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erhielten 21 Führer Lis traurige und gefährliche Aufgabe, die Leichen zu bergen. Das abgerissene Seil ist im alpinen Museum in Zermatt aufbewahrt. Zwei Tage später gelang es Carrel, eine Partie von der italienischen Seite hinaufzuführen.
Eine der markantesten Erscheinungen unter den Alpinisten war Hermann von Barth, der Apostel der Führerlose und Alleingeher. Seine Losung war: „Man kommt überall durch." Ohne Seil, nur mit Stock und Steigeisen bewaffnet, führte ihn fein Siegeszug um die siebziger Jahre von den Gipfeln des Allgäu bis zu denen des Berchtesgadener Landes. Beun Ab. stieg vom Oefelekopf im Wetterfteingebirge brach unmittelbar unterhalb des Gipfelt ein Griff aus und - wir zitieren seine eigenen Worte — „dahin geht der Sturz. Zweimal schlage ich auf Stufen der Kluft, noch «lfrecht, Gesicht gegen die Mauer, dann werde ich gedreht, der Breite nach auf den Trümmer- gürtel hingeschmettert, überschlage mich dort ein- oder zweimal, komme aber wieder auf den Rücken zu liegen und Hände und Füße alsbald spreizend, noch rechtzeitig zum Aufenthalt Zwei Schritte weiter, und ein neuer Steilwandabsturz hätte mich unfehlbar ins Bergleiiplattach hinunterbefördert.'' Zerschunden, mit lahmen Händen und Füßen, von brennendem Durst gequält, schon an der Rettung verzweifelnd, gelang es dem kühnen Bergfahrer doch, unter unsäglichen Anstrengungen das Tal zu er- tcicßcn
Die Bergfahrten der Brüder Emil und Otto Zsigmvndy im Berein mit Ludwig Purtscheller (1879-1885) bilden, den letzten großen Markstein in der Entwicklung des Alpinismus. Sie dehnten zuerst das führerlose Gehen auch auf das v^gletscherte Hochgebirge aus. Don den schwierigsten Klettereien bis zu den gefürchtetsten Eistouren durchzogen sie führerlos die gesamten Alpen: durch sie wurde die früher so viel umstrittene Frage ..mit Führer oder führerlos?" im Prinzip einwandfrei gelost, sie konnte von da an nur mehr individuell gestellt werden: „Ist der betreffende Alpinist der Aufgabe, die ec sich stellt, gewachsen, besitzt er die Befähigung zum führerlosen Gehen? Das Ideal des sportlichen Alpinismus war mit dem grundsätzlichen führerlosen Gehen erreicht. Die Erstersteigung des Feldkopfs, der kühnsten Felsgestalt der Zillertaler Alpen im Jahre 1879 durch Emil und Otto Zsigmondh nimmt in der Entwicklungsgeschichte des Alpinismus einen hervorragenden Platz ein, denn sie war weitaus die bedeutendste führerlose Unternehmung. die bis dahin in den Ostalpen unternommen wurde. In furchtbarer, abweisender Steilheit baut sich das stolze Fels- gerüfl auf und am Fuße des Gipfelbaus gab Otto jede Hoffnung auf: aber Emil, der vorauskletterte, packte mit frischem Mute an und der Sieg lohnte die Ersteiger. Beim Absteigen, als die Schwierigkeiten schon überwunden waren, fuhr Emst auf einem Firnfelö ab, kam aber zu Fall und fand erst am End« des Firns auf weniger geneigtem Terrain, an den Händen aus zahlreichen Wunden blutend, Halt.
Am Col du Gßant in der Mont-Dlancgruppe ragt eine, einer Riesenfäule gleichende, herausfordernde Felszinne, die „Dent du Gßant" (4013 Meter) empor. Ihre Ersteigungsgeschichte ist wohl die abenteuerlichste von allen Hochgipfeln. Im Jahre 1878 versuchte man mit einem eigens hierzu konstruierten Raketenapparat ein vierhundert Meter langes Seil über den Gipfel zu schleudern, mit dessen Hilfe man diese Zinns zu erklettern hoffte. Alles funktionierte vorzüglich, aber der über den Gipfel wehende Rordwind warf das Seil im letzten Augenblick zurück und bei den folgenden Versuchen erging es nicht besser. Rach verschiedenen weiteren Versuchen wurde der Berg endlich mit Hilfe von zahlreichen Eisenstiften, Holzzapfen, eingehauenen Tritten und Leitern bewältigt.
