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Hann vor Sehnsucht kaum hinuntersehen zu diesem versunkenen Blumenboden. — Liebster, Bester, streuen Sie Johanniswürmchen ins Haar."
Wie verhaltenes Kichern von tausend Teufelchen klingt's durch ihre Worte. Mer so laicht gibt sich ein Dichter nicht, auch sie soll ihre Strafe haben, ehe er seine Entschuldigung anbringt. Da sie so weit gegangen ist, geht er weiter, hält sie keck mit dem Arm fest, neigt den breiten Kopf zu Seite und flüstert ihr fast ins Ohr: „Die Leuchtkäfer verstecken sich beschämt, die Sterne erbleichen vor dem Glanz zwein: phosphoreszierender Augen, die selbst den blassen Geistertag des Mondes mit zwei Sonnen beschenken. Das verarmte sterbliche Auge will sich sattrinken an ihrem schmelzenden Licht, aber di-se Augen sind kühl und geben statt der Glut- rosen nur bleichen Lilienschimmer."
„Katzenaugen?'' wirft sie nachlässig fragend hin und hebt ein wenig das Haupt. „Wo sind Sie, liebster. Trautgeselle?"
„Ganz nahe einer wunderbaren Frau, einer Prinzessin Taufendschön, die sehr viel Seelengröße und Herzensgüte mit ein klein wenig Leichtsinn und Eigensinn durchsetzt, um die Welt aus den Angeln zu heben. Einer Frau, die zu groß denkt, als daß sie nicht wüßte, in der Aatur sei keine Freude so rührens, als die einer Mutter über ihres Kindes Glück." Sie schaut ihn schalkhaft von der Seite an und fragt: „Gehört das auch noch zur Schilderung?"
„Llm Vergebung, hier fangen die Bekenntnisse an."
„Gottlob. Bei Ihrer Monbscheinstrndschaft fröstelte mich ordentlich. Haben Sie meine Pelerine nicht mitgebracht?"
„Einmal und nicht wieder, die rühre ich nicht mehr an." beteuert er mit drolligem Entsetzen. „In jedem weiblichen Toilettenstück steckt etwas vom Ressusgewande."
„So war Ihr Pvnto wohl nur kurzsichtig, in jedem Fäll galanter als sein Herr. Armer Pudel, auch sein zweites Debüt mißglückt! Dun gibt's Wohl Schläge?"
„Bewahre, Prinzessin, ich lerne sogar von meinem Ponto. Sein Auftrag lautete: bringe das Billett der schönsten Dame in Löbichau. Er brachte es Ihnen, er hat eben einen bessern Geschmack." Dun sitzt sie aufrecht, nur die eine Hand laßt sie ihm und legt die andere vertraulich auf seine Schulter: „So will ich nicht eher ruhen, als bis auch Sie an mit Geschmack finden. Weg mit dem Dlindekuhspiel! Dach einem lustigen Krieg ein lustiger Frieden. Wollen Sie? Schön war's, daß Sie kamen. Meine gute Laune sank auf den Gefrierpunkt. Aber es schadet nichts bisweilen etwas kaltgestrllt zu werden, man kommt dann eher zu sich selbst. So ganz allein war ich auch nicht: denn wissen Sie wer bei mit war? Meine frühste Jugend irn Flügelller^, Rosenknopsen im Haar. Wilhelmine, sagte sie, mach dich nicht lächerlich. Liebe erzwingen, heißt Aepfel im Rauhfrost vom Baume schütteln. Lind willst du durchaus im Herbst den Frühling suchen laß es dir von andern vormachen, die finden ihn wohl."
.Ganz mein Fall, Prinzessin. Ich glaube, wir beide haben unS in der Jahreszeit Verchen. Dichtet und schone Frauen glauben ewig jung sein zu müssen. Weitz Gott, meine Aoman» heldinnen fügen sich leichter. Ich gehe nach Bayreuth zuruck.
„Das wird meine Mutter sehr traurig machen, ich aber — aufrichtig gesagt — nehme es Ihnen so übel nicht. Dort sind Sie em König im Kleinen. Ihre Karoline verlangt keinen hohen Kragen, Ihr Max stopft Ihnen die Pfeife, Sie verlobM Paare, soviel Sie wollen, und ganz Deutschland hört diese Aufgebote lieber, als die von der Kanzel. Lind ich..."
