Ausgabe 
20.6.1925
 
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i Ob NoMmye yevad kommt ein langer wunderlicher Zug. Olle kommt er, ohne Detrachp und Deknarve und Getrampel. 6t zieht wie die Wolkenschatten über die Felder. QO&er an hem Haus« dorübergezogen ist, lösen sich Fuchs und Pferd letfe txxt der Tiebolecke los und ziehen mit, hinter den andern her. Ammer mehr kommen hinzu, änd alle ziehen leise die Dorf- strahe hinab, auS deren Höfen und Häusern es hervorqurllt, «ber die Felder.

Hanna Frank ist die erste gewesen, die es im Do^e auf­gebracht hat, daß auch die Tiere eine Seele haben und daß pte toten Sachen zuweilen lebendig werden.Was ist das für eine Lede?" sagen die Leute,was sagt der Pastor dazu?'

Hanna Frank ist nicht zu trauen. Es kann geschehen, dah ihr beim Stricken das Wollknäuel vom Tisch läuft. Wenn sie auf­steht, um es wiederzuholen, sitzt ein altes Mütterchen in der Ofenecke und lächelt sie an. Hanna Frank hat keine Angst; sie kennt das schon. Sie geht dreist zum Ofen, das Mütterchen ver­schwindet; und in der Ecke liegt das Wolkknäuel.

Zuweilen besucht der Teufel sie. Aber sie geht ruhig und eben mit ihm um und weih ihre Seele in guter Hut. Als sie noch jung war, ging er oft lange Stunden hinter oder neben ihr und sprach leise zu ihr; nachts stand er vor ihrem Bett und wollte sie zu etwas überreden, das sehr schlimm war. Jetzt wird sie ihn schon leichter los. Aber wenn er zuweilen gar nicht weichen will wie am letzten Sonntag, als er sich beim Kartvffel- aufnehmen immer auf den Bülten stellte, den sie gerade auf* nehmen wollte, dann spricht sie nur den Spruch ihrer Großmutter. Alle gauden Geister lawen Gott den Herrn."

Anna Frank wohnt im Armenhaus und strickt Strümpfe für das ganze Dorf. Wenn sie ein Paar fertig hat, bringt sie es selber und bekommt Brot, Butter und wohl auch ein Stück Speck dazu. Jede Katenfrau freut sich, wenn sie wieder aus der Tür ist; denn jede weih, dah Hanna Frank überall Gesichter sieht. Ihre Mutter war auch so; die ging mit dem Teufel uni wie mit einem Bruder.

Als Hnana den letzten Winter sehr ans Sterben denken muhte, da ängstigte sie sich vor sich selber und bat den alten Küster Stöwesand um Trost. Er verwies ihr ihren Taterglauben kurz und barsch und sagte ihr in lauten Sprüchen, wie der Pastor in der Kirche, die 'Wahrheit. Jetzt sieht er, dah Hanna Frank mit ihren wirrigen Redensarten über Gott und den Teufel und die toten Dinge recht gehabt hat. Denn über den Bohberg auf der andern Seite des Grabens kommt es im Mondschein herüber, wie es in den alten gruseligen Geschichten immer über den Berg kommt: gries und schnell, und leise. Es ist ein langer Zug, der da näher kommt. Der Küster hört ein Runscheln, ein Schleifen, ein Streichen durch Klee und Gras, älnd jetzt sind sie alle dicht am Graben.

Ihr kommt nicht hinüber," denkt der Küster.

Es ist nicht zu verstehen, was das in der Aacht zu bedeuten hat; denn der erste am Graben ist ein alter klapperiger Pflug, der auf einem Rad herangehumpelt kam und in allen Gelenken leise quiekte und knarrte. Er hat angehalten und pliert jetzt mit schiefem Kopfe in den Graben.

Du kommst nicht herüber." denkt der Küster.

Er kommt doch hinüber. Humpelnd und schief auf der Seite liegend, schiebt er sich von einem Grabenrand' zum andern uird dann weiter an Stöwesand vorüber in die Wiese hinein.

