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®6 Wird zwischen uns beschlossen, daß, wenn die Eltern vorgeben werden, sie hätten von der Depesche erst später erfahren, ich ihnen nicht zeigen werde, daß ich die wahre Sachlage kenne. Dann verabschiede ich mich von Kazia und verspreche ihr, daß ich abends Wied« kommen werde.
2ch muß noch ins Bureau des Kunstvereins eilen, durch dessen Vermittelung ich mich am leichtesten mit dem Sekretariat des »Salon" in Verbindung setzen kann.
3.
Ich sende eine Depesche mit der Erklärung, daß ich Mit der vom Baron Hirsch angebotenen Summe einverstanden bin, daß ich aber beabsichtige, zunächst das Bild in Warschau auszustellen usw. Das zur Versendung der Depesche, sowie für andere Auslagen nötige Geld borge ich im Bureau des Kunstvereins. Wan ' gibt es mir ohne Zaudern. Es geht alles wie geschmiert.
2m „Papierdrachen" und im „Aequator" erscheinen meine Biographien, die übrigens kein wahres Wort enthalten; doch wie sagt nur Ostrzynski: „was kümmert mich das?" 2ch erhielt auch Anerbietungen von illustrierten Zeitschriften: sie wollen mein Porträt bringen, sowie auch die Reproduktion des Bildes. Auch gut!
Geld wird's geben wie Spreu.
4.
Eine Woche später erhalte ich ein Aufgeld vom Baron Hirsch Die ganze Summe wird ausgezahlt, sobald der Käufer im Besitz der Leinwand sein wird. 2rä>essen bekomm« ich von der Handelsbank fünftauseird Franks in blanken Louisdors auf den Tisch ausgezahlt. So lange ich lebe, habe ich soviel Veld nicht beisammen gesehen. Ich kehre heim, beladen wie ein Maulesel.
2m Atelier ist große Versammlung. Ich streue meine Louisdors auf den Fußboden, und da ich mich bisher noch nie in Gold gewälzt hatte, so beginne ich mich im Golde zu wälzen. Rach mir wälzt sich Swiatecki. Der Wirt kommt dazu und glaubt, wir seien von Sinnen... Wir amüsieren uns kannibalisch!
5.
Eines Tages sagt mir Ostrzhnski, er fühle sich glücklich, daß Kazia ihm einen Korb gegeben hatte, denn es eröffneten! sich ihm Aussichten, von denen ich nicht die geringste Vorstellung haben könne.
Ich bin darüber sehr zufrieden, oder eigentlich — es ist mir gleichgültig; sicher ist, daß Ostrzynski sich im Leben zu helfen wissen wird.
Als er sich um Kazia bemühte, waren die Eltern, hauptsächlich der Vater Suslowski auf seiner Seite. Er übte sogar auf den Alten eine solche älebermacht asts, daß dieser Römer ihm gegenüber seine Gravität aufgah. Dagegen hat ihn Kazia vom ersten Moment an nicht leiden können. Es war eine Art unbewußten Widerwillens, denn, wie ich überzeugt Bin, war er ihr nicht durch diejenigen Züge antipathisch, durch welche er uns, die wir ihn näher kennen, unangenehm ist.
Cs ist ein sonderbarer Mensch oder vielmehr ein sonderbarer Literat.
Es gibt wahrscheinlich nicht bloß bei uns, sondern auch in allen bedeutenderen Mittelpunkten der Kunst und Literatur Menschen, von denen wir uns unwillkürlich fragen, woher denn ihre Autorität komme.
Zu diesen gehört auch mein Freund vom „Papierdvachen". Wer würde es nur glauben, daß das Geheimnis von OstrzhnskiS Bedeutung und der Grund seiner geistigen Existenz einzig darin besteht, daß er Talente und hauptsächlich schriftstellerische Talente weder würdigt, noch achtet — kurz, von deren Unterschätzung lebt. Er hat für dieselben die Verachtung eines Menschen, dem vollständige Korrektheit, ein gewisser treffender Scharfsinn und Geist im gesellschaftlichen Leben stets den Sieg sichern.
Man muß ihn nur bei Sitzungen sehen, in Künstler- und Schriftstellerversammlungen, auf 2ubiläumsessen — mit welch nachsichtiger Ironie er Menschen behandelt, die auf dem Gebiete des Schöpferischen zehnmal mehr Können als er, wie er sie an die Wand drückt, mit seiner Logik, mit seinem Verstände in die Enge treibt, wie er ihnen sein literarisches Ansehen an den Kopf .wirft.
So oft Swiatecki daran denkt, ruft er nach einem Brett auS dem Bett, um damit Ostrzhnski den Schädel einzuschlagen. Mich aber wundert fein Ansehen gar nicht. Leute von wirklichem Talent sind oft ungeschickt, schüchtern und gerade jeder Schlag- ferttgkeit und jedes geisttgen Gleichgewichts bar. Sobald ab« ein wahres Talent sich allein mit sich selbst befindet, so wachsen demselben Schwingen, Ostrzynski aber würde unter solchen Umständen wohl schlafen gehen, denn er hat stch selbst absolut nichts zu sagen.
Die Zukunft wird unter diesen Leuten Ordnung stiften, eilte Rangstellung schaffen und einem jeden den entsprechenden Platz anweisen. Ostrzynski ist einsichtig genug, um dies zu verstehen, doch im Innern setzt er sich spöttisch darüber hinweg. Es genügt ihm, daß er für den Augenblick viel bedeutet und daß man mit
ihm mehr rechnet, als mit manchem, an den er eigentlich nicht heranreicht. .
