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st« nut auszuschließen, und bin in det Moffe. DaS ist mir mehr wert als der ganze Garten."

Wie ich damals fort ging, brachte er mich bis an diese Treppe, obgleich er sich nur mühsam fortbewegte, er wies auf die Tür, von der er gesprochen hatte, und rief dann seiner Frau hin­unter:Aber zeige Victor Hugo auch ordentlich alle meine Bilder!"

Die Pflegerin sagt«:Gegen Morgen wird er sterben."

Ich ging hinunter, immer dies violette Gesicht vor Augen; im Salon stand die Kolvssalbüste, starr, kalt, erhaben, schwach schimmernd, und ich matz den Lod an der Llnsterblichkeit.

Als ich nach Haufe kam, es war ein Sonntag, fand ich mehrere Besucher vor, unter anderen den türkischen Geschäftsträger Riza Deh, den spanischen Dichter Aavarrete und Graf Arrivabene, einen politischen Flüchtling aus Italien. Sch sagte:Meine Herren, heute verliert Europa einen großen Geist."

Sh der Nacht starb er. Gr war ernundfünfzig Sahre alt geworden.

Die Beerdigung war am Mittwoch

Gleich nach seinem Tode wurde er in der kleinen Kirche aufgebahrt, neben der er wohnte; man trug ihn durch eben jene Treppentür, deren Schlüssel ihm mehr wert gewesen war als alle Wundergärten des Generalpächters.

Am ersten Tage nach seinem Hintritt hatte Giraud ihn gemalt. Man wollte auch die Totenmaske abnehmen, aber es erwies sich als unmöglich, so rasch zersetzte sich der Körper. Am zweiten Tage frohmvrgens kamen die Former, sie fanden das Gesicht bereits völlig entstellt, die Nase war ganz auf die Wange gesunken. Balzac wurde in einen Eisensarg gelegt, der mit Blei ausgefchlagen war. Der Trauergottesdienst fand in Saint- Philippe--du-Roule statt. Wie ich so neben dem Sarge stand, dachte ich daran, daß hier meine zweite Tochter getauft worden war, und daß ich seitdem diese Kirche nicht wieder betreten hatte. Sn unserem Gedächtnis verschwistern sich Tod und Geburt.

Der Minister des Srmern, Laroche, wohnte der Feier bei. Sn der Kirche saß er neben mir, vor dem Katafalk, und von Zeit zu Zeit richtete er das Wort an mich. Er sagte:Das war ein begabter Mann " Sch sagte:Ein Genie."

Der Trauerzug ging quer durch Paris und gelangte über die Boulevards zum Pöre-Lachaife. Als wir die Kirche ver- Heßen, fielen vereinzelte Regentropfen und dann wieder, als wir zum Friedhof kamen. Es war, als wollte auch der Himmel an einem solchen Tag ein paar Tränen vergießen. Sch ging rechts vorn« am Sarge und hielt eine von den Silberquasten des Bahrtuches. Auf der anderen Seite schritt Alexandre Dumas. Das Grab lag ganz oben auf dem Hügel. Eine ungeheure Menschenmenge war versammelt, der Weg war uneben und schmal, die Pferde klommen mühsam empor und konnten den Leichenwagen kaum halten, der immer zurückrollte. Sch geriet in die Enge, zwischen einem Rad und einem Grab. Beinahe wäre ich zermalmt worden. Leute, die auf dem Grabe standen, um den Zug vorüberkommen zu sehen, faßten mich unter den Achseln und hoben mich hinauf. Wir legten die ganze Strecke 8U Fuß zurück.

Der Sarg wurde in das Grab gesenkt; es lag dicht bei den Ruhestätten von Eharles Nodier und Easimir Delavigne.

Während ich redete, sank die Sonne zum Horizont. Sm Nebelglanz des Sonnenuitterganges lag in der Ferne ganz Paris vor mir da. älnmittelbar zu meinen Füßen, am Rand der Grube, kam der Boden ins Rutschen, und mich unterbrach Das dumpfe Geräusch der Erde, die auf den Sarg fiel.

Die Messe des Gottlosen.

Bon Honvrö de Balzac.

