Ausgabe 
18.8.1925
 
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»eigen, er hat Briefe von ihm gelesen, er hat die Bilder studiert, Vie von Dalzäc existieren, und er ist durch sein Werk gegangen, wieder und wieder; auf allen den verzweigten und verschlungenen Wegen dieses Werkes begegneten ihm die Dalzacschen Menschen, ganze Familien und Generationen, eine Welt, die immer noch an das Dasein ihres Schöpfers zu glauben, aus ihm zu leben und ihn zu schauen schien. Er sah, daß alle diese tausend Figuren, mochten sie tun, was sie wollten, doch, ganz mit dem Einen be­schäftigt waren, der sie gemacht hatte. Lind wie man vielleicht aus den vielen Mienen eines Zufchauerraumes das Drama er­raten kann, das sich auf der Bühne vollzieht, so suchte er irt allen diesen Gesichtern nach dem, der für sie noch, nicht vergangen war. Er glaubte, wie Balzac, an die Wirklichkeit dieser Welt, und es gelang ihm eine Weile, sich ihr einzuordnen. Er lebte, als ob Balzac auch ihn geschaffen hätte, unauffällig gemischt unter die Menge seiner Existenzen. So kam er zu den besten Erfahrungen. Was sonst da war, schien bei weitem weniger beredt. Die Daguer- reothpien boten nur ganz allgemeine Anhaltspunkte und nichts Neues. Man kannte dieses Gesicht, das sie darstellten, schon von der. Schulzeit her. Nur die eine, die im Besitze Stephan Mallar­müs gewesen war und Balzac ohne Nock mit Hosenträgern zeigte, war charakteristischer. Lind dann mußten die Aufzeichnungen der Zeitgenossen helfen. Theophile Gautiers Worte, die Notizen der Goncourts und das schöne Porträt Balzacs, das_ Lamartine ge­schrieben hatte. Außerdem war nur noch, die Büste von David da in der Comedie-FranMise und ein kleines Bildnis von Louis Doulanger. Ganz vom Geiste Balzacs erfüllt, ging Rodin mit diesen Hilfsmitteln nun daran, seine äußere Erscheinung auf­zurichten. Er benutzte lebende Modelle von ähnlichen Körperver­hältnissen und bildete in verschiedenen Stellungen sieben ^voll­kommen ausgeführte Akte. Er waren dicke, gedrungene Männer mit schwerfälligen Gliedern und kurzen Annen, deren er sich bediente, und er schuf nach diesen Vorarbeiten einen Balzac, ungefähr in der Auffassung, wie die Naöarsche Daguerreothpie ihn überlieferte. Aber er fühlte, daß damit noch nichts Endgültiges gegeben war. Er kehrte zu der Beschreibung Lamartines zurück. Dort stand:Er hatte das Gesicht eines Elementes" und:Er besah so viel Seele, daß sie seinen schweren Körper trug wie nichts." Rodin fühlte, daß in diesen Sähen ein großer Teil der Aufgabe lag. Er kam ihrer Lösung näher, indem er allen den sieben Akten Mönchskutten anzulegen versuchte, von der Art, wie Balzac sie bei der Arbeit zu tragen pflegte. Es entstand hier­auf ein Balzac in Kapuze, viel zu intim, zu sehr zurückgezogen in die Stille seiner Verkleidung.

Aber langsam wuchs Rodins Vision von Form, zu Form. Und endlich sah er ihn. Er sah eine breite, ausschreitende Ge­stalt, die an des Mantels Fall all ihre Schwere verlor. Auf den starken Racken stemmte sich das Haar, und in das Haar zurück­gelehnt lag ein Gesicht, schauend, int Rausche des Schauens, schäumend von Schaffen: das Gesicht eines Elementes. ®aS_ war Balzac in der Fruchtbarkeit seines Lleberflusses, der Gründer von Generationen, der Verschwender von Schicksalen. 'Das war der Mann, dessen Augen keiner Dinge bedurften; wäre die Welt leer gewesen: seine Blicke hätten sie eingerichtet. Das war der, der durch sagenhafte Silberminen reich werden wollte und glück­lich durch eine Fremde. Das war das Schaffen selbst, das sich der Form Balzacs bediente, um zu erscheinen; des Schaffens Lleberhebung, Hochmut, Taumel und Trunkenheit. Der Kopf, der zurückgeworfen war, lebte auf dem Gipfel dieser Gestalt wie jene Kugeln, die auf den Strahlen von Fontänen tanzen. Alle Schwere war leicht geworden, stieg und fiel.

