Etz ich mich m acht nehmen: da kann ich ein klein wenig traurig br 2)1 Sehnsucht nach Dir, nach Fritzen, Herden? qtAIr&snrr subaltenren, teilnehmenden Seele nimmt überhand totiiber.“16 TtU®* Aufkommen, beschäftige mich, und so geht'»
Wir habmi ein alt^ Gedicht unter unseren Kinderreimen, ” Ammemrhr. Es tft einer der Schätze unserer Sprache: eS Wrt ^rrllch wts der Mitternacht in den Morgen ßfaX In öte Witternachtsstrophe Hingt der vergangene Tag noch von fern herüber: er Ixrabschiedet sich mit einer letzten Sorge: Hilfe für Dann kommt die erste Nachtstunde, die wundervolle <jasur zwischen Gestern und Morgen:
Gott alles weih.
Das Mäuslein beißt f
Die Ahr schlägt ein. r
Der Traum spielt auf den Kissen dein.
/st in knappen Zeilen ein dunkler trunkener Klang: stille trefe Erloschenhert: das größte und das kleinste Leben, Gott und das knuspernde Mäuschen, treten heimlich und deutsch zusammen. ®te unn fortschreitend gegen den Tag geht, wird alles nach- heft dmghaft und köstlich oberflächlich. Das Schattig« durchhellt sich, das Verborgene und Heimliche ernüchtert sich. Mit der steigenden Sonne kommen simple Gefühle, klare, putzig« kleine Holzschnitte, ein lusttger Singsang, und alles endet schließlichveriungt und ausgefchlafen bei dem lachenden Kmd, das seine Morgensuppe löffelt. Die prächttge Nüchternheit und Flachheit der Morgenfrühe ist da, wo der Mensch, wieder ganz einig ist mit seinen Pflichten und Zwecken.
Der frühe Morgen hat keine Grübelei, keine Probleme. Das Heilige und das Wirkliche reimen sich in ihr. Die Kühle der Luft zieht den Geist gleichsam physisch zusammen und bestärkt ihn zu wunderbaren Eingebungen und Schlichtungen. Er fühlt' Verzweifeln^ ist Trägheit und Rätselraten ist Müßiggang. Die Morgenstunden gehören der durchdringenden Heiterkeit. Sie habm ein Geheimnis und ein Schweben im Aferlosen; aber hart dabei haben sie den frischen Mut, das frische Lied, die mit munterem Marschschritt in den Tag hineingehen. Morgenfrühe ist die Stunde der Arbeiter und Soldaten, voll Rüstigkeit und Anvernunft des Daseins, Stunde der Wanderlust und des guten Gewissens. Ein Abglanz ihrer unbewölkten Himmel, ein Hauch ihrer taukühlen Nüchternheit, ein Strahl ihrer jugendlichen Sonnen, ein Schwaden ihrer unverbrauchten, heiligen Sttlle liegt über allem großen Geistwerk, das der Mensch je und je hervorgebracht hat. Was himmlisch daran ist, das hat sie gesegnet. Die Tagforgen und die Nachtgedanken hat sie immer wieder gebändigt und die Menschen zu der großen Gesundheit und Heiterkeit erfrischt, aus der alle Gipfelwerte unseres Geschlechtes glänzend aufgestiegen sind.
Geheimnis der Morgenstunde.
Von Wilhelm Michel.
Die frühen Morgenstunden haben eine natürliche Hinneigung Gemüts. Man steht am Fenster und blickt Maus. Alles ist Garten, selbst die Stadt mit ihren Sachen aus Stern und Holz. Man faßt die Ding« unendlich sublim und sinn- jwf- Mes, was geschieht, vollzieht sich sauber und tatsächlich. Was vor die Augen oder inneren Sinne tritt, verwandelt sich Landschaftlich und anschaulich wird auch die L^er.GAEken. Schlanke, blutjunge Schatten strecken sich, unbelastet nut Geschichte, über das betaute Feld. Die Dinge firü» "tcht gepalten: sie wohnen mitten in ihrem Sinn. Die Häuser sind Gärten, die Wolken am Himmel und die Vögel auf der Fensterbank stehen noch vor dem Sündenfall. Nichts ist dienstbar oder versklavt, alles hat noch seine natürliche Gabe, L^-E^^Iabe an Freiheit. Die frühen Morgenstunden sind das Ostern eines jedes Tages; sie sind unser wahres, richtiges Juorgenlano.