Doktor Dianchon, ein Arzt, dem die Medizin eine der geist­reichsten physiologischen Theorien zu danken hat und der schon als ganz junger Mensch als hohe Leuchte der Gcole de Paris galt (sie ist bekanntlich Mittelpunkt der medizinischen Welt Europas), hatte lange Zeit Chirurgie getrieben, bevor er zur Medizin der inneren Krankheiten überging. Denn seine ersten Schritte auf wissenschaftlichem Gebiete wurden geleitet von dem großen französischen Chirurgen Desplein, einem Mann, der zu seiner Zeit strahlend wie ein Meteor an dem Himmel _ der Wissenschaft aufgegangen war. Selbst Despleins Feinde müssen zugeben, er hätte feine Methode mit ins Grab genommen, deren Geheimnis keinem sonst zugänglich gewesen. Wie alle Genies, starb er ohne Erben. Er trug alles in sich, und so Begrub er alles mit sich. Der Ruhm der großen Chirurgen gleicht dem der großen Tragöden, sie sind nur während ihres wirk­lichen Daseins große Menschen und ruhmeswert, ihr Genius wandert mit ihnen in die Grube, und niemand weiß nachher, was sie waren, niemand kann es lernen, Schauspieler und Chirurgen, große Sänger, auch Virtuosen, durch deren Kunst die Macht der Musik erst zur eigentlichen blühenden Entfal­tung kommt, sie bleiben alle Heroen des Augenblicks. -Desplein ist der. beste Beweis für die Gleichartigkeit der Geschicke solcher Männer, deren hoher Geist wvlkengleich kommt und schwindet.

Sein Name war gestern int vollen Glanz der Berühmtheit. Heute ist er fast vergessen; bleiben wird er nur in den Grenzen seines engeren Faches, und sonst nirgends. Aber bedarf es nicht der unerhörtesten Taten und 'Ereignisse, wenn der Name eines

Gelehrten aus dem Buch seiner Wissenschaft in Me große# Annalen des menschlichen Geistes übergehen soll? And hatte Desplein das Weltumfassende des Wissens, das aus einem ein» »einen den Wortführer feiner Zeit macht? Wohl war ihm eine unbeschreibliche Schärfe der Beobachtung eigen. Er durchdrang das Wesen des Kranken oder das Wesen des Leidens durch Einfühlung, die ihm, angeboren oder erworben, immer zur Der- fügung stand. Mittels dieser Kraft konnte er nicht nur jede Diagnose mit allen Feinheiten stellen, sondern er hatte auch im höchsten Grade di« Fähigkeit, mit schärfster Präzision den Augen­blick anzugeben, in dem man operieren mußte, bis auf Stunde und Minute, denn er ließ weder die geheimen Eigenheiten des betreffenden Patienten, noch die dunkleren Strömungen der Natur und der Atmosphäre außer acht, Lind wenn ein Mensch so tief int Einklang mit der Natur arbeiten konnte, mußte er das unzerreißbar« Band zwischen den lebenden Wesen und den unbelebten Stoffen der Luft aus dem Grund studiert haben, das gegenseitige Verhältnis der Elemente und der Organe klar vor sich sehen wie ein aufgeschlagenes Buch, nur so konnte er seine wichtigen Schlüsse mit untrüglicher Sicherheit ziehen.

