Ausgabe 
19.12.1925
 
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Gießener jamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, den 19. Dezember Nummer W

Die unverlöfchlichen Kerzen.

Don Gustav W. Gberlein").

Nacht über der Erde.

ÄnenLlich das Dunkel droht. Nacht über den Böllert», Fährde und Not.

Stahlhart starren die Sterne in den schweigenden Raum... Wir aber beschwören die Liebe mit dem heiligen Baum!

Leuchtest, wo alles erloschen, unbegreifliche Licht...

3n Nacht und Not »uib Trauer Liebe, wir lassen dich nicht!

Weihnachtsfreude.

Bon Artur Br auf« weiter").

Bon Goethe wird erzählt, daß er «ine förmliche Furcht vor dem Winter hatte.

.Und wir?

Der Winter ist schön und hat auch sein« Freuden. Aber man muß jung sein, um das zu empfinden. Er ist der Anwalt der Jugend. Ihr baut er unter dem blauenden Himmel das kristall- klare Parkett zu allerlei Sport und Spiel, auf verträumten Wegen führt er sie in fliegendem Schlitten und singt ihr ein Lred im Hellen Klang der Schellengeläute. Uni> des Abends lädt er sie zu nächtlichen Freuden von Tanz imd Maske »md Scherz.

Aber wenn man in ein gewisses Alter kommt, wenn da draußen die Krähe heiser ruft, die grauen Nebelschleier ihre Netze immer weiter ziehen, als wollten sie die letzte Lebensspur in ihnen fangen und töten, wenn die Licht und Mut spendende Sonne ganze Tage ihr Antlitz verhüllt, dann weht uns ein kalter Atein an vomWinter unseres Mißvergnügens".

Da tritt mitten in den grauen, unwirschen Winter der Früh­ling. Sein Kleid hat er sich noch vom Dezentber geliehen. Aber feine Seele ist voll Waldesgrüns und Tannenduftes.

Weihnachten heißt er, und wir lieben ihn, weil er uns die Helle bringt in die lang« Nacht und in den trotzenden Kampf den leuchtenden Sieg.

Schön ist Ostern, wenn der erste heilige Lebensodem über die erwachende Erde streift. Schön ist das Pfingstfest, wenn alles um uns her ein Blühen und ein Glühen ist. Aber das eigentliche Fest der Freude ist doch Weihnächte».

Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volke widerfahren trrirk

Das ist der heimatliche Weihnachtsklang, der »ms inmitten aller Sorge »md Schwere der Tage wieder aufhorchen läßt, der uns neue»» Mut z»mr Leben, neue Kraft zum Tragen gibt.

Weihnachten ist alles Licht. Und alles Licht hat die gleiche Quelle: die Krippe Bethlehems, in der das Jesuskind lie^t.

And von der Krippe und dem Stern, der über dem Sinn­lichen Stalle steht, ergießt sich ein breiter Lichtstrom in die nächtliche Finsternis.... weit, weit hinaus. Und auf der unend­lichen Lichtftraße ziehen sie mm dahin, die Weihnachtsleute: die Hirten und die Könige aus dem Mvrgenlande und die Suchenden und die Sehend«» und die Kinder, di« di« Eltern an der Hand führen, und die Einsamen »md Kranken, di« Müh­seligen und Beladenen... alle, von der Ahnung des Lichtes getrieben, alle seinem Aufgang entgegenbangMd.

And wenn wir sie so in Licht getaucht vor uns sehen, alle die lieben Weihnachtsgestalten, und das Kind dazu in der Krippe und Maria und Joseph, dann wird es auch in unserem Herzen froh und licht. Der Zauber der heiligen Nacht senkt sich auf uns, di« flimmernden Sterne gehen auf leisen Füßen ihren Gang, aus klaren Himmelshöhen grüßen die Engel und Cherubim hinab, und eine Weihnachtsfreude kommt über uns, so hell und zwingend, daß sie rmfere Seelen, ob wir wollen oder nicht, lichtwärts zieht.

°) AusBrandung", Lieder und Gedichte, Bergstadtverlag kn Breslau.

**) Aus Freuden des Lebens, einem Bändchen der reich- illustrierten SammlungBücher von Liebe, Sonne und schönem Menschituin" (Verlag Max Kcch, Leipzig).

Das ew'ge Licht geht da herein. Gibt der Welt einen neuen Schein; Es leuchtet wohl mitten in der Nacht .Und uns zu Lichtes Kindern macht.

