Ausgabe 
19.5.1925
 
Einzelbild herunterladen

160 -3

an Arbeit gefehlt: weil du müßig warst, hattest du Langeweile, und schiebst jetzt alles auf dieses unschuldige Herz." Peter sah ein, daß Michel recht habe, was den Müßiggang beträfe, und nahm sich vor, reich uird immer reicher zu werden. Michel schenkte ihm noch einmal hunderttausend Gulden und entließ ihn als seinen guten Freund.

Bald vernahm man im Schwarzwald die Märe, der Kohlen- munkpeter oder Spielpeter sei wieder da und noch viel reicher als zuvor. Es ging auch jetzt wie immer: als er am Bettelstab war, wurde er in der Sonne zur Türe hinausgeworfen, und als "er jetzt an einem Sonntag nachmittag seinen ersten Einzug dort hielt, schüttelten sie ihm die Hand, lobten sein Pferd, fragten nach seiner Reise, und als er wieder mit dem dicken Ezechiel um harte Täler spielte, stand er in der Achtung so hoch als je. Er trieb jetzt aber nicht mehr das Glashandwerk, sondern den Holzhandel, aber nur zum Schein. Sein Haupt­geschäft war, mit Korn und Geld zu handeln. Der hawe Schwarzwald wurde ihm nach und nach schuldig: aber er lieh Geld nur auf zehn Prozente ans oder verkaufte Korn an die Armen die nicht gleich zahlen konnten, um den dreifachen Wert. 'Mit dem Amtmann stand er jetzt in enger Freundschaft, und wenn einer Herrn Peter Munk nicht auf den Tag bezahlte, so ritt der Amtmann mit seinen Schergen hinaus, schätzte Haus und Hof, verkaufte es flugs und trieb Dater, Mutter und Kind in den Wald. Anfangs machte dies dem reichen Peter einige Unlust; denn die armen Ausgepfändeten belagerten dann bautonweise seine Türe, die Männer flehten um Nachsicht, die Weiber suchten das steinerne Herz zu erweichen, und die Kinder winselten um ein Stücklein Brot. Aber als er sich ein paar tüchtige Fleischerhunde angeschafft Hatte, hörte diese Katzen­musik, wie er es nannte, bald auf. Er pfiff und hetzte, und die Bettelleute flogen schreiend auseinander. Am meisten Be­schwerde machte ihm dasalte Weib". Das war aber niemand anders als Frau Mrmkin, Peters Mutter. Sie war in Not und Elend geraten, als man ihr Haus und Hof verkauft hatte, und ihr Sohn, als er reich zurückgekehrt war, hatte nicht mehr nach ihr umgefehen. Da kam sie nun zuweilen, alt, schwach und gebrechlich, an einem Stock vor das Haus. Hinein wagte sie sich nicht mehr, denn er hatte sie einmal weggrjagt: aber es tat ihr wehe, von den Guttaten anderer Menschen leben zu müssen, da der eigene Sohn ihr ein sorgenloses Alter hätte bereiten formen. Aber das kalte Herz wurde nimmer gerührt von dem Anblicke der bleichen, wohlbekannten Züge, von den bittenden Blicken, von der welken, ausgestreckten Hand, von der Hinfälligen Gestalt. Mürrisch zog er, wenn sie Sonnabends an die Türe pochte, einen Sechsbätzner hervor, schlug ihn in ein Papier und ließ ihn hinausreichen durch einen Knecht. Er vernahm ihre zitternde Stimme, wenn sie dankte und'wünschte, es möge ihm Wohlergehen auf Erden: er hörte sie hüstelnd von der Türe schleichen, aber er dachte weiter nicht mehr daran, als daß er wieder sechs Batzen umsonst ausgegeben.

