Gießener HamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrganges Samstag, -en$9.September Nummer 75

Die Heide blüht .4 .

Die Sowie lugt blutig rot inS Land, wir wandern über die Heide, ünr stapfen meilenweit im Sand, wir wandern und wandern, wir beide. Schon scheidet der Dämmerschein Sand und Moor, es dreht sich die gräuliche Weite, ein feuchter Drodem steigt empor, der Rebel schleicht über die Heide.

Ammer wieder kehrt auf den Kunstausstellungen das Motiv biiihenden Heidelandschaft wieder. Denn nichts entzückt und beglückt so sehr das Malevauge, wie der Anblick der rotglühenden Heide, wie sie Irt jener Zeit duftet und blüht, die wir als des Sommers Ausgang zu bezeichnen pflegen und in der sich alle die zu Heidewanderungen rüsten, die eine stille glückliche Liebe zur Heidelandschast im Herzen tragen, wie sie ein Künstler vors Auge zaubert und wie wir sie selbst in uns ausgenommen haben, wenn wir vor der roten Heidelandschaft standen und uns nicht sattsehen konnten an diesem prächtigen zauberschönen Anblick, hingerissen und ganz trunken davon.

Diele Großstädter, deren Heimatsort das Glück hat, eine schöne Heidelandschaft in seiner Aähe zu besitzen, durchwandern diese Wohl, weil es einmal im Jahre genau wie zur Baum- blütezeii Mode ist, einenHeidebummel" zu machen und sich von den Stimmungen einer solchen blühenden Heidelandschaft be­zaubern zu lassen. Viele freilich, die, wenn Ee Heide blüht, hinauswandern, wissen gar nicht Bescheid mit diesem bescheidenen, giftenden Kraut, dem gemeinen Heidekraut, das man als eigene Gattung von der bekannten Erika in der Pflanzengeschichte ab- getrennt hat. Der Botaniker Salisbury nennt diese bekannte Pflanze Calluna, weil ihr Kelch länger als die Dlumenkrons und die Kapsel vierfächrig ist. Sie ist kein Kraut, sondern ein Strauch, der gewöhnlich sehr niedrig bleibt, aber unter günstigen Ortsverhältnissen 1 bis 1,5 Meter hoch wird, wo dann feine Stämmchen bis 2,5 Zentimeter Durchmesser erreichen. Die ge­meine Heide hat immergrüne, vierzeilig gestellte Schuppenblätter von lineal-dreieckiger Gestalt, die im Winter eine bräunliche Farbe annehmen. Ihre Blüten, die dem langen, vierteiligen, rot- oder weißgefärbten Kelche ihr schönes Aussehen verdanken, enthalten viel Honig, weshalb in allen Heidegegenden die Bienenzucht mit Erfolg betrieben werden kann. Doch soll der nur aus Heideblüten bereitete Honig der Gesundheit nachteilig sein, weil er narkotisch wißenden Stoff enthält.

Die Heide ist eine der verbnitetsten Pflanzen in der Welt, denn sie findet sich fast in ganz Europa, in Aordasien und Nordamerika und auf den Azoren. Dabei ist sie eine so gesellig wachsende Pflanze, daß sie, namentlich in den nördlichen Län­dern, iN unserer norddeutschen und mitteldeutschen Tiefebene, ungeheuere Landstrecken fast ausschließlich zu bedecken vermag. Das Heidekraut liebt einen sandigen oder moorigen, mageren Boden und verdrängt auf solchem bald alle anderen Pflanzen. Durch den dichten Wurzelsilz, den seine sich vielfach verzweigen- den Wurzeln im Boden bilden, und den engen Schluß feiner durcheinander wachsenden, vielfach verzweigten Stämmchen ab­sorbiert es fast ausschließlich Dau und Regen und läßt ihn nicht in den Boden gelangen, wodurch die Pflanze mittelbar aus Forstkulturen schädlich einwirkt. Unmittelbar schadet sie durch äleberwachsen und Verdammen der in den Boden gesetzten Holzpflairzen. Dagegen bereitet sie durch ihre Zersetzungsprodukts und Abfälle den Boden für anspruchsvollere Gewächse vor, be­schützt die flach verlaufeirden Wurzeln der Bäume, liefert dem Wilde während des Winters eine gute Aesung und wird zur Streu, als Gerbmaterial und Dvennreisig verwendet. Das letztere ist besonders der Fall in unserer Lüneburger Heide.

Wir besitzen in Deusschland eine nicht unbeträchtliche Zahl von Malern und Dichtern, die aus der Umwelt der Heidewurzel, ihre schönsten und ttefsten Anregungen empfangen haben. Haben wir doch eine Literatur von Balladen, Rovellen, Skizzen, Stim­mungsbildern und ganze Malerschulen, di« mrr Heidemottve ht der verschiedensten Beleuchtung und zur verschiedensten Jahres­zeit verwendet haben. Wollte man Ramen von Künstlern nennen, so würde die Liste sehr lang werden, erinnert sei nur an Hebbel, Storm, und den ht seiner Art klassischen Heidedichter Hermann Löns, an den malenden Dichter Hermann Aflmers, an Detlev von Litiencron und Georg Busse-Palma aber damit ist noch lange nicht die Reihe derer geschlossen, die Jahr um Jahr htnaus- gewandert sind, um das große deutsche Raturwunder zu sehen wenn die Heide blüht. ,

Wenn die Aepfel reif find.

