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Insel", „Pygmalion", „Zurück zu Methusalem" oder „Heilige Johanna" zweifellos größte Kassenerfolge und Zugstücke ersten Acmges. Trotzdem habe ich in London vielen Äufführungsn bei nur halbgefüllten Theatern beigewohnt.
Trotz dieser geringen Anhängerschaft in England selbst sind seine Stücke natürlich immer beachtenswert. Selten aber wird der Durchschnittsbesucher, um es frei herauszusagen, das Theater befriedigt verlassen. Er versteht nicht, den Zuschauer in Dann zu halten und die Sorte von Stücken zu schreiben, die man im allgemeinen als „Zugstücke" bezeichnet. Mit zu viel Spott und beißender Ironie ausgestaltet, ist er dem Engländer nicht englisch genug. Gr wirkt vielfach unnatürlich und zügellos in seiner Phantasie. Seine größte Stärke liegt in der Perfislage. In Amerika war er stets ein großer Erfolg, weil er die Engländer sich so benehmen läßt, wie die Amerikaner meinen, daß diese sich benehmen sollten. In Frankreich gilt er als der wahre Vertreter echt englischen Geistes, doch wird hier vielfach über» scheu, daß er nur ein Karikaturist des englischen Lebens ist. Trotzdem kann der Franzose mit seinem gallischen Temperament den Sprüngen seines Geistes am besten folgen und die Feinheiten seines Witzes am besten verstehen. In Deutschland wird vielfach das, was Shaw fathrisch meint, für bare Münze genommen. Der Deutsche kann dem irischen Deinperament nur schwer folgen. Kein Wunder, daß der feine Humor Shaws, der in seinem Esprit oft an Aristophanes erinnert, vielerorts« ab8 Aeberschwenglichkeit ausgelegt wird. Der bekannte englische Karikaturist Max Deerbolm hat ihn einmal als ständig auf dem Kopfe stehend dargestellt, während Winston Churchill, der jetzige Schatzmeister, ihn als einen „glänzenden geistreichen Clown" bezeichnet hat.» Da die meisten Leute heute lieber lachen als weinen, so ist sein Wert in unserer heutigen traurigen Zeit unleugbar.
Amerikanische und europäische Hitzeperioden.
Bon Dr. W. Peppler.
VRe in Europa, ist in Nordamerika das Wetter sehr veränderlich und der Charakter der Witterung ganzer Jahreszeiten wechselt von Kahr zu Jahr stark. Der Aebergang der Temperatur von Kälte zu Wärm« ist in den Bereinigten Staaten «och viel schroffer als in Europa, da der eigentümliche Dau des nordamerikanischsn Kontinentes den tropischen und polaren Luftströmen freien Zutritt gestattet, woraus wiederum starke Temperatursprünge entstehen. Bekannt sind die außerordentlich schroffen Temperaturwechsel der Bereinigten Staaten, die oft 60 bis 70 Grad in 24 Stunden betragen, besonders, wenn ein warmer Aequatorialstrom vom Golf von Mexiko von einem Polarluft- einbruch abgelöst wird. Weniger plötzlich entwickln sich im allgemeinen die sogenannten Hitzewellen, ein Ausdruck übrigens, der wenig zutreffend ist, da sich große Hitze im Amerika, ebenso tote in Europa, weniger durch den plötzlichen Zufluß warmer Luftmassen entwickelt, sondern an Ort und Stelle durch die Erhitzung des Erdbodens unter der Sonnenstrahlung. Dazu ist eine bestimmte Wetterlage Vorbedingung, nämlich ein Gebiet hohen Luftdruckes. Wenn im Sommer ein Hochdruckgebiet, in dem wolkenloser Himmel herrscht, sich auf längere Zeit über dem Kontinent festlegt, dann erwärmen sich der Gri>bod«n und die unteren Luftschichten in von Tag zu Tag steigendem Maße, so daß schließlich Hitzgrade von 30 bis 40 Grad Celsius zustande kommen. 