Wir Maler stehen ihm weniger im Wege. Doch macht er manchmal auch für literarische Talente Reklame, allerdings bloß dann, weim es das Interesse des „Papierdrachen" verlangt, od« die Konkurrenz mit dem „Aequator". 2m übrigen ist er ein guter Kamerad und ein recht netter Mensch; ich kann sogar sagen, daß ich ihn gern mag, aber...
Hol' der Teufel Ostrzhnski — genug von ihm!...
6.
Man wird mich noch dazu bringen, daß ich eines schönen Tages die Tür hinter mir ins Schloß werf«.
Welche Komödie! Seitdem ich Ruhm und Geld habe, behandelt mich Suslowski gegen alle meine Erwartung geradezu mit Verachtung. Er selbst, seine Frau, alle männlichen und weiblichen Verwandten von Kazia begegnen mir mit Eiseskälte.
Gleich am ersten Abend erklärte Suslowski, daß, wenn ich etwa glauben sollte, daß meine neue Lage auf fein Verfahren von Einfluß gewesen sei, oder, wenn ich etwa annehme — tvaS man mir übrigens ansehen könne — daß ich der Familie ein» Gnade erweise, so müsse er doch betonen, daß, wenn er urch seine Frau auch bereit seien, für das Glück ihres einzigen Kinde« vieles zu opfern, dieses Kind es nun und nimmermehr verlangen dürfe, daß sie dabei ihre Menschenwürde einbüßen. Die Mutt« fügte hinzu, daß ihr Kind schon wisse, wo es für alle Fälle eine Zuflucht zu suchen habe. Die gute Kazia verteidigt mich, manchmal sogar sehr aufbrausend, aber die Alten lauern auf jedeS mein« Worte.
Sowie ich den Mund öffne, beißt sich Suslowstt in di» Lippen, sieht feine Frau an und nickt, als ob er sagen wollte: „2ch wußte, daß es so kommen wird!" Sv fetzen sie mir von früh bis abends zu!
älnd alles das ist bloß Heuchelei und soll dazu dienen, mich im Retz festzuhalten! Denn im Grunde sind sie auf meine fünfzehntausend Franks «picht, und es liegt ihnen an d« ganzen Angelegenheit ebensoviel wie mir, wenn auch aus anderen Gründen.
D« Sache muh ein End» gemacht w«den.
Man hat es soweit gebracht, daß es mir beinahe vorkommt, als hätte ich dadurch eine Gemeinheit begangen, daß ich die goldene Medaille und fünfzehntausend Franks für mein Bild bekommen habe. —
r.
Es kommt der Tag unserer offiziellen V«lobung.
2ch kaufte einen wunderschönen Ring im Stile Louis XV., der den Eltern sowie Kazia mißfiel, denn im ganzen Hause dort hat niemand einen Begriff von wahrer Kunst.
An Kazia muß ich noch Biet arbeiten, um bei ihr das Spießbürgerliche auszurotten und sie künstl«isch fühlen zu lehren; da sie mich ab« liebt, so hoffe ich das Beste.
Zur Verlobung habe ich außer Swiatecki niemand eingeladen. 2ch »«langte, daß er vorher bei Suslowski seinen Besuch mache, « behauptete jedoch,, daß, wenn « auch moralisch und physisch bankerott fei, er doch, noch nicht so ttef gesunken fei, um Visiten zu machen. Döse Geschichte!
2ch muß ab« Suslowski darauf vorbereiten, daß mein Freund ein ganz auSnehmliches Original ist, im übrigen ab« ein genialer Mal« und eine grundehrliche Haut.
Als Suslowsski erfuhr, daß mein Freund „Groß"-, „Mittel"» und „Kleinkadav«" male, zog « die Brauen zusammen und erklärte, « habe immer nur mit ordentlichen Leuten zu tun gehabt, auch sei seine ganze Beamtenkarriere makellos gewesen, und so hege « die zuversichtliche Hoffnung, daß Herr Swiatecki die in einem ehrbaren Bürg«hause herrschenden Gepflogenheiten zu respektieren wissen w«de.
2ch gestehe all«dings, daß ich in dies« Hinsicht nicht frei von Befürchtungen bin und seit frühem Morgen mit Swiatecki im Kampfe liege. Gr besteht hartnäckig darauf, in Kniestiefeln hinzugehen.
2ch beteuere, ich bitte, ich flehe.
Endlich gibt « nach, indem « erklärt, daß « schließlich keinen Grund sehe, weshalb « sich nicht zum Rarren machen söffe. Leid« «innert sein Schuhwerck an die Fußbekleidung d« Erforsch« von Zentratafrika, denn es hat seine Schwärze schott bald darauf verloren, nachdem es der Schuhmacher auf Kredit ins Haus gebracht hatte.
Ab« da ist nicht zu helfen!
Roch schlimm« ist es, daß Swiateckis Haupt wie ein wald- bewachsen« Berggipfel aussieht, in toelchem ein Sturmwind arg gehaust hat. Dagegen ist ab« nichts zu tun, da es in d« ganzett Welt Wohl keinen Striegel gibt, welch« diesem Schopf beikommen könnte. Dafür„ ab« zwinge ich Swiatecki statt d« Bluse, die « alle Tage trägt, einen Rock anzuziehen. Er tut es, hat ab« dabei das Aussehen eines sein« Kadaver und verfallt gleichzeitig in eine grabesdüsteve Sttmmung. Auf b« Straße blicken affe Leute auf seinen knorrigen Stecken und seinen riesigen chäbigen Hut, ab« daran bin ich schon gewöhnt...
Wir Mngeln, wir treten ein.
(Fortsetzung folgt.)
tzchrififtikuNg: Dr. Frisör. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Amv.-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.


