Ausgabe 
18.8.1925
 
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in bezug aufs Aeußere. Manchmal sah man ihn in der Kutsche, manchmal zu Fuß. Heute war er mild, morgen grob: er er­weckte oft genug den äußeren Anschein, er sei besessen nach Geld und furchtbar geizig, aber er war durchaus fähig, sein ganzes Hab und Gut seinen ins Ausland geflüchteten Lehrern anzubieten, die ihm die Ehre erwiesen, es während einiger Tage anzunehmen. So hat kein Mensch Anlaß zu mehr wider­sprechenden Urteilen gegeben. Wohl war ihm zuzutrauen, miß er, bloß um ein schwarzes Ordensband zu erhalten, dANi die anderen Aerzte vergebens nachjagten, bei Hofe ein Gebetbuch aus feiner Tasche wie zufällig fallen ließ, aber im ®runöe seines Herzens, ich bitte es zu glauben, war ihm alles nichts. Zu tief verachtete er die Menschen, denn er kannte sie vom Scheitel bis zur Sohle, er hatte sie dann gesehn, wenn sie sich nicht verstellen konnten, in den feierlichsten und den niedrigsten Augenblicken ihres Daseins.

Bei einem großen Mann ist alles aus einem Guß. Wenn unter diesen gigantischen Naturen einer mehr Talent hat als Geist, so ist immer auch noch fein Geist tausendmal feiner als bei einem Dutzendmenschen, von dem die Rede geht, er sei so fabelhaft geistreich. ,

Das Genie ist eine Frage der Sittlichkeit. Gewiß kann sich das Ethos auf einem begrenzten Gebiet entfalten, aber wer die Blume erkennt, erkennt gewiß die Sonne.

Hat ein Mann aus dem Munde eines aus Lebensgefahr unmittelbar geretteten Höflings die Frage gehört:Wie geht es dem Kaiser?" und darauf geantwortet:Der Höfling ist schon wieder da, der Mensch wird folgen", so ist ein Mann Lieser Art nicht bloß einfach Chirurg oder Internist, er ist auch überwältigend geistreich. So wird ein scharfer, aufmerk- samer und stetiger Beobachter des Menschlichen an Desplein den ungeheuren Ansprüchen dieses Mannes ihr Recht nicht ver­sagen können, er wird ihm den Glauben zubilligen müssen, den Desplein auch selbst besah, öah er als Mann des Staates kaum eine weniger überragende Erscheinung geworden wäre, als er in der Chirurgie wirklich gewesen ist.

Es gab viele Rätsel im Leben Despleins für die, die ihn gekannt haben, und von ihnen haben wir das Interessanteste aus- gewählt,' weil er den Schlüssel zu allem andern enthält, und weil die Schlußfolgerung meines Berichtes alle Anklagen gegen ihn entkräftet.

Don allen seinen Schülern an seinem Hospital war Desplein dem jungen Dianchon am meisten zugetan. Vor ferner Assi­stentenzeit im Hötel-Dieu war Horaec Bianchon Student, wohnte in einer elenden Pension des Studentenviertels, bekannt unter dem Ramen Pension Vauquer. Hier lernte der arme junge Mann die ätzenden Säuren des wahren Elends kennen, und er ging aus ihnen rein und undersehrbar hervor wie die Diamanten, die allen Einwirkungen ohne Gefahr ausgesetzt werden können. Daran erkennt man große Gaben. 3m hitzigsten Feuer der ent­fesselten Leidenschaften gewinnen sie unzerstörbare Reinheit und bewähren ihre Redlichkeit, sie stärken sich für die Kämpfe, die dem Genie nie erspart bleiben. Arbeit nennt sich ihr tägliches Brot, Ziel und Ende aller Wünsche.

