gipfeftgen Berges In Angriff genommen. Am dritten Morgen toar der Nordgipfel erreicht, am Abend stehen die kühnen Be­st eiger am Fuße der Wand des Südgipfels. Fast einen Tag hatte die Aeberwindung der Scharte gekostet. Am vierten Tag wird der Südgipfel überschritten, am fünften abends nach vier Freilagern in den eisigen Höhen waren sie glücklichdem Aschba entronnen", wie einer der Teilnehmer schrieb. Wenn H. Pfann K äußerte,es war eine Bergfahrt, die in Bezug auf Länge, »Hurtigkeit und Bedeutung kaum ihresgleichen hat", so ist er im vollen Recht. An der ersten Berennung des Südgipfels nahm auch eine Dame, Fräulein Zenzi von Ficker, teil, der der Fürst von Mazeri, in dessen Gebiet der Aschba liegt, den Berg urkundlich schentte. Ob die Aschbaherrin nach dem Umsturz ihr Besihrecht, das ohnehin nur ideellen Wert hat, noch behauptet, weiß ich nicht zu sagen.

Der Kampf um den Höhenrekord mußte schließlich zu dem Versuch führen, den höchsten Gipfel der Erde, den Mount Everest, zu erobern. Die Geschicke der Vor-- und der beiden Haupt- expediiionen in den Jahren 1921, 1922 und 1924 sind bekannt. Zwei Teilnehmer gelangten bei der letzten Expedition auf weniger als 300 Meter unterhalb des Gipfels. Dann wurden sie nicht mehr gesehen. Ob sie den Gipfel erreichten und beim Abstieg im Schneesturm umkamen, ob sie vorher abstürzten, wird das Geheimnis des Berges bleiben. Im Jahre 1926 wirb der An­sturm wiederholt werden.

Das kalte Herz.

Don Wilhelm Hauff.

(Fortsetzung.)

Mein Herz," sprach Peter, indem er die Hand auf die pochende Brust preßte; denn es war ihm, als ob sein Herz sich ängstlich hin und her wendete.

Du hast, nimm es mir nicht übel, du hast viele hundert Gulden an schlechte Bettler und anderes Gesindel weggeworfen; was hat es dich genützt? Sie haben dir dafür Segen und einen gesunden Leib gewünscht; ja, bist du deswegen gesünder ge­worden? Um die Hälfte des verschleuderten Geldes hättest du einen Arzt gehalten. Degen, ja, ein schöner Segen, wenn man ausgepfänbet und ausgestohen wirdl And was war es, das dich getrieben, in die Tasche zu fahren, so oft ein Bettelmann seinen zerlumpten Hut hinstreckte? Dein Herz, auch wieder dein Herz, und weder deine Augen noch deine Zunge, deine Arme noch deine Beine, sondern dein Herz; du hast dir es, wie man richtia sagt, zu sehr zu Herzen genommen."

Aber wie kann man sich denn angewöhnen, daß es nicht mehr so ist? Ich gebe mir jetzt alle Mühe, es zu unterdrücken, und dennoch pocht mein Herz und tut mir wehe."

Du freilich," rief jener mit Lachen,du armer Schelm, kannst nichts dagegen tun; aber gib mir das kleine, pochende Ding, und du Wirst sehen, wie gut du es dann hast."

Euch, mein Herz?" schrie Peter mit Entsetzen,da müßte ich ja sterben auf der Stelle! Nimmermehr!"

Ja, wenn dir einer Eurer Herren Chirurgen das Herz aus dem Leibe operieren wollte, da müßtest du Wohl sterben; bei mir ist dies ein anderes Ding; doch komm herein und überzeuge dich selbst!" Er stand bei diesen Worten auf, öffnete eine Kammer- türe und führte Peter hinein. Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, als er über die Schwelle trat; aber er achtete es nicht; denn der Anblick, der sich ihm bot, war sonderbar und über­raschend. Auf mehreren Gesimsen von Holz standen Glaser mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt, und in jedem dieser Gläser lag ein Herz, auch waren an den Gläsern Zettel angeklebt und Namen darauf geschrieben, die Peter neugierig las; da war das Herz des Amtmanns in F., das Herz des dicken Ezechiel, das Herz des Tanzbodenkönigs, das Herz des Oberförsters; da waren sechs Herzen von Kornwucherern, acht von Werbevssizieren, drei von Geldmaklern kurz, es war eine Sammlung der an­gesehensten Herzen in der Amgegend von zwanzig Stunden.

