123 —
Privathüuser unter besonderen Umständen Dem Besitzer zurück- gegeben werden könnten.
Mn solcher Ausnahmefall lag hier vor. Denn durch seine Merke: „Michelangelo", Tintoretto", „Franz von Assisi", „Cor- regis" und „Mantegna" hatte sich Henry Thode so um Italien verdient gemacht, daß der König ihm bei seiner Ankunst in Gardone den Orden „Grande Afficiale dell' Orbine di St. Maurizio e Lazarro" verliehen hatte.
Als die Billa mit Beschlag belegt wurde, lieh Prof. Thoöe Haushälterin und Gärtner zurückbleiben, um Park und Villa zu bewachen, während er und seine Frau, die dänische Hofdiolinistin Hertha Thoöe sich ins Ausland begaben. Henry Thoöe starb 1920, und seine junge Mitwe ließ sich in Dänemark bei ihren Eltern nieder.
Mitten in ihrer tiefen Trauer bekommt sie Bescheid, daß d'Annunzio mir nichts, dir nichts in die Villa Eargnacco eingerückt ist und dort haust! Sie kann es nicht glauben. Aber- Freunde von der italienischen Gesandtschaft bestätigen das Gerücht. Es ist wahr. Sogleich eilt sie nach Gardone. Ja, cs ist wahr! Der Herr, der Dichter, der Fürst ist gekommen! Mit Gefolge, mit Legionären, mit acht Automobilen.
Er ist gekommen! Der schöne Gardasee hat es ihm angetan. Hier zu sein, konnte ihm behagen. Aber wo? Henry Thodes Bilka steht leer. Also! Das treue Dienerpaar, das sich als Wächter in der Billa arcf^ült, verweigert dem Dichter den Zutritt mit den Worten: „Die Dilla ist von der Regierung versiegelt; niemand darf hineinkommen!" Worauf der Dichter prompt antwortet: „Für einen d'Annunzio gibt es wohl kein Siegel!" Er bricht das Siegel und dringt in das Haus ein.
Die Billa ist wunderbar schön eingerichtet. An den Wänden hängen ungeheure Kunftschätze, ein echter Rembrandt, eine ganze Sammlung Bilder von Thoma; die Möbel find mit ausgesuchtem Geschmacks gesammelt und aufgestellt. Der Park ist ein Traum an Schönheit. So etwas versteht der Dichter zu schätzen; er sagt: „Hier bleibe ich!" und ... er blieb. Eine vorzügliche Art, ein Heim zu bekoinmen in dieser Zeit der Wohnungsnot.
Hätte nun die Einrichtung ihm behagt, nicht aber die Billa, so hätte er wahrscheinlich Bilder, Bücher und Möbel auf die acht Automobile verladen, aber nun paßte es so ausgezeichnet, daß ihm alles behagte.
Die arme junge Witwe, die während des Krieges ihr ganzes Vermögen verloren hatte, sucht d'Anmmzio auf. Aber einen d'Än- nunzio kann man nicht aufsuchen, selbst dann nicht, wenn dieser Herr sich in einem fremden Hause zurechtgesetzt hat. Sein Kammerdiener, Herr von Dante, ist sehr streng. Rur auf ein schriftliches Ersuchen an den Sekretär wird man empfangen. Frau Thoöe bewaffnet sich mit einem Einführungsschreiben von einem seiner Freunde, und siehe, der edle Dichter schreibt ihr:
„Ich danke Ihnen, daß Sie mir Grütze von einem sehr lieben Freunde gebracht haben und ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir durch Ihren gnädigen Besuch erweisen wollen. Es ist mir sehr peinlich, daran zu deicken, daß ich Sie in dem Hause empfangen soll, das das Ihrige ist, und ich verstehe Ihren Kummer, und ich wünsche Verzeihung. Aber Ihr Heim wird mit größter Sorgfalt bewahrt, und die Rosen im Garten sind geheiligt in der Erinnerung an den, der da gewohnt hat.
Erweisen Sie mir die Ehre, morgen am 1. Mai um 5 Ahr nach Eargnacco zu kommen, oder geben Sie mir den Tag und die Stunde an, die zu wählen Ihnen gefallen möge. Bielen Dank. Gabriele d'Annunzio. 30. April 1921."
