Ausgabe 
19.5.1925
 
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Eichener Zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang M5 » Dienstag, den 19. Mai Nummer §9

Weitzer Meder.

Äon Freiherr Borries von Münchhausen,

Naß war der Tag, die schwarzen Schnecken krochen, Doch als die Nacht schlich durch die Gärten hei', Da war der weiße Flieder ausgebrochen, Und über alle Mauern hing er schwer.

Und über alle Mauern tropften leise

Don bleichen Trauben Perlen groß und klar, Hiii) war. ein Duften rings, durch das die Weise ; Der Nachtigall wie Gold geflochten war.

Alfred Kudin.

Don Professor Dr. S. W. Dredt, München.

Maler und Zeichner haben wir'genug es sind auch einige -wahrhafte. Künstler unter ihnen die späteren Geschlechtern sehr gewissenhaft überliefern, wie unser Leben sich abgespielt, wie wir uns gekleidet, unterhalten, Mehrt, wir wir gearbeitet, gespielt, gekämpft...

Aber, wird das alles für die Späteren gar so interessant sein, und wird man dann nicht die viel zuverlässigere Photo­graphie und Kinomatographie befragen viel seltener die Kunst?

Wird das Abspiel unseres Lebens für spätere Jahrhunderte etwas sein, was sie dauernd beschäftigen könnte?

Gelegentlich vertiefen wir uns wohl gern in die Bilder -früherer "eilen, in Mode: also Chroniken, Zeitschriften auf die Dau. - aber und immer wieder fesseln uns doch nur jene B-löer, in denen großer Geister reiche Innenleben, ihr Sehnen, Träumen und Schauen ins Diesseits, Zwischenseits und Jenseits künstlerisch freien Ausdruck gefunden hat.

Das Erfülltsein von Unruhe fast aller Gestalten Michelange­los, der Mona Lisa rätselhaftes Lächeln, Breughels und noch mehr Bosches gespenstig lächerliche Gestalten, die Szenen des jüngsten Gerichts und der Frauen-Welt in den düsteren Domen des Mittelalters fesseln uns alle stärker, häufiger und vielseitiger denn all die realistisch gegebenen Realitäten früheren Levens.

Und wenn heute Künstler und Dichter rätselhafter, imaginärer und visionärer Art vor so viel anderen bevorzugt werden, wer nröchte da lange zaudern, den wahren Grund der Abwendung vom Häßlichen aller Gegenwart zu verkennen?

Ein einziger Künstl-er ganz rätselhafter Art und Größe in unserer Zeit ist Alfred Kubin: und ich bin überzeugt, daß er die allermeisten Künstler unserer Zeit überragen wird in den Augen derer, die nach uns kommen, und die suchen werden, sich über unsere ganze geistige Weit, über alle Uebersättigung und Sehnsucht, die unsere Gesellschaft beherrschte, ein einigermaßen klares und anziehendes Bild zu machen. Kubin gehört jeden­falls zu den geheimnisvollsten, tiefsten und reichsten- Phantasten unserer Zeit, und er ist doch gerade als graphisch und malerisch schaffender Künstler von solche Kraft und Bestimmtheit, er ist als Künstler von so ausgeprägt persönlicher Sprache: seine Bilder find so voll großen persönlichen Stils, daß das große Heer seiner Nachahmer unser Auge nur immer schärfer macht für die unbe­wußte Reinheit und Klangfülle seiner künstlerischen Sprache und Welt.

Man kann von allerlei Seiten an Kubin und sein Werk herantreten. Man mag ihn von seinem ersten, noch recht un­beholfenem, mehr gemalten als gezeichneten Blättern (wie dem Krieg) bis zu den letzten geistreichen Aquarellen verfolgen man mag nur seine Phantastik in ihren Wandlungen und. ihrem bleibenden Gehalt an exzessiver Freude am Grausigen. und Rätselhaften durch die Jahrzehnte seines Schaffens begleiten,_ er ist immer einer, der mit jedem Schutt ein Ganzes, eine Fülle gibt bleibender Werte.

Wenn ich aber hier einmal versuche, mit nur ganz wenigen Werken Kubins, die in allen größeren Sammlungen zu finden sein dürften, einen Weg zu dem zu bahnen, der bisher dem Künstler irgendwie hilflos gegenüberstehen mochte, so werde ich mich nur freuen, wenn andre gern von dem engen Wege abspringen, um noch ganz andere Werke des Künstlers heran­zuholen, von denen hier nicht die Rede ist. Erreicht doch, wenn ich nicht irre, die Zahl der von Kubin geschaffenen Duchwerke schon fast ein halbes Hundert! Die Zahl seiner Zeichnungen und Aquarelle wird der Künstler selbst kaum zu nennen wissen.

Kubin fing als vollkommen selüstschöpferischer Phantast an, und diese seine freischöpferische Seite blieb bis heute die stärkste und unerschöpflichste. .Und freischöpferisch ist er auch als Land­

schafter, als der er einen Rang behauptet, ber meines Erachtens noch längst nicht genug gewürdigt ist.

