Ausgabe 
20.6.1925
 
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Pferd und Fuchs springen von oben her tn den Dusch, der den Küster deckt. Sie spinngen ihm gerade auf den grauen Kopf. Da ist es vorbei plumps liegt der alte StSwesand im Draben- wasser. I

3m Wasser?

Petrus, Paulus, was war denn heute abend los? Wo war er? Er ritz die Augen auf. Das war doch war das nicht? Ist das nicht ? Das ist doch Sievers Kolk. And dort geht der Weg. Dübelelement, dies sollte der Herr Pastor wissen, daß sein Küster bei Nachtzeit vollgetrunken hinter dem Zaun schläft. Gr sucht seinen Hut, seinen Stock; drüben ist der Weg. Hastig schiebt der Küster nach Haufe.

Klingt daS nicht wie Hahnenruf? Der Küster läuft.

Mit langen unsicheren Schritten keucht er durch Gras und Korn.

lieber den Voßberg aber zieht ein langer, grauer Streif, wie der Wolkenschatten über die Sommerfelder zieht. Tausend unsichtbare Füße streichen durch den Klee.

3vhannisnacht.

Gute Nacht," sagt der Fuchs zum Pferd, das ihm wieder gegenüber auf dem anderen Ende des Hausgiebels steht;es wird wieder eine lange Nacht werden. Denn was haben wir vom Sonnenschein ?

Wie ich gesprungen bin!" sagt das Pferd,es ist doch ernt Lust zu leben, auch wenn es nur eine Stunde ist."

Der Fuchs will noch antworten; aber er kann nicht mehr. Denn unter ihm an der Stubenwand sagt es: Ting! Die Ahr schlagt eins. Steif und fest starrt der Fuchs in die Lust, ein Stück altes Eisen.

Die alte Frau In der Kammer nebenan hört die Ahr auch Eiirs erst," dentt sie und dreht sich seufzend auf die andere Seite.

Am nächsten Morgen steht auf den Höfen manches Hoftor, mancke Schuppentür offen. Der Dauer schilt. Knecht und Mädchen sagen, daß sie am Abend vorher alles richttg verwahrt Haben. Aber der Bauer weist, datz jede Sache nur halb gemacht wird, wenn er nicht selbst das letzte Auge über alles hat. Auch das Geschirr ist nicht an dem Platz, an den es gehört. Beim Schulzen liegen der Haken und die Egge, die erst am Donnerstag neu vom Schmied gekommen sind, nicht unter dem Schuppen, wie gestern abend, sondern auf einem Haufen Stroh neben dem Kuhstall.

Dei seihn ut, as wenn's sich antrugt fünd," sagt der Knecht der sie an ihren alten Platz bringt, zu dem Melkmädchen, das die Kälber in die Koppel treibt.

Der Schatz.

Bon Eduard M ö r i k e.

(Fortsetzung.)

Josephe hatte soeben geendigt. 3rt der Mrinui^, ein Fuhrwerk vom Tal her zu hören, sprang sie mit Leichtigkeit aufs nächste Mäuerchen und horchte, den Ast eines Ahorns er» greifend, ein Weilchen in die Luft. Noch einmal verschlang ich ihr liebliches Bild - Ach so, dacht' ich, in eben dieser Stellung, aber mit freudiger bewegtem Herzen, -wird sie nun bald ihren Liebsten erwarten! Ich muhte das Gesicht abwenden, ich dtangte mit Mühe die Tränen zurück. Ein Zug von Naben strich jetzt über unfern Häuptern hinweg, man hörte den kräftigen Schwung ihrer Flügel; es ging der Landesgrenze zu; der Anblick gab mir neue Kraft. 3a, ja sprach ich halblaut: mit Tagesanbruch morgen wanderst du auch du hast hier doch nichts zu erwarten als neue Täuschungen, neuen Derdruh! Ich fühlte plötzlich einen namenlosen Trost/als wenn es mögliche wäre, mit Wandern und Laufen das Ende der Welt zu erreichen. ,

,Sie sind es nicht! des Müllers Esel waren s! lachte Josephe und griff nach meiner Hand zum Niedersteigem

