Gießener ZainilieMStter
Unterhaltungsbellage zum Siehener Anzeiger
Jahrgang (925___________ Samstag, den 21. Sebruar Nummer 16
Müdes Hirn.
Don Hugo SaluS.
So lang mein Hirn gesund war, frisch und jung. Hat es mit neuen Schätzen sich bereichert Änd -sie im hellen Saal Erinnerung, Bild neben Bild, wohlweislich aufgespeichert.
Em jeder Augenblick kam beUtefchwer, Ein jeder Ton wußt' Neues stets zu schildern, Verstand als Ordner ging dazwischen her, Beziehung findend zwischen all den Bildern. Du Saal Gedächtnis, bist du denn schon voll? Wardst du denn müde, Ordner, unterdessen, Daß dich ein anderer verdrängen soll?
-Und dieser neue Ordner heißt Vergessen, Win Schleier Leckt die Fenster in dem Saat, Sie leuchten auf in mattem Lichtgefunkel, Sn allen Nahmen schaust du traurig fahl Ein Einzig Bild: die Sehnsucht nach dem Dunkel.
Fichte und dee Befrerungsürieg von 1813.
Nach Ausbruch des Befreiungskrieges richtete Fichte an die preußische Regierung das Gesuch, als religiöser Redner mit ins Feld ziehen zu dürfen. Welche Erwägungen ihn dabei leiteten, zeigen die nachstehen- den Lagebucheinträge und Briefe, die wir der jüngst erschienenen kritischen Ausgabe von Fichtes Briefwechsel svon H. Schulz, Leipzig, Verlag Haefsel, 2 Bde.j entnehmen (getreu nach dem Original). Sie gestatten uns einen Einblick in Fichtes religiös-sittliches Innenleben.
„1813 März—April. Tageb u ch.
Entscheidende Berathfchlagung für den grgenwärtigen Zeitpunkt für mein Eingreifen. D-e Neigung ist ganz Wegzubringen: sie weicht aber nur der Pflicht. — Erste Pflicht ist, meine Wissenschaft weiter zu bringen: kann ich dies auch nicht durch Lesen, so kann ich es doch durch einsames Medittren; — aber auch Wohl im Felde! — Aber Pflicht ist es auch, Theil zu nehmen an der großen Bewegung der Zeit, da zu rathen, zu Helsen. — Halt; dies schärfer! — Wenn ich wirken könnte, daß eine ernstere, heiligere Stimmung in den Leitern und Anführern wäre, so wäre ein Großes gewonnen; und dies ist das Entscheidende ..... Heiligen, ernsten Sinn befördern und alles daraus herleiten. (Elend der Menschen, die solchen Aussichten sich verschließen!)
.... Nur ist stets der Zweifel, ob es geschehen könne — ob ich eigentlichen Beruf dazu habe, oder nur außer meinem wahren Berufe mich Dazu dränge. — Zu -können, hoffe ich; ob ich solle, hängt vom Schicksale, von den äußern Umständen ab. Da alle bis jetzt, die dabei interessiert sind, meinen Vorsatz gebilligt haben, so scheint darin allerdings der Fingerzeig Gottes zu liegen. Diesem muß ich mich ferner überlassen. — Dies ist ein entscheidendes Argument — die B il l i g u n g: Schuckmann'S*) Widerstreben bedeutet gar nichts. — — Es kommt darauf an — unb dies entscheidet — daß ich der Reinheit meines ersten Anerbretens mir ganz bewußt werde, wenigstens jetzt es herstelle, mit W a h r h eit in Gottes Hand mich ergebe.
Deshalb den ehemaligen Entschluß geprüft, und jetzt alles gereinigt, geheiligt ______
Den Isten, 2ten April. Ob ich diesen Beruf auf diese Weise mir geben dürfe, ist die Frage. — Welches ist er? Sn bee gegeiinxKtig?n Zeit und für den nächsten Zweck die höhere Ansicht der Menschen zu bringen, die Kriegführer in Gott einzu- tauchen ..... Alle meine Wirksamkeit ginge also auf Bilden
eines neuen Menschen. Gelänge mir nun dies, wäre es gut für das unmittelbare Handeln, für den gegenwärtigen Zweck? Warum nicht? Einige werden bestärkt und ihnen die Sdee gegen- wattig erhalten, z. D. meine Studirenden, andere der Idee näher gebracht. Da Hilft eb«i das unmerkliche Höherstimmen und Heiligen. Die Prediger sind in dem gleichen Falle, und ich weiß „ Friedrich -von Schuckmann, Ehef des Departements für -wuitu« und Unterricht.
bwhl, daß ich mein Geschäft eben so gut verrichten werde wie st« alle ......
