Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger

Dienstag, öerrP. August

Jahrgang 1925

Hummer 66

Balzac.

Zum 75. Todestag des Dichters.

Von Geheimrat Dr. Oskar Walze l, o. Professor an der Universität Bonn.

Heine erwähnt George Sand mehrfach. Er huldigt der schönen Frau, er nennt ihren Stil eine Offenbarung von Wohllaut und Reinheit der Form. Gr hat nur Bedenken gegen den Stoff ihrer Werke. Balzac nennt er nur flüchtig, obwohl Balzac sein Freund war; Balzac hat ihm eins feiner Werke zugeeignet. In Lutezia" möchte Heine das Wesen derfemme entretenwe fest­stellen. Der Gegenstand hatte ihn längst gelockt. Sein Buch über Shakespeares Frauen hielt schon das Bild Kleopatras in den Farben dieser Pariser Luxusgeschöpfe, die wie er sagt ihre Titulargatten sehr oft mit Liebe und Treue, immer mit tollen Launen plagen und beglücken. Gr nannte Kleopatva eine unter­haltene Königin. 3nLutezia" heißt es, Balzac schildere neben Shakespeare diese Gestalten mit der größten Treue, er beschreibe sie, wie ein Raturforscher irgendeine Tierart oder eine Krank­heit beschreibt, ohne moralisierenden Zweck, ohne Vorliebe und Abscheu. Balzac also leistet auf einem Feld, das der Deobach- tungsgabe Heines gut lag, etwas Besonderes. Heine huldigt als Sachverständiger dem Freunde, Und er stellt ihn neben Shakespeare. Richt den ganzen Balzac neben den ganzen Shake­speare. Allein an einer einzelnen Stelle erkennt er etwas Ver­wandtes. Er schafft wohl als erster einen Zusammenhang, der in neuerer Zeit fast selbstverständlich geworden ist und den Ton angibt, wenn Balzac gewertet werden soll. Paul Dourget be- zeichnet Balzac als den erstaunlichsten Magier der Literatur feit Shakespeare. Für Hofmannsthal besitzt Balzac nach Shake­speare die größte, substantiellste schöpferische Phantasie. Sollte jemals einer die Äamen Shakefpeare und George Sand in einem Atem genannt haben? Es ist unwahrscheinlich. £?n jüngster Zeit ist es gewiß nicht geschehen.

Längst ja hat sich das Blatt derart gewendet, daß George Sands kaum noch gedacht wird, wenn von Balzac die Rede ist. Er hat was ihm zu seinen Lebzeiten nicht geglückt war sie weit überflügelt. Lauter und lauter erklingt das Lied von seiner Dichtergröße. Der letzte Abschnitt von Ernst Robert Cur» tius' tiefeindringendem Werk über Balzac meldet von diesem allmählich, aber ununterbrochen wachsenden Ruhm Balzacs. Das Buch von Eurtius selbst ist bestes und schwerwiegendes Zeichen dieser Tatsache.

Wie Curtius können Hanns Heiß, Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig, die vor Curtius vielleicht das Beste über Balzac gesagt haben, ihn nur an den größten Wortkünstlevn messen. Fast drängt so starkes Lob zu Widerspruch. Es lenkt den Blick auf die Grenzen von Balzacs Kunst. Es legt nahe, Einschränkun­gen, die auch bei den entschiedensten Bewunderern nicht fehlen, etwas stärker zu betonen. Um so mehr, wenn man geneigt ist, na>ch allem, was vom vergangenen Jahrhundert dem Roman nachgerühmt worden ist, zwar nicht je&er Erzählung in unge­bundener Rede, doch dem Roman eine minder hervorragende Stelle im Reich der Kunst zuzuweisen.

Balzacs Größe liegt im Verneinen. Gr ist nie stärker, er zeigt seine gewaltige Kraft, dem Leben die letzten Geheimnisse abzulauschen, dies Leben zugleich bezwingend zu spiegeln, nie besser, als wenn er die Gnttäuschungen des Lebens öarstellt. Les illusions perdues" könnte die Reberschrift lauten für die ganze lange Reihe von Bänden, die sichLa comedie humaine" betitelt.

Ein junger Dichter liest zum erstenmal einem größeren Kreis seine Verse vor. Rach Balzac sind die traurigen Erfahrungen, die solchem Erlebnis entkeimen, oft genug geschildert worden. Vor ihm hat deutsche Romantik, aber auch sie nicht zuerst, dies Motiv genutzt, hat gezeigt, wie hart die Ideale eines jungen Enthusiasten mit dem Alltag zufammenstoßen können. Doch neben solche rasche oder ironische Beleuchtungen des Vorgangs tritt bei Balzac ein erschütternd echtes Bild der Seelen'oorgänge, die sich Zug um Zug in dem mehr und mehr Enttäuschten abspielen. Von Enttäuschung zu Enttäuschiung geht es dann weiter. Immer ist zu spüren, daß all das ein Dichter erzählt, der Verwandtes tiefschmerzlich an sich selbst erfahren hat. Dieser Idealist Balzac, dem die Welt früh ihre böseste Seite offenbarte, matt mit grim­migem Hohn die Riedrigkeit der vielen, die sich gegen Ent­täuschung wappnen, indem sie die niedrigsten Miftel anwenden, die Welt zu betrügen und nach Gutdünken zu gängeln. Auch da ist der Künstler Balzac auf der Höhe.

