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«chrtstleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange.
- Druck und Verlag der BEschen Aniv..Duch. und Steindruckerei. A. Lange, Metzen.
müdes Gesicht, und es war zu Traum ging. Dann hob er ben
Wetter snacken. Von die Zeiten, da wir jung waren und Sie mich manchmal ein' Kutz gaben. Aber allens in Ehren, Herr Hitscher, Sie haben sich nix vorzuwerfen und ich mich auch nich. Sie waren ja ein fernen kleinen Menschen, und ich war man blotz Line Langbeen, halt' kein' Vater und kein' Mutter und mutzt' dienen, so lang' ich auf diese Welt war. Darum wollt' ich so gern, datz mein Paul ein büschen mehr Spatz von seine Kindheit haben sollt' als seine Grotzmutter. Abers der kommt sicherlich auch noch mal ins Loch, weil er das so gut von mich kennt."
Buhmannsch lachte ein wenig.
„Kann mich denken. Sie sollen woll auch fitzen. Heutzutage sitzen ja die feinsten Herrschaften. Das würd' ich mich abers nich gefallen lassen, Herr Hitscher, und wenn ich Ihnen wär', denn blieb ich hier bei mich und lauerte auf den Ewer, der von hier nach Terschelling segelt. Er mutz so wie morgen oder übermorgen kommen, und dem Schiffer sein Kind hab' ich den Ausschlag weggebracht, was ein Berg Doktors nich vermocht haben. Der Mann tut mich gern ein' Gefallen."
„Ich habe kein Geld zur Reise, und die Leute werden mich auch hier suchen."
Buhmannsch lachte noch mehr.
„So leicht kommt hier kein ein' hin, da hab' ich gut for gesorgt, besonders nich im Dunkeln, und wenn ein' von der Pollerzei neugierig ist, denn soll er ein Dutzend von die Geislers schreien hören. Und ein büschen Geld hab' ich mich auch verdient, das ich Sie gern geben will von wegen die alten Zeitens, und weil Sie immer so nett gegen mir gewesen sind."
Hitscher machte eine ablehnende Bewegung. „Line Langbeen. das kann ich nicht annehmen. Sie haben doch auch einen kleinen Enkel, für den Sie sparen müssen."
„Is schon recht." Die Alte sah brütend vor sich hin. „Den wird es nicht mit meine Karrjeer glücken, is zu dumm und hat da auch kein Spaß von. Grad wie sein Mutter, die von mich weggelaufen is, weil sie das schanierre, datz ich mannichmal ins Loch kam. Au ich sie tot, grad wie . mein Mann all lang tot is. der sonstens nich so schanierlich war und sich all mein Verdienst geben ließ, Buhmann hieß er. und ein richtigen Buhmann war er. Aa, nu is er tot, und allens, was mich von meine Familje geblieben is, is der klein Jung; und ich wollt' woll. datz was aus ihn würd', älnd ich denk', wenn Sie nu nach Holland gehn, Herr Hitscher, und rabbeln sich ein büschen zusammen und nehmen mein büschen Geld.mit, denn denken Sie auch nachher an mein' klein' Jungen, und daß er Line Langbeen ihr Enkes is.. Und^ vielleicht helfen Sie ihm noch ein büschen weiter in diese
Buhmannsch richtete ihre Augen auf den alten Mann, der ihr nach einer Weile die Hand hinstreckte.
„Line Langbeen, du bist die einzige, die noch Glauben zü mir hat. Hoffentlich ist dein Glaube keine Täuschung."
Drei Jahre waren vergangen, und Buhmannsch kam wieder einmal aus dem Gefängnis. Denn sie hatte wieder zu zaubern und zu kuren versucht und war dabei erwischt worden. Gleichmütig ging sie die Dorfstraße hinauf; dorthin, wo das Armenhaus lag und wo Klaus Stuhr noch immer seines Amtes wartete. Er stand auch in der Gartentür und sah der alten Frau blinzelnd, entgegen.