Sie sah mich an.Mein East ist ernsthaft worden warum?" Ich antwortete kurz und leichtsinnig. Sie aber forschte mit sinnenden munteren Blicken an mir und begann: So wie wir uns hier gegenüberstehen, sollte man doch beinah meinen, wir kennten uns nicht erst von heute. Ja, aufrichtig gesagt, ich selbst kann diesen Glauben nicht los werden, und, meiner Sache ganz gewiß zu fein, war ich gleich anfangs unhöflich genug und fragt Euch um den Namen; glaubt mir, ich brauch' ihn jetzt nicht mehr. Am Euch indes zu zeigen, daß man bei mir mit faulen Fischen nicht ausreicht, fo kommt, ich sag' Euch was ins Ohr: Männlein! wenn du ein Schnei­der bist, will ich noch heut' Frau Schneidermeisterin heihen, und, Männchen! wenn du nicht der kalte Michel bist, Heiht das Franz Arbogast aus Eglosssbronn, bin ich die dumme Deth von Jünneda" hiermit kniff sie mich dergestalt in meinen linken Ohrlappen, daß ich laut hätte aufschreien mögen, zugleich aber fühlte ich auch so einen herzlichen, kräftigen Kuh aus die Lippen, daß id)> wie betrunken dastand.Für diesmal kommt Ihr fo davon!" rief sie aus:Adieu, ich muh jetzt kochen. Ihr bleibt nur hübsch hier und legt Euch in Zeiten auf Buhe."

Nachdem ich mich vont ersten Schrecken ein wenig erholt, empfand ich zunächst nur die süße Nachwirkung des empfangenen

Kusses. All meine Sinne waren wie zauberhaft bewegt und aufgehellt; ich blickte wie aus neuen Augen rings die Gegen­stände an, die ganz in Rosenlicht vor mir zu schwanken schienen. Wie gern wär ich Josephen nachgeeilt, doch eine sonderbare Scham ließ mir's nicht zu. Dabei trieb mich ein heimliches Be­hagen, die angenehmste Neugierde, wohin dies alles denn noch führen möchte, unstet im Hofe auf und ab. Denn dah die un­vergleichliche Dirne mehr, als ich denken konnte, von mir wisse, datz sie, vielleicht im Einverständnisse mit ihren Leuten, irgend­etwas Besonderes mit mir im Schilde führe, soviel lag wohl am Tage, ja mir erschien auf Augenblicke, ich wußte nicht warum, die fröhlichste Gewißheit: alle mein unverdientes Mißgeschick sei seiner glücklichen Auflösung nahe.

Leider fand sich den Abend keine Gelegenheit mehr, mit dem Mädchen ein Wort im Berttauen zu reden. Die Asien kamen unversehens an, schwatzten, erzählten und packten Tauf­schmausbrocken aus. Dazwischen konnte ich jedoch bemerken, daß mich Josephe über Tisch zuweilen ernst und unverwandt, gleich als mit weitentferntem Geist, betrachtete, fo wie mir nicht entgangen war, daß sie gleich bei der Ankunft beider Alten von diesen heimlich in die Kammer nebenan genommen und eifrigst ausgefragt wurde. Es mußte der Bericht nach Wunsch gelautet haben, denn eines nach dem andern kam mit sehr zufriedenen Gesicht zurück. Später, beim Gutenacht unter der Tür, brückte Josephe mir lebhaft die Hand.Ich wünsche," sagte sie,daß Ihr Euch fein bis morgen auf etwas Guts besinnen mögt." Lang grübelte ich noch im Bett über die Worte nach, vergeblich mein Gedächtnis quälend, wo mir denn irgend einmal in der Welt diese Gesichtszüge begegnet wären, die mir bald so bekannt, bald wieder gänzlich fremde deuchten. So übermannte mich der Schlaf.