Schau!" sprach Holländer-Michel,diese alle haben des Lebens Aengsten und Sorgen weggeworfen; keines dieser Herzen schlägt mehr ängstlich und besorgt, und ihre ehemaligen Besitzer befinden sich wohl dabei, daß sie den unruhigen Gast aus dem Hause haben."

Aber was tragen sie denn jetzt dafür in der Brust?" fragte Peter, den dies alles, was er gesehen, beinahe schwindeln machte.

Dies," antwortete jener und reichte ihm aus einem Schub­fach ein steinernes Herz.

So?" erwiderte er und konnte sich eines Schauers, der ihm über die Haut ging, nicht erwehren.Ein Herz von Marmelstein? Aber, horch einmal, Herr Holländer-Mi^l, das muß doch gar kalt sein in der Brust."

Freilich aber ganz angenehm kühl. Warum soll denn ein Herz warm fein? Im Winter nützt dir die Wärme nichts, da hilft ein guter Kirschengeist mehr als ein warmes Herz, und im Sommer, wenn alles schwül und heiß ist. du glaubst nicht, wie dann ein solches Herz abkühlt. And wie gesagt, weder Angst noch Schrecken, weder törichtes Mitleiden noch anderer Jammer pocht an solch ein Herz."

And das ist alles, was Ihr mir geben könnet?" fragte Peter unmutig;ich hoff' auf Geld, und Ihr wollet mir eir-sn Stein geben!"

Nu, ich denke, an hunderttausend Gulden hättest du fürs erste genug. Wenn du es geschickt umtreibst, kannst du bald ein Millionär werden."

Hunderttausend?" rief der arme Köhler freudig.Nun, so poche doch nicht so ungestüm in meiner Brust, wir werden bald fertig fein miteinander. Gut! Michel; gib mir den Stein und das Geld, und die Anruh könnet Ihr aus dem Gehäuse nehmen!"

Ich dachte es doch daß du ein vernünftiger Bursche feist," antwortete der Holländer-Michel, freundlich lächelnd,komm, laß uns noch eins trinken, und dann will ich das Geld auszahlen."

So setzten sie sich wieder in die Stube zum Wein, tranken! und tranken wieder, bis Peter in einen tiefen Schlaf verfiel.

Kohlenmunkpeter erwachte beim fröhlichen Schmettern eines Posthorns, und siehe da, er saß in einem schönen Wagen, fuhr . auf einer breiten Straße dahin, und als er sich aus dem Wagen bog, sah er in blauer Ferne hinter sich den Schwarzwald liegen. Anfänglich wollte er gar nicht glauben, dast er es selbst sei, ber in diesem Wagen sitze. Denn auch seine Kleider waren gar nicht mehr dieselben, die er gestern getragen; aber er erinnerte sich doch an alles so deutlich, daß er endlich sein Nachsinnen aufgab und rief:Der Kohlenmunkpeter bin ich das ist ausgemacht, und kein anderer."

Er wunderte sich über sich selbst, daß er gar nicht wehmütig werden konnte, als er jetzt zum erstenmal aus der stillen Heimat, aus den Wäldern, wo er so lange gelebt, auszog. Selbst nicht, als er an seine Mutter dachte, die jetzt wohl hilflos und im Elend saß, konnte er eine Träne aus dem Auge pressen oder nur seufzen; denn es war ihm alles so gleichgülttg.Ach freilich," sagte er Bann,Tränen und Seufzer, Heimweh und Wehmut kommen ja aus dem Herzen, und Dank dem Holländer-Michel, das meine ist kalt und von Stein."

