Ausgabe 
19.12.1925
 
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alt. llnb doch du Leichnam? Da mußte der alte Anton t lächeln, als er eben einmal also wieder las Sinnieren ge­kommen war. Und ganz plötzlich wurde er sich bewußt, daß er sich eigentlich schon seit Wochen ganz heimlich auf etwas freute auf die Weihnachtskneipe nämlich, der erVom Himmel hoch..." und da war such schon hell dieser alte ewige Weih- nachtssang in ihm laut lauschen würde, die er, selbst wenn er auch hier oben bleiben mußte, in all ihren fröhlichen Phasen wie in den beiden letzten Jahren wiederum gleichsam miterleben würde. Da krochen die Stockwerks des großen Hauses ganz in sich zusammen, trnrrden ein einziger kleiner Raum voll Gesang, voll würzigen Tannendustes und knisternder Kerzen, voll der Freund­schaft der Herzen, die alle das dreifarbige Band und ganz be­sonders dieser schöne Weihnachtsabend verband.

Und dann kamen die Alten Herren, die nachmittags aus den entferntesten Gegenden des Reiches nur für diesen einen Wend weit hergereist waren, an sein Bett mit Keinen praktischen Gaben, die so einem alten Manne noch Freude bereiten konnten, drückten ihm herzlich die Hand, lobten sein gesundes, fugend» liches Aussehen und sprachen von der guten alten Zeit. O, tote genau sich da der Anton noch auskannte, wie er alle durch sein gutes Gedächtnis übertraf, wenn sie so ins Erzählen gekommen waren!Ja damals tanzten der Herr Doktor immer mit dem kleinen Fräulein Kober! Ist jetzt verheiratet in Ansbach mit einem Landsmannschaftler, soll zwei Kinder haben genau wie der Herr Doktor. Waren lustigere Zeiten. Muhte ich immer dem Herrn Doktor die Liebesbriefe austragen, zum Sanderglacis Rummro zwei."

Rein bitte, Rummro drei war es! Das weih ich besser!" Rummro zwei war es! Glauben Sie dem alten Anton!" Und dann lachten sie alle herzlichst und verzogen sich wieder eine Etage tiefer, in die große Kneipe mit dem Wunsche:Auf fröhliches Wiedersehen im nächsten Jahre!"

War nun das Jahr gekommen, mit seinem Weihnachtsfest. Hatte aber so mancher, ganz gegen seinen W'llen, die Reise nicht mehr machen können, weil er inzwischen längst eine viel größere hatte antreten müssen, von der es keine Wiederkehr gibt. Muhte es eben so machen tote der alte Anton mit seinemVom Himmel hoch..., um doch mit im Kreise der Freunde weilen zu können

Der Anton lauschte. Und je länger er von seinem Bett aus lauschte, war es ihm, als ob die Wände immer dünner würden, als ob er selbst an den langen, vollbesetzten Tischen entlang ging und die Biergläser immer von neuem auffüllte. Und da durfte man nicht so sentimental werden, darüber nachzudenken, wer denn alles heute in der Runde fehlte, der sonst hier einer der lustigsten gewesen mar. Weihnachten war das Fest der ewigen Christus-Geburt, des germanischen Julfestes, da man der schon wieder zunehmenden Sonne freudig gedachte und langsam vom Winter Abschied nahm. Da lebte man im Scholl der singenden: Stimmen auf:O Tannebaum, o Tannebaum, tote treu sind deine Blätter...

Und dann kam mit langem weißen Barte der Weihnachts­mann persönlich, mit einem wohlgefüllten Sack auf dem ge­beugten Rücken, aber auch mit einer Rute. Witzige Brr Klein hatte er immer für jedes zu beschenkendeKind" bei der Hand und Geschenke, die irgendwie etwasanzüglich" waren. Auch der alte Anton kriegte seinFett" weg wie towt er wirklich hier im Saale gewesen wäre, indessen er doch in Wirklichen dies allesDom Himmel hoch..her erlebte.

Da sagte er gmiz leise zu seiner Frau:Weiht du, Mutter, was ich mir eben so recht von Herzen gewünscht habe? Aber du darfst mir nicht böse sein, wenn kch's dir sage! Sterben möchte ich einmal an solch einem Weihnachtsabend, so still und schön Einschlafen tote jetzt, wenn sie da unten weiter singen, wenn die Gläser aneinandedlingen und wenn sie so lachen aller Zeit zum Trotz! Wie oft schon haben sie bang dem neuen Semester entgegengesehen, ob's wohl Spefüchse, guten Rachwuchs geben würde. Und noch immer hat's ihn gegeben und noch immer viel besser, als man's zu hoffen gewagt hat. Als die sogenannte Revolution gekommen ist, hat's geheißen: Run ist's Schluß mit den Herren Korpsstudenten und den bunten Mützen und den Mensuren! Freilich, das Portemonnaie schrumpfte gar sehr zu­sammen. Man hatte sich schon etwas mehr zu Überlegen, ob man sich wirklich noch einmal eine Flasche Wein leisten könne. Aber die Jugend ist dieselbe geblieben und wird es weiterhin bleiben. Hör' nur! Jetzt singen sie: O du selige, o du fröhliche gnaden­bringende Weihnachtszeit! Wie wenn sie wieder alle Kinder wären. Und daß ich diesen Abend noch einmal erleben darf das will ich von unferm Herrgott wirklich als Gnade hinnehmen. So leicht und froh ist es mir ums Herz. Und wenn ich nun bald ein­schlafe, so geschieht es in der schönen Gewißheit, daß mir das nächste Weihnachtsfest auch noch vergönnt sein wird, hier Vom Himmel hoch.., und dereinst auch noch, immer und immer wieder: Vom Himmel hoch!"