Endlich kam Peter auf den Gedanken zu heiraten. Er wußte, daß im ganzen Schwarzwald jeder Vater ihm gerne seine Tochter geben werde: aber er war schwierig in seiner Wahl, denn er wollte, daß man auch hierin sein Glück und seinen Verstand preisen sollte: daher ritt er umher im ganzen Wald, schaute hier, schaute dort, und keine der schönen Schwarzwälde- rnnten deuchte ihm schön genug. Endlich, nachdem er auf allen Tanzböden umsonst nach der Schönsten ausgeschaut hatte, hörte er eines Tages, die Schönste und Tugendsamste im ganzen Wald sei eines armen Holzhauers Tochter. Sie lebe still und für sich, besorge geschickt und emsig ihres Vaters Haus und lasse sich nie auf dem Tanzboden sehen, nicht einmal zu Pstngsten oder Kirchweih. Als Peter von diesem Wunder des Schwarz­waldes hörte, beschloß er, um sie zu werben, und ritt nach der Hütte, die man ihm bezeichnete. Der Vater der schönen Lisbeth empfing den vornehmen Herrn mit Staunen und erstaunte noch mehr, als er hörte, es sei dies der reiche Herr Peter, und er wolle sein Schwiegersohn werden. Gr hesarm sich auch nicht lange: denn er meinte, all seine Sorgen und Armut werde nun ein Ende haben, sagte zu, ohne die schöne Lisbeth zu fragen, und das gute Kind war so folgsam, daß sie ohne Widerrede Frau Peter Münkm wurde.

Aber es wurde der Armen nicht so gut, als sie sich geträumt hatte. Sie glaubte, ihr Hauswesen wohl zu verstehen, aber sie konnte Herrn Peter nichts zu Dank machen: sie hatte Mit­leiden mit armen Leuten, und da ihr Eheherr reich war, dachte sie, es sei keine Sünde, einem armen Dettelweib einen Pfennig oder einem alten Mann einen Schnaps zu reichen: aber als Herr Peter bieS eines Tages merkte, sprach er mit zürnenden D«en und rauher Stimme:Warum verschleuderst du mein Vermögen cm Lumpen und Straßenläufer? Hast du was mit- gebracht ms Haus, das du wegschenken könntest? Mit deines Vaters Bettelstab kann man keine Suppe wärmen, und du wirfst das Geld aus wie eine Fürstin. Noch einmal laß dich betreten, so sollst brr meine Hand fühlen!" Die schöne Lisbeth weinte I? Mer Kammer über den harten Sinn ihres Mannes, und sie wünschte oft, lieber daheim zu sein in ihres Vaters ärm- $utle ,ats bei dem reichen, aber geizigen, hartherzigen Peter zu hausen. Ach, hatte sie gewußt, daß er ein Herz von -lllarmor lx-be und weder sie noch irgendeinen Menschen lieben tonne, so hatte sie sich wohl nicht gewundert. So oft sie aber

jetzt unter der Türe saß, und es ging ein Bettelmann vorüber und zog den Hut und Hub an feinen Spruch, so drückte sie die Augen zu, das Elend nicht zu schauen, sie ballte die Hand fester, damit sie nicht unwillkürlich in die Tasche fahre, ein Kreuzerlein herauszulangen. So kam es. daß die schöne Lisbeth im ganzen Wald verschrien wurde, und es hieß, sie sei noch geiziger als Peter Munk. Aber eines Tages saß Frau Lisbeth wieder vor dem Haus und spann und murmelte, ein Liedchen dazu; denn sie war munter, weil es schönes Wetter und Herr Peter aus­geritten war über Feld. Da kommt ein altes Männlein des Weges daher, das trägt einen großen, schweren Sack, und sie hört es schon von weitem keuchen. Teilnehmend sieht ihm Frau Lisbeth zu und denkt, einem so alten, kleinen Mann sollte man nicht mehr so schwer aufladen.

Indes keucht und wankt das Männlein heran, und als es gegenüber von Frau Lisbeth war, brach es unter dem Sacke beinahe zusammen.Ach, habt die Barmherzigkeit, Frau, und reichet mir nur einen Trunk Wasser!" sprach das Männlein: ich kann nicht weiter, muh elend verschmachten!"

Aber 2hr solltet in Eurem Alter nicht mehr so schwer tragen, sagte Frau Lisbeth.

Sa, wenn ich nicht Boten gehen müßte, der Armut halber und um mein Leben zu fristen", antwortete er;ach, so eine reiche Frau wie Ihr weiß nicht, wie wehe Armut tut, und wie wohl ein frischer Trunk bei solcher Hitze."