Als die einheimischen Alpen erforscht waren, suchten die großen Alpinisten neue Schauplätze, die ihnen Aufgaben boten, die sie in den heimischen Gebirgen nicht mehr fanden. Damll begann die Aera der Bergfahrten in den außereuropäischen Gebirgen. Schon vorher hatte indessen die wissenschaftliche Forschung zu alpinen Unternehmungen angeregt, von denen die Besteigungsversuche des Chimborazzo und Cotopaxi durch A. von Humboldt im Jahre 1802 epochemachend waren. Hiebei bezwang der Gelehrte die größte von Menschen bis dahin erreicht Höhe von 5810 Metern. ,
Die alpinen Unternehmungen in den außereuropäischen Hocy- I alpen tragen schon deshalb äußerlich einen ganz anderen Eyw> ratter, weil an Stelle der „Tour" die „Expedition tritt. I Von allen Erstersteigungen in diesem Gebiete ist vielleicht ou I interessanteste die Eroberung des Uschba (4698 Meter) im Kaukasus. Seine Besteigungsgeschichte ist fast so dramatisch, wie ou des Matterhorns. Der Berg des Schreckens heißt er in oer Sprache der Eingeborenen. Der Rordgipfel wurde 1888 von I. G. Cockin bezwungen: der Südgipfel schlug gegen Zwanzig Versuche ab, wobei die besten Alpinisten Deutschlands uno Englands in die Schranken traten. 1903 gelang es Wmy Rickmers, eine Expedition erprobter deutscher führerloser -aip nisten, fast alle Mitglieder akademischer Sektionen, zu organisieren. Beim ersten Ansturm stürzte einer der Teilneyme zwanzig Meter tief ab, konnte aber noch am Seil ff2«0' n und zu Tal gebracht werden. Man war geschlagen, aber^rn hatte dem furchtbaren Berg sein Geheimnis entrissen uno einzig mögliche Angriffsroute gefunden. Vier Tage später der Gipfel unter den Füßen der kühnen Desteiger. Vierz v Tage später wurde das Problem der äleberschreitung des dopp
Berühmte Bergerstetgungen.
Von Alfred Stetnitzer.*)
Dis früheste Bergbesteigung, die als Selbstzweck unter» «mmmen wurde war die des Aetna durch Hadrian im Jahre 126 n Ehr.; der' Wißbegierige römische Kaiser wollte den Sonnenaufgang w>n der Höhe aus betrachten. Wir haben also m Lieser Bergfahrt die erste historisch beglaubigte ..touristische Ersteigung, wie der technische Ausdruck lautet, zu sehen. D erste Vorläufer des Alpinismus ist Leonardo da Dmc^ der einen etwa 3000 Meter hohen Gipfel im G^iete dÄs Monte Rosa erstieg getrieben von dem Verlangen, die Gebirgsnatur kennen -ta lernen. Die Eroberung der Alpen und damit die Aera des eigentlichen Alpinismus wurde nut Ar Destmgung des Mont Blanc durch H.B. von Saussure tat Satire 1787 ein geleitet Einer der ersten Alpinisten war Goethe, der 1775, §779 und 1797 die Alpen besuchte und zum bewußten Gemeßen Ler großartigen Bergnatur gelangte. Er keimt schon fast alle Gefühle des modernen Alpinisten, auch das! Gefühl. des. Kraft Überschusses, das zur Lleberwindung der Schwerkraft reizt, also Las, was wir heute mit „sportlich" bezeichnen.
Von den vereinzelten Besteigungen, die in.der^ersten Hälfte Les 19. Jahrhunderts unternommen wurden, hat vielleicht tetne größeres Aufsehen erregt, als die des Mont Blanc durch Mademoiselle d'Angeville im Jahre 1838. Es war tae egte Besteigung, die die schon 44iahrige Dame unternahm Sie war von sechs Führern und ebensovielen Tragern begleitet, an Proviant wurden zwei Hammelkeulen, zwei Ochsenzungen, vierundzwanzig Hühner, achtzehn Flaschen Bordeaux, em Fäßchen gewöhnlichen Weines und noch vieles andere mitgenommen. Dor der Besteigung machte sie ihr Testament und einmal glaubte sie unterhalb des Gipfels wirklich zu sterben. »Tragt , meine Leiche hinauf und laßt sie oben," sagte sw zu dm Führern. Aber sie überwand sich doch und erreichte den Gipfel.