3n Europa macht man sich vielfach übertriebene Vor- stellungen von den amerikanischen Hitzegraden; es dürste deshalb von Interesse sein, festzuflellen, welche Wärmegrade drüben in heißen Sommern erreicht werden. Höchsttemperaturen von 100 Grad Fahrenheit oder zirka 38 Grad Celsius, kommen in den Bereinigten Staaten mit Ausnahme der Küstengegenden und der Gebirge fast überall vor. Höchsttemperaturen von 110 Grad Fahrenheit oder zirka 43 Grad Celsius sind aber schon eine große Seltenheit, und im allgemeinen auf den Südwesten, besonders Kalifornien beschränkt. Dort kommen die größten Hitzegrade vor, und zwar in dem durch seine furchtbare Sommerhitze berüchtigten Tobestal, wo im Sommer 1891 122 Grad Fahrenheit oder 50 Grad Celsius, und in dem letzten Jahrzehnt einige Male 54 bis 56 Grad Celsius gemessen wurden. Das sind Temperaturen, die nur dadurch noch von Menschen einigermaßen ertragen werden, daß sie gleichzeitig mit großer Trocken- hest der Luft verbunden sind. Dei großer Feuchtigkeit der Lust würden diese Temperaturen unbedingt zum Hitzfchlag führen. Temperaturen von 50 Grad Celsius und mehr sind auch im Innern Australiens, in der Sahara, Arabien, im Pandschab und in anderen Gegenden der trocken-heißen Klimazonen beobachtet worden. Es muh ausdrücklich bemerkt werden, daß diese hohen Temperaturen wirkliche Lusttemperaturen find. Die Erwärmung des Bodens ist meist noch viel höher und erreicht in Wüstengegenden um die Mittagszeit mehr als 100 Grad Celsius. Abgesehen von dem kalifornischen Hitzegebiet find Temperaturen von 110 Grad Fahrenheit ober 43 Grad Celsius in den übrigen Staaten der Union durchaus nicht häufig. Hitzewellen, tote die, die vor kurzem die östlichen Staaten heimsuchte, sind glücklicherweise eine Seltenheit. Gewöhnlich beginnt die Entwicklung der Hitze in den zentralen Gebieten, besonders im breiten Mississippi
tal und erstreckt sich von dort nach den Oststaaten. Auf den westlichen Plateaulandschaften ist die Hitze weniger stark, da ihr hier die nächtliche Abftihlung unter dem klaren Himmel des Hochlandes entgegentoirft. Natürlich ist die Wärme in den Industriegebietes und besonders den großen Städten beträchtlicher als auf dem freien Lande, da in dem Häusermeer die Ventilation gering ist und die Hitze sich auch während der Nacht erhält, oder aber doch die nächtliche Abkühlung erst spät am Abend einsetzt und gering ist. Man hat erst in den letzten Jahrzehnten genauer erkannt, daß bei der Entwicklung großer Hitze der Staubgehalt der unteren Luftschichten erheblich mitwirkt. In trockenen Hitzeperioden wächst der Staubgehalt, der sich durch starke DunsttiÄbung verrät, von Tag zu Tag, besonders bei ruhigem Wetter. Die von dem Staub direkt absorbierte Strahlungswärme verstärkt die Hitze und außerdem wirft die Staubschicht der nächtlichen Abkühlung des Bodens entgegen. Dieser Hitzedunst ist eine eigentümliche Begleiterscheinung der Hitzeperioden.
Die amerikanischen Hitzewellen beeinträchtigen in erheblichem Maße die gesamte Wirtschaft des Landes. Es ist sestgestellt, daß große Hitze die Sterblichkeit der Bevölkerung ganz erheblich erhöht, besonders in den Großstädten und den Industriegebieten. In der Hitzeperiode des August 1891 hatten die Vereinigten Staaten über 2000 unmittelbar durch Hitzfchlag verursachte Todesfälle. Ob die letzte Hitzewelle vom Juni dieses Jahres einen Rekord an Höchsttemperaturen und verderblichen Wirftmgen darstellt, wird sich erst beurteilen lassen, wenn die genauen meteorologischen Beobachtungen und statistischen Feststellungen vorliegen.
