Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang <925 Dienstag, -en 20. Oktober Nummer 8<
Herbstentfchluh.
Bon Nikolaus Lenau.
Lrübe Wolken. Herbstesluft, einsam wandl' ich meine Straßen, welkes Laub, kein Bogel ruft — ach, wie stille! wie verlassenk
Dodeskühl der Winter naht: wo sind, Wälder, eure Wonnen? Fluren, eurer vollen Saat goldene Wellen sind verronnen!
Es ist worden kühl und spät, Bebel auf der Wiese weidet, durch die öden Haine weht Heimweh: — alles flieht und scheidet. Herz, vernimmst du diesen Klang von den felsentstürzten Bächen? Zeit gewesen wär' es lang', daß wir ernsthaft uns b^prechen!
Herz, du hast dir selber oft wehgetan und hast es andern, weil du hast geliebt, gehofft: nun ist's aus, wir müssen wandern!
Auf die Aeise will ich fest ein dich schließen und verwahren, draußen mag ein linder West oder Sturm vorüberfahren:
daß wir unfern letzten Gang schweigsam wandeln und alleine, daß auf unfern Gvabeshang niemand als der Regen weine!
Deutsche Herbstlieder.
Bon Dr. Paul Landau.
Während der Frühling die Gunst der Poeten von je her im reichsten Maße genossen hat und di« holde Eintracht oder der grimme Zwiespalt von Lenz und Liebe den Stoff zu unzähligen Gedichten lieferten, ist der Herbst für lange Zeit das Stiefkind unserer Lyrik gewesen. Erst ganz allmählich hat man die Reize und Schönheiten dieses „reichlichen Herbstes", wie ihn Goethe in der Elegie „Euptzrosyne" nennt, zu erfassen gewußt, bis dann Zeiten kamen, die gerade in diesem verklärten, in allen Kräften gesteigerten Abschied des Sommers den Seelensround fanden, sich magisch hingezogen fühlten zu den Monden der Ernte und des Sterbens. Eine interessante Entwicklung »,md Entfaltung des Baturgefühls läßt sich so in der Auffassung des Herbstes bei unseren deutschen Dichtern verfolgen.
Aus dem Widerspruch gegen den poetischen Preis des „minniglichen Frühlings" sind die ersten Herbstlieder entstanden. Als der Minnesang Maien- und Lenzesfveude bis zum äleberdruß in idealen Schwärmereien gefeiert hatte, regte sich der Widerspruchsgeist in derb realistischen Schilderungen und man sing an, recht zum Trotz den Herbst zu loben, 3n Streitgedichten wurden Herbst und Mai einander gegenübergestellt und der Vergleich fiel nicht mehr, wie stets der des Winters mit dem Sommer, ganz zu Gunsten der „schönen Jahreszeit" aus. Ein begeisterter Lob- redner erstand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts dem verachteten „Herbest" in dem thurgauischen Minnesänger Stein- mar, der „als sei» Helfer aufersteht gegen den glänzenden Macen. Sein Baturempfinden ist freilich recht materieller Art. Der Herbst ist ihm ein reichlich austeilender Gastgeber, der ihm Wein m Strömen in den Schlund gießen und eine große Gans an den Spieß geben soll, die ihm nicht in der Kehle stecken blerben wird, dazu Fische, mehr denn zehnerlei, und einen guten Schweinebraten. „Herbst, mein Trautgeselle, nimm mich zu deinem Ingesinde an , so ruft er aus. Auch anderen Sängern ist diese nahrhafte Jahreszeit die „wahre Grundfeste" menschlicher Freuden, die Besseres bietet als Vogelsang und Dlumenwonne des Frühlings. „Wünschet, daß uns nach so lichtem Maien reiche Herbsteswonne komme! Kann doch niemand auf die Dauer froh sein ohne Speise, Pfaffe nicht nvch Laie", dichtet der Herr von Bubenburg. Aus welcher Tonart ein dem Rei th art fälschlich zugeschriebenes Herbstlied gesungen ist, zeigt schon sein Bame an: „Beitharts Fresserei". Würste und Schinken werden als die „Blumen des Herbstes" gepriesen. Doch auch die schöne
Freiheit des Erntelebens tritt hervor in dem Gesang des Mädchens. das wacker beim Mähen und Einfahren gearbeitet hat und dem ein Reigen aus dem Stoppelfeld im fröhlichen Wind die schönste Freude ist: ein Kranz von Stroh ist ihr lieber als eine Krone von Rosen, wenn sie sich frisch herumtummeln darf. Ein heller, heiterer Ton, in dem auch schon das Hifthorn des Jäger« erschallt, klingt durch die Erntelieder des Schenken von Winter- stetten und Burkarts von Hohenfels.