Bon Theodor Storm.

war mitten in der Rächt. Hinter den Linden, die längs dem Plankenzaun des Gartens standen, kam eben der Mond her­auf und leuchtete durch- die Spitzen der Obstbäume und drüben auf die Hinterwand des HauseS, bis hinunter auf den schinalen Steinhof, der durch ein Staket von dem Garten getrennt war; die weihen Vorhänge hinter dem modrigen Fensterchen waren ganz von seinem Licht beschienen. Mitunter war's, als griffe eine kleine Hand hindurch und zöge sie heimlich auseinander: einmal sogar lehnte die Gestalt eines Mädchens an die Fensterbank. Ste hatte ein weißes Tüchlein unters Kinn geknotet und hielt erne Keine Damenuhr gegen das Mondlicht, auf der sie das Rücken des Weisers aufmerksam zu betrachten schien. Draußen vom Kirchturm schlug es eben dreiviertel.

Änten zwischen den Büschen des Gartens auf den Steigen, und Rasenplätzen war es dunkel und still: nur der stllarder, der in den Zwetschen saß, schmatzte bei seiner Mahlzeit und kratzte mit den Klauen in die Baumrinde. Plötzlich hob er die Schnautze. Es rutschte etwas draußen an der Planke: ein dicker Kopf guckte herüber. Der Marder sprang mit einem Satz zu Boden »und ver­schwand zwischen den Häusern; von drüben aber kletterte ein uiitersetzter Junge langsam in den Garten hinab.

Dem Zwetsch, nbaum gegenüber, unweit der Planke, stand ein gar nicht hoher Augustapfelbaum, die Aepfel waren gerade reif, die Zweige brechend voll. Der Junge mutzte ihn schon kennen: denn er grinste und nickte ihm zu, während er auf den Fuß- spitzen an allen Seiten um ihn herumging; dann, nachdem er einige Augenblicke stillgestanden und gelauscht hatte, band er sich einen großen Sack vom Leibe und sing bedächtig an zu klettern. Bald knickte es droben zwischen den Zweigen, und die Aepfel sielen in den Sack, einer um den anderen in kurzen, regelrechten Pausen.

Da zwischendrein geschah es, daß ein Apfel nebenbei zur Erde fiel und ein paar Schritt weiter ins Gebüsch rollte, wo ganz versteckt eine Dank vor einem steinernen Gartenttschchen stand. An diesem Tische aber und das hatte der Junge nicht bedacht saß ein junger Mann mit aufgesttitztem Arm und gänzlich regungslos. Als der Apfel seine Füße berührte, sprang er erschrocken auf; einen Augenblick später trat er vorsichtig auf den Steg hinaus. Da sah er droben, wohin der Mond schien, einen Zweig mit roten Aepfeln unmerklich erst und immer heftiger dann hin- und herschaukeln; eine Hand fuhr in den Mondschein hinauf und verschwand gleich darauf wieder samt einem Apfel in den ttefen Schatten der Blätter.

Der Untenstehende schlich sich leise unter den Baum und gewahrte nun endlich auch den Jungen wie eine große schwarze Raupe um den Stamm herum hängen. Ob er ein Jäger war, ist seines Keinen Schnurrbart« und seines ausgeschweiften Jagd­rockes unerachtet schwer zu sagen; in diesem Augenblick mußte ihn aber so etwas wie ein Jagdfieber überkommen; denn atemlos, als habe er die halbe Rächt nur hier gewartet, um die Jungen in den Apfelbäumen zu fangen, griff er durch die Zweige und legte leise, aber fest, seine Hand um den Sttefel, welcher wehr­los an dem Stamme herunterhing. Der Stiefel zuckte, das Apfel- pflücken droben hörte auf; aber kein Wort wurde gewechselt. Der Junge zog, der Jäger faßte nach; so ging es eine ganze Weile; endlich legte der Junge sich aufs Bitten.

Lieber Herr!"

Spitzbube!"

Den ganzen Sommer haben sie über deit Zaun geguckt!"

Wart' nur, ich will dir einen Denkzettel machen!" älnd dabei griff er in di« Höhe und packte den Jungen in den Hosen- spiegel.Was das für derbes Zeug ist!" sagte er.

Manchester, lieber Herr!"

Der Jäger zog ent Messer aus der Tasche und suchte mit der freien Hand die Klinge aufzumachen. Als der Junge das Einschnappen der Feder hörte, machte er Anstalten, hinabzu- Kettern. Allein der andere wehrte ihm.Bleib nur", sagte er, du hängst mir eben recht."

Der Junge schien gänzlich wie verlesen.Herrjemine!" sagte er.Es sind des Meisters seine! Haben Sie denn gar kein Stöckchen, lieber Herr? Sie könnten es mit mir allein abmachen! Es ist mehr Pläsier dabei; es ist eine Motion; der Meister sagt, es ist so gut wie Spazierenreiten!"

Mein der Jäger schnitt. Der Junge, als er das kalte Messer so dicht an seinem Fleisch heruntergleiten fühlte, ließ den Vossen Sack zur Erde fallen; der andere aber steckte den