In Europa werden solche Wärmegrade wie bei den amerikanischen Hitzewellen gelegentlich auch erreicht, aber die verderblichen Wirkungen auf den Menschen sind deshalb nicht so stark, weil in Europa große Hitze meist mit Trockenheit der Lust verbunden ist, während in Amerika die Luft dabei meist feuchter ist. Daß Hitzschläge besonders bei seuchtheißer, also schwüler Luft eintreten, ist allgemein bekannt. In Deutschland hat es in manchen Sommern Hitzeperioden gegeben, die an die amerikanischen Hitzewellen annähernd heranreichen. Die große, fast an das An erträgliche grenzende Hitze des Sommers 1921 ist noch in frischer Erinnerung. Die Höchsttemperaturen gingen 1921 iin der Rheinebene, dem wärmsten Gebiet Deutschlands, über 38 Grad Celsius hinaus, was 108 Grad Fahrenheit entspricht. In einigen Großstädten ist das Thermometer örtlich auf über 40 Grad Celsius gestiegen.
Man hört ost die Ansicht, daß die amerikanischen Hitzewellen nach einiger Zeit in Europa aufträten, also wirklich die Eigen- schasten von Wellen besäßen, die von Westen nach Osten wanderten. Diese Meinung ist wohl in vorgefaßter Analogie zu der Tatsache entstanden, daß gelegentliche atmosphärische Strömungen, wie Sturmwirbel, den Ozean überqueren und nach sechs bis sieben Tagen in Europa eintreffen. Dies trifft aber für die amerikanischen Hitzewellen nicht zu, denn diese sind durch Erwärmung des Festlandes entstanden und würden bet einer Wanderung über den relativ kühlen Ozean ihre Wärme bald verlieren. Höchstens könnte man daran denken, daß die Vorbedingung der amerikanischen Hitzewelle, nämlich ein Gebiet hohen Luftdruckes, sich nach Europa verlagern könnte und hi« an Ort und Stelle ein neues Hitzegebiet erzeugen könnte. Dtese Möglichkeit ist nicht gcmz ausgeschlossen, hat aber noch teure Bestätigung an der Hand der Wetterkarten finden tonnen, die heute Dank der drahtlosen Telegraphie vom Pazifischen Ozean über Amerika, den Atlantischen Ozean und Europa bis Sibirien reichen.
Der blinde Geronimo und sein Bruder.
Don Arthur Schnitzler.
(Schluß, )
»Run ja," sagte Carlo ratlos. „Aber tut verstehst doch, warum ich da oben vor den anderen — ich habe gefürchtet, daß da das Ganze auf einmal--And sieh, Geronimo, es wäre
doch an der Zeit, hab' ich mir gedacht, daß du dir einen neuen Rock kaufst und ein Hemd und Schuhe auch glaube ich; darum ^Dm Blinde schüttelte heftig den Kopf. „Wozu?" And er strich mit der einen Hand über seinen Rock. „Gut genug, warm genug; jetzt kommen vxr nach dem Süden." »
Carlo begriff nicht, daß Geronimo sich gar nicht zu freuen schien, daß er sich nicht entschuldigte. And er redete werter/ Geronimo, war es denn nicht recht von mir? Warum freust bfu dich denn nicht? Nun haben wir es doch nicht wahr? Nun haben wir es ganz. Wenn ich dir's oben gesagt hätte. wer weiß ... Oh, es ist gut, daß ich dir's nicht gesagt habe — gewiß!
Da schrie Geronimo: „Hör' auf M lügen, Carlo, ich hatte SenU®arito>Wieb stehen und ließ den Arm des Bruders los. „Ich lüge nicht." .
„Ich weiß doch daß du lügst!.. ■ Immer lugft du!... hundertmal hast du gelogen!... Auchdas hastdu füröt halten wollen, aber Angst hast bu bekommen, das-st £1
Carlo senkte den Kops und antwortete nichts. Er faßte wieder den Arm des Blinden und ging mit ihm werter. Es tat