Als sie dies hörte, eilte sie in das Haus, nahm einen Krug vom Gesims und füllte ihn mit Wasser: doch als sie zurückkehrte und nur noch wenige Schritte von ihm war, und das Männlein sah, wie es so elend und verkümmert aus dem Sack saß, da fühlte sie inniges Mitleid, bedachte, daß ja ihr Mann nicht zu Hause sei. und so stellte sie den Wasserkrug beiseite, nahm einen Decher und füllte ihn mit Wein, legte ein gutes Roggenbrot darauf und brachte es dem Alten.So, und ein Schluck Wein mag Euch besser frommen als Wasser, da Ihr schon gar so alt seid", sprach sie;aber trinket nicht so hastig und esset auch Brot dazu!"

Das Männlein sah sie statmend an, bis große Tränen in feinen alten Augen standen; es trank rmd sprach dann:Ich bin alt geworden, aber ich hab wenige Menschen ersehen, die so mitleidig wären und ihre Gaben so schön und herzlich zu spenden wüßten wie L'hr, Frau Lisbeth. Aber es wird Euch dafiir auch recht wohl ergehen auf Erden; solch ein Herz bleibt nicht unbelohnt."

Nein, u.nd den Lohn soll sie zur Stelle haben", schrie eine schreckliche Stimme, und als sie sich umsahen, war es Herr Peter mit blutrotem Gesicht.

Änd sogar meinen Ehrenwein gießest du aus an Bettel­leute, und meinen Mundbecher gibst du an die Lippen der StraßenlSuser? Da, nimm deinen Lohirl" Frau Lisbeth stürzte zu seinen Füßen und bat um Verzeihung; aber das steinerne Herz kannte kein Mitleid, er drehte die Peitsche unt, die er in der Hand hielt, und schlug sie mit dem Handgriffs von Eben­holz so heftig vor die schöne Stirne, daß sie leblos dem alten Manne in die Arme sank. Als er dies sah, war es doch als reute ihn die Tat auf der Stelle; er bückte sich h»rab zu schauen, ob noch Leben in ihr sei, aber das Männlein sprach mit wohlbekannter Stimme:Gib dir keine Mühe, Kohlenpeier; es war die schönste und lieblichste Blume im Schwarzwald, aber du hast sie zertreten, und nie mehr wird sie wieder blühen." _.,E>a wich alles Blut aus Peters Wangen, und er sprach: »Also Ihr seid es, Herr Schcchhauser? Nun, was geschehen 0*, geschehen, und es hat wohl so kommen müssen. Ich

^osi^aber, Ihr werdet mich nicht bei dem Gericht anzeigen als Mörder! "

, »Elender!" erwiderte das Glasmännlein.Was würde es mcr frommen, .wenn ich deine sterbliche Hülle an den Galgen brachte? Nicht irdische Gerichte sind es, die du zu fürchten hast, sondern andere und strengere: denn du hast deine Seele an den Bosen verkauft."

. »-Und hab ich mein Herz verkauft", schrie Peter,fo ist niemand daran schuld als du und deine betrügerischen Schätze; du tückischer Geist hast mich ins Verderben geführt, mich ge­trieben, daß ich hei einem andern Hilfs suchte, und auf dir liegt die ganze Verantwortung." Aber kaum hatte er dies gesagt, so wuchs und schwoll das Glasmännlein und wurde hoch und breit, und seine Augen sollen so groß gewesen sein wie Suppenteller, und sein Mund war wie ein geheizter Dack- ofen, und Flammen blitzten daraus hervor. Peter warf sich auL^e. Knie und fein steinernes Herz schützte ihn nicht, daß mcht ferne Glieder zitterten wie eine Espe. Mit Geierskrallen Waldgeist im Staden, drehte ihn um, wie ein ^rrbelwmö dürres Laich, und warf ihn dann zu Boden, daß ihm alle Nippen knackten.Erdenwurm!" rief er mit einer Stimme, die tote der Dörner rollte;ich könnte dich zerschmet-

^erm E tooITte, denn du hast gegen den Herrn be3 Edes gefrevelt. Aber um dieses toten Weibes willen, das 2Jt getränkt hat, gebe ich dir acht Tage Frist.

Bekehrst du dich nicht zum Guten, so komme ich und zermalme detn Gebern, und du fährst hin in deinen Sünden."

(Schluß folgt.)

ßArifftpffunri.

Wilb. Sanas. - Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch, und Steindrnckerei, N. Lange, Gießen.