Und wenn wir am Heiligabend die immergrüne Tanne in unser Haus pflanzen als ein Bild vom immergrünen Baum des Lebens, dann weist uns ihr heller Kerzenschein auf das Licht von» Licht aus Gott geboren, And die Heimat, di« längst verloren gewähnte, öffnet ihre Pforten, And die Kindheit steht wieder auf, »md graue Zeiten werden jung, und die Toten werden wieder lebendig rrnd wandern mit uns durch Tannen- hain« imo Stern- und Kerzenlicht. Das lähmende Grübeln ver- ftummt, und selbst über den Skeptiker kommt es wie stilles Friedensrauschen und süße Kinderlust..

Darum sagt Shakespeare, daß immer wenn die Jahreszeit naht, darin wir die Geburt des Heilands feiern, der Morgen- Vogel singt die ganze Nacht, so gnadenreich »md heilig ist die Nacht.

And Goethe schrieb an einem Weihnachtsmorgen an seinen Freund Kestner:Ich habe diese Zeit des Jahres so lieb, die Lieder, die man singt, und dir Kälte, dir eingefallen ist, macht mich vollends vergnügt. Der Türmer hat sich wieder zu mir gekehrt, der Nordwind bringt mir sein« Melodie, als blies« er vor meinem Fenster."

Es gibt eins alte Sage, nach der in der Weihaachtsnacht versunkene Glocken auf des Meeres Grunde zu läuten und zu singen anfangen. So läuten und singen auch di« versunkenen Glocken in der Weihnachtsnacht in miseres Herzens tiefsten Tiefen, ihrren aus dem Abgrund von Zweifeln und Fragen singend her­vor und läuten die große Freude ein, die allem Bolle wider­fahren wird.

Ja, Weihnachten ist alles Licht. Licht von oben, Licht aus den Tiefen. Da leuchten die Sterne, da schwingen di« Lüfte, da fingen di« Engel. Da kommt auch zu den Menschen die groß« Klarheit, das nebelzerstreuende Licht, da wird einem mit einem Male Helle und deutlich was man tun soll. Die Liebe erwacht, die Selbstsucht schweigt, man weiß es wieder, daß man nicht mitzuhassen, sondern mitzulieben da ist.

And so rausche heran auf weichen, dunklen Fittichen, du groß« heilig« Weihnachtsfreude. Breit« deine GngeÜflügel über unser liebes Vaterland, über arm »md reich, über hoch und niedrig, daß jede Zwietracht verstumnrt und sie all« sich fühlen als Kinder eines Vaters.

Komm, du hell«, heilige Weihnachtsfre»»de. Zünde deine Ker­zen an in unseren Herzen und Häusern, komm mit deinen schönsten Weihnachtsgaben: der Liebe, die vom Himmel stammt, und dem Frieden, der ihr Bruder ist.

And auf den Fittichen der stillen. Seligen Nacht, im Glanze des Weihnachtslichtes und im D»»fte der Tannen, komm du selbst. d»l lieber, heiliger Christ. Komm z»l den Kindern und mache sie froh. Komm zu den Erwachsenen und mache sie den Kindern gleich. Zu den Traurigen komm«, und mache sie guten Muts, zu den Müden und mache sie adlerstark, zu den Kranken an Leib und Seel« und lass« sie genesen im warmen Sonnenschein deiner heilenden Liebe.

Latz das Dauschen deiner Füße über die schlummernde Erd« gehen und tue »ms auf die güldenen Pforten des Paradieses. Dis imfere Herzen jung wieder schlagen und wir einftimmen ht den KindergZang, der durch di« Wrihnachtsstube jauchzt:

O du fröhliche, o du selige, Gnadenbringende- Weihnachtszeit, Welt ging verloren, Christ ward geboren. Freu« dich, freue dich, o Christenheit.

Vom Himmel hoch...

Don H. Hambruch.

Das war nun schon das dritte Jahr, daß der alt« Korps­diener Anton, tn Ehren pensioniert, mit seiner Frau das Zrmmer im zweiten Stock des Korpshouses inne hatte und daß er, seiner Seine tragen, di« einfach nicht mehr mitmachrn wollten, dieses Zimmer fast Überhaupt nicht mehr verlassen konnte. Er hatte es sich immer früher so schön gedacht, auch einmalin den Sielen sterben zu sollen, mitten in den Freuden eines Mensurtages oder eines festlichen Kommerses. Nun hatte es das Schicksal anders gewollt: man war sozusagen ein lebendiger Leichnam, hilflos in vier enge Wände gebannt, an einen Stuhl oder ans Bett ge»