Horace war ein aufrechter junger Mensch: in Fragen der Ehre kannte er weder Vergleiche noch Zugeständnisse: er ging ohne Redensarten aufs Wesentliche: für seine Freunde konnte er sein letztes Hemd versetzen, seine Zeit ganz einer Wache am Bette eines erkrankten Kameraden opfern; er war ein Kamerad, nicht um Dank und Lohn, denn Menschen seiner Art fühlen sich immer beschnitt, selbst wenn sie alles geben. Keiner seiner Freunde konnte sich der Verehrung gegen diese klare Güte ohne Redensarten entschlagen. Viele fürchteten fein Urteil. Aber mft diesen ernsten Eigenschaften war Horace keine Deamtennatur. Weder Puritaner noch Phrasenheld, kannte er keine Angst vor einem kräftigen Fluch mit dem er einen guten Ratschlag gern begleiten mochte, er schnitt sich gern einmal einen Happen vom Bratenstück des guten Lebens" herunter, wenn die Gelegenheit sich gerade bot. Er war gut Freund, kein Spielverderber, nicht mehr zimperlich als ein Kürassier, frei und frank, nicht gerade ein Seebär, denn die Seeleute von heute sind durchtrieben schlaue Diplomaten, er aber war ein anständiger Zunge, der nichts zu verbergen hat, er ging seines Weges mit erhobenem Haupt und mit lachender Miene: alles in einem Wort gesagt, er war der Pylades, der treue, für so manchen Orest, wobei wir die Gläubiger als die schlimmsten Plagegeister den alten Furien gleichstellen. Sein Elend trug er mit Freudigkeit, darin zeigte er am besten feinen Mut. Wie alle, die nichts ihr eigen nennen, mochte er keine Schulden machen, war nüchtern wie ein Kamel, schnell wie ein Hirsch stetig in seinem Gedankengang und in seiner Stellung zur Welt. Bianchons glückliche Zeit begann an dem Tage, da der berühmte Chirurg alle Fehler und Vorzüge an Dianchon in ihrer Gesamtheit erfaßte und damit auch das, was den Doktor Dian- chon in gleicher Weise für seine Freunde unersetzbar machte. Wenn der Vorstand einer großen Klinik einen jungen Menschen unter seine Flügel nimmt, dann hat der Junge schon, wie man sagt, einen Fuß im Himmelreich Desplein ließ sich's nun angelegen sein, den jungen Menschen zur Assistenz in die reichen Häuser mitzunehmen, wo fast immer etwas auch für die Tasche des Gehilfen abfiel, und vor allem war dies der Ort, wo sich ein

unschätzbarer Vorteil, ihm, dem Mann aus der Provinz, die Geheimnisse des Pariser Lebens allgemach entschleierten. Dann ließ er ihn während der Besuchsstunden in seinem Arbeits­zimmer, beschäftigte ihn nach Kräften, gab ihm wohl auch den Auftrag, einen reichen Kranken ins Bad zu begleiten. Schließ­lich bereitete er ihm seine Praxis vor. Konnte es unter solchen ftmständen fehlen, daß nach einiger Zeit der Fürst der Chirurgie einen getreuen Jünger neben sich hatte? Zwei Männer: dev .eine auf der Höhe des Wissens, im stärksten Glanz des Äamens und unermeßlich reich Der andere, das letzte Rad am Wagen, ohne Geld und Ramen. ftnd diese beiden ein Herz und eine Seele. Der große Desplein hatte vor seinem Assistenten keine Geheimnisse. Dem Jungen blieb es nicht verborgen, ob eine Dame auf dem Stuhle neben dem Meister Platz genommen oder auf der berühmten Ottomane, die im Arbeitszimmer stand und auf der Desplein schlief. Dianchon kannte alle Abgründe dieses unheimlichen Temperamentes, in dem sich die Kraft eines StiereS mit dem Mut eines Löwen einten, ftnd dieses Temperament, das in seiner Maßlosigkeit das Innere des großen Mannes sprengte, war der Grund zu feinem Untergang. Er starb an Erweiterung des Herzens. Der jüngere studierte die Wider­sprüche dieses außerordentlich tätigen Lebens, das System des schmutzigsten Geizes, die Hoffnungen des Politikers, die in der Seele des Arztes lebten, und so konnte er die Enttäuschungen einer Seele vorausahnen, die ihr Metall und ihren Schutz nur außen trug.