Es schlug ein Ahr vom 3ünnebaer Turm, als ich, von heftigem Durste gepeinigt, erwachte. Ich tappte nach dem Wasserkrug; verwünscht! er schien vergessen. Ich konnte mich so schnelle nicht entschließen, mein Lager zu verlassen, um anderswo zu suchen, was ich brauchte. Ich sank schlaftrunken ins Kissen zurück, und nun entspann sich zwischen Schlaf und Wachen der wunderlichste Kampf in mir: Stehst du auf? bleibst du liegen? Ich suche endlich nach dem Feuerzeug, ich schlage Licht, werfe den Aeberrock um und schleiche in Pantoffeln durch den Gang, die Treppe hinab... ob ich dies wachend oder schlafend tat, das, meine Wertesten, getraue ich mir selbst kaum zu entscheiden; es ist ein Punkt in meiner Geschichte, worüber ich trotz aller Mühe noch auf diese' Stunde nicht ins reine kommen konnte. Genug, es kam mir vor, ich stand im untern Flur und wollte nach der Küche. Die Aehnlichkeit der Türen irrte mich, und ich geriet in ein Gemach wo sich ver­schiedenes Gartengerät, gebrauchte Bienenkörbe und sonstiges Gerümpelwerk befand; auch war an der breitesten Wand eine alte, riesenhaste Landkarte von Europa aufgehängt (wie ich denn dieses alles den andern Tag gerade so beisammen fand). Schon griff ich wieder nach der Türe, als mir auf einem langen Brett bei andern Gefäßen ein dosier Essigkolben in die Augen fiel. Das löscht den Durch doch besser als bloßes Wasser, dachte ich, Hub den Kolben herab und trank in unmenschlichen Zügen; es wurde mir gar nicht genug. Auf einmal rief nicht weit von mir vernehmlich ein äußerst feines Sümmchen:He! Lands­mann, zünd Er doch ein klein bißchen hierher!" 3ch sah mich allenthalben um, und es rief wieder:Da! daher, wenn's ge- fätlig ist." So leuchtete ich gegen die Karte hin, ganz nahe, und nehme mit Verwunderung ein Männlein wahr, auf Ehre, meine Damen, nicht größer als ein Dattelkern, vielleicht noch kleiner! Natürlich alfo ein Elfe, und zwar der Kleidung nach ein simpler Bürgersmann aus dieser Nation; fein grauer Nock etwas pauvre und landstreichermätzig. Er hing, vielmehr er stand wie angesiebt auf der Karte, just an der südlichen Grenze von Holland.Noch etwas näher das Licht, wenn ich bitten darf!" sagte das Kerlchen,möchte nur gelegentlich sehen, wie weit es noch bis an den Pas de Calais ist, und -unter welchem Grad der Länge und Breite ich bin."

Michdem er sich gehörig orientiert hatte, schien er zu einigem Diskurs nicht übel aufgelegt. Bevor ich ihn jedoch weiter zum Worte kommen lieh, bat ich ihn um den einzigen | Gefallen, er möchte sich von mir doch auf den Boden nieder- 1 setzen lassen,denn," sagte ich in allem Ernst,mir schwindelt. Euch in dieser Stellung zu sehen; habt Ihr doch wahrhaftig weit über Mückengrötze und -Gewicht und wollt so, mir nichts, dir nichts, an der Wand hinauf taufen, ohne zu stürzen! Hier ist meine Hand, seid so gut. Statt aller Antwort machte er mit hellem Lachen drei bis vier Sätze in die Höhe oder viel­mehr, von meinem Standpunkt aus zu reden, in die Quere. Versteht Ihr nun," rief er aus,was Schwerkraft heißt. Anziehungskraft der Erde? Ei Mann, ei Mann, habt Ihr fo wenig Bilduiig? Seht her!" Er wiederholte feine Sprünge mit vieler Selbstgefälligkeit.Indessen, wenns Euch in den Augen weh tut, auf ein Mertelstündchen kommt mir 8 nicht an. Nur nehmet die Karte behutsam hüben und drüben vom Nagel und laßt sie allgemach samt mir aufs Estrich herab: denn dies Terrain zu verlassen ist gegen meine Grundsätze. Ich tat sofort mit aller Vorsicht, tote, ers verlangte. Das Blatt lag ausgebreitet zu meinen Füßen, und ich legte mich,