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— „Recht
„Mas? zwischen den Füßen? ein Felleisen, nicht toaßr?'
um das Wichtlein besser vor Augen zu haben, gerade vor ihm nieder, so daß ich ganz Frankreich und ein gut Stuck vom Weltmeer mit meinem Körper zudeckte. Das Licht Uetz er hart neben sich stellen, wo er denn, ganz bequemlrch an den untern Rand des Leuchters gelehnt, sein Pfeiflein füllte und sich von mir den Fidibus reichen ließ.
„Ich war nämlich," fing er an, „vormals Feldmesser in königlichen Diensten, verlor durch allerlei Kabalen diesen Platz, worauf ist eine Zeitlang bei den Breitsteihlern diente. Bei dieser Gelegenheit ließ ich mir sagen, daß es mehrte Elfenvolksstämme gebe, die sich durch Lelb^große gar sehr unterscheiden; die kleinsten wären die Jappelfußler, zu denen sich mein wackerer Feldmesser bekannte, bann kamen Heu- schreckenritter, Breitsteißler und so fort, zuletzt die Waidefeger, welche nach der Beschreibung ungefähr die Lange eines halben Rlannsarms messen mögen. „Run, fuhr der kleine Prahlhans fort, „treib' ich aber meine Kunst Privatim aus Liebhaberei. mehr wissenschaftlich, reise daneben und verfolge noch einen besondern Zweck, den ich freilich nicht ledern unter die
Rase binde."
„Ihr habt," bemerkte ich, „bei diesen wichtigen Geschäften doch immer hübsch trockenen Weg."
All gut," versetzte er, „aber auch immer trockene Kehle. Den'Mittag schien die Sonne so warm dort in dem Strich über Trier herein, daß ich beinah' verschmachtet war. — Apropos, guter Freund, füllt doch einmal da meine Wanderflasche! „Unser Wein ist aber stark," sagt' ich, indem ich ihn mit eurem Tropfen aus meinem Essigkrug bediente. „Hat kerne Rot, sprach er und soff mit Macht, wobei er das Mundlem em wenig verzog. „Was übrigens," fuhr er nun fort, „den Weg betrifft, zum Exempel bei Rächt, ja lieber Gott, da ist einer kemen Augenblick sicher, ob er auf festem Erdreich emyergeht oder im Wasser; das wäre zwar insoweit einerlei, man macht ja keinen Fuß hier naß; hingegen ein Gelehrter, seht, es ist so eine Sache, man will sich keine Blöße geben, nicht einmal vor sich selbst. Ich lief unlängst bei Hellem Tag nicht weck von der Stadt Andernach und sah so in Gedanken vor mich nieder und dachte an nichts - auf einmal liegt der grüne breite Rhein wie'n Meer vor meinen Füßen! Am em kleines wär' ich hineingeplumpst, so lang ich bin — wie dumm! und stand doch schon eine Viertelstunde davor mit ellenlangen Buchstaben deutlich genug geschrieben: Rhen u s. Bor schrecken fiel ich rückwärts, nieder, und dauerte zwei Stunden, bis ich mich wieder besann und erholte." — „Aber," fragt ich, „habt Ihr denn das Rauschen dieses Stroms nicht schon von fern gehört?" — „Gehorsamer Diener, Mosje! so weit habens Eure Herren Landkartenmacher noch nicht gar gebracht; all die Gewässer da, wie hübsch sie sich auch krümmen, machen nur stille Musik." Der Feldmesser schwieg eine Zeitlang und schien etwas zu überlegen.