. Aber ob ich eS solle? — Das Gesagte erkenne ich. Sst's Mir nun nicht Sünde, wenn ich nicht darnach thue? Beruft nicht gerade mich meine Erkenntnis und mein Eifer? — Könnt' lZ etwas Besseres thun? Schreiben über die Zeitbegebenheiten, Dies auch im Felde: kann beides nicht miteinander bestehen, so muß das nicht minder Wichtige weichen. — Täusche ich mich aber tticht in mir? Sch muß es eben versuchen. Es ist schwierig, aber hüte dich vor dem Ergriffenwerden von der Phantasie, Die Menschen pflegen das Unbekannte zu fürchten: so ich, so Nicolovius.für mich. Doch tritt nur kühn hinter den Vorhang!
Also auch dies ist gehoben und weicht. Die ratio decidendi") tft: bte Kraft der lebendigen Rede zu versuchen und mir vielleicht diese neue Wirksamkeit zu erwerben. — Dies nur mit göttlichem Sinn gethan; also mir strenge Regeln gesetzt, überhaupt -ein aufmerksames Betragen angefangen, Tagebuch gehalten u. s. f. So kann dies auch zur innern Verbesserung dienen, und zur Niederschlagung der Phantasie.
Noch diesen Zweifel! Mißlingt es, verliere ich vielleicht nicht Süc.; ®° gewänne ich wohl andere, von der andern Seite, Meine Grundsätze -finden doch wohl irgendwo Eingang. Unbesonnen werde ich nicht sehn; darauf hin, glaube ich, muß ich eS wagen
Die absolute Zurückziehung in die höhere Welt bleibt mir immer übrig. Meine äußern Verhältnisse werden mich nicht reizen. Mißlingt die Probe, so bin ich gerade da. wo ich jetzt bm. Also die Sache ist beschlossen!
1813 Februar 17. Berlin. Fichte an Fouque,
Berlin, d. 17. Februar 1813.
Sv gehe denn, theurer innig geliebter, und verehrter, wohin Dein Herz Dich ruft. Es ist ein großer Moment gegeben; es geboren Manner, wie Du, dazu, und diese am rechten Platze, um ihn herauszugestalten.
Mich hat die rechte Freudigkeit, und Hofnung noch nicht er- grecken wollen; wenigstens nicht, wenn ich die Menschen ansehe. Doch, Gott hat ja gezeigt, daß er noch immer Wunder thue.
Sch habe soeben tiefer denn je, in die Wissenschaftslehre mich eingegraben, die ich ununterbrochen für eben so tief ergriffene Zuhörer vvrtrage. Es schwebt ein eignes Schicksal über dieser Wissenschaft. Sm Sabre 6. sähe ich das Licht in welchem die Wahrheit allen einleuchten müßte, vor mir glaubte nur zugreifen zu dürfen. Die Folgen der unglücklichen Schlacht bewogen mich zur Aiiswanderung. Setzt, nach Sahren des Wanderns, und der Krankheit glaubte ich an demselben Punkte zu stehen; aber, es scheint, daß ich wieder werde unterbrochen werden.
Dagegen will ich mich wehren, wenigstens so lange, als ich darf. Sch muß mir drum den süßesten Wunsch versagen, Dich noch einmal in Rennhausen zu besuchen — dagegen bitte ich Dich auf folg en den Vorschlag einzugehen. Dein Zug nach Breslau muß Dich ja in der Nähe bei Berlin vorbeiführen; etwa über Spandau, Potsdam — so daß eine Zusammenkunft mir nicht mehr als 1' oder 2. Tag koste. Melde mir Ort u. Zeit, und sch komme.
älebrigens hoffe ich, Latz auch ohnedies ich Dich noch vor ausgefochtnem Kampfe gesehen haben würde. Unsere Universität wird warfcheinlich ganz zusammen schmelzen, und ein Oertgen zu einsamer Meditation wird es auch bald nicht mehr geben. Sch Habe auf diesen Fall schon Anträge gemacht, welche auch mich in das Feld der Waffen führen tvürden, und ich erwarte die Antwort auf diese Anträge. Mein Sohn, der jetzt das gesetzmäßige Alter noch nicht hat, wird mich sodann begleiten. Möchte sodann das Geschick uns einander nahe sichren, möchte ich meinem Sohne in Dir einen zweiten Vater, und Führer geben können!
Shre eigne innre Grosherzigkeit unterstütze Deine -Gattin, der ich mich ehrerbietig empfehle, und die Deinigen. Meine Frau grüßt, und betet für Dich, und für die gute Sache.
Deinen gütigen Antrag an hiesige Freiwillige aus besä Studierenden habe ich unferm Rektor v. Savigny zum "Gebrauche gemeldet. Mas von meiner Bekanntschaft fort wollte, ist schon fort, nach Breslau.
Heil und Segen! Aus baldiges Wiedersehen. Ganz dec Deinige. _ Fichte.
**) Der Dirmd der Entscheidung.