Bier große Werke nenne ich an erster Stelle dem, der von anderen künstlerischen Weisen und Welten her Kubin kennen und lieben lernen möchte: Die MappeSansara", die 40 Blätter brachte und 1913 bei Georg Müller, Verlag in München, erschien. Dann die MappeAm Rande des Lebens", mit 20 Federzeich­nungen, die 1921 bei Piper in München erschien. Endlich, die zwei Mappen, die 1923 erschienen:Kubin", mit 50 Zeichnungen (Verlag Langen, München), und Filigrane", mit 20 Zeichnungen (Berlag Georg Müller, München).

Ich möchte den kennen, der diese vier Mappen durchgeschaut hat und nicht für alle Zeiten ein Bewunderer und Freund unseres Künstlers geworden wäre. In diesen Mappen lernen wir (ab« gesehen vom Illustrator) den ganzen reichen Phantasten, Men­schen, Künstler, Könner, den Spötter und Träumer, den Humo­risten imd Landschafter, den Künstlerpsychologen von Mensch und Tier in einer Weise kennen, die nur noch übertroffen werden kann durch die Besichtigung seiner Originale. Die drei letzt­genannten Mappen sind jedoch schon so vortrefflich faksimiliert, daß ein Unbefangener immer wieder vergessen darf, daß er nicht die Originale, sondern nur Faksimile vor sich hat.

Don den Buchwerten Kubins, die einen engeren Kreis seiner Erfindungen, also seiner eigentümlichen Welt umfassen, möchte ich denen, die Kubins Art erst mal kennen lernen wollen, vor anderen folgende drei Werke empfehlen: DieKritiker", 18 Blätter, bei Georg Müller, München, 1920. DannWilde Tiere", Hhperion-Derlag, München, 1920. UndDer Prophet Daniel", eine Felge von 12 Zeichnungen, Georg Müller, Mün­chen, 1918. Alle diese Werke haben das Gemeinsame: sie sind echte Werke eines allergrößten Phantasten und^ Sehers. Immer kommt die unverwüstliche Lust am Absonderlichen, Grotesken, 'Erschrecklichen, Wunderbaren, Unfaßbaren zum Ausdruck. In den Kritikern sind . koboldhafte Gestalten von beißender, bur­lesker Laune und Lust an dieser merkwürdigen Spezies unserer Zell. Noch nie find wohl die lieben und bösen Kritiker so närrisch, so hilflos verzerrt gezeichnet worden, wie hier von einem Spötter, der doch kein Feind, von einem Erkenner, der doch nicht blasiert und müde geworden. DieWilden Tiere" bringen vielleicht die glänzendsten Bilder der Tiergestalt. und der Sier« feele, die wir überhaupt besitzen. Die Klassizität Kubins als Darsteller der wirklichen Welt könnte mit einigen Blättern dieser Mappe ganz allein schien erwiesen werden. Die Bilder zum Propheten Daniel sind nur äußerlich vielleicht irgendwie ver­wandt mit Dors. Nur ist ihre Leidenschaft viel reiner, unbe­wußter. ursprünglicher afö die Dorös. Ich halte dies biblische Buch Kubins für viel geeigneter, weiteren Kreisen vorgelegt zu werden, als die eben erschienene Bibel Kubins, die für die Freunde und Sammler des Künstlers unentbehrlich, bei Fremden aber den Verdacht aufkommen lassen könnte, Kubin wolle die heiligsten Gestalten travestieren und verspotten. Dor solchem Mißverständnis möchte ich das, ganz aus menschlichen und freien künstlerischen Tiefen geschaffene Werk unseres größten Phan­tasten bewahren!

Ungern beschränke ich die erste Auswahl aus dem großen Wexk Kubins auf diese wenigen Bücher. Don der Fülle illustrierter Werke würs am leichtesten, ganz zu schweigen, -och nenne als erste Wege zum Illustrator Kubin nur drei: Seme Zeichnungen zu DostojewskisDoppelgänger", vielleicht das erste und stärkste Meisterwerk unseres Illustrators., in dem er den Dichter, meines Erachtens, an packenS-grauendem Humor noch übertrifft: dann die Jllustrattvnen zu Kubins RomanDie an­dere Seite",, der schon viele Auflagen erlebt hat, und in dem wiederum der Dichter fast vom Künstler übertroffen wird, endlich das kleine Märchenbilch, baS Bruno Cassrerer, Derlm, herausgegeben hat. Sei's damit genug!

Wer die genannten Werke nur einmal genau in freier Stunde betrachtet und genossen hat, vergißt diesen Künstler niemals: er wird sich nie begnügen an dem, was er von ihm gesehen, er wird immer noch mehr von ihm zu sehen vuüangen, denn die einfachste Welt der alltäglichen Rsalität.m macht dreser Künstler wie kein anderer vor ihm. zu etwas Wunlerbaranu etwas, was nur er vermochte zu wandeln.. Er bereichert uns unerhört, wie nur irgendeiner der gewaltigsten L-.chler, und deshalb ist er ein unsterblicher deutscher Künstler Gr macht das Geheimnis unserer Zeit wirklich, er erhebt cau Banale, und Wirkliche ins Wundervolle.