Ausgabe 
20.10.1925
 
Einzelbild herunterladen

334

Beeren jener schlanken Blume scheinen uns noch an 5cn_6onnner erinnern zu wollen: so wie uns der Taktschlag des Dreschers den Gedanken erweckt, dah in der abgesichelten Aehre so viel Bahrendes und Lebendiges verborgen liegt, Goethes cherbstgefuht haben Mörike und Ah land ausgenommen als jene Seiet fter QTatur, da sie sich in süßer Stille sammelt und in ihre eigene Tiefe schaut, dadie gedämpfte Welt herbstkräftig int warmen Golde flieht, Mörikes herrlicheHerbstfeier" läßt voll und rein den Ton echt antiker Sättigung und Wollust in der 2katur ver­klingen, den auch Hölderlin in seinem gleichnamigen Gedichte schwächer und zarter anfchlägt. Ader bei Hölderlin ist auch schvn ein dunkleres, echt romantisches Herbstempfinden zu erkennen.

Ein Bruder des Frühlings ist seinem Hhperion der Herbst, aber ein blässerer, ernsterer Brudervoll milden Feuers, eins Festzeit für die Erinnerung an Leiden und vergangene Freuden der Liebe". Ein wehmütiges Versinken in die Vergangenheiten, die in den lichtklaren Somiennebel vorüberziehen, überkommt auch Jean Paul und Matthissen empfindet in einer Herbstmondnacht alle Wonne und alle Schauer der Schwermut. Novalis und Brentano entzücken sich an dem schwülen berauschenden Hauch des Vergehens, der aus der herbstlichen Natur strömt. Lenau ist aber wohl der erste, der sein eigenes zerrissenes hinwelkendes Ich in der Herbstnatur wiederfindet. Mit der ganzen Kraft seiner naturbeseelenden Phantasie hat er in dem ZyklusHerbst" die Sterbetrauer geschildert, das matte Niedertaumeln der Blätter, den im Gesträuch schaurig klagenden Wind, das Stöhnen und Seufzen der welken Haine. Der Herbst durchweht ihn tremiungsschaurig; sein Herz träumt dem Tod entgegen:

Auch mir ist Herbst, und leiser trag ich den Berg hinab mein Bindel dürrer Reiser, die mir das Leben gab."

Die gleiche trübe Melodie spielt Heine im Austlang seinesNeuen Frühlings", wo die Spätherbstnebel und die ge­spenstisch kahlen Bäume ihm den Wehruf entprefsen:Ach mein Herz gleicht dieser Wildnis!" Anterdessen war aber ein ganz anderer, heiterer, abgeklärter Herbstdichter auf den Plan ge­treten: Friedrich Rückert. Ihm, dem Dichter desge­ruhigen Lebens", des abgeklärt reifen Alters,gefällt der Herbst, der klare", gefällt die milde Herbslsonne, gefällt die gemäßigteHerbstfreiheit". Er ist nicht müde geworden, die Herbstsarben, Gold und Purpur, die Herbstblumen, Kornblumen, Georginen und Astern, den Schmetterling im Herbst zu besingen. DerSeptembermai", derHerbstfrühling" ist ihm die schönere Verheißung und zugleich die Erfüllung des Lenzes. Voll Tiefsinn sind Hebbels schöne Herbstlieder, die eine stille Verehrung des Ewigen und Vergänglichen in der Natur atmen. Gott­fried Keller belebt sich die Herbstlandschaft mit einer grauen Nebelgestalt, dem Geist verschollener Ahnen, dem Genossen seines Blutes, der ihm die Hand reicht und auch ihn dereinst mitziehen wird in die Erde, die stets neue Keime empfangen muß, mm stets neue Früchte zu reifen. Storm und Liliencron lieben ihre nordische Heide besonders im herbstlichen Nebelduft. Herr­liche Herbstgedichte haben Martin Greif und Ferdinand von Saar geschaffen; der erstere mitweinend in dem Wehe­lied und Älagelaut der Natur, der andere die Ruhe der tiefen Erfüllung verspürend:

Der du die Wälder färbst, sonniger, milder Herbst, schöner als Rosenblühn dünkt mir dein sanftes Glühn."

So haben die Dichter der Vergangeicheit alle Lust und alles Leid des Herbstes ausgekostet. Aber die innigste Beziehung zu dieser Jahreszeit, das feinste Verständnis für ihr zartes, krank­haft erregtes Sterben in Schönheit gewannen erst die modernen Poeten. All ihre Müdigkeit, all ihre Aeberfeinerung der Sinne saben die Symbolisten und Dekadenten im Herbst ausgedrückt. Nietzsche fühlt in feinem ergreifenden Herbstlied, daß ihm die welke Welt, der eisiger Schauer die Purpurwange deckt, das Herz bricht. In seinemJahr der Seele" verliert sich S t e f a n George, um die müde und reine Stille seinerherbstlichen Gedichte", Hofmannsthal beschwört, die üppigen Gluten der erntereichen Gefilde. Ein melancholischer Gefährte und gleich­fühlender Bruder, ein Abbild dunkelgärender Kräfte und gehei­mer Lebensmatt'Aeit, der Inbegriff aller zwiespältigen und ahnungsreichen Empfindungen ist der Herbst den Dichtexn un­serer Tage. ''

Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen als Einlagskaiser.