Und lächelnd neigte der alte Anton seinen Kopf zur Seite, lauschte und lauschte: und da sich der Schlaf nun mild auf seine Augen legte, wurden aus all dm tanzenden- Lichtern des Weih- irachtsbaumes Sterne und Sterne, der ganze Himmel voll. Gesang war um ihn, leiser und immer leiser verhallend, wie jetzt auch fein Lächeln schwand und in die große Ruhe verging...

Herr Jesus wollt nit schlafen ein.

Von Hans Franck.

Herr Jesus wollt mit schlafen ein, Küh', Schaf und Esel gar so schrein. Ein Gertelein der Joseph schnitt.

Maria sprach:Schlägst mir ihn nitl

Der Joseph sprach:Will meine Ruh! Muß morgen auf in aller Früh." Maria sprach:Machst keinen Schritt! Den Herrgottvater ich schön bitt." Gottvater hört Mariä Schrein, sendt ihr ein rosig Engstem mit einem Glvcklein in der Hand, - hängt an 'nem himmelblauen Band.

Maria, sollst das läuten fein!

Schläft alsofort Herr Jesus ein. Will's schwingen, Engle'n, sonder Wank, sag dem Gottvater schönen Denk."

Herr Jesus lang ist schlafen ein, bei Küh'- und Schaf- und Eselschrein, Der Joseph schnarcht in gütet Ruh. Maria läut noch immer zu.

Pansch.

Eine Geschichte aus der Biedermeierzeit.

Von Carl Worms.

(Schluß.)

Wie sie sich umwendet, steht Jean Paul, im Gesicht röt­licher denn je, vor ihr und dankt überschwenglich für die un­erwartete Ehre. Auch das noch! Aber sie hat nicht einmal Zeit, sich zu ärgern, denn sie wird am Aermel gezupft und die Chasse­pot zitschelt:Um Gottes willen, wo ist Rita? Auch den Doktor sehe ich nicht." Beide stehen starr. Sie müssen ruhig mit ansehen, wie der Zug sich ordnet, hören, tote auf Jean Pauls Vorschlag ein deutsches Lied angestimmt wird. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin, klingt es neckisch an ihnen vorüber. Wo ist Rita? Der Park muß durchsucht werden, tote ein General sendet Wilhelmine ihre Adjutanten aus.

Zur Muschelgrotte!" raunt sie der Gräfin zu, die die Baronin mit sich zieht.Den Teich absuchsn!" lautet die Order für die Gelehrten, die sich erst besinnen müssen, wo der Teich liegt.Baron, suchen Sie Ihre Braut!" Dieser glotzt Wilhelmins erst verständnislos an. Beim Auszug hat er eine Art Lands­knecht vorgestellt. Run fällt er mit feiner Pike ins Leere aus, blindlings stürzt er durchs Dunkel fort. Wilhelmine aber schlägt die Richtung zum Reptunbrunnen ein. Mögen die anderen anders­wo suchen. Wenn sie beschäftigt sind, ihr ist's schon recht-

Marheineke und Feuerbach stehen noch da, ersterer hat seinen spanischen Mantel am Halse verknotet und kann nur mit des Kollegen Hilfe damit fertig werden. Endlich!Sie gehen links, Herr Präsident?"

Ich? Immer rechts, mein Lieber."

Meinetwegen."

Sie wollen auseinander, sie können nicht. Entsetzt bemerkest sie, daß im Gedränge ihre FrackschSße zusammengenäht sind. Stumm vor Wut, müssen sie einträchtig zum Schloß zurück, um sich erst auftrennen zu lassen. Wer eigentlich den Schelmen­streich ausgeführt, man hat's nie erfahren. Dora leugnet stand­haft, obgleich Vetter Peter behauptet, daß er sich an einer Radel gestochen, als er fünfzehn Minuten später Cousinchen habe umfassen wollen, und sie bleibt noch als Gräfin dabei, er sei immer ein schändlicher Verleumder gewesen.

XI.

Unterdes stürmt Baron Otto weiter auf der Spur. An einer scharfen Biegung rennt er mit dem Grafen zusammen:

Holla, was denn? So nur im Galopp in die Ehe hinein?"

Halten Sie mich nicht auf. Ich suche..

Feinsliebchen, natürlich Aber um die Bäume wimmelt das doch nicht. Es sitzt manierlich im Parchäuschen, zupft Maß­liebchen und wäre gern zu zweien."

Varchäuschen? Wo, wo?"

Kommen Sie, erst links. Verteufelt dunkel! Geben Sie mir die Hand. Rur noch um die Ecke hier, leise, leis»! Vorsichtig, Sie rennen sich den Schädel ein. Da sind wir. Aufgepaßt, hier kommen wir an Bienenkörben vorbei. Jetzt drei Stufen hinauf.

Aber da ist es ja dunkel."

Heilige Einfalt! Das ist ja das Wahre. Rur immer hinein ins Pläsier!"

Ein freundschaftlicher Stoß hilft dem Verliebten nach krachend fliegt die Tür zu, der Schlüffe! wird um gedreht, tieftet Stangen, Blumentöpfe und Gießkannen stolpenid, bemerkt der Baron, daß er nicht im ParkhäuschKt, sondern in einem alten Keller