Er hat gleiche Kraft nicht aufzubieten, wo er bejahen will. Die Menschen, die als Träger des Guten in seinen Romanen auftreten, sind romanhaft geraten, vergleicht man sie mit ihren Gegenspielern. Oder es sind Persönlichkeiten von einer Güte, die an Schwäche des Geistes grenzt, etwa fein Ptzre Goriot. Hätte man Goriot doch lieber nicht mit König Lear verglichen. Reben Lear gestellt, könnte Goriot erhärten, daß Balzac recht weit hinter Shakespeare zurückbleibt.

Die Geschichte von dem wohlbehüteten jungen Mädchen, das kühn mit einem vielgenannten Dichter in geheimen Briefwechsel sich einläßt, verrät Balzacs Absicht, den Wert einer stolzen unberührten Mädchenseele gegen den Schein wert auszuspielen, den ein Modedichter darstellt. Solange die ErzählungModeste Mignon" diese Kämpferhaltung wahrt, bestätigt sich DalzmS Kunst. Sobald aber Modeste Mignon aus ärmlichen Verhält­nissen zur Höhe der Gesellschaft emporgehoben wird, sobald Erdenglück des echten guten Menschentums geschildert wird, ge­winnt das Ganze nicht nur den Anstrich des Unwahrscheinlichen. Hier wie sonst, wenn Balzac die Kreise des Hochadels zeichnet, grenzt es an Snobbismus.

Gegen die Gesellschaft, die er verachtet, spielt er auch den großen Einzelnen mit Verbrecherneigung aus. Bau tri n, der ent­wischte Galeerensträfling, ist der Anarchist, der den Kampf mit Staat und Gesellschaft erfolgreich aufnimmt. Ein Catilina, der in einer besseren Welt ein Brutus hätte werden können. Aus Pluiarch, auf den schon Rousseau hingedeutet hatte, war dem jungen Schiller der Zauber catilinarischer Persönlichkeiten auf­gegangen. Er schuf Karl Moor. Seitdem hatte Dichtung das Lebensrecht großer Verbrecher gern verfochten, voran Byron. Balzac ging über die Vorläufer hinaus, indem er seinen Dautrin in eine wirklichkeitsecht gezeichnete Welt hineinstellte. Allein, wenn eines Tages dieser herkulische Gegner des Staates erliegt und, in eine Falle gelockt, sich tötet, weicht mit einem Schlage der Realismus und an seine Stelle treten die äußerlich spannenden Mittel des rührenden Sensationsromans. Da erweist sich, wie es von Balzac zu Sue weitergehen konnte.

Balza chatte in jungen Tagen, immer dank seiner Kämpfer­stellung, immer empört über das Treiben der Welt, ihr tief ins Herz gesehen. Dann bürdete er nur noch feiner unerschöpflichen Phantasie die ungeheure Aufgabe auf, die er in feinen Romanen gelöst hat. Reben echteste Abbilder starkerlebten Lebens trat Phantastisches. Balzac, der sein Lebtag aus Schulden nicht herauskam, hat als erster Dichter die Bedeutung des Geldes für die Gesellschaft erkannt und dargestellt. Das Treiben der Großkapitals sten zeichnet er zuweilen mit unbeirrbarer Sach­kenntnis. Aber daneben wird er oft, wenn von Geldgewinn die Rede ist, ganz so phantastisch wie er es im Leben war, wenn er im Handumdrehen Millionär werden wollte.

Ein großer Künstler, ein Menschenschöpfer, ein bannender Erzähler. Doch in dem mächtigen Strom der Geschehnisse seiner Romane geht es oft aus dem Reich erlesener Kunst ins Ge­wöhnliche über. Das Ganze ist ein gewaltiges Werk. Ein einzelnes höchstes Werk hat er nicht geschaffen. Sief er Franzose hat wenig von der Freude des Romanen an der wohlgegliederten, strenge Tektonik wahrenden Gestalt des Kunstwerks. Kaum in Bücher, vollends nicht in Kapitel geteilt, flutet fein Erzählen hin. Das ist deutschem Formwiften verwandter. Wer neueste Kunstbegriffe anwenden will, muß Balzac den Drang nach Vollendung ab­sprechen. Gr ringt nach etwas Unendlichem. Das rastlose Werden, das sich in seiner ganzen Leistung abspielt, überragt an Wert weitaus das in sich geschloffene Sein der einzelnen Dichtungen Balzacs.

RodinsBalzac".

Von Rainer Maria Rilke*).

... Und sv ist auch der Balzac. Rodin hat ihm eine Größe ge­geben, die vielleicht die Gestalt dieses Schriftstellers überragt. Gr hat ihn im Grunde seines Wesens erfaßt, aber er hat an den Grenzen dieses Wesens nicht Haltgemacht; um seine äußersten und fernsten Möglichkeiten, um fein .Unerreichtes hat er diesen mäch­tigen Kontur gezogen, der in den Grabsteinen fernvergangener Völker vorgebildet scheint. Jahre -und Jahre hat er ganz in dieser Gestalt gelebt. Er hat Balzacs Heimat besucht, die Land­schaften der Touraine, die in feinen Büchern immer wieder auf«

) Aus Rilke: Auguste Rodin (Insel-Verlag in Leipzig).