Von Dr. Wilhelm Dersch*). '

In der Goldnen Bulle (1356) war Frankfurt gesetzlich als Wahlort des Reiches bestimmt worden. Auch schon vorher hatten die Fürsten hier ihren König gewählt, wie Friedrich Barbarossa,

) Vgl. Paul Kalkosf. Die Kaiserwahl Friedrichs IV. und Karls V. (am 27. und 28. Juni 1519). Weimar, Herrn. Doeh­lau, 1925

Ludwig den Bayern, Günther von Schwarzburg. Aber von all diesen und den in der Folgezeit vorgenommenen Kaiserwahlen ist vielleicht keine so folgenreich und weltgeschichtlich bedeutsam gewesen wie die Wähl König Karls I. von Spanien am 28. Juni 1519 und die ihr vorausgehende Kurfürst Friedrichs des Weisen von Sachsen, der jedoch nach wenigen Stunden abdankte. Dieses Eintagskaisertum ist erst neuerdings von Paul Kalkosf richtig erkannt und gewürdigt worden.

Die Nachfolge Maximilians !. drohte dem französischen König Franz I. zuzufallen. Gegenüber diesen Ansprüchen unterlreßeir die deutschen Fürsten eine nationale Einheitsfront entgegenzu­stemmen. Die westdeutschen Kurfürsten, namentlich ^.rier und Köln, neigten zu Frankreich Kurfürst Joachim I. und fern Brno er Kardinal Albrecht in Mainz hatten sich schon früher für Franz I. eingesetzt. Albrecht tat es allerdings nur heimlich, so daß seine unaufrichtige Politik eine stete Gefahr für jede nationale Regung mar. Für Joachim kamen vorwiegend dynastische Beweggrunds in Frage. Seitdem die Franzosen Mailand in derL W*?"'

war der Papst ein scharfer Gegner der fraiizosischen Macht- ansprüche, wie auf der anderen Seite der Pfalzer Kurfürst, als geschworener Feind der Habsburger, Frankreich unterstützte. Nächst den Franzosen war Maximilians Enkel, der neunzehn- jährige König Karl von Spanien und Neapel, dm zugleich die burgundischen und österreichischen Erblande beherrschte, der aus- sichtsreichste Anwärter. Die habsburgische Legende von dem edlen deutschen Blut" Karls von Geiit und viele Tausende von Goldguldeii begleiteten den längst vorbereiteten EiiVruch der spanisch-burgundischen Macht in das Deutsche Reich. Der Papf. dem dar Spanier in Neapel auf dem Hals fast, konnte diesen linmöalick als künftigen Kaiser wünschen. Sein Kandidat war Friedrich der Weise von Sachsen, der ^eichsvmweser, trotz dessen Eintreten für Martin Luther, hatte doch dm Papst sogar gehofft, L SL^L'ech VHSs^cmb^ Fnedrsth ff .Ä'S«S ä»? SSÄ uni> als Wahrer der Reichsverfassung v'arme Ziistimmung i weiten Kreisen der deutschen Fürsten erworbew Er allein beton diefreie Wahl" und lieh sich von niemand beeinflussen.

Anter dem Vorwand, die Wahlfreiheit der Kurfürstenzu irfcühen wurde in Süddeutschland eine sog. »Defsnswarrnee _ Örel gehalten. Die Truppen des Sch<^bifchen Bundes waten dattir »ttr Verfügung. Als Helfer wurde Franz von vaclingen verpflichtet, der mit feinen Banden jederzeit schlagfer tg

Ser durch spanisches Geld gewonnen malen, uT die Wahl vorzunehmen, lenken stch die^Trichpen in

willen,' falls ®Tien DergewaMgmig durchs

för kste WM einI Dritten" einzutreten. Wie unzuverlässig Albrecht roar, geht schon aus seinem Verhalten gegenüber Ben ZMWWMM diese auf jede Gewalttätigkeit gefaßt fern mußten.

Am 27. Juni sollte die Wahl, frührnorgeiisin.bei: .Wg

»eit Ratten die Bürger der Stadt für den Schutz M xutinw fS Zu diesem Zwecke mutzte Sturm gelautet werden, vamit ieder auf feinem Posten fein konnte. Dies geschah aber E 27 Juw nicht Nach der Messe zogen sich jbte Kurfürsten in hie Wahllarnmer zurück und imMten dort E der englische Gesandte berichtet und Erasmus überliefert, einhellig Fireo Ach den Weismi zum deutschen Kaiser.

also für sich gestimmt haben, was nach d^^^hlvorschtiften durchaus möglich war. Kaum war dies geschchen als m't spanischem Gelde gekaufte Mainzer Domdechant Lorenz Truchseß von Pommersfelden eine letzte Drohung an die ^urfu^en rietete. Die soeben staatsrechtlich in aller Form vollzogene WM wurde nicht vom Lettner des Domes, wie es hatte geschehen sollen dem wartenden Volke verkündet. Die Kurfürsten zogen in ihre