Die deutsche Renaissance wählt sich dann den Herbst zur Lieblingszeit. Fifchart besingt den fruchtbaren, mit Weinlaub bekränzten Autumus, der seinen Verehrern Obst und Trauben in Fülle reicht: im bacchantischen Jubelton läßt Weck Herl in seine feurigen Oden auf den Wein hinströmen, in denen etwa» von der satten Pracht und der üppigen Reife Rubenscher Bilder strahlt. Schäumender Äeberschwung, berauschte Lust toben in den Weinliedern von Moscherosch und Schirmer, denen sich der ziervollere, mit feiner Zunge kostende Hosmannswal- dau anschließt. Schwüle Herbststimmungen, in denen überreiche Früchte mit dem bunt fahlen Schimmer des Laubes zu einem Abbild der Vergänglichkeit sich einen tauchen öfter bei den Schlesiern auf, werden bei Günther zu einer tragisch leidenschaftlichen Todesverzückung gesteigert. Im Kirchenlied wird der Herbst christlich-geistlich umgedeutet. Im Schwärmen der Dienen, im Reifen des Korns erkennt Paul Gerhardt dankbar Gottes Güte: die Königsberger Gichter, Simon Dach und Heinrich Albert, werden durch das Vergehen und Verlöschen der Batur melancholisch-andächtig gestimmt:
Der rauhe Herbst kommt wieder: Jetzt stimm' ich meine Lieder in einen Trauerton.
Die Sommerluft vergehet:
Nichts in der Welt bestehet: der Mensch muß selbst davon.
Dies Hinsterben und Welken in der Batur, das bei den Königsbergern fromme Gedanken auslöst, erweckt bei den preziösen. zartgestimmten Pegnitz-Schäfern eine gewisse Sympathie, ein erstes leises Gefühl für die krankhafte, reiche Schönheit dieser Landschaft. Harsdürffer ahnt schon die Melancholie dieser zerflatternden Blätter, dieser fallenden Früchte imb bereitet auf Brockes vor, auf den feinen Aaturschilderer und Gartenfreund, den der herbstliche Abschiedsschmuck der Batrrr in seinem berückenden Glanz umfängt und in genießendem Schauen auf den Schöpfer all dieses Schönen hinweist:
Da ich im Herbst, in der Allee, in abgefallenen Blättern gehe, die, in gefärbter Zierlichkeit, als wären sie mit Fleiß gestreut, die dunkel-braunen Steige zieren, so daß sie durch die bunte Pracht zu dessen Ruhm, der alles macht, mich inniglich gerühret, führen: Leucht mich, daß auch da sie vergehen durch ihrer Farbe^untes Gläntzen, wodurch sie Steig' und Beeten kräntzen, die Blätter ihren Herrn erhöhen.
Die Aokokopoesie hat solche blaß vergilbte, träumerisch zarte Landschaftsbildchen nachgezeichnet. Aber als den schwärmenden Jünglingen eine realistischphiliströse Poesie folgt, kehrt sie zu den realeren Reizen des Herbstes zurück. Christian Felix Weiße nennt „schöner als den Lenz" die Zeit, da „der Aehren Gold aus dem Boden steigt und, unserer süßen Arbeit hold, sich dankbar vor uns neigt". Claudius besingt Wein u*rt> Ernte, Voß das „Klipp und Klapp" der Dreschflegel und „d>- schön geerbten Knollen, weiß und rot und dick geschwollen", die Kartoffeln, die die Kinder mit Gesang einsammeln.
Aus solch prosaisch enger,' gemütlich biederer Betrachtung erlöste Goethe den Herbst, indem er den rein ästhetischn Genuß der Batur in seinem Gedicht „Herbstgefützl" einen für immer klassischen Ausdruck gab. Die strotzende Fruchtbarkeit, die schwellende, quellende Reife, der wärmende Scheideblick der Mutter Sonne, des Meeides Zauberhauch und d«s süße Wehen eine» mildklaren Himmels — als das ist in sinnlich kraftvollen, üppig gerundeten Worten und Rhythmen wundervoll ausgedrückt. Je weiter freilich der Herbst sich zum Winter neigte, desto frösteln- der und geisterhafter schien dem nach südlicher Sowie durstigen Olympier das Land: „Das Jahr Hingt ab; der Wind geht über die Stoppeln und findet nichts mehr zu bewegen: inrr die roten