Hört!" fing er wieder an, „ich muß jetzt doch mit meiner Hauptsache heraus. Ihr könntet mir einen Gefallen erweisen. — Recht gern." — „So sagt einmal, es gibt ja sogenannte Osterkinder unter euch Menschen; wißt Ihr mir wohl Bescheid, wie solche ungefähr aussehen?" — „Gewiß," versetzte ich. Der Feldmesser hüpfte vor Freuden hoch auf. „Jetzt will ich Euch, denn gleich vertrauen" sprach er weiter, „um was es mir eigentlich ist. Merket auf. Euch ist bekannt, wo Jünneda liegt; unweit vom Jrmelschloh. Run haust in diesein Gau der Waidefegerkönig, ein Holzer, habgieriger Fürst, allzeit auf Raub und Plünderung bedacht, bestiehlt sogar das Menschenvolk nächtlicherweis und schleppt, was,er von Gold erwischen kann, nach seinem alten Schatzgewölb — was glotzt Ihr mich so an? es ist doch wahr; die Waidfeger wittern das Gold. Da ist neulich erst wieder so ein Streich passiert, daß die Koken (ein sonst nicht zu belegender und noch nirgends erklärter Ausdruck) sich hinter ein Fuhrwerk machten und einem reisenden Kaufherrn den Goldsack zwischen den Füßen ausleerten!"
„Ja, oder dergleichen. Die haben ihre Pfiffe, Herick Wie der Blitz kommen die einem Wagen von untenher bei, ei^paar setzen sich auf die Langwied (Langewiede ist das lange Holz zwischen Vorder- und Hintergestell eines Leiterwagens), durch- -graben den Boden und schütteln den Dotter heraus — das Gelbe vom Ci, wie sie sagen —, was Weißes ist, Silbergeld, lassen sie liegen."
„Wo aber tragen sie's denn hin, um's Himmels willen? wo hat der König seinen Schatz?"
„Beim Sixchen, ja, das sollt' ich eben wissen. Versteht, es hat damit so seine eigene Bewandtnis. Der Grundstock ist von Menschenhand gelegt, vor etlich hundert Jahren; von der bösen Frau Jrmel habt Ihr gehört. — Ich kenn' sie wohl und sie mich auch, mir tut sie nichts zuleide. Gut also, die soll noch, zu ihren Lebzeiten eine Kiste mit einem braven Sparpfennig wo eingemauert haben — das war noch zu Havelocks Zeiten, des ältesten Waidfegerkönigs. Richt lange stand es an, so kam auch schon das Waidheer dahinter. Der König legte gleich Beschlag darauf und machte das Gewölb' zu seiner heimlichen Schatzkammer,
wo man sofort alle kostbare Beute verwahrte, darunter auch die große Jrmelskette, die Hadelock der Andere mit erstaunlicher Arbeit und Mühe in zweien Stücken aus dem sandigen Bette der Sichel herausschaffen lassen. Der Jrmel-Geist hat seitdem keine Ruhe und sucht diie Kette und kann sie nicht finden. Run geht im Volk eine uralte Sage: ein Menschenjüngling würde dereinst das Kleinod ans Tageslicht bringen und wiederum zusammenfügen, dann wäre auch der Geist erlöst; der Jüngling aber müsse als ein Osterkind geboren fein, die seien äußerst rar, und käme ost in einem Säkulo kaum eins zur Welt. Doch, unter uns gesagt, ich denke schon den rechten Mann wo aufzugabeln, und wär' es am Ende der Welt. Ich habe mich deshalb hier auf die Dahn gemacht, vorläufig einmal die Wege einzulernen und die Strapazen einer solchen Reise, Hunger und Durst in etwas zu gewöhnen. Mein Glück ist gemacht auf zeitlebens, wofern es gelingt, und Euch soll's nicht gereuen, wenn Ihr mir Rat und Beistand leisten mögt."
Ich wollte ihm eben antworten, als er, das Köpfchen schnell zur Seite drehend und in die Ferne horchend, mir Stillschweigen zuwinkte. „Der Waidekönig gibt heute ein Fest; ich höre sie von weitem jubeln."
„Wo beim?"
Er deutete links in die Ecke der Karte hinauf. Dort waren nämlich, wie man es auf älteren Augsburger Blättern gewöhnlich bemerkt, zu Verzierung des Titels verschiedene Schildermen angebracht, gewisse Symbole der Kunst, Zirkel und Winkelmaß, an den mächtigen Stamm einer Eiche gelehnt, hinter dem ein Stück Landschaft hervorsah, ein Tal mit Rebenhügeln und dergleichen, im Vordergrund eine gebrochene Weinbergmauer: das Ganze fabrikmäßig roh koloriert.
