Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1925 Samstag, den 20. Juni Hummer 49
Grabschrift für viele Tage unseres Lebens.
Von Paris von Gütersloh.
Manchmal deutet eine mahnende Gebärde
Zwingend auf mein schwaches Herz und auf ein verblassendes Bild, Mer zwischen den Zusammenhängen stehn die Pferde Angefattolt, während die Entfernung schwillt.
Johannisnacht.
Don Friedrich Griese*).
Ein armes Kind, das weise ist. ist besser denn ein alter König, der ein Darr ist und Weitz sich nicht zu hüten. . (Bibelspruch)
In der Johannisnacht ereignen sich die wunderlichsten Dinge, böse und gute; meistens sind es böse. Aber das war früher so. Heute ereignet sich nichts mehr.
Der alte Küster Stöwefand gehört zu denen, die davon mit« reden können. Er hat einmal eine Johannisnacht erlebt, die er nicht vergessen kann, und wenn er so alt wie Abraham werden sollte.
Es war sehr bunt und lustig, was er in dieser Dacht sah; aber es ist ihm doch sehr ungemütlich dabei gewesen. And das Lachen kam erst, als er zu Hause im Bett lag und alles in Gedanken noch einmal sah.
Küster Stöwesand hatte am Dachnittag eine Beerdigung gehabt. Er bekam für jede Leiche, die ihm das Dorf eintrug, vier Semmeln, sechs Eier, zwölf Pfennig und einen halben Pegel Branntwein. So war es natürlich auch diesmal gewesen.
Er war Johannis, der vierundzwanzigste Juni, und Stöwesand hatte im Dachbardorfe etwas abzumachen. Die Flasche mit dem Branntwein steckte er in die hintere Rocktasche, um auf dem Wege doch einen Tropfen gegen den Durst zu haben.
Er trank sie auf dem Hinwege leer. Als früherer Schiniede- geselle, der eines Deinschadens wegen hatte Lehrer und Küster werden inüssen, ging er forsch auf alles los, was bewältigt werden muhte. So machte er es auch mit der Flasche. Als sie leer war, warf er sie übermütig gegen einen Stein. Aeber eine Leiche ging doch nichts. , , , _
Bei den Dauern im Dachbardorf gab es ebenfalls einen guten und ausreichenden Schluck. And als Küster Stöwesand wieder nach Hause ging, war es spät.
Es war ein langer Weg; er spürte es. Dubelelement, war das ein Weg. Alle Augenblicke mutzte er an einem Baum oder auf einem Stein ausruhen. Zuletzt ging es querfeldein. Er wollte nicht mehr auf diesem einsamen Weg mit all seinen Haken und Krümmungen bleiben. Aeber einen Kleeschlag ging er, durch ein Roggenfeld, über eine Wiese. Auch hier war es ein schweres Gehen, wahrhaftig. Warum wird einem armen Schulmeister, der autzerdem am Dachmittag schon eine Leiche gehabt hat, das Leben so schwer gemacht? Es war unrecht.
Jetzt kam ein breiter Graben. „Petrus Paulus," seufzte der Küster und sammelte seine Gedanken, „wo tiimmt bei denn her?" Der war doch sonst nicht hier. Dies war doch — oder wessen Feld war dies denn eigentlich? Wo kamen denn die Bäume her? Die standen ja auch erst seit heute abend. Was war das überhaupt für ein hinteÄistiger Graben? Bald wurde er schmal und schmäler und verschwand sogar ganz; dann wurde er wieder breit und breiter und dehnte sich immer mehr in die Breite; er floh auseinander wie ein zu dünner Teig. Was war das? Dem Küster tat der Kopf weh. Hexenwerk war es, Späukkram. Das war gewiß.
Er wollte den richtigen Augenblick abwarten und über den Graben springen, wenn er ganz schmal geworden war. Aber jedesmal, wenn er zum Anlauf ansetzen wollte, ward der Graben so breit — der Küster legte sich am Rande hin und wollte auf alle Fälle die Geschichte erst einmal überdenken und abwarten. Etwas mutzte schließlich dabei herauskommen.
Das Wasser blänkerte zu ihm herauf, und ihm war es, als stünde der Herr Pastor plötzlich vor ihm mit blanken Stiefeln. Er erschrak. „Gott bewvhr, Herr Pastor, Sei? An
*) Der Sammlung „Das Korn rauscht", Erzählungen aus Mecklenburg, entnommen. (Verlag Fr. Lintz, Trier.)
niidden in't Water?" Wer der Pastor blieb da und stand wie heute nachmittag bei der Beerdigung.
Das war überhaupt etwas gewesen bei der Beerdigung. Was für einen deftigen Tropfen hatte es gegeben. Dichts für ungut, er hatte manchen tüchtigen Schluck hinter sich gebracht.