„Geh du man wieder nach Wöhler seine Kate!" rief er ihr zu, „die wartet all auf dich und was die Geister sind, die schreiens nach dich."
„Haben Sie nich meinen kleinen Jung' in: Verwährung?“ fragte die Alte kurz.
Er räusperte sich. „Ich hab' ihn gehabt, Buhmannsch. und ich muß sagen, daß es einen klein nüdlichen Dengel war, gav nich,, als ob er mit dich verwandt wär, wo du mich noch damals mein Swarzsauer genommen hast!"
„Wo is er?“ Buhmannsch' Augen begannen so zu funkeln, daß der Betvater hastig weiter sprach: „Sei man nich bös, ich sag' es all, und ich hab' da kein' Schuld zu, so daß du mich keine Gespenster auf'n Leib zu hetzen brauchst. Da is doch Herr Hitscher wieder gekommen, derselbige, der hier einmal war, und der denn bankrott machte. Aa, du wirst ihm nich kennen, weil er ein von die Reichen gewesen is und nm auch wieder Geld hatt'. Zum wenigsten hat er mein' Ollsche bezahlt und allens, was er hier noch ausstehen hatt'. Llnd denn is er mit'n Ortsvorsteher ins Armenhaus gekommen und hat sich deinen Jung' geholt. Der soll was lernen und soll was Feines werden. So hat mich der Ortsvorsteher gesagt, abers, wie ich ihn frag', woso der Mann grad auf dein Enkelkind verfallen is, da sagt der Vorsteher, daß mir das nix anginge. Was ich eine greuliche Antwort finde. Abers so sind die Großens, was sie nich patzt, damit kommen sie nich raus. Lind wenn du dem Dersteher mal ein duschen was antun wollst, so soll es mich recht sein, weil, daß er mich ein Snapsbruder genannt hat. was doch einfach gelogen iS."
Dem Betvater war der Atem ausgegangen. Jetzt erst be- nierkte er, daß Buhmannsch' ganzes Gesicht zuckte, und daß in ihren glitzernden Augen Tränen.standen.
™ .”®kragte er halb erstaunt, „dann komm man rein.
• Ollsch kann dich ein Sluck Kaffee geben, und du kannst mich sagen, was ich mit meine hohlen Zähnens anfangen soll, Du willst mch? Hast was mit die Gesundheit?"
buhmannsch schüttelte den Kopf: „Mich fehlt nix, bloß ein bullen Swindel. Morgen bin ich wieder oll reit!" Lind sie ging langsam nach Wöhlers Kate.
E n d el
Kopf und sah in Buhmannssch' er mit einem halben Lächeln, aufs Feuer. „Oha, wo einmal
Sie stellte den Wasserkessel ______ „ ... .. , .
lange, Herr Hitscher! is nich zu glauben, abers es is so, und ich freu mir auch nich wenig, datz Sie an mir gedacht haben. Und ich kann noch ebensogiit Kaffee machen wie Anno dunnemals,
Buhmannsch schöpfte Atem und drückte ihren Gast auf den besten Strohstuhl dicht vorm Heröfeuer. Denn sie hatte den alten Mann während des Redens in ihre Hütte geführt, wo er jetzt sah- und noch keine Worte gefunden hatte. Er hatte ein merken, datz er noch wie im
und wenn Sie mich die Ehre antun und ihn bei mich trinken; wollen, dann will ich den Tag rot anstreichen in mein' Kalender, wo ich nich mehr viel angenehme Tage hab'."
Herr Hitscher antwortete nicht viel. Es war lange her, datz er jung und sorglos gewesen war und mit Line Langbeen getollt und gelacht hatte. Er wußte kaum etwas mehr von dem Mädchen, aber er ließ es sich gefallen, daß sie ihm eine große Tasse mit warmem Kaffee hinstellte, die er in kleinen Schlucken austrank, lind während er trank, begann er halb für sich zu sprechen.