Er legte feine Hand auf die Brust, und es war ganz ruhig dort und rührte sich nichts.Wenn er mit den Hunderttausenden so gut Wort hält wie mit dem Herz, so soll es mich freuen," sprach er und fing an, seinen Wagen zu untersuchen. Er sand Kleidungsstücke von aller Art, wie er sie nur wünschen konnte, aber kein Geld. Endlich stieß er auf eine Tasche und fand viele lausend Taler in Gold und Scheinen auf Handlungshäuser in allen großen Städten.Jetzt hab ich's, tote tch's wollte," dachte er, setzte sich bequem in die Ecke des Wagens und fuhr in die weite Well.

Er fuhr zwei Jahre in der Welt umher und schaute and seinem Wagen links und rechts an den Häusern hinauf, schaute, wenn er anhielt, nichts als den Schild seines Wirtshauses an, lief dann in der Stadt umher und lieh sich die schönsten Merk­würdigkeiten zeigen. Aber es freute ihn nichts, kein Bild, kein Haus, keine Musik, kein Tanz; fein Herz von Stein nahm an nichts Anteil, und seine Augen, seine Ohren waren abgestumpft für alles Schöne. Nichts toar ihm mehr geblieben als die Freude an Essen und Trinken und der Schlaf, und so lebte er, indem er ohne Zweck durch die Welt reiste, zu seiner Unterhaltung speiste und aus Langeweile schlief. Hie und da erinnerte er sich zwar, daß er fröhlicher, glücklicher gewesen sei, als er noch arm war und arbeiten mutzte, um sein Leben zu fristen. Da hatte ihn jede schöne Aussicht ins Tal, Musik und Gesang hatten ihn ergötzt, da hatte er sich stundenlang auf die einfache Kost, die ihm die Mutter zu dem Meiler bringen sollte, gefreut. Wenn er so über die Vergangenheit nachdachte, so kam es ihm ganz sonderbar vor, datz er jetzt nicht einmal lachen konnte, und sonst hatte er Über den kleinsten Scherz gelacht. Wenn andere lachten, so verzog er nur aus Höflichkeit den Mund, aber sein Herz lächelte nicht mit. Er fühlte dann, datz er zwar überaus ruhig fei; aber zufrieden fühlte er sich doch nicht.

Als er von Straßburg herüberfuhr und den dunkeln Wald seiner Heimat, erblickte, als er zum erstenmal wieder jene kräftigen Gestalten, jene freundlichen, treuen Gesichter der Schwarzwälder sah, als sein Ohr die heimatlichen Klänge, stark, tief, aber wohltönend, vernahm, da fühlte er schnell an sein Herz; denn sein Blut wallte stärker, und er glaubte, er müsse sich freuen und müsse weinen zugleich, aber wie konnte er nur so töricht sein, er hatte ja ein Herz von Stein. And Steine sind tot und lächeln und weinen nicht. ., .,

Sein erster Gang toar zum Holländer-Michel, der ihn mit alter Freundlichkeit aufnahm.Michel", sagte er zu ihm,gereist bin ich nun, und habe alles gesehen, ist aber alles dummes Zeug, und ich hatte nur Langeweile. Aeberhaupt, Euer steiner­nes Ding, das ich in der Brust trage, schützt mich zwar vor manchem. Ich erzürne mich nie, bin nie traurig; aber ich freue mich auch nie, und es ist mir, als wenn ich nur halb lebte. Könnet Ihr das Steinherz nicht ein wenig beweglicher machen? Oder gebt mir lieber mein altes Herz! Ich hatte mich in fünfundzwanzig Jahren daran gewöhnt, und wenn es zuweilen auch einen dummen Streich machte, so toar es doch munter und ein fröhliches Herz."

Der Waldgeist lachte grimmig und bitter.Wenn du ein­mal tot bist, Peter Munk", antwortete er,dann soll es dir nicht fehlen; dann sollst du dein weiches, rührbares Herz wieder haben, und du kannst dann fühlen, was kommt, Freud oder Leid. Aber hier oben kann es nicht mehr dein werden! Doch, Peter! gereist bist du wohl, aber so wie du lebtest, konnte es dir nichts nützen. Setze dich jetzt hier irgendwo im Wald, bau ein Haus, heirate, treibe dein Vermögen um, es hat dir nur