War dies nun der geistige Prozeß der Ableitung und der Analogie, wie sie der geniale Cuvier geübt? Wie immer es sei, dieser Mann besaß das Geheimnis, den Schlüssel des Fleisches, von ihm ließ er sich mit absoluter Sicherheit in die Vergangen» ßeit leiten und blieb seiner Hilfe gewiß für die Zukunft. Auf diese Mittel stützte er sich im gegenwärtigen Augenblick. Hatte er aber all sein Wissen in seiner Persönlichkeit beschlossen, wie Hippokrates, Galienus, Aristoteles? Hatte er eine ganze Schul« einer neuen Blüte entgegenführen können? Shr einen Ausblick nach unbekannten Welten eröffnet? Nein. Wohl kann man unmöglich diesem tiefen Beobachter der menschlichen Chemie das antike Wissen der Magie absprechen, das heißt, di« Kenntnis und Erkenntnis der Grundkräfte, tote sie miteinander und gegenein­ander'agieren; klar waren ihm des Daseins Gründe und Hinter­gründe, und er sah das Leben vor dem Leben: aber dann darf man, um gerecht zu fein, nicht verschweigen, daß alles in ihm durch die Grenzen seiner Person gebannt war. War er in seinem menschlichen Dasein durch Egoismus gekettet, so hat Egoismus heute seinen Ruhm verschüttet. Lieber sein Grab ragt keine Bild­säule, die ernst kündet, daß hier ein Mensch durch Genie der tiefften Daseinssphäre ihre Geheimnisse auf immer abgerungen hat. Aber vielleicht war die Begabung Despleins eins mit seinem Glauben und folglich sterblich und verweslich. Für ihn war di« Lufthüfte um die Erde ein fruchtbarer Zeugungsraum, er sah die Erde wie ein Ei in ferner Schale, ühb konnte der Ge­lehrte nicht enffcheiden, wer früher dagewesen, Ei oder Henne, so leugnete der Ungläubige beides. Er glaubte nicht an die Vorexistenz des Menschen, noch an feine Unsterblichkeit. Desplein kannte Zweifel nicht, er war Positivist. Sein reiner, offener Atheismus war der gleiche Unglauben wie bei tausend Ge­lehrten, wie bei den Spitzen der Gesellschaft; gottlos war er bis zur sichersten Gewißheit, gottlos bis zu einem Grade, den gläubige Menschen nie verstehen werden. Konnte es anders sein? Don frühester Sagend hatte er das Seziermesser nicht aus der Hand gelaffen, alles hatte er mit seinen unzähligen Apparaten durchsucht und niemals den heiligen Geist gefunden, ohne den kein Glaube leben mag. Er kannte eine Gehirnwelt, eine Nervenwell und eine aus Muskelfleisch und Blut. Die beiden ersten fühlt« der Gelehrte so innig ineinander weben, daß er in den letzten Tagen seines Lebens zur Ueberzeugung kam, daß der Gehörsinn nicht unbedingt nötig sei zum Hören, noch auch der Gesichtssinn zum Sehen; denn das sympathische Nervengeflecht konnte beide ersetzen, daran war kein Zweifel möglich So ent­deckte Desplein zwei Seelen im Menschen; diese Erkenntnis mußte an seiner Gottlosigkeit zehren und ihr Abbruch tun, wenngleich er noch nicht zu Gott sich bekannt«.

Man berichtet, daß dieser Mann bis ans Ende unbekehrt starb, in einem Seelenzustand, worin viele Menschen von Genie enden. Gott aftein wird ihnen vergeben.

Das Leben dieses Großen war von kleinlichen Zügen nicht frei, wenn wir seinen Feinden glauben wollen, und sie toerben. nie müde, feinen Ruhm zu schwärzen. Aber es wäre weit mehr ihre Pflicht, das offenbare Gegenteil darzutun, denn di« Neider und Mißgünstigen ahnen nie auch nur im fernsten die geistigen Strömungen, die den Gang eines Genies da oder dorthin letten, sondern sie halten sich einfach an oberflächliche Widersprüche, um auf ihnen ihre Anklageschrift aufzubauen unb das Verdikt auszusprechen. Wenn aber später der Erfolg die angegriffenen Denkresultate bestätigt, indem er den zwingenden Zusammenhang zwischen Vorbereitung und Wirkung, Voraus­setzung und Schluß beweist, es bleibt immer noch etwas von der alten Verleumdung von vornherein. Sv wurde in unseren Tagen Napoleon von den Zeitgenossen geschmäht, als er seinen Aar die Flügel über England entfallen ließ-. Man mußte erst 1824 erleben, um 1804 richtig würdigen zu können, und di« Trans­portschiffe von Doulogne.

Man konnte bei Desplein unmöglich seinen Ruhm und fein Wissen zum Ziel eines Angriffs nehmen, und so hielten sich feine Feinde an seinen seltsamen Charakter und an seine Launen. Lind dabei war es doch nur, daß er nicht ganz frei war von dem, was dl« Engländer excentricith nennen. Manchmal ging er in vollendeter Eleganz aus, wie CröbWon der ältere, dann wieder gefiel er sich in einer auffallenden Vernachlässigung