Er schickt eines der acht Automobile und läßt Frau Hertha abholen. Sie fährt hin, hoffend und bebend. Der Dichter empfängt sie besonders herzlich, und versichert: „Ihr Haus ist bei mir in guten Händen. Denken Sie bloß, wenn es jemand wäre, der es nicht zu würdigen verstände." Und kurz darauf: „Was wünschen Sie von mir?" Frau Thoöe antwortet offen: „Wenn Sie selbst fragen, möchte ich gern wissen, wie lange Sie gedenken, sich in meinem Heim aufzuhalten." Worauf der Dichter antwortete: „Ja, mein Leben nötigt mich zu großen Aufgaben... Ich weiß nicht bestimmt, wahrscheinlich so etwa sechs Wochen!"
Sie erzählt schüchtern, daß die Billa Eargnacco alles ist, was sie besitzt, und daß sie ausschließlich aus diese angewiesen ist.
D'Annunzio sagt: „Ihr Mann ist ein ganz ungewöhnlicher Mensch gewesen. Ich kann das aus seinen Aufzeichnungen sehen, die mir zu großem Ruhen gewesen sind."
(Wie er zu diesen Aufzeichnungen gekommen ist, versteht man erst, wenn man weiß, daß er kurz nach, dem Einrücken den Schmied hat holen lassen, und Henry Thodes Schreibtisch mit Gewalt aufgebrochcn und dessen Inhalt durchwühlt hat. Aber davon wußte Frau Thoöe noch nichts.)
Raiv vertrauensvoll bittet sie ihn: „Motten Sie nicht so gütig sein, in Rom Ihren Einfluß geltend zu machen, daß ich mein Heim zurückbekommen kann?" Er verspricht das. Frau Thoöe lebt nun in einem Zimmer in einer Pension in dem Dorfe, darauf wartend, Latz d'Annunzio zu seinen großen Ausgaben ausziehen werde. Es geschieht nichts. Dagegen erfährt sie, daß der ritterliche Herr alles tut, was er kann, um die Villa behalten zu dürfen; daß er heimlich einen Agenten nach Rom geschickt hat, um zu erwirken, daß die Regierung ihm die Billa schenkt.
Frau Hertha ist bestürzt, reist aber augenblicklich nach Rom ab, wo auch sie gute Verbindungen hat. Wenn alles andere- mißlingt, bleibt doch die Möglichkeit übrig, daß sie ihre eigene Villa von der Regierung kaufen kann. Durch künstliche Machinationen ist diese so niedrig geschätzt, daß jeder Preis ein Geschenk ist.
In Rom sieht es aus, als ob sie Hoffnung hätte, die Villa wiederzubekommen. Der Handelsminister ist ihr freundlich gesinnt. Aber da--— geschieht eine sonderbare kleine Palast
revolution, durch die der Handelsminister gestürzt wird und d'Amumzios Freund Belotti Handelsminister wird. Fünf Tage darauf bekommt d'Annunzio die Villa. Gekauft oder verehrt.
Der Dichter sendet ein Danktelegramm: „Jetzt will ich den Gardasee italienisieren. Die Barbaren, die ihn früher beherrscht haben, sollen vertrieben werden!"
Änd er verkündet: „Jetzt ist die Villa mein!“ Die Haushälterin jammert: „Meine arme Herrin)" D'Annunzio ist großmütig. „Frau Thoöe soll von mir all die Gegenstände bekommen, die sie wünscht, und was mehr ist, ich will die Regierung bewegen, ihr einen Schadenersatz airzubieten!" Frau Thöde sucht d'Annunzio auf zusammen mit ihrem Rechtsanwalt. — Sie wird nicht empfangen. Herr von Dante erktärt: „Wir haben uns heute auch schon vor einem General verleugnen lassen. Aber wenn die gnädige Frau allein käme... so... — — —"
(Schluß folgt.)
Buhmannsch.
Don Charlotte Riefe.