Der Pastor stand noch immer da. „Herr Pastor," sagte Stöwesand, „ick möt spiegen. Gahn's weg, süß spieg ick an Ehre blanken Stäweln." Der Pastor aber ging nicht. And so mußte der Küster sich mächtig zusamniennehmen, daß er dem Pastor keine Angelegenheiten machte. „Dicks för ungaut, Herr Paster, äwer dit wir för en starken Mann tau väl hüt nahmiddag."
Zur selben Zeit, als der Küster es sich angelegen sein läßt, dem Herrn Pastor gegenüber den Respekt zu wahren, setzt die alte Klrchenuhr im Dorf, in dem der Küster zu Hause ist, zum Schlagen an. Das ist nicht ganz einfach; denn jedesmcql ehe der erste Schlag ertönt, gibt es ein großes Rauschen und Rattern und Brummen und zuletzt ein Helles Singen in dem alten Gehäuse, daß einem angst und bange werden kann. And dann erst kommt der erste Schlag.
Die alte Kirchenuhr setzt also zum Schlagen an. „Terrr — 0 Gott," sagt sie, „nun soll ich schon wieder schlagen; und keiner kümmert sich darum; das ist das schlimmste. Rrrrr — wieviele Jahre ich nun wohl schon so umrütze Arbeit leiste, ich kann es nicht mehr ausdenken. Trrrr — und nun sollen es gar wieder zwölf Schläge sein, und ich bin noch ganz schwach von den elf. Bumm — mir tut die Seele im Leibe Weh; aber es hilft nicht — ssssing — tangl" Da schlägt sie.
Zwölfmal schlägt sie unter vielem Gestöhn und Gebrumm. Zwölfmal — Johannisnacht.
Ein Ruck geht durch die Datur. Die Menschen schlafen; was sollen sie Besseres tun können? Mer Tiere und Dinge, die fühlen den Ruck.
Der eiserne Fuchs, der als Wetterfahne über dem Giebel des Bauernhauses links neben der Kirche steht, schwenkt sich ein paarmal herum und nickt dann dein eisernen Pferde zu, das über dem andern Giebel steht. „Wir haben wieder Glück gehabt feit der Dacht vom letzten Mal. Wir stehn beide noch. Es war eine lange Zeit. Ich habe hier auf meinem Ende manches erlebt."
„Das kann ich nicht sagen. Rechne es dir einmal heraus. Du siehst nach der Straße, aber ich stehe nach dem Hofe zu; was soll dabei herauskommen? Ich sehe Pferde und Kühe und Schweine und in der Dacht die Knechte, die zu ihren Mädchen wollen. Das ist alles."
Huiiii — dreht der Fuchs sich herum. „Aachts ist es auch mir langweilig. Das einzige Leben urrter mir ist dann die Ahr, die in ber Stube an der Außenwand hängt. Sie ist gerade unter mir, und aus dem Mauerwerk herauf fühle ich jeden Schlag. Das ist meine ganze Anterhaliung. Dis spät in die Dacht hinein sitzt die alte Frau neben dem Ofen. Sie hat eine große Drille vor den Augen und liest in einem dicken Buche und in alten Schriften, die schon ganz gelb und grau vor Alter sind. Sie weint viel. Im Bett tvacht sie noch lange und spricht mit sich selbst. Sie hat den Mann und die Kinder verloren und ist allein übrig geblieben. Sie will gerne sterben. Aber was soll das? Dann ist das Zimmer ganz leer, und niemand zieht die
hat,
werden wir frvy.'
Ahr auf."
Wir werden alt und hängen schon an alten Frauen und Büchern und Ähren," sagt das Pferd, „und freuen uns, wenn wir uns um uns selbst drehen dürfen. Ansere Gedanken werden rostig wir quietschen, wenn der Wind uns herumschlägt. Wenn
ich die andern sehe —
„Ja, seit man meine Seele in dieses Eisen gepreßt kenne ich mich kaum wieder."
„Das Leben am Sonntag in der Koppel, wenn man das Lederzeug los war und nicht zu arbeiten brauchte."
„Das Amherstreifen im Wald, das Schleichen durch die Kornfelder, das Liegen vor dem Baum im Sonnenschein, die Kinder um sich herum." . .. ,
And jetzt dieses Leben," klagt das Pferd, „nein, diesen Tod, dieses ewige Hinaufstarren in die Dust m Schnee und Regen! Waim werden unsere Seelen erlöst? And traurig schwenkt es sich langsam herum.
„Sieh, da, da!" ruft der Fuchs, „da kommen sie, genau wie beim vorletzten Mal. Wir dürfen mit; für eine Stunde