„Ich habe immer gearbeitet und so viel verdient, daß ich ein gutes Leben haben konnte. Da bin ich heimgekshrt, weil ich hier sterben wollte, älnd nun macht mein Sohn bankerott und reiht mich in sein Verderben. Run kann ich meine Gläubiger nicht bezahlen, und mein ehrlicher Rame ist geschändet. Seit Wochen habe ich nicht schlafen können, und endlich gebe ich den Kampf auf."
Buhmannsch schenkte ihm noch eine Tasse ein, und er merkte es nicht, wie sie einige Tropfen in den heißen Trank mischte.
„Richt slafen können, du lieber Gott," sagte sie mitleidig. „Was sind das for Geschichten, Herr Hitscher. Das war ehmals nich so; da verzählten Sie, daß Ihr Vater doll war, weil daß Sie nich aus die Posens finden konnten. Mich beuch, Sie sollten sich hier ein büschen aus ruhen und die ganze Geschichte beslafen. Man sollt' nicht denken, was so'n büschen Slaf macht: Denn is der Welt mit einmal anders."
Ihre Stimme klang beruhigend, und Jan Hitscher horchte unwillkürlich auf sie.
»Was ist eigentlich aus Ihnen geworden, Line Langbeen?" fragte er. »Jetzt weiß ich, wer Sie waren. Sie waren hübsch und lustig, und immer vergnügt."
Die alte Frau stieß einen schweren Seufzer aus. „Herr Hitscher, von inich is nich viel Guts zu verzählen. Könnt' ich das, denn hätt' ich Ihnen all mal besucht und hätt' nich gewartet, bis daß Sie an mir dachten. Ich hab' kein Vater und kein' Mutter gehabt, und ich bin in flechte Gesellschaft gekommen und hab' mir nix aus Diebstahl und aus andre Dinge gemacht. Abers, das verzähl' ich Sie, wenn Sie ausgeslafen haben, und nebenan 'hab ich ein' neuen Strohsack und eine gute Wolldecke. Ruhen wie sich man ein büschen aus."
Der alte Herr war schläfrig geworden. Er lieh sich ohne Widerspruch in das kleine Rebengelaß bringen und schloß schon die Augen, ehe Buhmannsch die Kammer verlassen hatte. Da konnte sie ihm noch leise den Revolver aus der Tasche ziehen. , Hitscher schlief viele Stunden, und als er erwachte, da Wtorte er erstaunt auf seine einfache Umgebung und auf die alte Frau, die neben ihm stand und ihm eine stärkende Suppe reichte.
„Rehmen Sie man, Jan Hitscher, und vermüntern Sie sich. 4tu müssen Sie aufstehen und sich bedenken, was Sie tun wollen." vaben fein geslafen," setzte sie triumphierend hinzu, „nu wird allens wieder gut".
Jan Hitscher hatte auch ein anderes Gesicht bekommen, als EierMmecken S ^iner Wirtin erschien und sich einige Hestn" sehr herunter gewesen," begann er mit einem ^n!.™9 Verlegenheit; „letzt aber will ich wieder ins Dorf zurück und meine Sachen in Ordnung bringen. Mehr als bankrott kann ich doch nicht werden.
Buhmannsch räusperte sich und sah aufs Wasser, auf dem wieder einige Fischerewer schwammen.
*■ ^urd' verreisen," meinte sie bann geheimnisvoll. Herr hn -nB ^g’ in Holland gewesen und haben Sie
öa "ich.t em paar Freundens, die helfen könnten?" -rolTÄ tvurde nachdenklich; dann schüttelte er den Kopf fS ®etb® t9CC (affen mi* nicht reifen, und ich habe auch
verwitterte Züge.
„Line Langbeen," murmelte „Das ist lange her!"


