen, sobald ich sehe, dah der Versuch nicht gelingt.

Indem ich nur noch hinzusehe: dah ich mir nach genauer Selbstprüfung bewußt bin, dah keine Neigung auf diesen Ent­schluß mit einfließt, da es mir nach dieser persönlichen Neigung weit lieber wäre, das gewohnte Leben fortzusehen, auch sich mir in diesen Lagen ein anderer Plan aufgeschlossen hat, der mich weit mehr reizt: so lege ich diese Sache in Ihre Hände, fest ver­trauend, dah dieselbe durch Sie rein unB klar entschieden wer­den wird."

Im japanischen Teehause.

Von Professor G. v o n H u 11 e n.

Meine lieblichsten Erinnerungen knüpfen sich an die heiteren Abende, welche ich in den Teehäusern, den Nestaurationen der Japaner, verbrachte. Der bezaubernde Liebreiz der weiblichen Jugend kommt hier zur Entfaltung und verfehlt nie, den euro­päischen Besucher in Entzücken zu versetzen.

In Begleitung des Führers Igntshi, der unseren Besuch bereits vormittags angesagt, erreichten wir das Leehaus. (Sinine zierliche Mädchen begrüßen uns am Eingang, indem sie sich auf die mattenbelegte Flur niederwerfen und den Kopf bis e Boden beugen. Der Schuhe beraubt, werden wir eine ale Hühnerstiege hinauf in einen großen Raum geführt, der im Handumdrehen durch Einsehen von papternen Zwischenwand­türen halbiert ist; unser Zimmer mißt jetzt ungefähr 6 Meter im Geviert. Einige auf meterhohen eisernen Leuchtern brennende Unschlittkerzen erhellen den Raum, der trotz des absoluten Mangels an irgend welchem Möbel behaglich aussieht, durch die blonde Naturfarbe des Holzes und die unvergleichliche Sauberkeit. Einige flache Kissen werden gebracht, und wir hocken, so gut es eben gehen will, auf den elastischen Matteni- boden nieder. Die gewöhnliche Sitzweise ist nämlich, daß man sich mit dem Gesäß auf die Hacken niederlaßt. Jeder von uns erhielt dann ein 20 Zentimeter hohes lackiertes Tischchen

vorgesetzt, auf welchem mehrere Gerichte von Fisch, sowohl gebraten und gefüllt, als roh und in Scheiben geschnitten, nebst Sojatunke, wohlschmeckende Fisch- und Reissuppe, gedünsteter Reis, Lotoswurzeln, Omelett, Gerstengericht in Nudelform, Kon­fitüren und Naschwerk mit feinem Aroma, aber fadem Geschmack, in flehten lackierten Holzkummen oder Porzellantellerchen stan­den. Schlacht fleisch wird in Japan wenig gegessen, und nur äußerst selten bekommt man Schweinefleisch und Geflügel; dagegen gelten Krebse und Fifche als Nativ na lspeise; denn an der Küste wie in süßen Gewässern, wo der räuberische Hecht fehlt, wimmelt es buchstäblich von Fischen, die daher sehr billig sind. Zwar verbietet der Buddhismus das Abtöten der Tiere, aber der Japaner erklärt den Fisch und Krebszur Seelen Wanderung untauglich" und ißt sie ohne Ge­wissensbisse und ohne Furcht, in diesen Tieren vielleicht den Körper seines eigenen Großvaters zu verspeisen, Im Innern des Landes' und in den Bergen,, wo Wassertiere selten find, leben zahllose Menschen als Vegetarianer, Brot gibt es freilich in Japan nicht; seine Stelle vertreten Reis, Hirse und Gerste.