Hinter ihm drein ziehen frisch und jugendlich ein neuer Haken und eine neue Egge. Hell blinkt das Holz im Mondschein, schwarz glänzt der polierte Eisenbeschlag.

Dahinter kommen alle die andern aus dem Dorfe, die am Tage in Schuppen, Stall und Scheune stehen oder auf dem Felde bei der Arbeit gebraucht werden.

In der Mitte der Wiese stellen sie sich auf und ziehen dann im Zuge ringsherum, am Küster vorüber.

Vorauf humpelt wieder der Pflug. Dann kommen Haken und Egge von vorhin. Sie brückt sich zärtlich an ihn. Stöwesand weiß von Anits wegen in solchen Dingen Bescheid und sieht, daß bas ein junges Paar ist. Metzwagen und Kutschwagen folgen dichtauf, ein Pflug und eine Walze klappern hinterdrein, und dann wieder Haken, Pflüge, Eggen, Stadtwagen und Acker­wagen; dazwischen das Kleinvolk: Spaten, Hacke, Harke und Meßhaken.

Zuweilen schrammt ein Pflug gar zu dicht an dem Küster vorbei. Der zieht dann die Deine an und kriecht zuletzt in das Dunkel eines Weidenbusches. Eiserne Hähne, Füchse und Pferde, die am Tage als Wetterfahnen auf den Bauernhäusern stehen, sind die Letzten im Zuge; aber sie sind auch die Lustigsten.

Auf die Wiese fällt ein Schatten. Hinter dem Voßberg richten sich ein paar Händevoll weißer Wolken auf, über denen dunkle Zacken aufragen.

Das tote Gelichter, das in dieser Rächt lebendig wie ein Mensch ist, zieht und jagt humpelnd und springend und schlei­fend immer schneller durch das hohe Wiesengras.

Plötzlich hält der Alte vorn im Zuge an. Gin heller Hahnen- ruf erschallt. Alles ist still.

Der Alte steht aus dem einen Rad nicht sicher. Er wackelt von einer Seite auf die andere. Ein zweiter Pflug schiebt sich dicht an ihn heran und stützt ihn.

Der Alte redet.

Liebe Brüder und Schwestern, Herr«, und Knechte, Lust» gucker und Krauthacker, WeHbieters und Jrdrieters, eine fröh­liche Stunde sieht uns wieder zusammen; eine Hochzeit soll ge­feiert werden; un ji söln bei Brutlüd tat Bett helpen.

Haken und Egge, unsere beiden jungen Freunde, stad gestern von dem schwarzen Mann, der ihren Gliedern mit seinem Eisen Stärke und Festigkeit gegeben hat, zu uns gekommen und be­gehren Aufnahme, wie wir alle sie einmal vor vielen Johannis­nächten begehrt haben. Sei weiten noch nicks von Meß und Matsch, von Rust und Lägen. Lustig wollen sie ins Leben, und lustig sollen sie hinein.

Liebe Freunde, Klaukschieters und oll Lüd! Mich haben die jungen Leute gebeten, ihnen in die Ehe zu helfen. Denn eine Ehe wollen sie führen und werden sie halten müssen, ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Die Menschen glauben, nur sie freien; von uns wissen sie nichts. Aber wir leben; Dank sei der Jo­hannisnacht. Alles lebt heute, nur der Mensch schläft.

Liebe Freunde, Räsewaters un ehrwürdige Ergraute, seid still und andächtig, solange die heilige Handlung währt.

Herr Haken und Jungfrau Egge!

Ihr seid gekommen in Ehrhaftigkeit

Und jugendlicher Wehrhaftigkeit

Und habt begehrt, mit Lachen und Beten In den Ehestand zu treten.

So haben wir uns in Gnaden entschlossen, Euch beide flink und unverdrossen Mit unferm Segenshü und -hott

Dau smieten mit'nanner in einen Pott.

Tretet, herzu!"