So hatte Rodin in einem Augenblick ungeheuerer Zu- fammenfasfung und tragischer Llebertreibung seinen Balzac ge­sehen, und so machte er ihn. Die Vision verging nicht; sie ver­wandelte fich.

Balzacs Tod.

Von Victor Hugo.

(Deutsch von Bruno Frank.)

Am 18. August 1850 erzählte mir meine Frau, dah Balzac im Sterben liege; sie war untertags bei Frau von Balzac ge­wesen. Eiligst ging ich hin.

Balzac litt seit anderthalb Jahren an einer Herzerweiterung. Nach der Februar-Revolution war er nach Rußband gereist urtb hatte dort geheiratet. Ein paar Tage vor seiner Abfahrt hatte ich ihn auf der Straße getroffen, er Sagte bereits und atmete raffelnd. Im Mai 1850 kam er nach Frankreich, jung vermählt, reich und dem Tod verfallen. Schon waren feine Beine ange- schwollen. Vier Aerzte untersuchten ihn. Einer von ihnen, Doktor Louis, sagte mir am 6. Juli, Balzac habe keine sechs Wochen mehr zu leben.

Am 18. August war abends mein Onkel, der General Louis Hugo, bei mir zu Tisch. Gleich nach dem Essen verließ ich ihn, nahm eine Droschke und fuhr nach der Avenue Fortunüe Num­mer 14. Hier, auf dem Grundstück, das ehemals dem General- Pächter Beaujon gehört hatte, wohnte Balzac. Er hatte alles angekauft, was vom ehemaligen Palais Beaujon noch stand, ein paar niedrige Baulichkeiten, die aus irgendwelchen Gründen der Zerstörung entgangen waren; diese alte Baracke hatte er wundervoll möbliert und sich so einen entzückenden Wohnsitz geschaffen. Das Einfahrtstor ging nach der Avenue Fortune«,

ein Garten gehörte nicht zu Balzacs Besitz, nut ein schmaler, langer Hof, in dessen Pflaster da und dort Blumenbeete ein* gelassen waren.

Ich läutete. Wolken zogen über den Mond. Die Straße war menschenleer. Niemand kam von drinnen. Ich läutete noch einmal. Die Tür ging auf. Vor mir stand eine Magd mit einem Licht.Was wünscht der Herr?" fragte sie. Sie weinte.

Ich sagte, wer ich sei. Sie führte mich im Erdgeschoß in einen Salon; dem Kamin gegenüber stand hier auf einem Sockel die überlebensgroße Büste Balzacs, von David. In der Mitt« des Raumes sah ich einen prächtigen Tisch von ovaler Form, den als Füße sechs schöne, vergoldete Bildsäulen trugen; auf dem Tisch stand eine brennende Kerze.

Dann kam eine andere Frau herein, die ebenfalls weinte. Gr stirbt," sagte sie.Die gnädige Frau ist nach Hause ge­fahren, in ihre eigene Wohnung. Seit gestern haben ihn di« Aerzte aufgegebeu. Er hat eine Wunde am linken Bein; es ist der Brand. Die Aerzte verstehen gar nichts. Erst haben sie ge­sagt, feine Wassersucht habe teigigen Charakter, es handle sich um eine Durchsickerung der Gewebe, die Haut und das Fleisch seien ganz wie Speck, und die Punktion sei unmöglich Aber im vergangenen Monat hat sich der Herr abends einmal beim Zubettgehen an einem Möbel mit Metallbeschlägen gestoßen, di« Haut ist geplatzt, und alles Wasser, das im Körper war, ist her- ausgelaufen.Aha", haben die Aerzte da gesagt. Sie waren ganz erstaunt und haben nun auch die Punktion gewagt.Wir machens wie die Natur", haben sie gesagt. Aber nun hat sich am Bein ein Geschwür gebildet. Doktor Roux hat es operiert. Gestern hat man den Verband entfernt. Aber die Wunde hatte nicht geeitert, sondern sie war rot und trocken und glühend heiß. Da haben sie gesagt:Er muß sterben", und sind nicht mehr wiedergekommen. Wir haben nach vier oder fünf anderen ge­schickt, aber alle haben gesagt:Da ist nichts mehr zu machen". Die Nacht war schlecht. Seit heute morgen um neun kann er nicht mehr sprechen. Die gnädige Fran hat einen Priester holen lassen. Der Priester ist gekommen und hat imferem Herrn die letzte Oelung gegeben. Linser Herr hatte ein Zeichen gemacht, daß er den Vorgang verstehe. Eine Stunde später hat er Frau von Surville, seiner Schwester, die Hand gedrückt. Seit elf Llhr röchelt er und sieht nicht mehr, was vorgeht. Er wird die Nacht nicht überleben. Wenn Sie wollen, hole ich Herrn von Surville; er ist noch nicht schlafen gegangen.