Die Straße vor dem Haus hat noch keinen bösen, finsteren Gedanken getragen. Dinge der Nacht, selbst die Reste von Ver- brechm, die im Dunkel geschahen, liegen unschuldig und stumm am Weg, ohne Zeugen, ohne Schrei und Anklage Erst später FT" £te ®öHne hoch kommt, gewinnen sie Stimme und erheben das „Gerüste, werden böse und zauberisch
Ich stand einmal früh am Fenster, gellärt von durchschlafener Nacht und frisch durchkühlt von Morgenluft. Ein Mann duckte sich unten auf der Straße die Gärten entlang, zögerte, schlich weiter warf dann an Paket in Papier weit von sich mitten auf den Weg, und strich eilends mtt krummem Rücken und häufigem Amsehen davon. Ein Mensch der früh morgens schon ein schlechtes Gewissen hat, der sich bückt und duckt, als wolle er in einen Schatten untertauchen, der doch nicht mehr da ist, gibt einen . wunderliche Anblick. Er ist aus einer vergangenen Zeit. Gr gehört noch ins Gestern. Er ist ntxß ein Rest der Nacht Die lunge Sonne vertreibt ihn wie einen Nachtschatten; sie frißt “F so natürlich auf tote den Tau von den Gräsern. In seinem SScSr'T11 S eta fast physikalischer Vorgang, dem man leidenschaftslos und heiter zusieht, weil man in den frühen Morgen- stunden alles fachlich betrachtet und für parteiliche, selbst für sittliche Erregungen nicht zugänglich ist. Sn jenem Paket war ein gestohlenes, erwürgtes Häschen. Nichts Schlimmes. Es lag d^ und der Ort wo es lag, war im ganzen Weltall der einzige der ihm zukam. Sch ließ es liegen. Erst spätere, schon mehr vom Tag ergriffene Menschen, die hinzukamen, fanden, daß das Haschen nicht hierher gehöre. Es ist merkwürdig, wie die Leute an einem solchen Zeugnis der lächerlichen Phantasie eines Nachtmenschen herumzausen können. Sie bilden einen Kreis darum, sie geben es von Hand zu Hand, zetteln es auf kritisieren vermuten und untersuchen. Dann sieht man plötzlich ein baß sie recht haben, und dann ist die Morgenfrühe vorbei.
Wahrscheinlich durchläuft der Mensch jeden Tag schattenhaft seine innere Geschichte und die seines ganzen Geschlechts. Sie begrünt mit dem Paradies, führt in den Fall, in die Tat und in dre Schuld, und endigt , mit der Frömmigkeit des erlösenden Schlafs. Jeden Tag belädt er sich neu, und niemand kann erklären, wie der Schlaf ihn so reinigen und erneuern kann, daß er des Morgens blutjung wieder am Anfang steht-
Das Entsetzlichste ist, einen solchen Kummer zu haben, daß man früh morgens schon wieder erweicht wird und weinen kann. Emand sollte so leiden. Mörike Hat jenes Gedicht geschrieben: ^oenn dre Hähne kräh'n." Es ist schön und einfach, aber unerlaubte Zerstörung des Gemüts aus, s E>rw Tageszeiten, besonders aber dem Srnn der Morgenstunde, heftig widerspricht. Der Morgen duldet ™neP, Kummer. Der Morgen gehört dem objektiven Sein des Menschen, nicht feinen wechselnden und privaten Gefühlen. Zu ?te Auhelage der Seele. Daher kommt es, daß Musik, selbst gute und heitere Musik, am frühen Morgen gewaltsam und zehrend wirft. Der Morgen ist die klaiMcke imd heidnische Periode des Menschentages" Er ist äe Sttl'L des naturhasten Einklangs, der sich erst später christlich aufspalten und durch abendliche Not als „Erlösung" wiederherstelleii darf Denn der Abend, wenn er rein gelebt wird, bringt immer das Fragezeichen hinter unsre Situation. Er ist die typische Wunsch- zett, die Stunde der Gefährdung und der ernsten Frage, ob wir da recht sind, wo wir find. Am Abend schätzt man erst das Haus ~ nicht bloß wegen Dach und Bett. Selbst Goethe schrieb aus Italien: Ich bin recht wohl und munter, nur gegen AbÄrd
Tagebuchblätter.
Von Paula Moder so hn- Beck er.*)
März 1899.
»Also sprach Zarathustra" beendet. Ein köstliches Werk. Es wirkt auf mich berauschend mit seiner morgenländischen Psalmen» spräche, mit seiner tropischen Fülle leuchtender Bilder. Manch«; Dun sie stört mich nicht. Ich schaue darüber hinweg. Verstehen wir denn im Leben alles? Der Nietzsche mit feinen neuen Werten ist doch ein Riesenmensch. Er hält die Zügel sttamm und verlangt das Aeußerste der Kräfte. Aber ist das nicht di« wahre Erziehung? Sollt« nicht in jeder Liebe dies Streben liegen, den geliebten Gegenstand zu feinen schönsten Möglichkeiten zu treiben? Mir war es sonderbar, klar ausgesprochen zu sehen, was noch unflar und unentwickelt in mir ruhte. Ich fühle mich wieder freudig als moderner Mensch und Kind meiner Zeit.
Den „Niels Lhhne" lese ich jetzt zum zweiten Male mit allen meinen Nerven. Er berauscht alle meine Sinn«. Meine Seele wandelt durch eine blühende Lindenallee in der Mittagsstunde. Der Duft ist fast zuviel für sie.
Es ist ein eigenartiges Buch mit seiner subtilen psychologischen Durchbildung. And so einfach dabei, so lebend. Leben mit glühenden Farben, mit Sonnenschein und Nachtigallennächten, dazwischen eine säuselnde Musik, die des Menschen Ohr hörst- ahnt und nicht versteht.
Nie hat jemand mir so die Stimmung eines Zimmers in die Seele gezaubert. Man fühlt vorher, was für Gedanken in dieser
*) Dem „Almanach" des Kurt-Wolff-Verlags entnommen.
Gietzener Zamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1925 Samstag, den 18. Mi " " nimmer 57