Haken und Egge richteten sich auf und traten dicht vor den Alten hin. Sie verneigten sich vor ihm, und. der Alte streute ihnen mit feinem ©teert ein wenig Erde auf den Kopf.Ihr werdet stets beieinander fein uird euch nicht im Stiche lassen; folge ihm treu, und du gehe nicht von ihr. Die Erde wird euer Bett sein und euer Arbeitsfeld; möge sie leicht für euch sein, so leicht wie diese. Tretet zurück! Ji siind nu Mann un Fru."

Dem Küster wurde es schlecht, als er dies hinter feinem Busche hörte. Er hat später immer erzählt, dah alles andere nicht so schlimm gewesen wäre, dah es ihm aber einen Stich ins Herz gebe, toeitn er sehen müsse, dah Unvernunft sich in heilige Dinge mische. 1

Der alte Pflug drehte sich um und humpelte ein Ende in die Wiese hinein; dort blieb er stehen.

Haken und Egge werden von den übrigen umringt, das eigentliche Fest beginnt. Sie werden mit Klee und Gras und Hundskamillen geschmückt; roten Mohn und Kornblumen wirft man vor ihnen her; und daim geht es im tollen Zuge über die Wiese. Huschend, fliegend, streichend wie Käuze im Mondschein, leise, mit schnellen, schattenhasten Bewegungen jagen und fliehen und suchen sie sich.

Die toten Dinge haben ihr Leben wieder.

Lachen und Jubeln, unhörbar unb doch zu hören, lautlos und doch die Rächt erfüllend, liegt über der Wiese. Auf dem Bohberg stehen Hase und Reh und sehen herüber. In der alten Buche am Soll sitzt ein Kauz, rund und still; der Igel unter dem Dornbusch hört zu.

Hochtied! Hochtied!"

Wer hat den Auf schon einmal auf einer handfesten mecklen­burgischen Bauernhochzeit gehört? Wer war mit dabei? Die Bänder fliegen, die Blumen im Knopfloch nicken, der Bursche hat sein Mädchen um den Leib gepackt, daß die Rippen knacken, und alle rufen, nein, brüllen sie, dah das Blut kocht.

Haken unb Egge stehen, bedeckt von Mohn und Klee, bei­einander. Sie hat sich eng an ihn gedrückt.

Morgen ist Sommerwetter," sagt sie.Bald ist Herbst," denkt er nach,zwei gute Pferde, der Knecht, ich hinterher unb reiße die Erde auf, daß es knirscht. Was kommt da alles zum Vorschein: Käfer, halbfertige Maikäfer, lange, dicke Regenwürmer. Mäuse, Hamster, Steine, Glas, alte Stiefel, mit dem vorjährigen Dung untergepslugt, wohl gar ein alter Topf mit Goldstücken, die Alten erzählen davon, großmächtige Steine, die ich mit hoch­reihe ; der Knecht pfeift im Herbst

Rnd ich immer hinter dir her. Ich verlasse dich nicht und glätte, was du rauh gemacht hast."

Wir sind uns angetraut; du und ich, Haken und Egge, so­lange, bis unsere festen Glieder grau und brüchig geworden sind; bann gehts in den Schuppen."

Auf der Wiese geht das Fest weiter.

Hochtied! Hochtied!"

Fuchs und Pferd springen über den Busch, hinter dem der Küster liegt. Sie schlagen ihm den Hut dabei ab. Stöwesand fällt vor Angst und Entsetzen fast in den Graben.

. plnd immer noch die Lust, die unhörbare und doch die Rächt erfüllende Freude am Leben. Grau, schattenhaft, streichend, flie­gend hopp hopp rsch rschsch - sssing sssingkumm! kumml"griep mi! griep Mil."

Riinschen? Minschen? Dämliches Pack! Ji? 2a; ätoer wi? Wi ok!" murmelt der alte Pflug vor sich hin. Er mag nicht mehr stehen. Ihm ist auch, als ob es bald, wieder heimzugehen mühte. Streicht nicht schon ein kühles Lüftchen über ben Voßberg?

Hochtied! Hochtied!"