Die Frau lieh mich allein. 3<6> hatte ein paar Minuten zu warten. Der Schein der Kerze erhellte schwach die prächtigen Möbel des Salons und die schönen Bilder von Porbns und Holbein, die an den Wänden hingen. Llndeutlich, verschwimmend ragte in diesem Halbdunkel die marmorne Büste auf, als wäre sie der Geist des Mannes, der hier starb. Durch das Haus zog ein Leichen geruch

Herr von Surville kam und bestätigte alles, was ich von der Magd gehört hatte. Ich bat darum, Balzac sehen zu dürfen.

Es ging durch einen Korridor, dann über eine rotbelegte Treppe, auf der alle möglichen Kunstgegenstände zu sehen waren: Basen, Statuen, Bilder, Tischchen mit Porzellanfachen, und wieder durch einen Korridor. Eine Tür stand offen. Ein lautes, schreckliches Röcheln wurde vernehmbar.

Ich war in Balzacs Zimmer.

Mitten im Raum stand das Bett. Es war ein Bett aus Mahagoni; am Fuß- und am Kopfende sah ich Riemen und Querhölzer, ein Hängewerk, um den Patienten bewegen zu können. Balzac lag da, den Kopf gegen einen Berg von Kissen: gelehnt, zu dem man auch die roten Damastpolster des SofaS verwendet hatte. Sein Gesicht wat violett, fast schwarz, und mich rechts hin geneigt, er war unrasiert, sein Haar grau und kurzgefchnitten, das Auge weit offen und starr. Ich sah ihn im Profil; so glich er Napoleon.

Eine alte Pflegerin und ein Diener standen rechts und links vom Bett. Hinter dem Kopfende brannte auf einem Tisch eine Kerze, eine zweite nahe bei der Tür auf einer Kommode. Auf dem Nachttisch befand sich ein silbernes Decken.

Die alte Frau und der Diener standen da, schwiegen tote verängstigt und horchten auf das laute Röcheln des Sterbenden.

Die Kerze zu seinen Häupten beschien hell das Bild eines jungen Mannes mit rosigen, frohen Zügen, das neben dem Kamin an der Wand hing.

Vom Bett her kam ein unerträglicher Geruch Ich hob dte Decken in die Höhe und nahm Balzacs Hand. Sie war nah von Schweiß. Ich drückte sie. Es kam kein Gegendruck.

In diesem gleichen Zimmer hatte ich ihn den Monat vorher besucht. Da war er vergnügt und hoffnungsfroh, er zweifelte gar nicht an seiner Heilung und zeigte mir lachend seine Geschwulst.

Wir sprachen damals viel über Politik und stritten un& Er nannte mich einenDemagogen". Er für feine Person war königstreu, war Legitimist. Er sagte zu mir:Ich verstehe wirklich nicht, wie Sie so vergnügt auf Ihren Pairstttel haben verzichten können. Pair von Frankreich, das ist der zweitschönste Titel in der Welt! Nur König von Frankreich ist noch! schöner."

Ferner sagte er:

Ich habe das Hotel Beaujon gekauft, aber ohne den Garten. Dafür gehört mir der kleine Vorbau, der an die benachbarte Kirche stößt. Hier auf meiner Treppe ist eine Tür, ich brauche