Eines Tages meldete Dianchon seinem Meister, daß ein armer Wasserträger aus dem Quartier Saint-Jacques eine furchtbare Krankheit an sich habe, die er seinem Elend und seiner Rot verdanke, denn der arme Auvergnat habe feit dem furchtbaren Winter von 1812 sich nur von Kartoffeln erhalten. Desplein ließ im Augenblick alle anderen Kranken sein, eilte, ohne Rück­sicht auf seine Pferde, in ^Begleitung von Dianchon nach der Behausung des Annen und ließ ihn in die von dem berühmten Dubois gegründete Heilanstalt im Faubourg-Saint-Denis brin­gen. Er widmete sich persönlich der Pflege dieses Mannes, gab ihm, nachdem er ihn geheilt, die Summe, die er für ein Pferd un& ein Wasserfaß brauchte. Dieser Auvergnate hatte nun folgenden originellen Zug an sich Einer seiner Freunde wird krank, er bringt ihn sofort zu seinem Wohltäter Desplein und sagt:Das hätte ich wahrlich nicht geduldet, daß er zur Kon­kurrenz geht." ftnd Desplein, ein so mürrischer Grobian er sein konnte, schüttelt dem Wasserträger die Hand, mit den Worten: Recht hast du, bring sie mir nur alle." ftnd er bewirtte die Aufnahme des Patienten im Hötel-Dieu und nahm seiner liebe» voft acht.

Run hatte Bianchon bei seinem Chef schon seit langem eine Vorliebe für die Auvergnaten beobachtet, und unter triefen wie­der besonders für die Wasserträger, da aber Desplein seins Kuren im Hötel-Dieu immer mit besonderer Vorliebe und Auf­merksamkeit behandelte, sah der Schüler keinen Widerspruch in dieser Eigenheit.

Als mm eines Tages Dianchon den Platz Saini-Sulpice überquerte, sah er seinen Chef in die Kirche treten. Es war neun fthr morgens. Desplein, der im übrigen kaum ohne seinen Wagen auf die Straße kam, war zu Fuß, er hatte sich durch die Rue du Petit Lion herangeschlängelt, nicht anders, als hätte er ein schlechtes Haus zum Ziele. Es versteht sich von selbst, daß der Schüler von Meugierde ergriffen wurde, er kannte zu gut die Lehrmeinungen seines Chefs, der Materialist bis aufS i-Tüpfelchen war, (man weiß, daß das i-Tüpfelchen bei allen Teufelsstreichen des Meisters Rabelais die letzte Höhe bedeutet), nun, Dianchon schlich sich ins Innere der Kirche, und es ist nicht leicht, sein Staunen zu beschreiben, als er den großen Desplein, diesen prinzipienfesten Atheisten, der kein Mitleid mit Engeln kannte, es sei denn, es wäre ihnen mtt Messern oder Sägen beizukonnnen und sie hätten ihre Fisteln und Ent­zündungen wie alles andere Gewürm, nun, als er diesen Mann des weltlichen Genusses und des Ruhmes demütig auf den Knien beten sah, und zwar vor dem Gnadenbilde der Mutter Gottes, wo er eine Messe hörte, in den Klingelbeutel Geld einwarf und den Armen seine Gabe nicht versagte. Dabei blieb sein Gesicht ernst und sachlich, als wäre er bei einer Operation. DianchonS Staunen war grenzenlos.

Sicher ist er nicht in die Kirche getreten, dachte er, um die medizinischen Probleme zu lösen, welche die Entbindung der hei­ligen Jungfrau Betreffen. Hätte ich ihn nur dabei beobachtet, daß er bei feierlichster Prozession eine Quaste des Thronhimmels Über dem Allerheiligsten trug, da wäre ein Lachen Rechtferti­gung genug. Aber heute, hier, allein und ohne Zeugen... das gibt zu deicken.

(Fortsetzung folgt.)

Die Rodelle wurde der ausgezeichneten Gesamtausgabe der Werke Balzacs entnommen, die der 'Berliner Verlag Ernst Rowohlt in mustergültigen ftebersetzungen veranstaltet. 28 geschmackvoll ausgestattete und äußerst handliche Bünde liegen bereits vor.

HÄtiMftung: Dr. Frisör. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühlfchen ftniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.