Der Winter ging allmählich vorüber. Weihnachten war gekommen und gegangen, und im Armenhaus war auch Bescherung gewesen. Alke hatten etwas erhalten: Kinder und große Leute, nur nach Buhmannsch und ihrer Hütte war der Weihnachtsengel nicht geflogen. An diesem Abend ah die Mir ihre gebratenen Kartoffeln wie fönst, und Paul knabberte nil einem Zuckerherz. Aber das harte Gesicht der Akten war doch nicht mehr so hart, wie es schon gewesen war, und das kam vielleicht von dem kleinen Jungen, der um sie herumspielte. Es war ein zartes Kind: einmal war der -Doktor dagewesen und hatte einen Schein ausgeschrieben, daß Paul noch nicht in die Schule gehen dürfe, und Buhmannsch war sehr zufrieden. „Bleibst bei mich, mein Jung'", sagte sie nachher. „In Schule is es nich gut, da lernst bloß was Slechtes. Und das lernst früh genug ins Leben."
And Paul nickte so ernsthaft, als müßte er ihr recht geben:
Es kam der Februar. Die Tage wurden länger, und mänH- mal schien die Sonne ganz hell. Besonders an Frosttagen, die das Ufer der Elbe glitzern machten und dem Wasser einen Harten blauen Schein gaben. Buhmannsch war in dieser Zeit gut aufgelegt. Sie hatte wieder begonnen, ein wenig zu wahrsagen und ein wenig zu doktorn; alles mit Vorsicht und nur auf inbrünstiges Verlangen. Aber sie verdiente nicht schlecht dabei, und Paul erhielt einen neuen Anzug.
Eines Abends spät kehrte sie von einem Dorf zurück, wo sie einer kranken Kuh geholfen hatte, als sie am Strände, eben vor ihrer Hütte, einen alten Mann sah, der sehr langsam ging. Oft blieb er stehen und blickte dann auf die Elbe, die heute ein graues kaltes Licht zeigte. Einige Fischerewer glitten mit aus- gespannten Segeln der Rordsee zu, zwei Schlepper prusteten durch loses Eis und verursachten ein klirrendes Geräusch, und dazu wurde irgendwo in der Ferne die Harmonika gespielt: Aber Buhmannsch' bekümmerte sich nicht um dach was auf der Elbe geschah. Sie behielt den alten Mann im Auge, der sich nicht umsah und schwerfällig durch den Sand stapfte oder die Hand über die Augen legte und dabei vor sich hinzubrüten schien. Hinter der Kate schoben sich einige Weiden an die Düne. Sie hatten künunerliche Zweige, aber knorrige Stämme. Hierher wanderte der alte Mann, zog etwas Blinkendes aus der Tasche und sah sich scheu um, Da stand Buhmannsch schon neben ihm.
„Ra endlich besuchen Sie mir auch mal, Herr Hilscher!" sagte sie vorwurfsvoll. „Mich beuch, Sie hätten woll ein büschen eher kourmen können, von wegen die Freundschaft und von wegen, weil Sie doch auch mit diesen Platz bekannt fein sollten:. Denken Sie noch an Anno öunnemals, wo wir hier saßen und die Leute einbildeten, daß hier Gespensters waren? Ich hab' mich das nich ausgedach, weil ich sor solche Geschichtens viel zo Lumm war, abers Sie hatten so feine Büchers gelesen: wo fowas drin stand, unß dazumal haben die MenschNis all geglaubt, hier liefen die Geislers man so spazieren. And wo wir man bloß einen hatten, La sind nu ein Stricker vier aus geworden, und wenn ich tot bleib, ramenter ich vielleicht auch aufs Dach rum, und lieg' doch ganzen geruhig in mein' Grab. Denn ich glaub' nich, daß uns' Herrgott mich nich die Ruh gonnen sollr, wo er mich hier doch ziemlich rumaeschickt hat. Zwolfmal bin ich ins Kaschvtt gewesen, und ich denk', ich komm' bald wieder Mak rein weil der Betvater vons Armenhaus mir aufn Strich hat und auch der Pollerzei. Alles von wegen, weil ich nicht so dumm bin wie die mehrsten Menschen. And wenn vre ein büschen bei mich eintveken möchten, Herr Hitfcher, so wurd mich Las eine Ehre sein, und wir können ja nioch ein büschen