„Lind Sie, Prinzessin?"
Sie lacht über seinen fragenden Blick und betichigt ihn schnell: „Dicht bange sein, mein Freund, ich werde die Trennung überleben. In daS Wasser gehe ich nicht, wie unsere klein« Pariserin. Ich nehme mir einen Mann. ES gibt keine Miete Arznei für Rekonvaleszenten. Ohne die Mannet geht s nun einmal nicht, Gott sei's gellagi, man kommt doch nur auf alberns Gedanken. Sollten Sie also demnächst ein goldumrandetes Blättchen erhalten, so erzählen Sie wohl meinem Zukünftigen recht viel Liebes von feiner Wilhelmine — falls er fragen sollte. Lind ich verschweige dann auch Ihrer Karoline, datz ich zwei Mrnuten lang so frei war, mein Ohr an eine Dichterbrust zu legen.
Falls sie fragen sollte", wendet Jean Paul mit Humor ein und sieht überlegen auf sie herab. Et ist doch noch ein Stückchen großer als sie. „Also gut Freund für immer."
„Für immer", wiederholt sie bewegt und erhebt sich an feinem Atm. „Lind nun zu unserer Jugend! Deugierig bin ich. welchem Gotte sie sich nun doch andertraut hat."
„Dem Deptun gewiß nicht. Liebet den beklagte sich schon Odysseus, als er, wie ich, die Bekanntschaft von Äausikaa und Circe macheir mußte."
Es wat die höchste Zeit, datz sie den Heimweg antraten; denn die Herzogin hatte schweren Stand. Erst waten die tiefgekränklen Gelehrten erschienen und hatten binnen vierundzwanzig Stunden um einen Wagen gebeten. Dann folgte die Chassepot. Sie hatte die Baronin zu Bett gebracht und bat um Pferde mit dem Frühsten, sie fei es nicht gewohnt, zu Doot befördert zu wnkoen. Dorothea war außer sich, zumal da es bei solchen Anspielungen
blieb. Auch Baron Otto, endlich seiner Hast durch den Gärttrev überhoben, erschien rückhaltender als sonst. Er wollte niemand anklagen oder bloßstellen, was seine Person beträfe; aber seins Mutter bleibe seine Mutter und daher, so unlieb es ihm tote, bäte er um Pferd und Wagen, denn Sohn bleibe Sohn.
Endlich schlichen auch die Liebeltäter Hera». Dorothea schwankte bei ihren Bekenntnissen zwischen Zorn und Heiterkeit. Aber gerecht wat sie immer und entschied daher, niemand solle fort außer Jean Paul, der eS nicht anders wollte, und dem Grafen, weil Deutschland gerade genug von ihm hätte und Elleh .sehr schöne Jagdgründe besähe.
„Das kommt davon, ich bin zu gut für die Zivilisation'^ klagte er Dora heimlich. „Da will man ein anständiger Mensch werden, umsonst zum Waldmsnschen wird man verdammt! Haben Sie Lust, Waldfrau zu werden?"
„Doch nicht, Vetter. Das ist gut für Winterabende mit gebratenen Äepfeln und Spinnrädern an der Ofenbank. Auch Habs ich Mitleid mit Ihnen. Sie müßten sich umlaufen lassen, Seren einen Peter heiraten —• unmöglich! Aber kommen Sie, suchen wir unser Paar!"
Sie hatten nicht lange zu suchen, tot Triumph führten sie die Vermißten zur Herzogin. Datürlich waten sie da gewesen, wo niemand sie suchte. Dun füllte sich der Balkon mit rückkehren« den Gästen, aus dem Park die einen, vom Wirtshaufe die andern. Als Dinzer und Rita eintraten, wurde es still. Es hat immer, etwas Feierliches, zwei eintreten zu sehen, die darin eins sind: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Dun trat die echte Jugend in ihr Recht, die alten Jungen und die jungen Alten waren wie Fledermäuse in die Betten gehuscht.