„Seht Ihr noich nichts?"
„Wo denn, zum Henker?"
„Anten im Tal!"
„Richt eine Spur!"
„So seid Ihr blind, in's Kuckucks Rainen!
Jetzt kam «s mir wahrhaftig vor, als wenn die Landschaft Leben aimähme, die matten Farben sich erhöhten, ia alles schien sich vor mir auszudehnen, zu wachsen und zu strecken, der Lange wie der Breite nach; die Formen schwollen und rundeten sich, die Eiche rauschte in der Luft, zugleich vernahm ich em winziges Tosen, Schwirren und Klingen von lachenden, jubelnden, singenden Stimmchen, das offenbar aus der Tiefe herkam.
Stellt Euer Licht weg!" rief mir der Feldmesser zu, „ober löschet es lieber gar aus! der Mond ist ja schon lang herauf. Ich tat, wie er befahl, und da ließ freilich alles noch hundertmal fchöner. Als ich aber vollends den Kopf übers Mauerchen streckte^- o Wunder! sah ich das lieblichste Tal sehr artig und festlich erleuchtet, mit taufend geputzten, gepützelten Leutchen bedeckt, die immerhin eine ziemlich ansehnliche Gröhe hartem sehr schlank und wohlgebaute Puppen. Es war ein unendliches Drängen. Der meiste Teil bestand aus Landleuten, welche mit Kübeln und Butten geschäftig zwischen den Kufen umsprangen. Eine Weinlese also, und eine königliche zwar! Denn vorn sah man in bunten geselligen Gruppen die Vornehmen vorn Hose, nach hinten zu eine gedeckte Tafel; vor allem stach ein Zelt hervor, es schien aus blendendweißen Herbstfäden gewoben, mit grünen Atlas-Draperien behängt, welches im Mond- und Fackelschein aufs herrlichste erglänzte. Der Feldmesser war neben mir auf einen untern Ast der Eiche geklettert, wo er kommode alles übersah. Ich hatte gerade den König entdeckt, und meine Augen suchten just die Königin, da ruft mir mein Begleiter zu: „Seht! Seht!" und deutet in die Luft nach einer neuen Erscheinung, welche zugleich von der ganzen kleinmach- tigen Menge mit Jubelgeschrei und aufgeworfenen Mützen be- grüßt wird. Wie mutz ich .erstaunen, wie hüpft mir das Herz vor kindischer närrischer Freude, als ich den goldnen Hahn vom Jünnedaer Kirchturm mit der großen Ahrtafel in seinen zwei Klauen daherfliegen sehe! Der arme Tropf flog sichtbar angestrengt, seine Flügel klirrten erbärmlich Indessen merkt ich bald, was daraus werden sollte: ein Festschietzen galt es, und hier kam die Scheibe. Der Vogel erreichte die Erde, fetzte die Tafel inmitten eines länglicht umfchränkten Platzes und lieh zugleich zwei Eisen fallen (die Zeiger der Ahr ohne Zweifel), die alsbald von mehreren Edlen betrachtet, in der Hand gewogen und, wie es schien, verdrießlich als ein paar unförmliche Wurfspieße wieder weggelegt wurden. Die Schützen zogen dagegen ihre silbernen Bogen hervor, alles ordnete sich, das Ziel war gerichtet, der Hahn amtspslichtlich stellte sich darauf. Gr krähte hell bei jedem Schuß die betreffende Zahl nach den Ringen. Die Majestät selber verschmähte nicht, die Armbrust einmal zu versuchen, und ob sie gleich ganz abscheulich fehlschoh. ja sogar den Rufer blutig verletzte, so schrie derselbe doch, anständig feinen Schmerz verbeißend, mit lauter Stimme: „3tooif in die Minut'!", was diesmal ausnahmsweise noch höher als das Schwarze galt. Anmäßiger Beifall erscholl aus _ den Reihen, derweil der Göckel sich insgeheim den Pfeil aus seinem Schwänze zog. Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: I, V.: Thrhard Evers. — Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steinbrudierei. R. Lange, Gießen.