Wir nehmen nun die beiden viereckigen, zierlichen E h st ä b - chen zur Hand und bringen nach dem Borbilde unseres Führers bald ein geschnitten Fleischstückchen, bald ein wenig Gemüse, dann einen Ballen Reiskörner, dann mal wieder ein Stück Zuckerwerk zum Munde, schlürfen ein wenig Fischsuppe, tunken Krebsstücke In das Miniaturtellerchen mit brauner Sauce nach der Landessitte alles durcheinander. Ein halbes Dutzend allerliebster Puppen ich meine junge Mägdelein von 1215 Jahren nebst einigen gesetzteren 1720jährigen ausdrucksvollen Wesen haben sich dicht vor uns hingehockt, betrachten mit kind­lichem Erstaunen und bescheidenem Kichern unsere ungeschickten Finger, die nur mit Mühe die Speisestückchen zwischen die Enden der Eßstäbchen festzuzwicken verstehen, und geraten gleich uns in eine harmlose ausgelassene Stimmung, wozu der Genuß des Sake Beitragen mag, eines aus Reis Bereiteten Weines, welcher heiß oder warm getrunken wird. Wir radebrechen Japanisch nach Herzenslust und erfahren unter Beihilfe unseres Dolmet­schers allerlei fremdartige Dinge von unseren liebreizenden Musme's. Die meisten führen Dlumennamen, gemäß der in Japan herrschenden Sitte; alle sind vier, fünf, ja sieben Jahre lang von ihrem Tanzmeister, Gesang- und Schreiblehrer unter­wiesen worden, und beweisen durch dezentes zurückhaltendes Be­nehmen, daß der Unterricht sich erfolgreich auch auf nette Manieren erstreckt hat. Die jüngeren sind Tänzerinnen, Trom­mel- und Paukenschlägerinnen; die älteren sind schon zum Ge­sang und Samisen(Gitarrens-Spiel üBergeganqen. Jene gleichen den aufbrechenden. taufrischen Knospen, diese den entfalteten, ausdrucksvollen Blüten. Jede Musme ist mit einem Keinen Täschchen für Puder, Rotschminke und Moschus, mit einigen winzigen Papiertaschentüchern sowie einem Miniaturnecessaire ausgestattet, welches Spiegelchen, Kämmchen, Puderquaste und Pinsel Birgt unentbehrliche Gegenstände, da das Gesicht stets weih gepudert, die Mitte der Lippe dunkelrot und das Haar in Glätte erhalten fein muß; die öfters erforderliche Nach­hilfe wird immer sehr ungeniert vorgenovnmen.

Im Gegensatz zu den in graue oder dunkelfarbige Kleider gehüllten soliden Bürgersleuten schmücken sich die Geisha 's oder Tanzmädchen mit prächtig gemusterten bunten Gewändern; zumal der Obi oder Leibgurt, der in einer Rückenschleife von überraschender Gröhe ausläuft, zeigt öfter die köstliche Weberei. Mit Zierat behängen sich die Japanerinnen nicht; nur etwa ein Fingerring und eine Nadel im Haar, deren Spitze zum Nufspießen von Naschwerk dient, sind beliebt. Das pechschwarze, durch Salben und Oel settglänzende und je nach dem Alter verschieden frisierte Haupthaar zieren künstliche Schmetterlinge und Blumen, Gold- und Silberfäden sowie goldene Nadeln, ein glitzernder Schmuck, der besonders bei den Tanzbewegungen zu prächtiger Wirkung kommt. Das sollten wir sogleich erfahren.

Es wurde nämlich plötzlich die Zwischenwandtüren zusammen- geschoben, und sechs überaus zierliche, schlanke Mädchengestalten, in schmetterlingsbunte Seidenanzüge gehüllt und mit Fächern in den Händen, erschienen in gemessenem Schritt, verbeugten sich graziös in rhythmischen, weichen und sanften Bewegungen nach dem Takte der Musik einen gemeinsamen, mimischen Tanz auf, anmutig den Fächer zwischen den Fingern und Arme und Hände mit unnachahmlicher Grazie bewegend. Wein, Weib, Gesang oder Sake, Geisha, Samisen gehören auch hier zusam­men, als probates Schutzmittel gegen das Murrentum.

Nach einer Pause,' welche durch Schwatzen, Essen und Trinken ausgefüllt wurde, führte ein Backfisch, an dessen Wiege zweifel­los alle drxi Grazien verweilt hatten, einen lebhafteren panto­mimischen Solotanz auf. Sie stellte einen Spaziergang dar; die Borbereitungen zur Strahentoilette. den Ausgang, Gruß zu Bekannten, Kokettieren unter Zuhilfenahme ihrer lang herab­hängenden Aermel, Flucht vor dem Regen usw. Jede, auch die kleinste Bewegung geschah in unbeschreiblicher Anmut, und ob­wohl die Pantomine auf einem Plätzchen von zwei Schuhen Durchmesser dargestellt wurde, entfaltete die kleine Künstlerin eine überraschende Vielseitigkeit und Gewandtheit in den Gesten des charmanten Körperchens und der Glieder. Und als sie nach beendetem Tanze herbeigerufen, sich sittsam neben uns huschelte