Wo aber waren die beiden gewesen? Blazer hatte Sean Pauls listige Einladung 5um Deptun prompt erhalten, aber nicht für Ernst genommen. Sie war zu sehr nach Jean Paul ausgefallen. Aus dem Park durch Illumination, Spionage und Doras rechtzeitige Warnung vertrieben, hatte er Rita, rasch entschlossen, auf den Tanzplatz geführt. Ein Ball ist wie geschaffen zur Verlobung. Lknbelauscht plaudert man Törichtes und Kluges durcheinander, klagt über Einsamkeit im Gewirr tanzender Paare, gibt eine genaue Diagnose des eigenen Herzens und tut dann keck die Mephistostage: „Wie steht es denn mit Ihrem Herzen?" DaS Erröten der Geliebten kommt auf Rechnung des Tanzes, den ersten Kuh übertönt die Musik.
Lind dann waren sie, elnS mit sich, hinaus getreten unter den schweigenden gestirnten Himmel. WaS sie an Glückseligkeit noch nicht erfahren, die schlummernde Aatur hat es ihnen mitgeteilt, die wilden Rosenbüfche am OSege, der Auf der Wachtel, der Stoppelfelder würziger Geruch.
Atta war es, als hätte sie ein Schatzkästlein aufgeschlofsM doll ungeahnter schöner Edelsteine. Aber auch die glänzendste« waren von nun an für ihn, nur für ihn da, und sie wollte eins treue Hüterin des Schatzes fein.
Dun sollen auch die Schlohbewvhner ihr Glück erfahren. Wilhelmine bemüht sich, sehr matronenhaft auszusehen, als sie ihre Zustimmung gibt, huldvoll empfängt die Herzogin das Paar. Aber einen vermißt Rita doch. Der hat sich unauffällig in den mondbeleuchteten Saal zurückgezogen, nun ist ihm beim Scheideblick auf den Park doch wehmütig ums Herz, stumm lehnt er am offenen Fenster. — Da naht ein leichter Schritt, weiche Hände fassen nach seiner Schulter.
„Die wollen fort?" flüstert Rita verlegen. „Reisen Sie mit Gott, lieber Vater, und nehmen Sie den wärmsten Dank einer treuen Tochter mit sich. Wir scheiden nicht, Ihre Werke bleiben mit. Sie ließen mich irren, sie gaben mir aber auch jene Klarheit wieder, jene Stille über alles Wogen des Herzens und der Zeit. Sie, guter Vater, halsen mir dabei."
„Und sind Sie glücklich, Kind?" fragt er mit feuchten Augen.
Mehr, als ich's sagen kann", erwidert sie innig und sieht freudig zu ihm auf. Wieder ist ihr kleiner rosiger Mund ihm so nah wie dort in Taimenseld, dazu das Mondlicht so berückend schön. Da fällt ihm eine alte Schuld ein, und daß ein Gesetzgeber an sein Gesetz sich nicht zweimal malmen läßt. Wie Atta seine Hand faßt, um ihn hinauszuführen, hebt er sie mit unterdrücktem Lachen zu sich empor und küßt he^haft ihre frischen Lchpen. Rita aber denkt dabei, es ist auch darin ein Linterschied. Die herben, festen Lippen des Bräutigams scheinen das Küssen doch besser zu verstehen.
Gelächter und GläserMngen empfängt sie auf dem Ballon. Jean Paul ist es, als trete er in eine Weihnachtsbescherung, wozu er als guter Onkel auch sein Test beigetragen. Wortlos drückt Blazer Ihm die Hand unH Wilhelmine fuhrt rhn zur Mutter, die ihm neckisch zuflüstert: „Der Pansch ift fertig, aber — selbst bereitet."
Hell klingen die vollen Römer, Blnzer erhebt sich und jauchzend schallt es in die taue Herbstnacht hinaus:
„Stoßt an. Frauenlieb' lebe, hurra hoch! Wer des Weibes weiblichen Sinn nicht ehrt, Der hält auch Freiheit und Freund nicht wett.
vchriitlei'tung: Dr. Jriedr. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der BriMjchen Anw.-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießet-.