Für die Ostalpen hatte die Besteigung des Groß-Glockners die gleiche Bedeutung, wie diejenige des Mont Blanc für dir Westalpen. Es war der Fürstbischof von Gurk, der 1799 eme große Expedition zur Bezwingung des Berges ausrustete. Es gelang jedoch trotz wiederholter Versuche erst dem spateren Bischof von Linz, Siegmund von Hohenwart, mit einigen De- gleitern den Gipfel des Klein-Glockners zu erreichen; die früher berüchtigte Scharte zwischen diesem und dem Hauptgipfel wagte man trotz mitgeführter Leitern nicht zu überschreiten. Im folgenden Jahre wurde eine neue Expedition ausgerüstet, doch erreichte von ihr nur der Pfarrer Horasch von Dölsach mit einigen Zimmerleuten den Gipfel.
Der planmäßige Angriff auf die Hochgipfel begann erst nut der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und zwar in den Westalpen durch die Engländer. Kein Berg der gesamten Alpen hat eine gleich dramatische Besteigungsgeschichte wie das Matterhorn. Den ersten ernsthaften Angriff unternahm der berühmte Physiker John Thndall im Jahre 1860. Dann begann Eduard. Whhmper 1861 seine denkwürdige Belagerung. Im Jahre 1862 machte er fünf erfolglose Angriffe, worunter zwei allein, wobei er einmal an der Tete du Lion abstürzte, und nur dem Am- stanöe, daß er an einigen Felstrümmern hängen blieb, sein Leben verdankte. 1863 machte er seinen siebenten, 1865 seinen achten Versuch. Am 14. Juli 1865 fiel ihm endlich der Sieg zu. Der Abschluß des Unternehmens war nicht nur höchst spannend, sondern er endete auch tragisch. Whhmper hatte die Besteigung mit dem italienischen Führer Carrel beabsichtigt, aber dessen Lebensziel war, dem heimatlichen Tal den Sieg zu gewinnen und den Berg von der italienischen Seite zu erobern. Whhmper, der den Berg von Zermatt, also von der Schweizer Seite erobern wollte, war von der Angst gequält, daß die Italiener den Gipfel vor ihm erreichen würden, und so sand ein Wettlauf statt, wie er in der Besteigungsgeschichte der Alpen einzig dasteht, ihn dreiviertel zwei Ahr nachmittags betraten Whhmper und sein Führer Croz als die ersten den Gipfel. Dis zur letzten Minute waren sie ungewiß, ob sie die Italiener nicht oben treffen" würden. Auf der anderen Seite sahen sie die Partie noch ziemlich weit entfernt. Sie schrien, wurden aber nicht gehört. Run rollten Whhmper und seine Gefährten Felsblöcke hinunter. Die Italiener machten kehrt und flohen. Später erzählten sie, böse Geister hätten sie bedroht. In Breuil herrschte große Begeisterung über oen Sieg, als man mit Fernrohren die Fahne bemerkte, die Whhmper aufpflanzte. Als die .Unterlegenen zurückkamen, herrschte tiefe Rieder- geschlagenheit. Aber das Matterhorn rächte sich noch grausam an seinen Besiegern. Die Partie bestand aus Whhmper, den Führern Croz, Taugwalder Vater und Sohn, F. Douglas, CH. Hudson und Hadow. Beim Abstieg, den alle mit dem Seil verbunden antraten, glitt Hadow aus und fiel auf Croz, wodurch auch Hudson und Douglas aus ihren Stellungen gerissen wurden. Whhmper und die beiden Taugwalder stemmten sich mit aller Kraft, so daß der Ruck sie wie einen Mann traf; das Seil riß und die vier vorderen fielen etwa 1300 Meter tief auf den Matterhorngletscher hinab. Die Taugwalder waren vor Schreck unfähig, weiter abzusteigen, fo daß man in 4100 Meter Höhe biwakieren mußte. Auf Befehl der Walliser Regierung
*) Mit gütiger Erlaubnis des Verlages R. Pieper & Co. in München, dem neuesten Heft des „Pieperboten" entnommen.


